Im fernen Kasachstan

Von Eric Margolis

Almaty, Kasachstan – „Wir brauchen einen neuen Namen,” sagte ein hoher Regierungsvertreter in Kasachstan zu mir. „Die Leute verwechseln uns ständig mit all den anderen verrückten ‚stans.’ Wir sind nicht wie die.“

Ganz richtig. Im Vergleich zu den benachbarten Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und Kirgistan ist Kasachstan eine Insel der Beschaulichkeit und der ruhigen Entwicklung.

Mit rund 2,7 Millionen km² ist Kasachstan das neuntgrößte Land der Erde, hat aber nur eine bescheidene Bevölkerung von rund 18 Millionen Menschen, die sich verteilen vom Kaspischen Meer im Westen (von wo Russland gerade die Raketen nach Syrien abgefeuert hat) bis zur Grenze mit China im Osten. Nördlich davon liegt Sibirien und nach dem Süden Indien und Pakistan. Schneebedeckte Berge grenzen an die alte Hauptstadt Almaty, in den Zeiten der Sowjetunion bekannt als Alma-ata.

Anders als ihre Nachbarn hatten die Kasachen das Glück, eine gute Regierung zu besitzen. Der ehemalige hohe Funktionär der kommunistischen Partei Nursultan Nazarbayev wurde 1991 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Anführer Kasachstans und führt seit damals das Land.

Interessanterweise erinnere ich mich aus der Zeit, als ich 1990-91 über Moskau berichtete, dass der weithin bewunderte Nazarbayev als bester politischer Führer aller Sowjetrepubliken bezeichnet wurde und erwartet wurde, dass er seinem Freund Michail Gorbatschow nachfolgen würde. Die Union brach jedoch zusammen, ehe Nazarbayev die Macht übernehmen konnte. Stattdessen hielt er an der UdSSR so lange wie möglich fest, um dann die letzte Republik zu führen, die sich davon löste und unabhängig wurde.

Seit damals führt der schlaue Nazarbayev, bekannt als „der Führer,” sein Land mit einer starken Hand und klugem Kopf. Er unterhält gute Beziehungen zu Moskau und Washington und sogar zu seinen ungebärdigen Nachbarn. Das Geld aus den bescheidenen Erdölreserven des Landes ging in die Entwicklung der Infrastruktur, Bildungswesen, Modernisierung und in die glitzernde neu errichtete Hauptstadt Astana.

Der Führer gewinnt routinemäßig theatralische Wahlen mit mehr als 95%. Im Gegensatz zu den Herrschern in seiner Nachbarschaft ist er als eine Art nationaler Vaterfigur sehr populär unter den Kasaschen. Gleich populär ist er bei den ethnischen Russen des Landes, die 20% der Bevölkerung ausmachen.

Russisch bleibt die Lingua franca im Geschäftsleben. Die Kasachen sind froh, beide Sprachen zu sprechen. Ich sah keine Hinweise auf sprachliche oder religiöse Spannungen. Die Grenze zu Russland existiert kaum, da beide Länder sich viel näher stehen als etwa die Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada.

Wie so viele andere starke Herrscher hat der 75 Jahre alte Nazarbayev jedoch nicht zugelassen, dass um ihn herum eine neue Generation von Führern heranwächst. Der junge Premierminister Karim Massimov ist fähig und populär, ihm fehlen aber die tiefreichenden Wurzeln in der Stammesgesellschaft des Landes oder in der urbanen Elite. Da Kasachstan große ausländische Investitionen anstrebt, bleibt die störende Frage: „Was wird passieren, nachdem Nazarbayev von der Bühne abtritt?“ Niemand weiß es. Das macht ausländische Investoren sehr nervös.

Die Kasachen können sich im Süden Turkmenistan anschauen, lang beherrscht vom kürzlich verstorbenen Sapurmurat Niyazov, einem meiner liebsten bekloppten Diktatoren, der Goldstatuen von sich im ganzen Land errichten ließ und sich zum Halbgott erklärte. Dann das kriegszerrissene Afghanistan. Dann das furchterregende von den Vereinigten Staaten von Amerika unterstützte Usbekistan, wo politische Gegner zu Tode gekocht werden. Dann das kleine Kirgistan, das zwei Jahrzehnte lang von Bürgerkrieg befallen war. Und dann noch das iranisch sprechende Tadschikistan, der Hauptkorridor für Opium und Heroin in den Norden.

Die Vereinigten Staaten von Amerika, Indien, China und Russland – sie alle konkurrieren um Einfluss in dieser ungeheuer weiten zentralasiatischen Region, durch die einst die sagenhafte Seidenstraße von China zum Schwarzen Meer verlief.

Es ist schwer zu glauben, dass aus diesen endlosen Kilometern Leere das kam, was an den Atomkrieg am nähesten heranreicht: Dschingis Khan und die großen mongolischen Invasionen im 13. Jahrhundert, die sich von der Großen Mauer Chinas bis nach Deutschland und Gaza erstreckten.

Zwei Stämme der kasachischen Steppe, die Kumanen und Kiptschaken, verbanden und begleiteten die mongolische Horde, die Europa und die muslimische Welt in Schrecken versetzte und verwüstete. Heute weist nichts mehr hin auf die Nomaden, die den Weltkreis in Angst und Schrecken versetzten. Die heutigen Kasachen sind ausnahmslos liebenswürdig, freundlich und oft charmant, wie ich nach ein paar Tagen in einer Jurte in einem Nomadencamp herausfand. Aber sie haben noch immer einen harten Kern, der sie zu einem respekteinflößenden Volk macht.