+++Nur Ministersöhne bleiben+++

Abasse Ndione ist einer der führenden Schriftsteller Afrikas. Sein zentrales Thema – auch in seinen Romanen – ist die afrikanische Migration, ihre Gründe und Folgen. Ndione wurde 1946 in Senegal geboren. Sein erster Roman, geschrieben während er seinem Beruf als Krankenpfleger nach ging, erschien 1984. Seine jüngste Veröffentlichung auf Deutsch ist der Roman «Die Piroge» (Transit Verlag), er ist eine Parabel auf die Flucht übers Meer. Seine Hoffnungen setzt Ndione in eine Liberalisierung der europäischen Einwanderungspolitik.Der Text ist die gekürzte Fassung einer Rede, die er für die Nibelungen-Festspiele in Worms geschrieben hat. Übersetzung von Margret Millischer:

Afrikas Jugend verlässt den Kontinent. Niemand versucht, sie zu halten. Über die afrikanischen Ursachen einer afrikanischen Tragödie.

Das Phänomen der illegalen Massenauswanderung begann 2007, als senegalesische Fischer erstmals in ihren Pirogen Tausende von jungen Leuten von der senegalesischen oder mauretanischen Küste in Richtung Kanarische Inseln transportierten. Spanien, als Eingangstor zur EU, und die Europäische Union waren darüber erst beunruhigt und besorgt, als die Boote ihr Ziel erreichten. Doch wie viele Pirogen sind dabei untergegangen, wie viele Menschen haben Schiffbruch erlitten und am Meeresgrund ihren Tod gefunden? 3000, 5000, 7000? Verschiedene Zahlen wurden genannt, aber niemand weiss genau, wie viele Unglückliche niemals an ihrem Ziel angekommen und auch nicht an ihren Abfahrtsort zurückgekehrt sind, und ihre Angehörigen so für immer in Angst und Ungewissheit zurückgelassen haben. Doch das spielte sich im Atlantik ab und der Atlantik ist gross. Dort wurden keine Wracks von Pirogen und keine Leichen von Schiffbrüchigen gefunden. Sie wurden von den Meeresströmungen abgetrieben, weit weg von besiedelten Gebieten und wurden nie an die europäischen Küsten angeschwemmt.

Nun aber musste umgehend eine Lösung gefunden werden. Sonst würde es tatsächlich zu dem von der EU befürchteten Ansturm kommen. Daraufhin wurde Frontex geschaffen. Sehr bald zeigte sich die Effizienz dieser Einrichtung zum Schutz der EU-Aussengrenzen. Mit modernen Systemen ausgestattete Patrouillenschiffe wurden von den Kanarischen Inseln aus eingesetzt und hinderten die Boote daran, dort zu landen. Und die illegale Auswanderung mit den Pirogen endete von heute auf morgen, wie sie begonnen hatte. Kaum war ein Weg versperrt, wurde ein anderer eröffnet.

Frankreich, das mit der Unterstützung der Nato an der Ausschaltung Muammar al-Ghadhafis 2011 wesentlich beteiligt war, hatte an dieser Öffnung mitgewirkt. Libyen, ist seit damals ins vollständige Chaos gestürzt. Seine Mittelmeerküste wurde zum neuen Ausgangspunkt für die Emigrantenboote. Hunderttausende Ausreisewilligen, die nach Marokko geströmt waren in der vagen Hoffnung, eines Tages die Metallzäune der spanischen Enklaven Ceuta und Melilla zu überklettern oder in der Nacht an Bord eines Schlauchbootes die Meerenge von Gibraltar zu überwinden, die auf beiden Seiten von der marokkanischen und der spanischen Polizei streng überwacht wurde, machten sich jetzt nach Libyen auf. Die vielen griechischen und italienischen Inseln, die Teil der EU sind, befinden sich von dort nur ca. zweihundert Kilometer entfernt. Die Küsten werden überhaupt nicht überwacht und es gibt unzählige Schlepper.

Schon bald organisierten sich grossangelegte Überfahrten von den libyschen Küsten zu den europäischen Mittelmeerinseln. Die Schlepper luden Tausende von Migranten auf ihre schrottreifen Boote. 2013 verunglückte einer dieser klapprigen Kähne unweit von Lampedusa. Die völlig überforderten Bewohner der Insel sahen viele (mehr als dreihundert) Leichen, die an die Strände gespült wurden. Allgemeine Aufregung in Europa, Besuch des Papstes, des italienischen Ministerpräsidenten, des Europäischen Parlamentspräsidenten und anderer hochrangigen Politiker. Der Heilige Vater erklärte in einer pathetischen Rede, dass die Tragödie, die sich in Lampedusa abgespielt hatte, eine Schande für die EU und die gesamte Menschheit am Beginn des 21. Jahrhundert sei. Alles müsste unternommen werden, damit sich ein ähnliches Drama nicht wiederhole.

Und doch ereignen sich ähnliche Dramen leider weiterhin. Mare Nostrum, eine Einrichtung wie Frontex, wie auch alle anderen überlegten Massnahmen (Aufbringen oder Beschiessung aller von der lybischen Küste abgehenden Boote) sind im Mittelmeer unmöglich umzusetzen, da es eine Unzahl von Inseln gibt und ein intensiver Verkehr zwischen dem nördlichen und dem südlichen Ufer besteht. Bis heute ist es der Afrikanischen Union (AU) nicht gelungen, der Massenauswanderung ihrer Jugend in Richtung Europa ein Ende zu setzen. Dabei sind die Jugendlichen doch ihr grösster Reichtum, die nicht auf der Suche nach einem Eldorado sind, sondern nur nach einer Arbeit, und sei sie auch noch so beschwerlich. Zu Hause finden sie keine, um aus der Armut, mit der sie zu kämpfen haben, herauszukommen. Nichts anderes suchen diese jungen Burschen und Mädchen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Europa zu gelangen.

Denn es ist sehr wohl die Armut, die die jungen Afrikaner zum Fortgehen treibt. Afrika ist arm. Oder vielmehr die Afrikaner sind arm. Paradoxerweise hat der an Anbauprodukten und Bodenschätzen reichste Kontinent die ärmste Bevölkerung auf der Welt. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? Afrika, das muss schon gesagt werden, hat seine Armut nicht absichtlich gewählt. Im Laufe der langen Geschichte der Welt haben die aufeinanderfolgenden, durch die Bank tragischen Ereignisse, die zumeist mit Auswanderung in Verbindung standen, den Kontinent voll getroffen, seine natürliche Entwicklung gebremst, sodass er heute in der Weltrangliste die hinterste Stelle einnimmt.

Das erste dieser Ereignisse, die zur Armut geführt haben, ist die Sklaverei. Sie wird heute als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» eingestuft und hat auf allen Kontinenten und bei allen Völkern existiert. Schon lange vor der Ankunft der Europäer kannte und praktizierte man in Afrika Sklaverei. Alte schriftliche Dokumente beweisen, dass bereits im 4. Jahrhundert Karawanen das Reich von Ghana verliessen, die Sahara durchquerten, bis nach Ägypten und Abessinien gelangten und Männer, Frauen und Kinder zu ihren Waren gehörten, die sie auf den Märkten östlich des Horns von Afrika verkauften.

Dieser Transsaharahandel soll auch heute noch weitergehen, behaupten manche. Nur die Form hätte sich geändert, die Kamelkarawanen wurden durch Geländefahrzeuge oder LKWs ersetzt und im Geheimen soll der Sklavenhandel weiterhin florieren. In der Mitte des 15. Jahrhunderts hat Europa Afrika entdeckt, bevor es sich danach dorthin wandte, was später Amerika werden sollte. Schon sehr bald liessen sich die Europäer an den afrikanischen Küsten nieder, um mit der dort ansässigen Bevölkerung Handel zu treiben, ebenso wie sie sich dann in Amerika, auf den Antillen und auf den Inseln im Karibischen Ozean niederliessen. Sie stellten bald fest, dass die dortigen Ureinwohner, die Indianer, die sie versklavt hatten, nicht viel aushielten und den schweren Arbeiten auf den Kaffee-, Zuckerrohr-, Baumwoll- und Hanfplantagen nicht gewachsen waren. Sie starben im wahrsten Sinn des Wortes «wie die Fliegen». «Neger sind belastbarer, die Arbeit bringt sie nicht um.» Daraufhin liess man ganze Ladungen davon in den Frachträumen der Segelschiffe aus Afrika herbeischaffen.

Die an den afrikanischen Küsten niedergelassenen Europäer hatten verstanden, dass manche Bewohner bereit waren, ihre eigenen Brüder und Schwestern zu verkaufen, wenn sie nur die notwendigen Mitteln dazu hätten, das heisst, wenn sie bewaffnet wären. Unverzüglich lieferten ihnen die Europäer Gewehre, damals in Afrika unbekannte Waffen. Und die Sklavenhändler, die dadurch m��chtiger als alle anderen geworden waren, drangen ins Innere des Landes vor, verwüsteten die Dörfer und nahmen Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder gefangen. Zusätzlich zu den Gefangenen aus den zahlreichen Kriegen unter Königreichen, die mit ihren Frauen und Kinder versklavt und an die Europäer verkauft wurden, die in ihren an den Küsten errichteten Kontoren sassen. Dann luden die Europäer ihre menschliche Ware in die Laderäume der Schiffe und verkauften sie ihrerseits in Amerika und auf den Antillen. Das war die Zeit des sogenannten Dreieckshandels, der vom 15. bis zum 19. Jahrhundert florierte.

Man muss auch darauf hinweisen, dass während dieser langen Zeitspanne kein einziger Europäer jemals einen einzigen Jungen, ein einziges Mädchen, ein einziges Kind gefangen noch ein einziges afrikanisches Dorf angegriffen hat. Die Sklavenhändler, die die Dörfer angriffen, andere Afrikaner jagten, einfingen und fesselten und sie an die Europäer verkauften, die sie erwarben, ihre Ware auf ihr Segelschiff luden und wegtransportierten, waren Afrikaner. Während dieser langen und schmerzlichen Zeit der «Zwangsemigration» war die Verantwortung der afrikanischen Verkäufer und der europäischen Käufer ganz gleichmässig verteilt. Wie viele Menschen wurden in diesen vier Jahrhunderten dem afrikanischen Kontinent entrissen und auf der anderen Seite des Atlantiks verkauft? Zwölf Millionen, dreissig, fünfzig? Niemand weiss es. Letztendlich musste Europa eingestehen, dass Menschenhandel unmoralisch war und beendete 1848 den mehrere Jahrhunderte alten transatlantischen Sklavenhandel, durch den Afrika seine jüngsten, dynamischsten, kräftigsten Männer und Frauen verloren hatte.

Die Afrikaner hatten sich noch nicht von den negativen Auswirkungen dieses lang andauernden Handels erholt, als schon weitere Europäer an den Küsten landeten. Das waren keine Händler, wie diejenigen, die sich seit vielen Jahrhunderten bei ihnen niedergelassen und mit denen sie friedlich gute Geschäfte gemacht hatten. Die Neuankömmlinge waren Soldaten. Ihr erklärtes Ziel war zur grossen Überraschung der Afrikaner, sich ihr Land anzueignen! Trotz erbitterten Widerstandes wurden die Afrikaner besiegt. Die Europäer besassen Waffen, die überhaupt nicht mit denen der Afrikaner vergleichbar waren. Zusätzlich zu den Gewehren hatten sie Maschinenpistolen und Kanonen, mit denen sie gegen Pfeil und Bogen, Steinschleudern und Lanzen der Eingeborenen kämpften. Der Kampf war einfach zu ungleich.

1885 versammelten sich schliesslich die von Reichskanzler Bismarck einberufenen europäischen Staaten in Berlin, zerschnitten Afrika mit Hilfe von Landkarte, Zirkel und Winkelmass in Stücke und teilten es wie einen Kuchen untereinander auf. Und Afrika erlebte nach der Sklaverei wiederum eine Zeit der Verarmung, die dunkle Kolonisationszeit.

Drei Jahrzehnte nach der Berliner Konferenz brach der Erste Weltkrieg aus. Die europäischen Staaten, die einander bekämpften, kamen jeweils in ihre neuen Kolonien, um afrikanische Untertanen als Soldaten anzuwerben. Millionen junger Afrikaner wurden auf Dampfschiffe verladen und nahmen an den Kämpfen teil, die sich in Europa abspielten. Viele von ihnen fielen auf den Schlachtfeldern und wurden dort begraben, wovon die afrikanischen Soldaten auf den unzähligen Friedhöfen aus dem Ersten Weltkrieg bezeugen, die überall in den europäischen Ländern anzutreffen sind. Am Ende des Krieges kehrten die Überlebenden nach Afrika zurück, manche von ihnen, die bei den Kämpfen verwundet worden waren, blieben zeitlebens kriegsversehrt. Andere beschlossen, sich in Europa niederzulassen, wo sie Familien gründeten.

Im Zweiten Weltkrieg, der einundzwanzig Jahre danach ausbrach, gab es eine noch massivere Beteiligung von Afrikanern. Und wie immer waren es die Jüngsten und Kräftigsten. 1945 ging der Krieg schliesslich zu Ende. Die durch Sklaverei, Kolonisierung und die massive Beteiligung an zwei Weltkriegen, die mit unzähligen Toten und Verletzten endeten, schwer und dauerhaft in die Armut gestürzten afrikanischen Staaten gelangten grossteils 1960 zu ihrer Unabhängigkeit.

Bedauerlicherweise muss man jedoch zugeben, dass es den afrikanischen Staaten nach mehr als einem halben Jahrhundert nationaler Souveränität noch immer nicht gelungen ist, sich aus dem Sumpf der Armut, in den sie versunken sind, herauszuarbeiten. Sie sind sogar noch ärmer geworden als 1960. Die führenden Politiker in Afrika haben die Rückschrittlichkeit des afrikanischen Kontinents durch fehlende Visionen, ihre Unfähigkeit, die Probleme der jeweiligen Bevölkerung, von der sie ja gewählt worden sind, in Angriff zu nehmen und zu lösen, durch die Misswirtschaft ihrer Regime, die auf Veruntreuung öffentlicher Gelder, Korruption, Vetternwirtschaft und Verschwendung aufgebaut sind, zu verantworten. Alle afrikanischen Staatschefs, die nicht bei einem Putsch getötet werden, sterben in europäischen oder amerikanischen Krankenhäusern. Kein einziger hat in seinem Land eine Universität gebaut, in die er seine eigenen Kinder zum Studium schicken würde. Sie haben die Möglichkeiten, nach Europa zu gehen und nützen diese auch ausgiebig.

Zwei Problemfälle, die sich 2012 in zwei Nachbarländern, in Mali und im Senegal, ereignet haben, veranschaulichen die Sorglosigkeit und die Unsicherheit sehr deutlich, die die Entwicklung unserer Länder unmöglich machen. Der erste Fall betraf Mali. Ein Jahr nach dem Fall Ghadhafis kommt eine kleine Gruppe von Tuareg –etwa 600 bis 800 Mann – schwer bewaffnet aus Libyen zurück, erobert den Norden des Landes und teilt Mali in zwei Teile. Während die AU und diedie westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Cedeao), nur unergiebige Treffen abhalten und unfähig sind, dem angegriffenen Land zu Hilfe zu eilen, verjagt eine andere, noch radikalere Bewegung die Gruppe der Tuareg und reisst die Macht im Norden Malis an sich. Diese führen gewaltsam die Scharia ein, den Dieben werden die Hände abgehackt, ein Paar wird wegen Ehebruchs gesteinigt, Gräber werden zerstört und Manuskripte auf dem 13. Jahrhundert verbrannt. Keinerlei Reaktion weder von Seiten der Afrikanischen Union noch der Cedeao, ausser endlose Sitzungen und wirkungslose verbale Verurteilungen. Die radikale Gruppe beschliesst, eine höhere Gangart einzulegen. Nicht nur der Norden, sondern ganz Mali soll unter ihre Herrschaft gebracht werden. Ihre Armee marschiert völlig ungehindert – wie auf einem Boulevard – auf die Hauptstadt Bamako. Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht, deren Armee 1961 das Land verlassen musste, sieht sich gezwungen, einzugreifen. Und die französischen Truppen stoppen nicht nur die Kämpfer der radikalen Bewegung, sondern jagen sie aus dem Land und befreien den Norden Malis nach zwei Jahren Besatzung.


Das Phänomen der illegalen Massenauswanderung begann 2007, als senegalesische Fischer erstmals in ihren Pirogen Tausende von jungen Leuten von der senegalesischen oder mauretanischen Küste in Richtung Kanarische Inseln transportierten. Spanien, als Eingangstor zur EU, und die Europäische Union waren darüber erst beunruhigt und besorgt, als die Boote ihr Ziel erreichten. Doch wie viele Pirogen sind dabei untergegangen, wie viele Menschen haben Schiffbruch erlitten und am Meeresgrund ihren Tod gefunden? 3000, 5000, 7000? Verschiedene Zahlen wurden genannt, aber niemand weiss genau, wie viele Unglückliche niemals an ihrem Ziel angekommen und auch nicht an ihren Abfahrtsort zurückgekehrt sind, und ihre Angehörigen so für immer in Angst und Ungewissheit zurückgelassen haben. Doch das spielte sich im Atlantik ab und der Atlantik ist gross. Dort wurden keine Wracks von Pirogen und keine Leichen von Schiffbrüchigen gefunden. Sie wurden von den Meeresströmungen abgetrieben, weit weg von besiedelten Gebieten und wurden nie an die europäischen Küsten angeschwemmt.

Nun aber musste umgehend eine Lösung gefunden werden. Sonst würde es tatsächlich zu dem von der EU befürchteten Ansturm kommen. Daraufhin wurde Frontex geschaffen. Sehr bald zeigte sich die Effizienz dieser Einrichtung zum Schutz der EU-Aussengrenzen. Mit modernen Systemen ausgestattete Patrouillenschiffe wurden von den Kanarischen Inseln aus eingesetzt und hinderten die Boote daran, dort zu landen. Und die illegale Auswanderung mit den Pirogen endete von heute auf morgen, wie sie begonnen hatte. Kaum war ein Weg versperrt, wurde ein anderer eröffnet.

Tausende von Migranten auf schrottreifen Booten

Frankreich, das mit der Unterstützung der Nato an der Ausschaltung Muammar al-Ghadhafis 2011 wesentlich beteiligt war, hatte an dieser Öffnung mitgewirkt. Libyen, ist seit damals ins vollständige Chaos gestürzt. Seine Mittelmeerküste wurde zum neuen Ausgangspunkt für die Emigrantenboote. Hunderttausende Ausreisewilligen, die nach Marokko geströmt waren in der vagen Hoffnung, eines Tages die Metallzäune der spanischen Enklaven Ceuta und Melilla zu überklettern oder in der Nacht an Bord eines Schlauchbootes die Meerenge von Gibraltar zu überwinden, die auf beiden Seiten von der marokkanischen und der spanischen Polizei streng überwacht wurde, machten sich jetzt nach Libyen auf. Die vielen griechischen und italienischen Inseln, die Teil der EU sind, befinden sich von dort nur ca. zweihundert Kilometer entfernt. Die Küsten werden überhaupt nicht überwacht und es gibt unzählige Schlepper.

Schon bald organisierten sich grossangelegte Überfahrten von den libyschen Küsten zu den europäischen Mittelmeerinseln. Die Schlepper luden Tausende von Migranten auf ihre schrottreifen Boote. 2013 verunglückte einer dieser klapprigen Kähne unweit von Lampedusa. Die völlig überforderten Bewohner der Insel sahen viele (mehr als dreihundert) Leichen, die an die Strände gespült wurden. Allgemeine Aufregung in Europa, Besuch des Papstes, des italienischen Ministerpräsidenten, des Europäischen Parlamentspräsidenten und anderer hochrangigen Politiker. Der Heilige Vater erklärte in einer pathetischen Rede, dass die Tragödie, die sich in Lampedusa abgespielt hatte, eine Schande für die EU und die gesamte Menschheit am Beginn des 21. Jahrhundert sei. Alles müsste unternommen werden, damit sich ein ähnliches Drama nicht wiederhole.

Und doch ereignen sich ähnliche Dramen leider weiterhin. Mare Nostrum, eine Einrichtung wie Frontex, wie auch alle anderen überlegten Massnahmen (Aufbringen oder Beschiessung aller von der lybischen Küste abgehenden Boote) sind im Mittelmeer unmöglich umzusetzen, da es eine Unzahl von Inseln gibt und ein intensiver Verkehr zwischen dem nördlichen und dem südlichen Ufer besteht. Bis heute ist es der Afrikanischen Union (AU) nicht gelungen, der Massenauswanderung ihrer Jugend in Richtung Europa ein Ende zu setzen. Dabei sind die Jugendlichen doch ihr grösster Reichtum, die nicht auf der Suche nach einem Eldorado sind, sondern nur nach einer Arbeit, und sei sie auch noch so beschwerlich. Zu Hause finden sie keine, um aus der Armut, mit der sie zu kämpfen haben, herauszukommen. Nichts anderes suchen diese jungen Burschen und Mädchen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Europa zu gelangen.

Afrika ist nicht absichtlich arm

Denn es ist sehr wohl die Armut, die die jungen Afrikaner zum Fortgehen treibt. Afrika ist arm. Oder vielmehr die Afrikaner sind arm. Paradoxerweise hat der an Anbauprodukten und Bodenschätzen reichste Kontinent die ärmste Bevölkerung auf der Welt. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? Afrika, das muss schon gesagt werden, hat seine Armut nicht absichtlich gewählt. Im Laufe der langen Geschichte der Welt haben die aufeinanderfolgenden, durch die Bank tragischen Ereignisse, die zumeist mit Auswanderung in Verbindung standen, den Kontinent voll getroffen, seine natürliche Entwicklung gebremst, sodass er heute in der Weltrangliste die hinterste Stelle einnimmt.

Das erste dieser Ereignisse, die zur Armut geführt haben, ist die Sklaverei. Sie wird heute als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» eingestuft und hat auf allen Kontinenten und bei allen Völkern existiert. Schon lange vor der Ankunft der Europäer kannte und praktizierte man in Afrika Sklaverei. Alte schriftliche Dokumente beweisen, dass bereits im 4. Jahrhundert Karawanen das Reich von Ghana verliessen, die Sahara durchquerten, bis nach Ägypten und Abessinien gelangten und Männer, Frauen und Kinder zu ihren Waren gehörten, die sie auf den Märkten östlich des Horns von Afrika verkauften.

«Die Europäer an den afrikanischen Küsten hatten verstanden, dass manche Bewohner bereit waren, ihre eigenen Brüder und Schwestern zu verkaufen.»

Dieser Transsaharahandel soll auch heute noch weitergehen, behaupten manche. Nur die Form hätte sich geändert, die Kamelkarawanen wurden durch Geländefahrzeuge oder LKWs ersetzt und im Geheimen soll der Sklavenhandel weiterhin florieren. In der Mitte des 15. Jahrhunderts hat Europa Afrika entdeckt, bevor es sich danach dorthin wandte, was später Amerika werden sollte. Schon sehr bald liessen sich die Europäer an den afrikanischen Küsten nieder, um mit der dort ansässigen Bevölkerung Handel zu treiben, ebenso wie sie sich dann in Amerika, auf den Antillen und auf den Inseln im Karibischen Ozean niederliessen. Sie stellten bald fest, dass die dortigen Ureinwohner, die Indianer, die sie versklavt hatten, nicht viel aushielten und den schweren Arbeiten auf den Kaffee-, Zuckerrohr-, Baumwoll- und Hanfplantagen nicht gewachsen waren. Sie starben im wahrsten Sinn des Wortes «wie die Fliegen». «Neger sind belastbarer, die Arbeit bringt sie nicht um.» Daraufhin liess man ganze Ladungen davon in den Frachträumen der Segelschiffe aus Afrika herbeischaffen.

Die an den afrikanischen Küsten niedergelassenen Europäer hatten verstanden, dass manche Bewohner bereit waren, ihre eigenen Brüder und Schwestern zu verkaufen, wenn sie nur die notwendigen Mitteln dazu hätten, das heisst, wenn sie bewaffnet wären. Unverzüglich lieferten ihnen die Europäer Gewehre, damals in Afrika unbekannte Waffen. Und die Sklavenhändler, die dadurch mächtiger als alle anderen geworden waren, drangen ins Innere des Landes vor, verwüsteten die Dörfer und nahmen Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder gefangen. Zusätzlich zu den Gefangenen aus den zahlreichen Kriegen unter Königreichen, die mit ihren Frauen und Kinder versklavt und an die Europäer verkauft wurden, die in ihren an den Küsten errichteten Kontoren sassen. Dann luden die Europäer ihre menschliche Ware in die Laderäume der Schiffe und verkauften sie ihrerseits in Amerika und auf den Antillen. Das war die Zeit des sogenannten Dreieckshandels, der vom 15. bis zum 19. Jahrhundert florierte.

Afrikaner fingen, fesselten und verkauften Afrikaner

Man muss auch darauf hinweisen, dass während dieser langen Zeitspanne kein einziger Europäer jemals einen einzigen Jungen, ein einziges Mädchen, ein einziges Kind gefangen noch ein einziges afrikanisches Dorf angegriffen hat. Die Sklavenhändler, die die Dörfer angriffen, andere Afrikaner jagten, einfingen und fesselten und sie an die Europäer verkauften, die sie erwarben, ihre Ware auf ihr Segelschiff luden und wegtransportierten, waren Afrikaner. Während dieser langen und schmerzlichen Zeit der «Zwangsemigration» war die Verantwortung der afrikanischen Verkäufer und der europäischen Käufer ganz gleichmässig verteilt. Wie viele Menschen wurden in diesen vier Jahrhunderten dem afrikanischen Kontinent entrissen und auf der anderen Seite des Atlantiks verkauft? Zwölf Millionen, dreissig, fünfzig? Niemand weiss es. Letztendlich musste Europa eingestehen, dass Menschenhandel unmoralisch war und beendete 1848 den mehrere Jahrhunderte alten transatlantischen Sklavenhandel, durch den Afrika seine jüngsten, dynamischsten, kräftigsten Männer und Frauen verloren hatte.

Die Afrikaner hatten sich noch nicht von den negativen Auswirkungen dieses lang andauernden Handels erholt, als schon weitere Europäer an den Küsten landeten. Das waren keine Händler, wie diejenigen, die sich seit vielen Jahrhunderten bei ihnen niedergelassen und mit denen sie friedlich gute Geschäfte gemacht hatten. Die Neuankömmlinge waren Soldaten. Ihr erklärtes Ziel war zur grossen Überraschung der Afrikaner, sich ihr Land anzueignen! Trotz erbitterten Widerstandes wurden die Afrikaner besiegt. Die Europäer besassen Waffen, die überhaupt nicht mit denen der Afrikaner vergleichbar waren. Zusätzlich zu den Gewehren hatten sie Maschinenpistolen und Kanonen, mit denen sie gegen Pfeil und Bogen, Steinschleudern und Lanzen der Eingeborenen kämpften. Der Kampf war einfach zu ungleich.

«Im Ersten Weltkrieg nahmen Millionen junger Afrikaner an Kämpfen teil, die sich in Europa abspielten.»

1885 versammelten sich schliesslich die von Reichskanzler Bismarck einberufenen europäischen Staaten in Berlin, zerschnitten Afrika mit Hilfe von Landkarte, Zirkel und Winkelmass in Stücke und teilten es wie einen Kuchen untereinander auf. Und Afrika erlebte nach der Sklaverei wiederum eine Zeit der Verarmung, die dunkle Kolonisationszeit.

Drei Jahrzehnte nach der Berliner Konferenz brach der Erste Weltkrieg aus. Die europäischen Staaten, die einander bekämpften, kamen jeweils in ihre neuen Kolonien, um afrikanische Untertanen als Soldaten anzuwerben. Millionen junger Afrikaner wurden auf Dampfschiffe verladen und nahmen an den Kämpfen teil, die sich in Europa abspielten. Viele von ihnen fielen auf den Schlachtfeldern und wurden dort begraben, wovon die afrikanischen Soldaten auf den unzähligen Friedhöfen aus dem Ersten Weltkrieg bezeugen, die überall in den europäischen Ländern anzutreffen sind. Am Ende des Krieges kehrten die Überlebenden nach Afrika zurück, manche von ihnen, die bei den Kämpfen verwundet worden waren, blieben zeitlebens kriegsversehrt. Andere beschlossen, sich in Europa niederzulassen, wo sie Familien gründeten.

Im Zweiten Weltkrieg, der einundzwanzig Jahre danach ausbrach, gab es eine noch massivere Beteiligung von Afrikanern. Und wie immer waren es die Jüngsten und Kräftigsten. 1945 ging der Krieg schliesslich zu Ende. Die durch Sklaverei, Kolonisierung und die massive Beteiligung an zwei Weltkriegen, die mit unzähligen Toten und Verletzten endeten, schwer und dauerhaft in die Armut gestürzten afrikanischen Staaten gelangten grossteils 1960 zu ihrer Unabhängigkeit.

Die Kinder afrikanischer Politiker studieren auswärts

Bedauerlicherweise muss man jedoch zugeben, dass es den afrikanischen Staaten nach mehr als einem halben Jahrhundert nationaler Souveränität noch immer nicht gelungen ist, sich aus dem Sumpf der Armut, in den sie versunken sind, herauszuarbeiten. Sie sind sogar noch ärmer geworden als 1960. Die führenden Politiker in Afrika haben die Rückschrittlichkeit des afrikanischen Kontinents durch fehlende Visionen, ihre Unfähigkeit, die Probleme der jeweiligen Bevölkerung, von der sie ja gewählt worden sind, in Angriff zu nehmen und zu lösen, durch die Misswirtschaft ihrer Regime, die auf Veruntreuung öffentlicher Gelder, Korruption, Vetternwirtschaft und Verschwendung aufgebaut sind, zu verantworten. Alle afrikanischen Staatschefs, die nicht bei einem Putsch getötet werden, sterben in europäischen oder amerikanischen Krankenhäusern. Kein einziger hat in seinem Land eine Universität gebaut, in die er seine eigenen Kinder zum Studium schicken würde. Sie haben die Möglichkeiten, nach Europa zu gehen und nützen diese auch ausgiebig.

Zwei Problemfälle, die sich 2012 in zwei Nachbarländern, in Mali und im Senegal, ereignet haben, veranschaulichen die Sorglosigkeit und die Unsicherheit sehr deutlich, die die Entwicklung unserer Länder unmöglich machen. Der erste Fall betraf Mali. Ein Jahr nach dem Fall Ghadhafis kommt eine kleine Gruppe von Tuareg –etwa 600 bis 800 Mann – schwer bewaffnet aus Libyen zurück, erobert den Norden des Landes und teilt Mali in zwei Teile. Während die AU und diedie westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Cedeao), nur unergiebige Treffen abhalten und unfähig sind, dem angegriffenen Land zu Hilfe zu eilen, verjagt eine andere, noch radikalere Bewegung die Gruppe der Tuareg und reisst die Macht im Norden Malis an sich. Diese führen gewaltsam die Scharia ein, den Dieben werden die Hände abgehackt, ein Paar wird wegen Ehebruchs gesteinigt, Gräber werden zerstört und Manuskripte auf dem 13. Jahrhundert verbrannt. Keinerlei Reaktion weder von Seiten der Afrikanischen Union noch der Cedeao, ausser endlose Sitzungen und wirkungslose verbale Verurteilungen. Die radikale Gruppe beschliesst, eine höhere Gangart einzulegen. Nicht nur der Norden, sondern ganz Mali soll unter ihre Herrschaft gebracht werden. Ihre Armee marschiert völlig ungehindert – wie auf einem Boulevard – auf die Hauptstadt Bamako. Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht, deren Armee 1961 das Land verlassen musste, sieht sich gezwungen, einzugreifen. Und die französischen Truppen stoppen nicht nur die Kämpfer der radikalen Bewegung, sondern jagen sie aus dem Land und befreien den Norden Malis nach zwei Jahren Besatzung.

Afrikanische Staatschefs suchen Rat bei der Ex-Kolonialmacht

Das zweite Ereignis betrifft Senegal. Im Jahr 2012, während einer grossen Hitzewelle, bei der das Thermometer manchmal 45 Grad im Schatten anzeigt, fällt die Wasserleitung, die vom Guiers-See bis nach Dakar in 350 km Entfernung führt und alle Regionen bis dorthin versorgt, aus. Ein Y-förmiges Rohr hat eine schadhafte Stelle. Das Unternehmen, das das kostbare Nass verwaltet, bringt eine Pressemitteilung heraus und erklärt, dass das Wasser wegen der Reparatur in den Wasserwerken am Guiers-See 48 Stunden lang abgeschaltet werden muss, so viel Zeit ist notwendig, um das Y-förmige Rohr zu schweissen. 21 Tage lang bleiben die Wasserhähne geschlossen. Keinem einzigen Schweissereibetrieb gelingt es, die undichte Stelle zu reparieren. Keiner der aufeinanderfolgenden Besuche des Ministers für Wasserwirtschaft, des Premier Ministers und sogar des Staatspräsidenten, der in Kampfuniform vor Ort erscheint, bringen eine Verbesserung der Lage. Dakar und ein Drittel des Landes bleiben weiterhin ohne Wasser. Und wiederum ist es Frankreich, das zu Hilfe kommt.

Ein Frachtflugzeug wird geschickt, das Y-förmige Rohr wird in den Laderaum geschafft, ins Land der ehemaligen Kolonialmacht gebracht und dort repariert. Wie die Sklaven im 19. Jahrhundert in Amerika, die nach ihrer Freilassung, eine Woche später zu den Plantagen zurückkehrten, um ihren Herrn mitzuteilen, dass sie die Sklaverei der Freiheit vorzogen, wenden sich die afrikanischen Staatschefs immer noch an die ehemalige Kolonialmacht, um ihre Probleme zu lösen. Der beste Beweis für das Scheitern in allen Bereichen - Gesundheitswesen, Bildung und Unterrichtswesen, Wasser- und Stromversorgung, Beschäftigung, Landwirtschaft etc. - sind die Tausenden von jungen Menschen, die wie die Sklaven vom 15. bis 19. Jahrhundert in den Laderäumen der Segelschiffe zusammengepresst, versuchen, nach Europa zu gelangen.

Die Afrikanische Union verfügt genauso wenig wie die afrikanischen Staaten einzeln über eine entsprechende Jugend- und Beschäftigungspolitik, mit denen die Jugendlichen im Land gehalten werden können. In einem Land wie Senegal kommen jedes Jahr 200'000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Höchstens 25'000 finden einen Arbeitsplatz. Alle anderen sind arbeitslos, oft über lange Zeit, manchmal bis zum Pensionsalter, und werden noch immer von ihren alt gewordenen Eltern ausgehalten. Und wenn diese Jugendlichen andere junge Menschen sehen, Freunde aus ihrer Kinderzeit, die nach Europa ausgewandert sind und dadurch die soziale Stellung ihrer Familie völlig verändert haben (und in jeder Stadt, in jedem Dorf, jedem Viertel gibt es Nachbarn, die ausgewandert sind), die dann ihre Eltern auf Pilgerreise nach Mekka oder nach Rom geschickt haben, für sie statt der alten Baracke ein grosses mehrstöckiges Haus gebaut haben, wenn sie mit Taschen voller Geld auf Besuch ins Land zurückkommen, dann ist ihr einziger Wunsch, von dem sie geradezu besessen sind, es wie sie zu machen und wie sie zu sein. Nach Europa zu gehen, wo es Arbeit gibt, statt ohne Zukunftsaussichten im eigenen Land dahinzuvegetieren.

Und diese Jugendlichen in den morschen Boote tragen zusätzlich zu ihren eigenen Hoffnungen und Träumen, die Hoffnungen und Träume der ganzen Familie mit sich. Wegfahren wird zu einer Überlebensfrage. Ein Scheitern und danach eine Rückkehr, ohne nach Europa gelangt zu sein, ist nicht vorstellbar. Lieber unterwegs sterben.

Unter all diesen verzweifelten und von der Politik ihres jeweiligen Landes enttäuschten Jugendlichen, die nichts für sie tut, sieht man niemals das Kind eines Ministers, Abgeordneten oder auch nur eines hohen Beamten. Es handelt sich ausschliesslich um Söhne von Bauern, Fischern, Pastoren, Arbeitern, Arbeitslosen – um Söhne von armen Leuten. Sie sind es, die nicht genug zum Essen, zum Studieren, für die medizinische Versorgung haben. Arme Menschen, die glauben und hoffen, in Europa eine Arbeit finden zu können denn die Staatschefs in ihren Ländern sind unfähig, sie ihnen zu geben. Und die dafür zu allem bereit sind. Nichts kann sie aufhalten. Sie kommen nicht nach Europa, um sich dort für immer niederzulassen, sondern, um einen Job zu finden, mit dem sie ihre Familie, die sie zurückgelassen haben, erhalten, ein Haus bauen und ihre alten Tage wieder in ihrem Heimatland verbringen zu können.

Europas Barrikaden sind eine schlechte Lösung

Doch Europa hat beschlossen, sich gegenüber dem, was als Ansturm angesehen wird, zu verbarrikadieren. Natürlich kann es sich heute für Barrikaden entscheiden und dabei vergessen, dass seine eigenen Kinder gestern in der Hoffnung auf ein besseres Leben in andere Länder auswandern mussten. Ab dem 16. Jahrhundert sind die Hugenotten und andere Protestanten aus Europa nach Südafrika emigriert, um ihr Leben zu retten, wo ihre direkten Nachfahren, die «Afrikaaner», bis heute leben. Und nach den napoleonischen Kriegen, die Zerstörung und Verarmung über Europa gebracht haben, sind ganze Dörfer mit dem Schiff nach Nord- und Südamerika ausgewandert.

Die Barrikaden, hinter denen sich Europa zu verschanzen versucht, sind ganz bestimmt eine schlechte Lösung. Am Beginn des dritten Jahrtausends ist die Welt zu einem Global Village geworden. Dank der Entwicklung der neuen Informations- und Kommunikationstechniken ist das, was sich in Berlin abspielt, sofort auf der ganzen Welt – in Dakar, in Kairo und in Tokyo – überall – bekannt. Selbstverständlich hat die EU das Recht, die Ein- und Ausreise von Personen auf seinem Gebiet zu reglementieren, aber die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 gesteht grundsätzlich allen Menschen das Recht zu, das Recht haben, zu kommen und zu gehen und sich auf der ganzen Welt, überall, wo sie wollen, niederzulassen.

Die EU hat den Geist und den Wortlaut der besagten Erklärung so gut verstanden, dass sie das Schengener Abkommen eingeführt hat, aufgrund dessen alle Bewohner der 26 Unterzeichnerstaaten das Recht auf Reise- und Niederlassungsfreiheit im Land ihrer Wahl haben. Nur liegen Europa und Afrika am selben Atlantikufer und sind nur von einer 14 Kilometer langen Meerenge voneinander getrennt. Seit vielen Jahrhunderten sind ihre Beziehungen, unterbrochen von Dramen und Tragödien, von Solidarität und Brüderlichkeit getragen und wurden niemals abgebrochen, nicht einmal nach der Erlangung der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten.

An den Universitäten Afrikas fehlen Professoren

Die Krise, die die gesamte Welt betrifft, ist in Afrika noch ausgeprägter als in Europa. Die führenden Politiker der afrikanischen Staaten haben bei der Entwicklungspolitik so total versagt, dass die jungen Menschen, ihre Zukunftshoffnung, ihnen kein Vertrauen mehr entgegenbringt. Deshalb unternehmen sie massenweise die gefährliche Reise über das Mittelmeer.

Doch nicht nur die Passgiere auf den schrottreifen Booten gehen weg. An den afrikanischen Universitäten fehlen Professoren, die ebenfalls ausgewandert sind, aber dabei handelt es sich um eine frei gewählte Emigration. An europäischen und amerikanischen Universitäten findet man massenweise afrikanische Lehrende, die ihr Land verlassen haben. Und zwar ganz genau aus dem gleichen Grund wie die illegalen Auswanderer, die die lebensgefährlichen Boote besteigen. Sie wollen ein besseres Leben, das sie sich bei sich zu Hause nicht mehr erwarten und dort auch nicht finden. Sie werden umso mehr kommen, als das sogenannte alte Europa – wie es einmal genannt wurde – sie braucht. Europa leidet tatsächlich an Überalterung, in manchen Ländern ist die Anzahl der Todesfälle höher als die Geburten. Europa muss nicht nur die ehemaligen, alt gewordenen früheren Emigrantengenerationen ersetzen, sondern zusätzlich eine neue Generation an jungen Menschen anwerben. Die jungen Afrikaner werden nach Europa kommen, weil sie der Ansicht sind, dass nach der Unterzeichnung der Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA), durch die der freie Handel und Warenverkehr zwischen den Ländern der EU und der Afrikanischen Union eingeführt wurde, der freie Personenverkehr folgen sollte.

Derzeit sieht niemand eine Lösung des Problems. Eines ist aber ganz sicher: die Emigration steht weder in der Afrikanische Union noch in den afrikanischen Staaten als Programmpunkt auf der Tagesordnung. Die jungen Afrikaner rechnen übrigens auch gar nicht mehr damit, dass das Problem von ihnen gelöst werden kann. Deshalb muss die EU eine Lösung suchen und finden. Und zwar möglichst schnell. Denn diejenigen, die bereits in Calais angekommen sind, wollen den Tunnel unter dem Ärmelkanal erstürmen und nach England gelangen. Die illegale Einwanderung muss ein Ende haben. Dazu müssen die afrikanischen Länder eine Entwicklungspolitik umsetzen, die ihren Jugendlichen wieder Hoffnung und Vertrauen gibt, damit sie nicht mehr ihr Leben auf das Spiel setzen, um ihren Lebensunterhalt anderswo zu verdienen. Ihre Rolle ist es, in Afrika zu bleiben und an der Entwicklung mitzuwirken, damit sie das, was sie in Europa suchen, bei sich zu Hause finden.

Dazu kommt noch die Überbevölkerung, sehr gut von Prof. Gunnar Heinsohn beschrieben.