PecuniaOlet

Vom gelegentlichen Nutzen "militärischen Ungehorsams"

Als ich meine 15-monatige Wehrpflicht absolvierte, wurde ich zur Grundausbildung einer Ausbildungskompanie der Gebirgsjäger in Füssen zugeteilt. Der Zugführer war ein Hauptfeldwebel von etwa Mitte vierzig, der ständig für Bankkaufleute schwärmte (wir wurden für den Stabsdienst ausgebildet), weil die angeblich so zuverlässig und diszipliniert wären. Wecken war täglich um 5.30 Uhr und während der Nacht wurden wir in den ersten Wochen meist mehrmals aus dem Schlaf gerissen, weil wir uns ständig umziehen mussten. Kleiner Dienstanzug, Großer Dienstanzug, Kampfanzug etc....Das Umziehen musste ruck-zuck gehen, man durfte aber die Klamotten nicht einfach in den Spind zurücklegen, sondern war jedesmal gezwungen, die Hemden auf den Millimeter genau zu falten, obwohl man sie Minuten später bereits wieder unter Gebrüll und Anweisung der ausbildenden Uffze wieder anziehen musste. Der Schlafentzug ging an die Nerven, und viele kippten während des theoretischen Unterrichts (Waffenkunde,Politik etc.) tagsüber schlafend vom Stuhl, was jedesmal ein schallendes Gelächter verursachte.

Mit dem Zugführer hatte ich so meine Probleme, weil der meines Erachtens nicht alle Latten am Zaun hatte. An seiner Zimmertüre hing ein Bild eines Unteroffiziers aus  aus dem Ersten Weltkrieg, der offenbar sein Vorbild war, denn er hatte sich exakt denselben ungewöhnlichen Bart stehen lassen. Außerdem soff er, und das nicht zu knapp. Es ging das Gerücht, dass ihm, als er mit dem Rad zum Dienst fuhr, Monate zuvor Wehrpflichtige abgepasst, einen Kartoffelsack übergestülpt und dann verprügelt hätten. Beim ersten Orientierungsmarsch ließ er uns mit den neuen Stiefeln gleich zu Beginn durch einen Fluss laufen, angeblich, damit die neuen Stiefel besser "angepasst" würden. Die Blasen nach dem Marsch waren phänomenal, und einige konnten sich am folgenden Tag kaum auf den Beinen halten. Er nannte uns alle stets "fußkranke Scheißhausgewächse", und es sei müßig, sich überhaupt mit uns zu beschäftigen. Das hatte alles noch einen gewissen militärischen "Charme" und wurde insgesamt mit Humor betrachtet. Wegen des ständigen Herummäkelns an meinen zu langen Haaren, rasierte ich mir schließlich eine Glatze, und durfte dann nur noch in Zivil die Kaserne verlassen, weil ich als Kahlkopf angeblich einen zu "rechtsradikalen" Eindruck machte. Da ich die Kaserne ohnehin nur in Zivilklamotten verließ, störte das nicht.

Mein "Ungehorsam" kam erst später: Wir mussten in ABC-Ausrüstung mehrere Kilometer relativ schnell laufen, es war verdammt heiß unter dem Gummi-Poncho, und die Gasmaske erschwerte das Atmen extrem. Immer, wenn ich mich unbeobachtet fühlte, hob ich ein wenig die Gasmaske an (wie alle anderen auch), um das Atmen vorübergehend zu erleichtern. Er schien jedoch aus irgendeinem Grund nur mich zu beobachten, und jedesmal, wenn er es bemerkte, musste ich stehenbleiben und zwanzig Liegestütz machen.

Am folgenden Tag hatten wir Formalausbildung im unbequemen "Großen Dienstanzug" mit Helm und G3. Den Riemen des Gewehrs musste man immer an derselben Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger umklammert halten, was nach geraumer Zeit dazu führte, dass einem der rechte Arm einschlief. Daher schüttelte ich in vermeintlich unbeobachteten Momenten den Arm heimlich aus,um das Blut wieder zirkulieren zu lassen. (wie die anderen auch). Der Zugführer schien dies jedoch wieder ausschließlich bei mir zu bemerken, und ließ mich einzeln exerzieren, Rennen - Fliegeralarm (auf den Boden werfen), 20 Liegstütze,wieder exerzieren, "Fliegeralarm", Liegstütze...und so fort. Das Ganze ging ca. eine halbe Stunde, bis ich fix und fertig war. Nach jedem Befehl hatte ich mit "Jawoll, Herr Hauptfeldwebel" zu antworten, mein anfänglicher Gleichmut wich zusehends einem wachsenden Zorn, und das "Jawoll, Herr Hauptfeldwebel" ging mir immer unwilliger über die Lippen. Als er dies zum x-ten Male bemängelte und brüllte: "Wie, ich habe nichts gehört? Das heißt: Jawoll, Herr Hauptfeldwebel, wiederholen Sie!", trat ich wutentbrannt auf ihn zu, stellte mich vor ihn, bis sich die Nasenspitzen fast berührten, und brüllte ihm aus Leibeskräften und so laut ich konnte ins Gesicht: "Ja-woll, Herr Haupt-feld- webel, und jetzt lecken Sie mich a. A. Haben Sie das verstanden?" Dann war Schweigen auf dem Kasernhof, und andere Gruppen und Offiziere, die sich auf dem Hof befanden, blickten etwas irritiert zu unserer Gruppe hinüber.

Er antwortete: "Sie melden sich sich morgen um 6:30 Uhr bei mir! Abtreten!"

Ich war mir sicher, dass das disziplinarische Folgen haben würde, und glaubte mich schon im Bau oder zumindest für mehrere Wochenenden in der Kaserne.

Am folgenden Morgen sagt er: "Was war denn das gestern? Sie hätten ihre Augen sehen sollen. Ihre Augen!" Dann drückte er mir einen Zettel in die Hand, und ich las: Es war ein Marschbefehl zur Generaloberst-Beck-Kaserne, genannt "die Burg", in Sonthofen, eine ehemalige Elite-Schule der Nazis. Dort wurden bundesweit die Feldjäger ausgebildet, dort war die Sportkompanie der Bundeswehr, ein großes Hallenbad samt Sauna, und es fanden Offiziers- und Personenschutzlehrgänge und Veranstaltungen mit (auch ausländischen) Politikern und Beamten, u.a mit dem damaligen Generalbundesanwalt Rebmann, statt. In dieser Kaserne ging es vergleichsweise locker zu, es gab viele Zivilangestellte, und meine Aufgabe war die administrative Betreuung dort stattfindender Offizierslehrgänge. Während des Dienstes hatte ich Gelegenheit, zusammen mit dem damaligen Olympiateilnehmer und Bronzemedaillengewinner Manfred Nerlinger im Kraftraum zu trainieren, Selbstverteidigungskurse professioneller Personenschützer zu besuchen und jeden Freitag im Winter ging`s vor der Entlassung ins Wochenende zum Skifahren. An einen Teilnehmer eines Reserveoffiziers-Lehrgangs kann ich mich noch gut erinnern: Es war Ulrich Meyer, der später bei RTL den "heißen Stuhl" moderierte. Ich musste ihm sein Namensschild erneuern, und er fragte nach dem Weg zum Zahnarzt.

Mein "militärischer Ungehorsam" hatte mir jedenfalls nicht geschadet - im Gegenteil. Ich hätte mit den anderen, die (wie ich zunächst auch) für Garmisch-Partenkirchen vorgesehen waren zu keinem Zeitpunkt mehr tauschen wollen.