Vom Steuerzahler finanzierte Motorsägekurse

Autor: Gotthilf Steuerzahler

Liebe Leserinnen und Leser,

staatliche Stellen suchen sich gerne zusätzliche Betätigungsfelder, sei es um modern zu erscheinen oder weil sie nicht ausgelastet sind. Das gilt auch für die traditionsreiche staatliche Forstverwaltung, die sich darum bemüht, auf der Umwelt- und Klimaschutzwelle mitzuschwimmen. Da kommt es schon mal zu kuriosen Fehlentwicklungen, die - wie könnte es anders sein - wir Steuerzahler bezahlen müssen.

Die jahrhundertealte staatliche Forstverwaltung hat vor einigen Jahren zusätzlich zu ihren traditionellen Aufgaben einen Bildungsauftrag erhalten. Sie ist zuständig geworden für die sogenannte Waldpädagogik, das heißt die auf den Wald und die Forstwirtschaft bezogene Umweltbildung. In einigen Bundesländern wurde diese neue Aufgabe sogar im jeweiligen Wald- bzw. Forstgesetz verankert. So betreibt die Forstverwaltung Walderlebniszentren und Jugendwaldheime, in denen Kindern und Jugendlichen waldpädagogische Angebote gemacht werden. Aber auch Erwachsene kommen in den Genuss von Bildungsmaßnahmen der Forstverwaltung.

So werden beispielsweise Programme angeboten, in denen Themen wie der Wald im Klimawandel abgehandelt werden. Daneben gibt es aber auch produktionstechnisch ausgerichtete Kurse für private Waldbesitzer. Die verschiedenen Veranstaltungen werden überwiegend von Mitarbeitern der Forstverwaltung, zum Teil aber auch von externen Kursleitern abgehalten.

Kritik des Rechnungshofs an Motorsägekursen

In diesem Zusammenhang hat der bayerische Rechnungshof vor kurzem festgestellt, dass in Bayern jedes Jahr über 1000 Kurse zur Handhabung von Motorsägen durchgeführt werden. Für die teilnehmenden Waldbesitzer sind die Veranstaltungen kostenfrei. Dem Freistaat Bayern entstehen hierdurch Kosten von jährlich mehr als einer Million Euro für das eigene Personal bzw. für die externen Kursleiter. Der Rechnungshof hat dazu die Auffassung vertreten, es sei nicht Aufgabe von staatlichen Stellen, Privatpersonen die Handhabung technischer Geräte beizubringen. Motorsägekurse könnten ebenso gut von qualifizierten privaten Anbietern durchgeführt werden. Durch ihr unentgeltliches Kursangebot erschwere die Forstverwaltung jedoch den Marktzutritt für private Anbieter. Der Rechnungshof hat gefordert, das entgeltfreie Angebot einzustellen und das Forstpersonal wieder für seine eigentlichen Aufgaben einzusetzen.

Rechtfertigt die hohe Unfallgefahr unentgeltliche Kurse?

Das bayerische Forstministerium hat sich von dieser Kritik nicht beeindrucken lassen und will weiterhin Motorsägekurse unentgeltlich durchführen. Das Ministerium hat diese Haltung mit der hohen Unfallgefahr beim Umgang mit Motorsägen begründet. Die Schulungen würden in der Regel in Kooperation mit der gesetzlichen Unfallversicherung abgehalten und seien folglich gemeinwohlorientiert, so dass die Entgeltfreiheit gerechtfertigt sei. In den Kursen der Forstverwaltung würden keine praktischen Fähigkeiten erworben, ein dafür erforderliches eigenständiges Üben finde nicht statt. Die Zeiten, die auf die Handhabung der Motorsägen entfielen, seien gegenüber den gemeinwohlorientierten Beratungszeiten untergeordnet. Über Sicherheitsaspekte hinaus würden zudem wichtige Beratungsthemen zu Waldpflege und Durchforstung vermittelt.

Die Teilnehmer erwerben den „Motorsägeführerschein“

Entgegen der Aussage des Forstministeriums hatte der Rechnungshof allerdings festgestellt, dass der zweitägige Grundkurs „Sichere Waldarbeit mit der Motorsäge“ sich auf die praktische Arbeit und die Handhabung der Motorsäge konzentriert und die Teilnehmer den sogenannten „Motorsägeführerschein“ erlangen. Der Streit zwischen Rechnungshof und Forstministerium ist noch nicht ausgestanden, letztlich muss der bayerische Landtag darüber entscheiden, ob weiterhin Motorsägekurse unentgeltlich durchgeführt werden. Man kann gespannt sein, wie die Abgeordneten sich zwischen Sparsamkeit einerseits und Gefälligkeiten für die privaten Waldbesitzer andererseits entscheiden werden!

Kenntnisse müssen auf eigene Kosten erworben werden

Da Kinder und Jugendliche heutzutage weitgehend naturfern aufwachsen, kann man es noch einigermaßen nachvollziehen, wenn ihnen waldpädagogische Angebote gemacht werden. Ein gerütteltes Maß einer ganz bestimmten Ideologie dürfte da allerdings mit im Spiel sein, das muss man hinnehmen. Aber dass Erwachsene auf Steuerzahlers Kosten den „Motorsägeführerschein“ machen, das ist wahrhaftig nicht einzusehen. Und auch die Argumentation mit der Unfallverhütung überzeugt nicht wirklich. Autofahren oder Segeln ist auch unfallträchtig. Den Autoführerschein oder den Segelschein muss aber jedermann auf eigene Kosten erwerben, ehe er fahren oder segeln darf. So sollte es auch für den Umgang mit Motorsägen sein!

Die Einstellungen müssen sich ändern

Das geschilderte Beispiel zeigt es wieder einmal: Verwaltungen suchen sich, dem Zeitgeist folgend, neue Aufgaben, anstatt sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Die Bürger nehmen solche Angebote gerne in Anspruch, sie kosten ja nichts. Diese Einstellungen müssen sich ändern. Staatliche Stellen sollten sich lediglich um diejenigen Aufgaben kümmern, welche die Allgemeinheit betreffen, die also der einzelne Bürger nicht wahrnehmen kann. Und in der Bevölkerung müsste die Einsicht wachsen, dass jeder zunächst einmal selbst für seine Angelegenheiten verantwortlich ist. Dass hier ein Bewusstseinswandel stattfindet, liebe Leserinnen und Leser, darauf wartet seit vielen Jahren geduldig

Ihr sorgenvoller

Gotthilf Steuerzahler

Dieser Text stammt aus dem kostenlosen Newsletter Claus Vogt Marktkommentar.

Claus Vogt, der ausgewiesene Finanzmarktexperte, ist zusammen mit Roland Leuschel Chefredakteur des kritischen, unabhängigen und konträren Börsenbriefs Krisensicher Investieren.

2004 schrieb er ebenfalls zusammen mit Roland Leuschel das Buch "Das Greenspan Dossier" und die „Inflationsfalle“. Mehr zu Claus Vogt finden Sie hier.