Warum scheiterte das Sowjetsystem? - Warum wird das westliche System scheitern?

Es lässt sich erst mal kurz und knapp sagen, dass im Prinzip nichts einfach besiegelt sein kann. Es gibt nichts, worauf wir keinen Einfluss nehmen könnten.

Die regierende sowjetische Elite war bis zum Gehtnichtmehr degeneriert.

Jetzt übrigens beginnen die Menschen auch im Westen zu begreifen, dass es die Demokratie, an die man sie zwingt, zu glauben, in der Realität gar nicht gibt und dass die Konsumgesellschaft nur das Leben auf Kredit darstellt.

SO IST ES! DER WESTEN IST HEUTE DEGENERIERT... eigentlich immer schon. BANKSTER's SYSTEM.

https://deutsch.rt.com/russland/41760-warum-scheiterte-sowjetsystem-dmitri-kulikow/

Ein Besucher macht ein Selfie vor Skulpturen von Leo Trotzki und Josef Stalin während einer Ausstellung in Moskau. Beide waren in der Führungsriege der Partei der Bolschewiki und Mitbegründer des Sowjetsystems.

Die ehemalige UdSSR – heute und vor 25 Jahren: Warum scheiterte das Sowjetsystem? Dmitri Kulikow über historische Fehler und deren Hintergründe aus der Binnenperspektive. Doch "besiegelt", so die Analyse des russischen Politologen, war der Untergang nicht.

Im Gespräch mit RT äußert sich Dmitri Kulikow, russischer Politologe und Mitglied des Sinowjew-Klubs, über die Ursachen des Scheiterns der Sowjetunion.

RT: Sie vertreten oft die Meinung, es sei unerheblich, ob Gorbatschow von den Putsch-Plänen wusste oder nicht. Können Sie das noch mal erläutern? Und in diesem Zusammenhang eine zweite Frage: War der Zerfall der Sowjetunion, so wie er stattfand, eine besiegelte Sache?

Kulikow: Es lässt sich erst mal kurz und knapp sagen, dass im Prinzip nichts einfach besiegelt sein kann. Es gibt nichts, worauf wir keinen Einfluss nehmen könnten. Denn wir leben nicht einfach auf einem Planeten mit seinen Ozeanen, Bergen, Bodenschätzen, Tieren und Bäumen. Wir leben in einer Gesellschaft, die durch unseren Denkprozess und unsere Tätigkeit gelenkt wird.

Wir leben in einer Welt, wo man sich Ziele setzt, und Pläne und Projekte ausarbeitet, um diese Ziele zu erreichen. Man handelt gemäß seiner Einstellung zum aktuellen Problem, mit Rücksicht auf gegebene Umstände. Deswegen: Wenn wir etwas ändern möchten, müssen wir entweder etwas an der Denkweise oder an der Handlungsweise oder an den Umständen ändern, unter denen die Entscheidung getroffen werden soll. Das ist immer machbar, wenn wir im Stande sind, dies zu berechnen. Das heißt aber auch: Nichts ist in der Geschichte besiegelt.

Es gibt natürlich Tendenzen, große historische Tendenzen, jedoch können wir auch darauf Einfluss nehmen, wenn wir sie erfassen können. Diese Tendenzen mögen unaufhaltsam werden, wenn wir sie nicht rechtzeitig aufgespürt haben. Da lässt sich ein unmittelbarer Zusammenhang erkennen. Wenn wir einer Gefahr ausgesetzt sind, die wir rechtzeitig erkannt haben, können wir der Gefahr ausweichen oder die Risiken mindern. Das ist dann eine rein technische Aufgabe, manchmal eine sehr schwierige, jedoch eine Aufgabe. Und man hat keine Chance, einer Gefahr zu entgehen, von der man keine Ahnung hat.

Deswegen erweist sich die Frage des historischen Wissens als eine Schlüsselfrage, wenn es um unseren Einfluss auf historische Ereignisse geht. Übrigens hat diesen Gedanken noch Karl Marx formuliert. Vielleicht drückte er das milder aus, als ich das jetzt tue, aber man darf nicht vergessen, dass ich 150 Jahre später lebe. Außerdem gab es auch nach seinem Tod intelligente Menschen, die diese Idee weiterentwickelten. Soviel zum Thema Unaufhaltsamkeit.

Mitglieder des Komitees für Ausnahmezustand, das am 19. August 1991 den Präsidenten der UdSSR Michail Gorbatschow für abgesetzt erklärten.

Jetzt zu der ersten Frage: Ereignisse und Phänomene. Es bleibt umstritten, ob Gorbatschow vom Staatskomitee für den Ausnahmezustand noch vor dem Putschversuch wusste und ob dieser aus seiner Initiative entstand. Oder hatte er davon keine Ahnung und wurde zum Opfer des Komitees. Ich glaube, das ist aus historischer Sicht irrelevant. Denn, wie dem auch sei, weist das einfach nur auf denselben Sachverhalt hin: Die regierende sowjetische Elite war bis zum Gehtnichtmehr degeneriert.

Sollte sich Gorbatschow an der Tätigkeit des Komitees beteiligt haben, das kurzerhand die Macht über das Land ergriff, hätte er dies auf eine jämmerliche Weise getan. Wenn er hingegen tatsächlich von den Putschplänen nichts wusste, wäre das wiederum erbärmlich. Es ist also völlig einerlei, was da genau passierte, auf jeden Fall zeigte die Situation an sich mangelnde Kompetenz der regierenden Kreise, die die Macht über ein riesengroßes Land in den Händen hatten. Das ist unverkennbar. Ob Gorbatschow ein Komplize oder ein Opfer des Staatskomitees war, macht keinen Unterschied – er würde in beiden Rollen ebenso erbärmlich wirken.

Darüber hinaus ergibt sich die viel eher ausschlaggebende Frage: Wie ist es nur dazu gekommen, dass solche Menschen wie Jelzin, Gorbatschow oder die Mitglieder des Staatskomitees für den Ausnahmezustand überhaupt an die Macht gelangt sind? Das erinnert mich an den Film von Nikita Michalkow "Der Sonnenstich" [Der Film handelt von Revolution, Bürgerkrieg und Rotem Terror auf der Krim 1920]. Der Held des Films stellt da die Frage: Wie ist es nur dazu gekommen? Wie war es möglich?

RT: Im Zusammenhang mit der Sowjetunion stellen auch wir uns diese Frage.

Kulikow: Nun müssen wir auf die Grundtendenzen der historischen Entwicklung zurückblicken. Erstens sollte man ganz genau den Sinn der Revolution von 1991 erfassen. Meiner Meinung nach war der Putsch eine bürgerliche Konterrevolution, die sich gegen das sozialistische Projekt richtete. Ich mag das Wort Gesetz im Zusammenhang mit den humanitär-soziologischen Wissenschaften nicht, jedoch kann man doch von einer Art Gesetz sprechen, wenn man von der weiteren Entwicklung Russlands spricht.

Wenn man eine intensive Zeitperiode aus der Geschichte wegstreichen will, muss man damit rechnen, dass man da landet, wo man vor dem Beginn dieser Zeitperiode war. Die Sowjetepoche war eine Zeit der intensiven Entwicklung. Nachdem man diese Phase aus der russischen Geschichte weggerissen hatte, versetzte man sich, so gesagt, wieder in den Februar 1917.

Aktion der Kommunistischer Partei Russlands zu Geburtstag des Oberbefehlshabers UdSSR J. Stalin in Nowosibirsk, 2015

Wie kehrten zu dem Wunschbild der russischen liberalen-demokratischen Intelligenz zurück, die in der Zeit des Russischen Kaiserreiches für konstitutionelle Monarchie, Verfassung und Parlamentarismus gekämpft hatte. Dabei sah die von ihnen erwünschte Staatsform vor, dass der Monarch am Ende doch die Macht über die Volksvertretung hat. Eigentlich erleben wir in Russland jetzt das, was unsere Vorfahren vor mehr als hundert Jahren anstrebten, als der Zar gestürzt wurde und was vergessen wurde, nachdem die Bolschewiki an die Macht gekommen waren.

Und nun ein paar Worte zu den Bolschewiken: Ich bin der Ansicht, dass Marxismus eine ausschlaggebende Rolle in der sowjetischen Zeit spielte. Russland griff die progressivste sozial-humanitäre Idee der damaligen Zeit auf, eine Idee der westlichen Welt, und setzte sie in die Praxis um. Insofern das möglich war, natürlich. Unter den damaligen Umständen, mit den Mitteln, die vorhanden waren.

Sowohl die Umstände als auch die vorhandenen Mittel prägten zweifellos die Entwicklung, deswegen soll man die ursprüngliche Idee und das Endresultat auseinanderhalten. Theorie und Praxis sind zweierlei. So zum Beispiel sollte der Staat als Institution verschwinden, wenn der Mensch die letzten Stufen der Entwicklung besteigt. Das behaupten Marxismus sowie liberale Bewegung. Der Staat als Gewaltapparat soll abgeschafft werden, denn er basiert auf dem Prinzip der Unterdrückung einer Klasse durch die andere.

Ich glaube, dass diese Vorstellung eine wichtige Rolle bei der Entwicklung Russlands spielte. Nachdem die Bolschewiki zur Macht gekommen waren, verzichteten sie auf die Vorstellung über den Staat, die Platon und später europäische Denker formuliert hatten. Sie sahen im Staat ein Herrschaftsinstrument, so wie es auch der Marxismus predigt. Nur die herrschende und die beherrschte Klasse tauschten Plätze und die Arbeiterklasse kam ans Ruder. So stand die Kommunistische Partei über dem Staat, der nicht mehr eine selbstständige Zelle der Zivilisation war, sondern vielmehr ein Herrschaftsinstrument. Das verursachte zahlreiche Probleme.

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Als der sechste Artikel der Verfassung abgeschafft wurde und am 24. August 1991 Gorbatschow seine Ämter niederlegte und die Auflösung der Partei ankündigte, brach die Konstruktion zusammen. Das ist wichtig für die Erfassung der Ereignisse.

Apropos: In dieser Zeit entstand zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein neuer Typ von Sozialstruktur – eine Übergesellschaft, wie es Sinowjew nannte. So eine Organisation ist im Stande, die Macht über den Menschen, über die Gesellschaft und über den Staat zu ergreifen. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion ist ein wahres Beispiel einer Übergesellschaft. Sie stützte sich auf ihr eigenes Reglement, jedoch blieb es der Partei überlassen, ob sie es befolgen soll oder nicht.

Es gab keine Verfassung, keine Gesetze, die die innere Tätigkeit der Partei hätte steuern können. Die Entwicklung des Denkens innerhalb der Verwaltung wurde nicht geregelt. Entscheidungen und Handlungen wurden alleine vom innerparteilichen Kampf beeinflusst.

Das alles scheint offensichtlich zu sein, jedoch möchte ich Sie auf Folgendes aufmerksam machen: Wenn man darauf blickt, was in den westlichen Staaten seit der Mitte des 20. Jahrhunderts vorgeht, dann sieht man, dass die USA viele Probleme gelöst haben, nachdem sie sich das sowjetische Beispiel angesehen hatten. Sie haben dann versucht, unsere Konzepte zu übernehmen, oder sogar zu verbessern. Zu solchen von den USA weiterentwickelten Konzepten gehört vor allem der Übergang zur Konsumgesellschaft als einer Gesellschaftsstruktur.

RT: Ist denn der Übergang zur Konsumgesellschaft eine Verbesserung?

Kulikow: Im sowjetischen Projekt hat man die Gleichheit durch Verteilung vorgesehen. Die Amerikaner glaubten, dass die Konsumgesellschaft der sowjetischen Gleichheit Konkurrenz macht. Übrigens das hat alle wichtigen Probleme verursacht: Wenn man mehr konsumiert, als verdient, kann man das nicht lange durchhalten. Das hat jetzt die westliche Gesellschaft im Endeffekt erreicht. Es hat sich herausgestellt, dass der westliche Konsum auf Kredit angetrieben wurde. Okay, man dachte, man sei stark genug, um die Kredite zurückzuzahlen oder aber nicht zurückzahlen zu müssen. Man wollte die anderen abzocken, soll aber trotzdem mit Verlusten rechnen, die sowieso anfallen werden und die man dann ausgleichen soll. Aber wir schweifen vom Thema ab.

Ein anderes Konzept, das die USA übernommen haben, ist das Prinzip, die Gesellschaft durch Ideologie zusammenzuhalten. Durch den weltlichen Glauben, praktisch gesagt. Stalin, als ehemaliger Seminarist und Marxist, hielt das Land zusammen, in dem er eine Art kommunistischen Glaubens schuf. Einen Glauben mit Dogmen. Auch der Marxismus wurde von Stalin verfälscht und zu einer Reihe von Dogmen vereinfacht. Aus einer wissenschaftlichen Lehre wurde er zu einem geschlossenen System von Dogmen, die keineswegs bestritten, besprochen oder bezweifelt werden durften. Solche Verwandlung macht eine wissenschaftliche Lehre zu ihrem Gegensatz.

Unter einer wissenschaftlichen Lehre verstehen wir ein Wissen, das nicht zur letzten Wahrheit erklärt wurde, das frei besprochen, bestritten und widerlegt werden kann. Erst dann gilt die Lehre als wissenschaftlich.

Unsere Kollegen im Westen machten genau dasselbe. Liberal-demokratischer, weltlicher Glaube unterscheidet sich mitnichten vom kommunistischen Glauben. Verstehen Sie, was ich meine? Man darf in Deutschland, zum Beispiel, oder in den USA die dortige real existierende Demokratie nicht hinterfragen. Das ist ein unbestrittenes Dogma.

RT: Dies scheint in der Tat so.

Kulikow: Was unterscheidet denn einen kommunistischen Glauben von einem demokratischen? Nichts außer Worten, einzelnen Worten, die die Funktion der Gesellschaftsstruktur definieren. Wir sind aber wieder weg vom Thema.
Und nun zum dritten problematischen Punkt. Der zweite war also dogmatisierte Ideologie als Mittel, um die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Wenn wir auf die ersten zwei Bedingungen zurückblicken, denkt man daran, dass man hätte vieles schaffen können, wenn das durch den Staat und den gesellschaftlichen Überbau gesteuert worden wäre. Doch in diesem Fall hätte man auch den gesellschaftlichen Überbau nach bestimmten Prinzipien gestalten müssen. Zum Beispiel hätten das Mechanismen sein können, die die Einhaltung eines Reglements der die Demokratie innerhalb der Partei als regierender Minderheit garantiert hätten, mit Recht auf Kritik und Debatten.

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Das ist aber mit Hinblick auf die ersten zwei Punkte unmöglich. Auch hier ist nur ein hohler Schein erhalten geblieben. Weder Kritik, noch Diskussionen… Man versuchte jedoch in den 1920er Jahren, etwas Ähnliches auf den Weg zu bringen. Und das endete mit der Frage, wer von den beiden Hauptprotagonisten – Stalin oder Trotzki – überlebt. Wortwörtlich!

Selbstverständlich überlebte den Kampf Stalin und alle, die seinem Kurs entgegenwirkten, wurden vernichtet. Das ist, übrigens, ein Lebensgesetz der Gesellschaft. Man muss auch verstehen, was eine Gesellschaft ist. Wir sagen immer "Urgemeinschaft", aber was verstehen wir darunter?

In einer Gesellschaft ohne Staat herrscht der Starke. Wer gewinnt, hat Recht. Bei diesem Sachverhalt verschwindet der Mensch als Persönlichkeit. Ohne Staat ist ein Mensch unvorstellbar. Der Staat ist das Einzige, was dem Menschen ermöglicht, seine Individualität zu behalten. In einer Gesellschaft ohne Staat werden alle gleich vor der regierenden Macht. Das behauptete auch Platon vor dem Hintergrund der urgemeinschaftlichen Ordnung. Er war überzeugt, dass erst der Staat dem Menschen ermöglicht, eine Persönlichkeit zu sein. Ohne Staat gibt es keinen Menschen.

So hatten wir im Endeffekt Folgendes: Die drei oben genannten Faktoren und ein vierter, der sich aus den ersten drei ergibt – nämlich, dass das sowjetische Projekt zukunftsorientiert war. Die letzte Fassung des Projekts wurde von Stalin erarbeitet. Nach seinem Tod brach die sowjetische gesellschaftliche Konstruktion zusammen und die regierende Macht war nicht mehr fähig, neue Pläne zu schmieden.

Beeinflusst von den oben genannten Faktoren war die Partei nicht imstande, sich weiterzuentwickeln. Was kann man überhaupt erarbeiten, wenn die Kritik verboten ist? Es können keine neuen Pläne erstellt werden, wenn der Staat keine Basis für die Macht, Gesellschaft und Menschen bildet. Wenn er abseits bleibt.

RT: Sie haben gesagt, dass nach Stalins Tod keine weiteren Projekte möglich waren. Bedeutet das, dass es doch Kritik unter Stalin gab?

Kulikow: Das sind verschiedene Sachen. Stalin war der Erfinder des letzten sowjetischen Projekts. Apropos verstieß seine Vorstellung von der sowjetischen Zukunft gegen die von ihm selbst aufgestellten marxistischen Dogmen. Stalin versuchte eigentlich, den Staat aufzubauen: Manche Historiker behaupten, dass er Ende der 1930er Versuche unternahm, die Macht der Partei in staatliche Institutionen, z.B. in die Sowjets, zu verlegen und damit die Rolle der Partei zu ändern. Doch hat er das nicht geschafft. Da war er überfordert. Da war auch seine Handlungsweise nicht genug, wenn sie auch eine brutale und kurzfristig effektive Handlungsweise war. Nicht einmal er konnte die Partei durch den Staat bezähmen.

Stalin und Chruschtschow auf dem Lenin-Mausoleum im Jahr 1951.

Deswegen existierte das sowjetische Projekt von Stalin nur, solange sein Erfinder am Leben war und scheiterte nach seinem Tod. Nun sehen wir, wie sich die Situation weiterentwickelte: Chruschtschow berief den 20. Parteitag ein und verurteilte den Personenkult. Ja, es gab Personenkult und Repressionen, stimmt, aber an sich ist das wenig relevant. Denn man hätte die Situation von Grund auf ändern müssen. Es ging nicht um den Kult, sondern um die beschränkte Meinungsfreiheit in den regierenden Kreisen.

Nun, wenn man von der Demokratie spricht, wie definiert man denn Demokratie? Das ist eine Staatsform, die einer Minderheit ermöglicht, über die Mehrheit zu herrschen. So war es aus der historisch-kulturellen Sicht gesehen. Es gab eine geringe Zahl an echten Bürgern, die Blut an der Front oder in der Legion für ihre Rechte vergossen. Dafür erwarben sie das Recht, über andere zu herrschen - über Sklaven, Frauen, Staatenlose usw.; Demokratie war nie die Macht des Volkes. Der Begriff "Volksmacht", der in der UdSSR gängig war, entstand nicht zufällig, aber auch, was diesen Begriff anbelangt, ist bei weitem noch nicht alles klar.

RT: Aber was ist dann mit Chruschtschow? Ihm haftet immer noch Image des Kämpfers gegen den Personenkult an.

Kulikow: Chruschtschow hätte mehr Demokratie in den regierenden Kreisen bewirken müssen, statt den Personenkult zu bekämpfen. Okay, er kämpfte gegen den Personenkult, verurteilte Repressionen und nahm dann seelenruhig den Platz von Stalin ein. Aber was unterscheidet denn Chruschtschows "Voluntarismus" von Stalins Personenkult? Nur die Anzahl der Buchstaben in den Wörtern. Die beiden Erscheinungen wiesen dieselben Funktionen auf. Hinterfragen, Zukunftspläne, Politik innerhalb der regierenden Klasse – alles verboten. Unsere Gesellschaft braucht keine Politik und Demokratie. Demokratie verblasst, wenn man sie verabsolutiert.

Stattdessen tauchen geheime Machenschaften auf, die dann die Massen manipulieren. Man soll mir nicht vorwerfen, ich sei ein Verschwörungstheoretiker. Ich meine damit keine Weltregierung, Freimaurer oder was immer… Ich spreche von einer Menschengruppe, die die Macht an sich reißt und sie dann mithilfe der Mechanismen einer gelenkten Demokratie ausübt, die sich als eine reine Manipulation erweist.

Schauspieler parodiert den Ersten Generalsekretär der KPdSU Leonid Brezhnew vor einem Hockey-Spiel.

Wenn wir jetzt auf den Westen blicken und dann von dort aus zurück auf Russland, denn wir integrierten uns seit 1990 ins westliche Konzept, dann wird es klar, dass wir uns diese Staatsform angeeignet haben. Jedoch kann sie dabei keineswegs allgemein bleiben. Allenfalls weist sie Züge einer Allgemeinheit auf, nichtsdestoweniger ist die Menschheit noch weit davon entfernt, zu begreifen, was es bedeutet, zusammen mit vereinten Kräften zu regieren, so dass man sich auch mit einer Verfälschung zufriedengibt.

Wir sind jetzt wahrscheinlich wieder weg vom Thema. Also zurück zu Chruschtschow: Er gab sich keine Mühe, sowas zu besprechen. Er wollte Stalins Platz einnehmen, also nahm er ihn ein und ersetzte den Personenkult mit Voluntarismus. Deswegen gab es keine Chance für ein neues Projekt zur weiteren Entwicklung. Wenn man das Existierende nicht hinterfragen darf, dann hat man keinen Ansporn, etwas zu ändern. Wenn man keine Probleme erkannt hat, wozu etwas ändern? Das ist ein durchaus logischer Zusammenhang.

Man beginnt erst dann, Veränderungen anzustreben, wenn man es begreift, dass sie unentbehrlich sind. Und diese Auffassung kommt nicht, wenn man nie Probleme auf den Tisch geworfen bekommt.

Statt das sozialistische Projekt weiterzuentwickeln, verstärkte Chruschtschow dessen dogmatische religiöse Komponente. Er schlug nicht nur vor, an den Kommunismus als an eine Utopie zu glauben, er schlug vor, an den Aufbau des Kommunismus in unserem Land bis zum Jahr 1980 zu glauben. Wir haben bis zum 1980 gelebt, fanden keinen Kommunismus vor und glaubten, wir seien betrogen worden.

Das war einer der Hauptgründe für den Untergang des sowjetischen Projektes. Jetzt übrigens beginnen die Menschen auch im Westen zu begreifen, dass es die Demokratie, an die man sie zwingt, zu glauben, in der Realität gar nicht gibt und dass die Konsumgesellschaft nur das Leben auf Kredit darstellt.