Ich war auch mal "Flüchtling"

Und zwar als ich als etwas frühreifer 14-Jähriger zusammen mit einem gleichaltrigen Kumpel vor den Zwängen und der Öde des staatlichen Schulalltags und einem autoritären und jähzornigen Vater floh.

Wir trampten von Ulm nach Jugoslawien an einen beschaulichen Badeort an der Küste Istriens nahe Porec. Dort wollten wir uns eine Zeitlang ausruhen, um dann weiter nach Griechenland zu reisen, wo wir dann unser nächstes Ziel bestimmen würden.

Bereits an der italienisch-schweizerischen Grenze wurden wir brüsk abgewiesen, nicht etwa, weil wir aufgrund unseres Alters Verdacht erregt hatten, sondern weil ein Beamter in zivil unser Bargeld sehen wollte, von dem wir seiner Meinung nach viel zu wenig dabei hatten, um nach Italien einreisen zu dürfen. "You can go back to Switzerland", sagte er dem verdutzten italienischen LKW-Fahrer, der uns netterweise die letzten 50 km bis zur Grenze mitgenommen hatte und nun verpflichtet wurde, uns in der nächstliegenden Ortschaft in der Schweiz wieder abzusetzen. Indes gaben wir nicht auf, liefen die ca. zehn Kilometer wieder zurück und überquerten an einem Waldstück die grüne Grenze.(was gar nicht so einfach war).

In Italien wurden wir in der Nähe Paduas etwas ausgehungert von Mitgliedern einer kommunistischen Groß-WG mit Privatsender aufgegriffen, die sehr freundlich waren, uns einige Tage bei sich aufnahmen und üppig mit Lebensmitteln versorgten.

Gestärkt trampten wir an der "Alt-Stazione" der Auto-Strada dann weiter bis nach Triest, wo ich an einer Hafenmole einen Geldbeutel mit einigen zehntausend Lire fand, der für die folgende Woche unser Auskommen sicherte und die geringen Reserven schonte.

Im damaligen Tito-Jugoslawien versuchten wir erst gar nicht die legale Einreise, sondern spähten einen kleinen, wenig frequentierten Grenzübergang nahe Triest aus, der lediglich von einem träge wirkenden Beamten (allerdings mit MG) bewacht wurde. Als dieser für kurze Zeit in seinem "Grenzhäuschen" verschwunden war, nutzen wir die Gelegenheit, rannten so schnell wir konnten auf den Schlagbaum zu, überquerten ihn im "Hürdenlauf", und versteckten uns auf der slowenischen Seite nach ca. 100 Metern Sprint hinter einem größeren Busch, um abzuwarten, ob uns jemand bemerkt hatte. Nach einigen Minuten bangen Wartens setzten wir dann langsam und unauffällig den Weg in Richtung der nächsten Ortschaft fort. "Trampen" funktionierte im damaligen Kroatien leider gar nicht, dafür waren Langstrecken per Bus extrem günstig.

Wir litten zu keinem Zeitpunkt wirklichen Mangel, wurden nie bedroht, mussten unsere Ernährung nie durch Betteln oder gar Diebstahl sicherstellen, dennoch hat mir nie wieder ein Wiener-Schnitzel mit Pommes so gut geschmeckt wie das erste in Deutschland nach dieser "Tour".

Allerdings war es gar nicht so einfach gewesen, per "legalem Grenzübertritt" wieder nach Deutschland heimzukehren: Da wir keinen Stempel im Pass ("Kinderausweis" der BRD) hätten, seien wir offiziell gar nicht in Jugoslawien, und könnten daher auch nicht zurück, sagte uns im vollen Ernst ein jugoslawischer Grenzbeamter bei der Heimreise. Wir sollten doch auf dieselbe Weise wieder über die Grenze, wie wir das bereits bei der Einreise praktiziert hätten. Ich fragte, ob es ihm egal sei, wenn wir Gefahr liefen, erschossen zu werden. Nach kurzem Zögern nahm er uns mit, man durchsuchte uns nach Drogen, und ließ uns schließlich ziehen.

Das war eine geile Zeit, die ich nicht missen möchte.

Hätten meine Kinder allerdings Ähnliches "praktiziert", wäre ich gestorben. Man weiß erst als Erwachsener, was man seinen Eltern damit angetan hat. (Allerdings schrieb ich regelmäßig Karten, dass wir wohlauf seien).

Es wurde damals (1981) angeblich international nach uns gefahndet. Davon bemerkten wir allerdings nicht das Geringste.

Nur zwei Jahre später wiederholte ich das Ganze als 16-Jähriger mit "Weltschmerz" - allerdings im Winter. Und mit Billig-Pseudo-"Militärschlafsack". Ich weiß, wie "Flüchtlinge" frieren. Wir hatten allerdings keine Zelte. Alles relativ. Wenn man das Ziel vor Augen hat, den Zwängen der Gesellschaft zu entfliehen. "Krieg", das war Schule und "Erziehung", bei der sich mein Vater allzu sehr an den Methoden seines Vaters orientiert hatte, der aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt , dort geprügelt und misshandelt wurde, und erst in den Fünfzigern wieder zu Hause war.

Ich glaube, diese Kriegsgefangenschaft hatte etwas mit den Methoden zu tun, nach denen ich väterlicherseits erzogen wurde (meine Mutter hatte nichts zu sagen) - und mit meiner tiefen Abneigung gegenüber allen autoritär-patrizentrischen Systemen.