Hilfe fuer Kinder in Afghanistan

Reisebericht der Aktion "Kinder brauchen uns" e. V. anlässlich des 14. Hilfseinsatzes in Kabul, Afghanistan im November 2005.

Die Aktion "Kinder brauchen uns" (zuerst "Kinder helfen Kindern" genannt) entstand im Oktober 2001 angesichts der Kriegsberichterstattung aus Afghanistan durch die spontane Initiative einiger Privatleute, die dem Leid der Kinder in dem Land am Hindukusch nicht länger tatenlos zusehen konnten und wollten.

Ziel ist es, schwer kranken und verletzten Kindern, denen in Afghanistan nicht geholfen werden kann, eine medizinische Behandlung in Deutschland zu ermöglichen. Die Kinder werden in Afghanistan durch deutsche Ärzte, welche die Hilfseinsätze stets begleiten, ausgewählt.


Wenn Sie die Arbeit unseres Vereins unterstützen und damit den Not leidenden
Kindern in Afghanistan helfen möchten, können Sie dies mit einer Spende auf
unser Vereinskonto tun.

Unsere Bankverbindung lautet:
“Kinder brauchen uns“ e. V.
Konto: 463074100
BLZ: 362 500 00
bei der Sparkasse Mülheim a. d. Ruhr

Bitte geben Sie im Verwendungszweck Ihre Adresse an, damit wir Ihnen eine
Spendenbescheinigung zur Vorlage beim Finanzamt ausstellen können.

Weitere Kontaktmöglichkeiten entnehmen Sie bitte unseren Internetseiten unter
der Adresse http://www.kinder-brauchen-uns.de

Gerne können sie uns auch einen Brief senden:
“Kinder brauchen uns“ e. V.
Herr Dr. h.c. Markus Dewender
Obere Saarlandstr. 3
45470 Mülheim a. d. Ruhr

Nach vielen Vorbereitungen ging es am 02.11.2005 um 09:45 Uhr endlich los. Mit
dem Leihbus der "Aktion 2000 - Hilfe für Kinder e. V." Bremen begann die Reise
in Schwelm. Nach einem tränenreichen Abschied der kleinen Nadia von ihren
Gasteltern fuhren wir (Andreas und Nadia) nach Wuppertal, um dort unseren
Fotografen Alex aufzunehmen, der zum ersten Mal die Reise nach Afghanistan
antrat und unsere Reise fotografisch dokumentieren wollte. Von Wuppertal ging
es weiter zum Martin-Luther-Krankenhaus nach Bochum-Wattenscheid, wo uns noch
einige Kürschnerdrähte zur Verfügung gestellt wurden, die im Kabuler
Kinderkrankenhaus dringend benötigt werden. Unsere vorletzte Station vor dem
Flughafen war das "Kinder brauchen uns"-Büro in Duisburg, wo wir neben 38
Gepäckstücken (Koffer der Kinder, Medikamente und Spielsachen) versuchten,
Markus und den kleinen Qasem "einzuchecken", was uns mit viel Geduld auch
gelang. So begab sich unser “Schwertransport“ dann voll beladen auf den Weg
nach Frankfurt. Dort angekommen, trafen wir Atiq, unseren Einsatzkoordinator,
der seit den frühen Morgenstunden unser Gepäckchaos bei Ariana, unserer
Fluggesellschaft, angekündigt und die Mitarbeiter beim Check-IN mental auf
unser "Übergewicht" vorbereitet hatte. Glücklicherweise waren wir sehr früh
in Frankfurt und hatten so genug Zeit, unsere Gepäckstücke mit Aufklebern zu
bestücken und das Gepäck aufzugeben. Etwas verspätet, aber immer noch
rechtzeitig trafen auch Falk und die kleine Fatima ein, ein Mädchen, das auf
Grund ihrer sehr komplizierten Behandlung über drei Jahre in Deutschland
gewesen ist und nun zu ihrer Familie zurückgebracht werden sollte. Fatima war
damals über eine andere "Hilfsorganisation" nach Deutschland gekommen, die die
Betreuung des Mädchens in den drei Jahren leider sehr vernachlässigt hatte.
Der Check-In unserer 15 Gepäckwagen mit nunmehr 43 Gepäckstücken war sehr
schweißtreibend aber im Großen und Ganzen dank der guten Vorbereitung durch
Atiq sehr erfolgreich. Ein wenig mehr Probleme gab es bei der Aufgabe der
Medikamente, besonders der Impfstoffe, da diese als Handgepäck mit in das
Flugzeug genommen werden mussten und nicht mit den Röntgengeräten des
Flughafens kontrolliert werden durften. Nachdem diese Gepäckstücke vom
Bundesgrenzschutz auf Sprengstoff und Drogen kontrolliert worden waren, hatten
wir unser beachtliches Übergepäck von über 500 KG unter Dach und Fach und
waren für den Abflug bereit. Der feierliche Abschied von der Zivilisation fand
im MC Donalds im Terminal 2 bei Pommes, Cheeseburger und Cola statt.

Das Boarding verzögerte sich erwartungsgemäß um gut eine Stunde (geplanter
Abflug war 20:15 Uhr). Das Flugzeug war ein geleaster Airbus A310 der
Fluggesellschaft Air France. Die Maschine machte zwar nicht mehr den
frischesten Eindruck, war jedoch um etliche Male besser als die bisherigen
Ariana-eigenen Maschinen, in denen ein Schild hing "This airplane is a gift
from India"... So konnten wir um 21:15 Uhr heil starten. Eine knappe Stunde
nach dem Start wurde uns ein Abendessen serviert. Das Essen war in Ordnung,
allerdings haben Einige von uns auf das Essen verzichtet, da das MC Donalds
Essen das Hungergefühl noch in Schach hielt. Lediglich die nicht vorhandene
Beinfreiheit in der Maschine gestaltete das Abendessen teilweise schwierig und
die Kinder hatten einige Probleme, die Schachteln und Getränke auf dem kleinen
Tisch zu platzieren. Nach dem Essen kehrte größtenteils auch Ruhe ein.
"Unsere" Kinder, besonders die 3 Mädchen waren schnell eingeschlafen. Nur
Qasem war nicht ruhig zu bekommen. Qasem meinte wohl, die letzten Monate in
Deutschland noch einmal Revue passieren zu lassen und uns Alles bis ins
kleinste Detail erzählen zu müssen. Drei der erwachsenen Begleiter, die das
Glück hatten, relativ weit von Qasem entfernt zu sitzen, waren ebenfalls
schnell eingeschlafen. Nur Andreas versuchte mit allen Mitteln, Qasem vom
Vorteil des Schlafens zu überzeugen, was ihm jedoch nicht gelang.


:: Donnerstag, 3. November 2005


Zwei weitere Stunden später suchte sich Andreas einen anderen freien Platz in
der Hoffnung, dort zur Ruhe zu kommen. Doch auch an diesem Platz war an
Schlafen nicht zu denken, da sich die Sitznachbarn in sehr lautem Ton
unterhielten. Laut den Monitoren im Flugzeug befanden wir uns irgendwo in der
Nähe von Kiev. Gegen 3 Uhr nachts (die Uhren hatten wir bereits um 3,5 Stunden
vorgestellt) zupfte Qasem dann Alex am Arm und teilte mit, dass er auf die
Toilette müsse. Schlaftrunken ging Alex mit Ihm durch die Maschine zur
Toilette, wo er sein "Geschäft“ erledigen konnte. Alex Hoffnung, dass Qasem
danach schlafen würde, zerschlug sich sehr schnell. Alle Bemühungen (auch die
von anderen Passagieren) Qasem zum Schlafen zu bewegen, waren ergebnislos. So
hielt Qasem nicht nur Alex, sondern auch etliche weitere Fluggäste auf Trab.
Ca. 2 Stunden vor der Landung in Kabul ist er dann doch noch eingeschlafen...

Gegen 6 Uhr wurden wir von der Crew sehr unsanft geweckt, indem die Klapptische
aus der Vorderlehne heruntergeklappt wurden, das Licht eingeschaltet und uns
ein Frühstück serviert wurde. Auch dieses Essen war den Umständen
entsprechend ganz in Ordnung, zumindest das kleine Hungergefühl war
anschließend nicht mehr existent. Eine besondere Aufregung machte sich bei
Falk und seiner Pflegtochter Fatima breit, gab es in den vergangenen drei
Jahren der Behandlung in Deutschland doch keinerlei Kontakt zu Fatimas Familie.
Über einen Mittelsmann hatten wir im Vorfeld versucht, mit dem Vater in
Kontakt zu treten und ihm mitzuteilen, dass seine Tochter am 03.11.2005 in
Kabul ankommen werde. Würde diese Nachricht bei Fatimas Familie angekommen
sein? Würde ihre Familie schon am Flughafen auf sie warten? Wie würden die
Reaktionen sein, wenn Fatima ihre Familie nach drei Jahren zum ersten Mal
wieder sehen würde? Wie würde die Verständigung klappen, da sie in diesen
drei Jahren ihre Muttersprache Dari (Farsi) komplett verlernt hatte? Auf Grund
dieser besonderen Situation war die Aufregung mehr als verständlich.

Um ca. 8 Uhr am 03.11.2005 sind wir dann in einer völlig anderen Welt
gelandet. Die Eindrücke am Kabul International Airport waren sehr
abenteuerlich. Nach wie vor stehen dort noch sehr viele Flugzeugwracks und
ausgebrannte Hubschrauber herum. Auf dem Flugfeld wurden wir schon vom Vater
der elfjährigen Morsal empfangen, der dort als Angestellter in leitender
Position arbeitet. Außerdem standen auf dem Flugfeld mehr oder weniger
"wichtige“ afghanische Männer, die das Aussteigen beobachteten und wohl ein
Gefühl von Ordnung zu vermitteln suchten. Im Flughafengebäude herrschte das
reinste Chaos, bestehend aus ankommenden Passagieren, Flughafenmitarbeitern und
Gepäckträgern. Unser Mitarbeiter vor Ort - Sadeq - und der Vater von Morsal
lotsten uns an der Visastelle und Passkontrolle vorbei, was den Ablauf sehr
vereinfachte. Das Gepäckband, das gerade mal eine Länge von ca. 25 Metern
hat, war umgeben von afghanischen Männern, die die Gepäckstücke an sich
rissen. Trotzdem gelang es uns, alle 43 Gepäckstücke von uns zu ergattern und
zu sichern. Der Tross aus jetzt sechs Erwachsenen und sechs Kindern und allen
Gepäckstücken begab sich langsam aus dem Flughafengebäude hinaus auf den
Vorplatz, wo bereits ein alter Toyotabus auf uns wartete. Unserem europäischen
Empfinden nach hätten eigentlich noch drei weitere Busse folgen müssen, aber
in Kabul "ticken" die Uhren etwas anders. Alle Gepäckstücke wurden sehr
abenteuerlich in und auf dem Dach dieses Busses verladen und mit einigen
wenigen Schnüren gesichert. Unterdessen verabschiedeten wir Morsal, die direkt
vom Flughafen ihren Eltern übergeben werden konnte. Von Fatimas Verwandten war
weit und breit keine Spur zu sehen. Die Bitte des Fahrers, in diesen Bus
einzusteigen, wirkte eher wie ein schlechter Scherz, nach einigen Versuchen
aber saßen bzw. lagen wir übereinander gestapelt in diesem Fahrzeug, das
beschriftet war mit "EMERGENCY - life Support for civilian war victims".
Ehrlich gesagt, fühlten wir uns zu diesem Zeitpunkt eher als Empfänger dieses
"life Supportes" als Geber... Zur weiteren Absicherung unserer auf dem Dach
befindlichen Gepäckstücke saß der Sohn von Sadeq auf dem Dach des Busses,
was das unglaubliche Bild perfekt abrunden musste. Die ersten Eindrücke von
Kabul waren sehr gemischt. Die Luft war kühl aber gleichzeitig wärmte uns die
Sonne bereits. Die Luft, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann, war
staubig und diesig von den Abgasen der vielen Fahrzeuge und den Straßen.

Vom Flughafen ging es auf direktem Weg zum Haus unseres Mitarbeiters Sadeq.
Unser Bus konnte die ca. 30-minütige Fahrt ohne Probleme überstehen und auch
alle Gepäckstücke sind wider Erwarten angekommen. Dort angekommen wurden wir
zuerst in das Haus gebeten und wurden mit Tee, Gebäck, Nüssen, Mandeln,
Pistazien und verschiedenen Kichererbsen versorgt. Nach dieser ersten
Verpflegung und dem ersten Smalltalk wurde uns ein sehr delikates, afghanisches
Mittagessen, bestehend aus Reis, Gemüse und verschiedenem Fleisch, serviert.
In der Runde in dem Raum waren - wie für Afghanistan üblich - nur Männer,
wobei wir jedoch auch kurz die Frau von Sadeq begrüßen konnten. Nach
längeren Gesprächen und dem Sortieren des Gepäckes wurden dann Qasem und die
kleine Nadia von Ihren Vätern abgeholt. Alex erfüllte seine ersten Aufgaben
und dokumentierte das Wiedersehen und die Geschenkübergaben mit Fotos. Aus
tiefer Dankbarkeit des Vaters von Nadia wurden wir mit Glitzer-Konfetti
überstreut, ein afghanischer Brauch, der eine tiefe Dankbarkeit ausdrücken
soll. Diesem Konfetti sind wir in den Folgetagen immer wieder begegnet, da
dieser sehr auf unserer Haut klebte.

Später brachen wir mit zwei Fahrzeugen auf, um im Deutschen Hof, unserer
Unterkunft für eine Woche, die Zimmer zu belegen. Auch diese Fahrt mit nun
zwei Autos war ein echtes Abenteuer. Der Kofferraumdeckel des einen Taxis stand
ganz offen und das Gepäck war irgendwie verkeilt. Im anderen Taxi wurde das
Gepäck im Fahrgastraum wieder gestapelt und wir saßen mehr aufeinander als
nebeneinander. Die "Straßen" in Kabul kann man nur sehr schwer beschreiben.
Teilweise ist zwar eine Asphaltdecke vorhanden, der größte Teil der Straßen
ähneln jedoch eher großen Feldwegen, bestehend aus Schlaglöchern, kleinen
Felsbrocken, und unendlich viel Dreck und Staub. Die Verkehrsregeln, die jeder
Fahrer für sich selbst aufstellt, sind eigentlich recht einfach: Die lauteste
Hupe und der dreisteste Fahrer hat immer Vorfahrt. Alle Hupen sind sehr laut
und alle Fahrer sind sehr dreist. Der Verkehr ist ein unbeschreibliches Chaos
ohne irgendeine Struktur. Bei der hier herrschenden Anarchie müssten schwere
Unfälle an der Tagesordnung sein. Doch durch den massiven Einsatz von Hupe,
Lichthupe, Warnblinker und teilweise von Schlagstöcken der Verkehrspolizisten
werden etliche Craches vermieden.

Nach dem Einchecken im Deutschen Hof Kabul konnten wir nachmittags noch zwei
Familien besuchen. Ein Hauptgrund unseres Einsatzes in Kabul war dieses Mal die
Besuche von ehemaligen Kindern. Wir wollten uns erkundigen, wie es den Kindern
nach ihrer Rückkehr nach Afghanistan ergangen ist. Außerdem hatten wir sehr
viele Geschenke der deutschen Gastfamilien erhalten, die wir gerne an die
Kinder weiterleiten wollten. Auf der Fahrt zur ersten Familie ging es quer
durch Kabul und wir konnten erste Eindrücke der vom Krieg so sehr gezeichneten
Stadt aufnehmen. Es war erschreckend, wie ein Großteil der Häuser immer noch
- vier Jahre nach Beendigung des Krieges - aussehen. Besonders hat sich der
Anblick des ehemaligen Präsidentenpalastes eingeprägt, von dem wirklich nur
noch zerbombte Reste und Ruinen übrig geblieben sind. Sehr angenehm empfanden
wir die unglaubliche Gastfreundlichkeit der afghanischen Familien. So wurden
wir immer wie absolute Ehrengäste empfangen. Nach den offiziellen und
herzlichen Begrüßungen bei den Familien wurden wir in das Wohnzimmer gebeten.
Wohnzimmer in Afghanistan bestehen aus einem großen roten Teppich, der den
gesamten Boden des Raumes bedeckt. Rundherum ist der Raum mit Polstern
ausgestattet, auf denen man im Schneidersitz Platz nimmt. In der Mitte des
Raumes werden auf dem roten Teppich dann Tee, Gebäck, Obst und die schon
erwähnten Nüsse und sonstigen Knabbereien serviert. Generell nehmen Frauen
und Mädchen nicht an diesen Treffen teil, sie halten sich in dieser Zeit in
anderen Räumen auf. Da nur die wenigsten Häuser mit Strom ausgestattet sind,
werden bei anbrechender Dunkelheit Kerzen oder Gasbrenner angezündet, was der
Situation eine sehr ruhige und angenehme Stimmung verleiht. Der Besuch der
ersten Familie war nicht ganz einfach, da der Vater innerhalb sehr kurzer Zeit
neben seinem Sohn auch seine Ehefrau verloren hat. Trotz dieser besonderen
Situation schlug uns sehr viel Dankbarkeit für die geleistete Hilfe entgegen.


Auf der Fahrt zur zweiten Familie, die wir an diesem Tag noch besuchen wollten,
sind wir wieder in das unglaubliche Verkehrschaos geraten, so dass wir für die
ca. fünf Kilometer lange Strecke über eine Stunde benötigten. Mit
einbrechender Dämmerung wirkt die Kulisse in den Straßen wie in einer Stadt
bei einem Vulkanausbruch. Der unglaubliche Staub, verbunden mit den manchmal
vorhandenen Scheinwerfern der Autos, gibt einen gespenstischen Blick auf die
Straßen und kaputten Häuser. Das Umfahren des Staus hat neben unserem Auto
auch uns selber Alles abverlangt. Schlagloch reihte sich an Schlagloch, der
aufgewirbelte Staub setzte sich überall ab, wo er nicht hingehört. Unsere
körperliche Konstitution wurde erheblich an Ihre Grenzen geführt. Trotz der
sehr ungemütlichen Fahrt gewann teilweise die Müdigkeit die Oberhand, so dass
Alex, Falk und Fatima es schafften, trotz der Unannehmlichkeiten einzuschlafen.
Der Besuch der zweiten Familie gestaltete sich wie schon gehabt. In einer
Männerrunde wurden wir vorzüglich mit Tee, Gebäck und kleinen Spezialitäten
versorgt. Nach diesen ersten Erlebnissen sehnten wir uns sehnlich nach der Ruhe
im Deutschen Hof, wo wir den Tag bei einigen kühlen Getränken ausklingen
lassen konnten. Eine Frage, die uns alle sehr beschäftigte war, was mit
Fatimas Familie los sei. Würde die Familie vielleicht am kommenden Tag
kommen?


:: Freitag, 4. November 2005

Nach einer ruhigen Nacht im deutschen Hof - der Schlaf tat uns allen sehr gut
- haben wir zusammen bei Brot mit pakistanisch parfümierter Marmelade
gefrühstückt. Die Nacht war recht kalt, die Temperatur lag wohl nahe an null
Grad. Doch nun schien schon wieder die Sonne und es wurde langsam wärmer. Beim
Frühstück sprachen wir den Tagesablauf durch. Auf dem Programm standen ca.
zehn Besuche bei ehemaligen Kindern und deren Familien. Für die meisten Kinder
hatten wir auch Pakete und kleine Geschenke aus Deutschland im Gepäck. Unser
Mitarbeiter Sadeq hatte für diesen Tag ein zweites Taxi organisiert, um unsere
europäischen Knochen nicht zu sehr den Strapazen auszusetzen. Vor der Fahrt
checkten wir noch die Lage vor den Toren des Deutschen Hofes. Dort warteten
bereits etliche Familien mit ihren Kindern, die uns treffen wollten. Unsere
Hoffnung, die Eltern von Fatima würden auch dort sein, zerschlugen sich.
Nachdem wir die Familien einzeln eingelassen und mit ihnen gesprochen hatten,
ging die erste Fahrt an diesem Tag wieder quer durch Kabul in ein armes
Wohngebiet, bei dem alle Häuser nur aus Lehm gefertigt waren. Dementsprechend
war auch die Zugangsstraße eine reine Katastrophe. Die meisten Häuser waren
übersäht mit Einschusslöchern. Die Straße und die ganze Umgebung bestand
aus getrocknetem Lehm und Felsen, was unsere Fahrzeuge gehörig durchschütteln
lies. Die Kinder, die in diesem Viertel im Dreck spielten, hatten
größtenteils nur Badeschlappen an, einige liefen auch barfuss. Die Kleidung
der Kinder war sehr alt und abgetragen. Wir wurden von der Familie bereits
erwartet. Die Tochter dieser Familie befindet sich zurzeit in Deutschland zur
Behandlung und die Angehörigen freuten sich sehr, Neuigkeiten über ihre
Tochter zu erfahren, die nach einem Gasunfall schwerste Verbrennungen erlitten
hatte und mittlerweile bereits sechs mal in einer Nürnberger Spezialklinik
operiert worden ist. Nach der offiziellen Begrüßung im klassischen
"Wohnzimmer“ der Familie wurden wir wieder bestens mit den üblichen
Knabbereien eingedeckt. Nichts von diesen angebotenen Leckereien zu essen ist
sehr unhöflich und so aßen wir alle, obwohl wir eigentlich noch keinen Hunger
hatten. Allerdings dachten wir schon an die anderen neun Familien, deren Besuch
uns noch bevorstand. Sollten wir überall soviel Essen müssen??? Das Besondere
beim Besuch dieser Familie war, dass uns neben den üblichen Getränken
(grüner und schwarzer Tee = Tschoi) auch Pepsi-Cola serviert wurde, die
übrigens in Afghanistan sehr lecker und nicht so süß ist, wie bei uns in
Deutschland. Wir kamen und wieder vor wie Staatsgäste und wurden entsprechend
umsorgt, wobei man davon ausgehen kann, dass sich die Familien erheblich in
Unkosten stürzen, um uns "würdig" zu bewirten. Die Familie bzw. der Vater war
sehr glücklich von seiner Tochter zu hören, dass Ihr in Deutschland eine gute
Behandlung widerfährt und Sie "brav“ ist. Interessanterweise kam es bei
unseren Besuchen sehr oft vor, dass uns weitere kranke Kinder der Familie und
aus der Nachbarschaft vorgestellt wurden, die alle medizinische Hilfe
benötigen und diese in Afghanistan nicht erhalten können. So auch in dieser
Familie. Dort wurde uns ein 15-jähriger Junge vorgestellt, der einen schweren
Herzfehler hat. So bekommt der Junge sehr schlecht Luft, sobald er sich
anstrengt. Alle diese Fälle wurden von uns in Patientenakten dokumentiert,
entsprechende Fotos von Alex erstellt und eine Kontaktadresse notiert, bei dem
wir uns melden würden, wenn wir Hilfe anbieten können. Für uns war es
erschreckend zu sehen, wie viele kranke Kinder es überall in Kabul (und in
ganz Afghanistan) gibt. Am liebsten würden wir allen helfen, die
Möglichkeiten dazu sind jedoch leider sehr begrenzt. So fuhren wir im
Halbstundentakt von Familie zu Familie. Überall durften wir reichlich Nüsse,
Pistazien usw. essen und ehrlich gesagt, waren wir bereits nach dem ersten
Besuch schon satt.

An dieser Stelle möchten wir noch einmal auf die Infrastruktur, besonders auf
die Straßen in Kabul zurückkommen. In der Mitte der Straßen und Gassen ist
ein Kanal oder Rinne eingearbeitet, wodurch die Fäkalien der Häuser
abgeleitet werden. Man sollte tunlichst dort nicht hineintreten. Der Geruch
wechselt von erträglich bis hin zum fürchterlichen Gestank. Zwischen den
Lehmhüten sind teilweise kleine Höfe, wo manchmal ein Brunnen vorhanden ist,
die einzige Wasserversorgung für mehrere Häuser. Ist kein Brunnen vorhanden,
müssen die Familien einen öffentlichen Brunnen benutzen. Diese öffentlichen
Brunnen sind meist zentral in einem Bezirk vorhanden, allerdings muss dass
Wasser dann von dort bis zum eigenen Haus geschleppt werden. Auf diesen Höfen
sowie auf der Straße vor den Lehmhütten befindet sich auch der "Spielplatz"
der Kinder. Oft basteln die Kinder Drachen und lassen diese steigen. Mit einem
Blick in den Himmel kann man an vielen Stellen über der Stadt diese Drachen
sehen, die kunstvoll, durch geschicktes Ziehen an den Leinen, in der Luft
gehalten werden. Sowohl Alex als auch Andreas haben erfolglos probiert, die
Drachen in der Luft zu halten. Leider wird der Blick auf die farbenfrohen
Drachen von dem unendlichen Staub in der Luft getrübt. Der Staub ist übrigens
ein echtes Problem. Nicht nur das Material (Fotoequipment...) sondern auch die
Nasen sind nur selten am Tag wirklich sauber. Es sammeln sich wahre
Staubklumpen in der Nase, die man nur sehr schlecht mit Hilfe eines
Taschentuches entfernen kann. Oft endeten diese Reinigungsversuche bei uns mit
Nasenbluten.

Bei den weiteren Familienbesuchen an diesem Tag haben wir etliche ehemalige
Kinder getroffen, die schon einmal in Deutschland zur medizinischen Behandlung
gewesen sind. Vielen von Ihnen konnten wir die mitgebrachten Pakete und Briefe
aus Deutschland weitergeben. Es war sehr erfreulich zu sehen, dass es den
Kindern die wir besuchten, größtenteils sehr gut ging und sie teilweise erst
vom Spielen geholt werden mussten. Die Kurzbesuche (ohne Sit-in) fanden meist
am Rande der Strassen statt. Durch unsere Ankunft wurden sehr viele Kinder und
auch Erwachsene angelockt. So bildete sich immer in kurzer Zeit eine große
Menschentraube um uns herum. Nach ein paar Minuten mussten wir uns immer
schnell in die Autos flüchten und die Flucht ergreifen. Bei einem dieser
Straßenrand-Stopps wurde die Schulter von Fatima aus Versehen im
Kofferraumdeckel unseres Taxis eingeklemmt. Zum Glück war der Schreck größer
als die Verletzung und Andreas konnte das Leid mit Hilfe von Desinfektionsspray
und einem großen Pflaster schnell lindern. Eine kleine Schürfwunde und ein
ordentlicher blauer Fleck waren die Folge. Da Fatima jedoch vor Schmerz und
Schreck sehr laut schrie, waren im Nu ca. 50 Menschen um uns versammelt, die
interessiert zusahen. Schnell ergriffen wir die Flucht, um dieser
Menschenansammlung zu entgehen. Auf der Fahrt zur nächsten Familie haben wir
erlebt, wie ein Radfahrer von einem Kleinbus angefahren wurde. Nach einigen
verbalen Auseinandersetzungen hielten wir die Situation für geklärt, da beide
weiterfuhren. Hundert Meter später allerdings traf man sich offenbar zu einer
weiteren "Aussprache", bei der der Radfahrer mit einer Luftpumpe auf den Fahrer
des Kleinbusses losging. Die Situation wurde wieder von Dutzenden Schaulustigen
umringt. Der Ausgang der Auseinandersetzung haben wir nicht mehr mitbekommen,
da wie schleunigst das Weite gesucht haben. Zum Mittagessen waren wir im Haus
eines Gemüsehändlers eingeladen. Das Haus lag in einem der besseren Distrikte
von Kabul. Die Gassen zum Haus waren alle sauber und hatten einen ordentlich
gemauerten und offenen Abwasserkanal. Das Essen war ebenfalls wieder sehr
delikat und bestand aus verschiedenen Reissorten (besonders der Reis mit
Rosinen ist sehr empfehlenswert) und diversen Fleischsorten. Vorab gab es eine
köstliche aber bis heute nicht identifizierte Suppe. Als "Nachtisch“ wurde
uns neben dem obligatorischen Obst eine Art Pudding serviert. Auch dieser
Nachtisch schmeckte uns sehr gut, allerdings haben wir auf Anraten von Markus
auf die ebenfalls servierte "Quarkspeise" verzichtet, um in den nächsten Tagen
noch handlungsfähig zu sein und unsere Zeit nicht auf der Toilette verbringen
zu müssen.

Zwischen den Kurzbesuchen fragte Fatima uns immer wieder, wann denn ihre Eltern
kommen würden. Leider konnten wir ihr auf diese Frage keine befriedigende
Antwort geben. Einen kleinen Vorteil sahen wir bei den Besuchen der Familien
zusammen mit Fatima jedoch. Wir versuchten, bei jeder Familie, Fatima wieder
ein wenig an ihre Muttersprache zu gewöhnen, was ihr allerdings sehr schwer
fiel. Ein schöner Abschluss dieses Besuch-Marathons war unser Besuch bei einem
Mädchen mit einem bereits operierten verbrannten Bein. Wir wollten uns
erkundigen, inwieweit Sie Ihr Bein bewegen kann. Hierbei stellte sich heraus,
dass das Anwinkeln des Beines im Kniegelenk nur noch zu ca. 5 Prozent möglich
ist. Wir konnten der Familie eine weitere Behandlung ihrer Tochter in
Deutschland anbieten, worüber sich das Mädchen und die Eltern sehr gefreut
haben. Dieses Treffen mit dieser Familie bei Gaslampenschein war das erste
Treffen, bei dem alle Familienmitglieder im Raum anwesend waren. Neben der
Mutter waren auch alle Töchter dort. Ein wirklich seltener Anblick, da
ansonsten die Mütter bzw. Frauen und Mädchen immer versteckt werden, sobald
fremde Männer ins Haus kommen. Die Situation bei Gaslampenlicht wirkte
irgendwie sehr urig. Diese Gaslaternen sind leider jedoch auch oft ein Grund
für die schweren Verbrennungen der Kinder, da entweder die Flaschen aufgrund
der schlechten Qualität explodieren oder die Kleidung Feuer fängt. Besonders
die Mädchen mit Ihren aus Tüchern bestehenden leicht wallenden Kleidern sind
hiervon oft betroffen.

Nach Verabschiedung der Familie wurden wir vom ältesten Sohn dank der Gaslampe
unbeschadet durch die stockfinsteren Gassen und durch den Staub des kleinen
Weges durch die Lehmhütten hindurch zu unseren Autos geführt. Der Heimweg zum
Deutschen Hof gipfelte in dem üblichen abendlichen Stau. Wiederholt standen
unzählige Autos auf den Kreuzungen und keiner konnte oder wollte Platz machen.
Nach ca. einer halben Stunde gelang es unseren Fahrern, eine Lücke zu finden
und dem Chaos zu entgehen. Durch die stockfinstere Nacht und der sehr starken
Staubentwicklung war teilweise lediglich eine Sichtweite von nur zehn Metern
gewährleistet. Eine gute Beschreibung dieser Situation auf den nächtlichen
Straßen Kabuls ist nicht in Worte zu fassen und leider auch nicht mit Fotos
richtig zu dokumentieren. Auf dem Weg zurück in unser Hotel spitzte sich die
Spannung bei Falk und Fatima wieder zu. Sollte die Familie nun in Kabul
angekommen sein, um ihre Tochter wieder in Empfang nehmen zu können? Nach
Ankunft am Deutschen Hof stellte sich hierüber wieder Ernüchterung ein. Es
waren im Lauf des Tages sehr viele Familien mit ihren Kindern zum Hotel
gekommen, nicht jedoch die Familie von Fatima. Mittlerweile hatten wir mit
Hilfe unseres Mitarbeiters eine Satelliten-Telefonnummer eines Mannes aus dem
Dorf der Familie in Shebar, einem kleinen Bergdorf mitten im Hindukush-Gebirge
auf ca. 3400 Höhenmetern, herausgefunden. Falk bat bei einem Telefonat mit
seiner Frau in Deutschland darum, dass sie sich mit diesem Mann in Verbindung
setzen solle, um der Familie die Nachricht von der Rückkehr ihrer Tochter und
der damit verbundenen Bitte, sie abzuholen, zukommen zu lassen.

Den Abend ließen wir im Gasthaus des Deutschen Hofes ausklingen. Neben dem
guten deutschen Bier gab es Schweineschnitzel, was inmitten einer muslimischen
Kultur schon sehr ungewöhnlich ist. Da der Deutsche Hof aber unter deutscher
Leitung ist, hat man wohl hier Möglichkeiten gefunden, dies zu
bewerkstelligen.

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