Vestibulum sociis reversus est

Wie wir diese Woche lernen durften, bieten sich Gedichte geradezu an, eine diffizile Sachlage rüber zu bringen. Für das was ich heute Morgen lesen durfte fiel mir dann auch sofort Aesop ein:

De vulpe et uva
Fame coacta vulpes alta in vinea
Uvam appetebat summis saliens viribus;
Quam tangere ut non potuit, discedens ait:
„Nondum matura est; nolo acerbam sumere.“
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
adscribere hoc debebunt exemplum sibi.

Nein, es ist kein Schmähgedicht und Ziegen oder Schafe tauchen auch nicht auf, nur ein Fuchs. Normalerweise kennzeichnet diese Spezies der Ruf einer besonderen Schläue. Ob das in diesem Falle behauptet werden kann? Für den Nicht-Lateiner hier die Übersetzung: „Der Fuchs biss die Zähne zusammen, rümpfte die Nase und meinte hochmütig: „Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben.“ Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.“

So ungefähr muß sich ein gewisser Wolfgang N. gefühlt haben, der Zuständige für Sonderaufgaben im Außendienst der Bertelsmann-Stiftung – offiziell unter NTV.de bekannt. Es gab Neues aus dem NATO-Vatikan zu berichten, eine neue Enzyklika war wohl eingetroffen. Wie bei solcherlei Traktaten – der Verlautbarungsform des kirchlichen Lehramtes des Transatlantischen Herrschaftsglaubens wie auch der römisch-katholischen Kirche – üblich, hat die erste Zeile eine wichtige, vorbereitend erhellende Aufgabe. Hier also: Vestibulum sociis reversus est! Was eben der Translator aus „Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück“ gemacht hat.

Während weiterhin von der Atlantikbrücke und auch von ihr anlandenden oder anderen transatlantischen Brückenköpfen zu vernehmen ist, als stünde der finale Kreuzzug gen Osten kurz bevor – unter Anderem zur Rettung des heiligen Bodens der Krim und der irgendwie verlorenen gegangen Ehre und des Nachtschlafs der Polen und Balten, dass es an der Zeit sei dem unwirschen Bären- und Tigerficker an den Zwickel zu gehen, gibt es jetzt also neue, noch geheime Sprachregelungen, besser gesagt: Überlegungen, wie ihm vielleicht anderweitig beizukommen möglich wäre. Das letztendliche Ziel, das ist selbstredend das gleiche geblieben. Es müssen die transatlantischen Denkpanzer, die Denkfabriken rund um die Uhr die letzten Tage und Wochen – spätestens seit Palmyra und vor Aleppos Fall – gehirnt haben, so wie einst Professor Balthasar beim Sandmännchen immer sinnierte und sinnierte und sinnierte. Und jetzt ist er da, der geballten Weisheit vorläufig letzter Ratschluss. Vorläufig mal nur bei LIZ und ihrem Bertelsmann-Sprachrohr NTV. Zu Test-, zu Studienzwecken?

Nach einem Foto des satt und fies wohlbekannten Grinsenden hinter dem Zarenlogo am Kreml-Pult und der Unterschrift: „Harte Machtpolitik: Wladimir Putin“ dann die Offenbarung. Im besten Guttenberg’schen cut&paste hier die Highlights:

„Eine Großmacht meldet sich zurück
Ohne Putins Russland geht nichts
Die unruhige Weltlage zwingt den Westen zur Kooperation mit Russland. So erfährt das Riesenreich eine politische Aufwertung. Präsident Putin nutzt die Gunst der Stunde und will sein Land zu alter Stärke zurückführen.“
Rührend die Zeilen danach, der fast weinende Boris Jelzin, der sich gemobbt fühlt im Kreise seiner damals neuen – und doch immer noch wenig freundlichen – Kumpane und der ihn offen mit Streicheleinheiten versorgende Helmut K. auf Nina-Ruge-Trip: Alles wird gut! Der knitze Kohl soll dabei sogar die Gelegenheit genutzt und dabei auch noch komplett russische Besorgnisse ausgeräumt haben. Nein, eine Osterweiterung wird es nicht geben. Was hat der Einheitskanzler da nur daher geredet? Nun gut, man sagt viel, wenn man etwas erreichen will! Muss das dumme Geschwätz von Vorgestern jetzt hier zitiert werden? Wo es doch gerade so gut zum Thema passt, schon!

Bald geht es weiter mit neuen Erkenntnissen:

„…Der ehemalige Geheimdienstler ist aus anderem Holz geschnitzt als sein mittlerweile verstorbener ehemaliger Chef.“

„..Aber die Zeiten haben sich auch geändert. Russland, das sich nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 unsicher präsentierte, unter zum Teil blutigen Nationalitätenkonflikten litt und seine neue Rolle in der Weltpolitik suchte, gibt sich heute wiedererstarkt.“

Na also, geht doch! Und weiter geht es mit den Schwänken vom Schulhof, sogar das offene Mobben mit dem Regionalmachtstatus wird als gar nicht förderlich erwähnt, auch wenn es vom vermeintlichen „Großen Bruder“ kam.
Dann das offene Eingeständnis – inkl. Belegen – dass es sich bei Russland doch um etwas Anderes handeln könnte, um eine Weltmacht nämlich und rein zufällig auch noch eine der wenigen großen Nuklearmächte. Verdammt saure Trauben, gelle! Klar, ganz so schnell kann die bisherige Injurienkette ja auch nicht beiseite gelegt werden. Da schummelt sich schon mal die ein oder andere herkömmliche Formulierung durch. „…sorgt für politisch schrille Töne in Moskau…“ wegen offensichtlichen Lappalien Ukraine oder Georgien ante portas EU und NATO.

„Die Haltung der Moskauer Führung ist mit der eines Raubtieres vergleichbar. Fühlt dieses sich bedroht, reagiert es mit zunehmender Aggressivität.“ Ach was? Unfasslich gar wie es weiter geht! „Der Westen, …ist daran nicht schuldlos. Die ökonomische Schwäche Russlands verleitete ihn dazu, das flächengrößte Land der Erde nicht mit dem ihm gebührenden Respekt zu behandeln.“ Donnerwetter, Selbsterkenntnis soll ja der erste Weg zur Besserung sein, warum nur kommen da so ein paar Zweifel auf?

Egal, immerhin scheint diese Respektlosigkeit das erboste Raubtier – ein tobender Bär vielleicht – zu nicht zu erwartender Vernunft und klarem Denken verholfen zu haben, auch wenn das der Wertegemeinschaft im Westen alles andere als schmecken konnte. Das tut natürlich verdammt weh: „So schreitet Putin zur Tat und arbeitet erfolgreich an Russlands Rückkehr als Global Player.“ Und weiter : „Aber die Kriege in Syrien und im Irak, die die Terrorhorden des Islamischen Staates hervorbringen, zwingen Obama und Putin, ihre gegenseitigen Antipathien hintanzustellen.“ Das ist jetzt aber vielleicht lustig! Antipathien scheint auch der normalerweise im Kampfdress des Oberfalken auftretenden NATO-Sekretär jetzt erst einmal etwas zurückgestellt zu haben, Zitat: „Wir leben in einer risikoreichen Welt und wenn es Möglichkeiten gibt, durch Austausch von Informationen Risiken zu vermindern, dann sollten wir diese Möglichkeiten nutzen.“ Wenn das kein Beleg ist für einen kurzfristig und temporär erforderlich gewordenen Strategiewechsel. Haben des Generals Sprechblasen sich bis neulich doch ganz anders angehört.

Zum guten Schluss dann dies „In dieser multipolaren Welt mit ihren zahlreichen Konflikten spielt die Russische Föderation wieder eine wichtige Rolle. Ohne das Mitwirken der UN-Veto-Macht gibt es keine politische Lösung bei wichtigen Konfliktherden wie im Nahen Osten oder auf der Koreanischen Halbinsel.“ Sind die aber sauer, die Trauben. Da hätte es besser angestanden, sich nicht zu outen! Nun, wenn der Satz hinterher „Putin weiß das und richtet seine Politik gnadenlos danach aus“ hilft, sich selbst etwas zu beruhigen, sei es ihm gegönnt, dem Premiumsjournalisten zur besonderen Verwendung. Der Eigenschaft als “Stille Post” ist es bestimmt nicht förderlich. Was sollte das Machwerk nur sonst bewirken? Zu welchem Behufe, Cui bono und was weiß ich sonst noch? Für das propagandasedierte dumme Volk war es doch bestimmt nicht angedacht.

Für die, die das alles nicht glauben können, hier der Link!

http://www.n-tv.de/politik/Ohne-Putins-Russland-geht-nichts-article17463816.html

Ob Liz ihren Freundinnen Angela und Friede einen Vorabdruck zur Verfügung gestellt hat? Vielleicht kann auch Thilo Jung an bekannter Stätte mal nachfragen, ob die neuen Erkenntnisse angekommen sind und wie sie so beurteilt werden.