Das Ende der Tiger

Wenn man einen Tiger aus der Nähe betrachtet, spürt man seine wuchtige, fast dämonische  Präsenz, seinen ungeheuren Willen und die Lebenskraft in seinen entschlossenen Augen.

Sein Wille und der geschmeidig, kräftige Körper bilden eine untrennbare Einheit und kein Gedanke, keine Vernunft stellt sich zwischen Agens und dessen Motive. 

Nun stelle man sich vor, dem Tiger wüchse binnen kürzester Zeit ein riesiges Gehirn, so dass er nicht mehr ausschließlich in der Gegenwart lebte, die Zeit abstrahierte, schließlich auch ein Bewusstsein für Zukunft und Vergangenheit entwickelte und damit begönne, seine Umwelt zu analysieren und durch Sprache zu "bannen". 

Gleichzeitig würde er dann auch eines "Ichs" gewahr und sich fragen, was er überhaupt sei, woher er komme und ob das, was er mache, überhaupt richtig sei.

Zudem würde er beginnen, sich um seine Zukunft zu sorgen, Vorräte anzulegen und sich vor dem Tod und zu erwartenden Schmerzen und Problemen zu fürchten, was ihm wiederum die Gegenwart versauen und früher oder später zu einer Art "Tigerkultur" und Zivilisation führen würde, die ihm als Krücke seiner inzwischen verkümmerten und unterdrückten Instinkte diente und aus dem Spannungsfeld zwischen Depression und Verzweiflung einerseits und orgiastischen Bacchanalen andererseits erwüchse.

Nach unzähligen und opferreichen Kriegen um die Vorherrschaft unterschiedlicher Tiger-ismen und einer New-Tiger-Order ergäbe sich dann ein Papiertiger-Sozialismus, der auch noch die letzten jagdwilligen Tiger beseitigte und den Verzehr von Fleisch als politisch inkorrekt verböte.

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Ganz am Ende dieser Entwicklung stünde dann der sowohl seiner Instinkte als auch der Krücken seiner Kultur entledigte, zahnlose Schatten seines einstigen Selbst:

Der links-grün versiffte "Gut-Tiger"