Henning Lindhoff

​Gaza-Demos in Deutschland: National-Sozialisten und radikale Islamisten im Schulterschluss gegen Israel heute und damals

Der aktuelle Nahost-Konflikt hat Europa erreicht. In Frankreich marschierten bereits mehrere tausend radikale Islamisten über die Straßen der Großstädte Lille, Bordeaux und Marseille. Und in Paris loderte gar die blanke Gewalt. Zwei Synagogen in der Rue de la Roquette und der Rue des Tournelles wurden mit Steinen, Stühlen und Flaschen attackiert. Die Demonstranten schwangen Flaggen der Terror-Organisation Hamas und skandierten unter anderem „Tod den Juden“. Zwei Mitglieder jüdischen Gemeinde wurden verletzt. Im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois wurden gar Molotow-Cocktails auf eine Synagoge geworfen.

Und die Intifada erreicht langsam auch deutschen Boden. Am vergangenen Dienstag zogen bereits 2.000 radikale Israel-Gegner durch die Einkaufsstraßen von Kassel und skandierten „Kindermörder Israel“. Eine kleine Gruppe jüdischer Gegendemonstranten wurde wüst beschimpft und bedroht, wie die „Jüdische Allgemeine“ berichtet. „Wir erleben hier die größte antisemitische Zusammenrottung in Kassel seit 1945“, sagte Jonas Dörge, der Sprecher des Bündnisses gegen Antisemitismus (BgA). Er kritisierte, dass sich Kassels Politprominenz nicht zu den Vorfällen äußern wolle. Im Vorfeld der antisemitischen Demonstration hatte eine spätere Teilnehmerin auf Facebook gepostet: „Wir fangen an, Hitler zu mögen.“ Ilana Katz, Vorsitzende der lokalen Jüdischen Gemeinde sagte: „Die Kasseler Juden haben Angst.“

Sie fürchtet, zukünftige Gottesdienste absagen zu müssen, da eine weitere israelfeindliche Demonstration nur 200 Meter vor ihrer Synagoge stattfinden soll. Dies wäre die erste Absage solcher Art seit der Eröffnung der neuen Synagoge im Jahr 2000.

Wer nimmt an solchen Anti-Israel-Demonstrationen teil? Radikale und gewalttätige Islamisten. Sicherlich. Linke Kollaborateure, die in Israel einen neuen faschistischen Staat entdeckt haben wollen. Bestimmt. Aber auch allerlei Sozialisten-Mischpoke von der rechten Seite (der paläolibertäre Mitstreiter des US-amerikanischen Mises Institute Erik von Kühnelt-Leddihn würde auch sie auf der linken Seite verorten – aber das ist eine andere Geschichte).

Die Kooperation zwischen neuen National-Sozialisten und militanten Islamisten gedeiht, wenn auch zaghaft. So referierte zum Beispiel der ehemalige NPD-Chef Udo Voigt im Jahr 2002 auf einer Veranstaltung der islamistischen Vereinigung Hizb ut-Tahrir in Berlin. Die Hizb ut-Tahrir ging aus der Muslimbruderschaft hervor und strebt ein weltweites Kalifat auf Grundlage der Scharia an.

Im Februar 2003 interviewte NPD-Funktionär Holger Apfel den führenden Repräsentanten der Hizb ut-Tahrir, Shaker Assem. Unter der Überschrift „Palästina von Zionisten befreien!“ schrieb Apfel, heute Gastwirt von „Maravillas Stube“ auf Mallorca, das einen Monat zuvor erfolgte Verbot der Organisation sei „ein politisches Bauernopfer sowie ein Ergebenheitsgruß an die USA und Israel” gewesen.

Am 16. Februar 2003 führte die Jugendorganisation der NPD „Junge Nationaldemokraten” (JN) in Duisburg eine Veranstaltung unter dem Motto „Kein Blut für Öl – Nein zum Krieg” durch. Redner war unter anderem auch Shaker Assem.

Die Partei Die Rechte steht in diesen Tagen ganz eng neben den islamistischen Radikalen und nimmt an den jüngsten Anti-Israel-Demonstrationen teil. Dabei wittern sie eine „Win-Win-Situation für die deutschen Rassisten“, wie der Journalist Patrick Gensing auf publikative.org richtig erkennt: „Sie modernisieren ihr Auftreten und können möglicherweise gesellschaftliche Isolation durchbrechen, gewinnen Verbündete gegen das verhasste Israel – und können gleichzeitig ihren Anhängern die Botschaft vermitteln, sie täten aktiv etwas gegen angebliche Masseneinwanderung.“ Gensing zitiert aus einem Text der Partei: „Auf der einen Seite die Masseneinwanderung nach Deutschland abzulehnen, aber auf der anderen Seite an Demonstrationen teilzunehmen, die auch von in Deutschland lebenden Palästinensern mitgetragen werden, ist deshalb nicht widersprüchlich.“

Dabei hat die Kooperation zwischen deutschen National-Sozialisten und radikalislamistischen Judenhassern durchaus eine lange Tradition, wie der Autor Hamad Abdel-Samad in seinem aktuellen Buch „Der islamische Faschismus“ aufdeckt.

So fand der Gründer der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, im Jahr 1946 lobende Worte für das deutsche NS-Regime. In einer Laudatio auf den Mufti von Jerusalem und NS-Kollaborateur Amin al-Husseini sagte er: „Was für ein Held, was für ein Wunder von Mann. Wir wollen wissen, was die arabische Jugend, Kabinettsminister, reiche Leute und die Fürsten von Palästina, Syrien, Irak, Tunesien, Marokko und Tripolis tun werden, um dieses Helden würdig zu sein, ja dieses Helden, der mit der Hilfe Hitlers und Deutschlands ein Empire herausforderte und gegen den Zionismus kämpfte. Deutschland und Hitler sind nicht mehr, aber Amin al-Husseini wird den Kampf fortsetzen.“

Der Gründer der Muslimbruderschaft war mit Mufti al-Husseini bereits seit 1927 bekannt. Schon damals berieten sich beide über die Gründung einer militanten islamischen Bewegung. al-Huseini residierte später als persönlicher Gast Hitlers in Deutschland. Und seine Kooperation mit dem NS-Regime ist gut dokumentiert. Über die „Endlösung“ sprach er unter anderem mit Adolf Eichmann und Joachim von Ribbentrop. Hitler selbst bat er um Unterstützung bei der Gründung eines arabischen Staates in Palästina. Und auch al-Bannas Muslimbruderschaft scheint von den deutschen National-Sozialisten umfänglich unterstützt worden zu sein, wie Dokumente der britischen Geheimdienste nahelegen. Hamad Abdel-Samad schreibt: „Zweifelsfrei lässt sich belegen, dass Hassan al-Banna ein großer Bewunderer Mussolinis und Hitlers war. Er sah in ihnen fähige Führer, die ihre Länder in eine neue Zeit geführt hätten. Wenn er von den beiden sprach, verwendete er das italienische Wort ‚Duce‘ beziehungsweise den deutschen Begriff ‚Führer‘, um sie zu würdigen.“

Und al-Banna kam regelrecht ins Schwärmen. In einem Artikel schrieb er: „Hitler und Mussolini führten ihre Länder Richtung Einheit, Disziplin, Fortschritt und Macht. Sie setzten Reformen im Inneren durch und verhalfen ihren Ländern zu großem Ansehen nach außen. Sie erweckten Hoffnung in den Seelen und zeigten Mut und Ausdauer. Sie vereinigten die Zerstrittenen unter einer Fahne, unter einem Herrscher.“

Der nackten Gewalt und dem bewaffneten Kampf stand al-Banna von Beginn an überaus positiv gegenüber. So schrieb er zum Beispiel über den Untergang antiker Imperien: „Die früheren Reiche sind zugrunde gegangen, als sie nach Komfort und Wohlstand strebten und den Kampfgeist vernachlässigten. Denn in ihrer Umgebung sind andere Nationen in Erscheinung getreten, die weniger zivilisiert, dafür aber stärker und kampfbereiter waren als sie.“ Und bezogen auf den Charakter des Islam: „Es gibt kaum eine Sure im Koran, wo der Muslim nicht aufgefordert wird, Mut, Ausdauer und Kampfgeist zu zeigen und den Dschihad für die Sache Gottes zu führen.“ Der Militarismus sei prägendes Merkmal des Islam, so al-Banna. Später verbündete sich die noch kleine Muslimbruderschaft in Ägypten mit der ultra-nationalistischen Partei Misr al-Fatah, die im Jahr 1933 nach dem Vorbild der NSDAP organisiert worden war. Ein Mitglied der Misr al-Fatah sollte einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Ägyptens politischen Weg – auch und besonders gegenüber Israel – entscheidend prägen: Gamal Abdel-Nasser, von 1954 bis 1970 ägyptischer Staatspräsident und von 1958 bis 1961 Präsident der panarabischen Konföderation Vereinigte Arabische Republik. Während des Zweiten Weltkriegs kooperierte Nasser mit deutschen und italienischen Geheimdiensten, um die Briten aus Ägypten zu vertreiben. Adolf Hitler spielte dieser Kollaborateur in die Karten. Hitler ließ die Propagandaarbeit in Ägypten intensivieren und die antisemitische Stimmung aufheizen. Hassan al-Banna unterstützte dies wiederum mit seinen Publikationen und versuchte Sympathie für die deutschen National-Sozialisten zu entfachen. Unter anderem verbreitete er das Gerücht, Adolf Hitler wolle zum Islam konvertieren, habe bereits Pilgerfahrt nach Mekka unternommen und nenne sich schon bald Hadsch Mohamed Hitler.

Muslimbruderschaft wie auch Misr al-Fatah stampften paramilitärische Truppen aus dem Boden. In gut versteckten Lagern bewaffneten, kleideten und trainierten sie junge Dschihadisten ganz nach dem Vorbild der Achsenmächte, inklusive brauner Hemden und Schlachtrufen wie „Ägypten, Ägypten über alles“. Die Milizen agierten ähnlich wie Hitlers SA-Orden in Deutschland. Demonstrationen von Andersdenkenden wurden wortwörtlich zerschlagen. Als al-Banna bei den ägyptischen Parlamentswahlen im Jahr 1945 überraschend unterlag, drohte er mit einem Putschversuch à la Mussolini 1922 und Hitler 1923. Doch es kam anders. Mustafa al-Isawi, ein Mitglied der Muslimbruderschaft, erschoss Premierminister Ahmed Maher kurz nachdem dieser im Parlament vorgeschlagen hatte, Japan den Krieg zu erklären. Wenige Tage vor dem Kriegsende sollte eine solche Kriegserklärung Ägyptens Eintrittskarte in die Allianz der Siegermächte bedeuten.

In seinem Buch zitiert Hamad Abdel-Samad den Islamismusexperten Hilmy al-Namnam. Dieser geht davon aus, das Attentat auf Maher sei von Hitlers Schergen initiiert worden. Die deutschen National-Sozialisten und die Muslimbruderschaft hätten damals weitaus enger kooperiert als viele Experten heute annehmen.

Und während anno 1933 eine gleichgeschaltete Presse kein kritisches Wort über solcherlei Kooperationen verlieren durfte, echauffieren sich anno 2014 deutsche Journalisten lieber über die harmlose Gaucho-Gaudi der deutschen Fußball-Gladiatoren, als über „Israel-Kritiker“ zu berichten, die ungeniert Erinnerungen an die Nacht vom 9. November 1938 wecken. Schweigen darüber herrscht im deutschen Blätterwald. Gruselig.

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