Gruner + Jahr Kündigungen: offener Brief einer Journalisten, die Altersarmut fürchtet

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Gabriele Riedle ist langjährige Geo-Redakteurin. Wie andere Journalisten bei Gruner und Jahr wird auch sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Ein offener Brief an die G+J-Vorstandschefin Julia Jäkel. Sie marschiere "geradewegs in die Altersarmut", fürchtet die 56-Jährige. Bei G+J heißt es, Riedle hätte lieber das persönliche Gespräch suchen sollen.

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Sehr geehrte Frau Jäkel,

seit vielen Jahren bin ich als Redakteurin bei GEO oft in ziemlich gefährlichen Gegenden und mit enormem Risiko für Leib und Leben unterwegs. Afghanistan, Jemen, Liberia, Haiti, Darfur, Tschetschenien, Libyen - es gab viele Recherchereisen, deren glücklicher Ausgang keineswegs garantiert war.

Jetzt wurde auch mir die Kündigung angekündigt.

Begründung: Ich sei, da man nun eine “Netzwerkredaktion” der “Schlüsselkompetenzen” einrichten wolle, zu wenig spezialisiert und zu sehr Generalistin (was noch vor Kurzem der Generalschlüssel dazu war, besonders geschätzt zu werden). Die Dienste überall einsetzbarer Leute, die von einem Tag auf den anderen unter Umständen auch in krisenhafte Regionen reisen, kaufe man demnächst günstiger auf dem Markt.

Bei GEO und bei BRIGITTE gibt es eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls von Kündigungsankündigungen betroffen sind. In guter journalistischer Tradition möchte ich versuchen, zu beschreiben, welche Auswirkungen Entscheidungen, die höheren Ortes getroffen werden, auf Einzelne haben. In diesem Fall beispielhaft für mein Leben.

Nicht dass ich dächte, das würde auch nur das Allergeringste ändern. Was ich aber möchte, ist mit diesem offenen Brief klarzumachen, welche – ich muss wirklich sagen: elementaren – Folgen das Kündigungsansinnen, für das Sie mit die Verantwortung tragen, für meine Existenz hat.

Ich bin jetzt 56 Jahre alt, am 30. 9. 2015, also an meinem möglicherweise letzten Arbeitstag, werde ich über 57 und auf den Tag genau 14 Jahre bei GEO fest angestellt gewesen sein.

Ich habe damit schon insofern Pech, weil ich paradoxerweise aus einigen Vergünstigungen herausfalle, die – nicht ohne Grund - sowohl das Arbeitsrecht als auch der mutmaßliche Sozialplan vorsehen. Ab 55, die ich ja längst überschritten habe, beträgt die Kündigungsfrist nämlich eigentlich 12 Monate (statt bis dahin wohl sechs), aber nur im Falle von 15 Jahren Betriebszugehörigkeit, die ich wiederum nur knapp unterschreite, auch wenn ich vor meiner Festanstellung mehrere Jahre als angeblich Freie für GEO gearbeitet habe.

Gleichzeitig sind meine Aussichten auf eine wie auch immer geartete sozialversicherungspflichtige Tätigkeit - nicht nur wegen meines Alters - bekanntlich absolut gleich null. Gerade deshalb, weil ich hochqualifiziert bin und sich der Kreis möglicher Arbeitgeber im deutschsprachigen Raum damit auf eine Handvoll beschränkt. Ein Lokalblatt wird keine ehemalige Geo-Reporterin einstellen.

Nach dem Zeitpunkt meiner möglichen Entlassung werde ich noch ziemlich genau neun Jahre arbeiten müssen, also bis ich 66 bin.

Selbst wenn ich meinen Arbeitsplatz nicht verlöre, würde meine Rente wohl nur sehr knapp reichen. Denn erstens bekomme ich keine Betriebsrente, zweitens hatte ich in meinem ganzen Leben, ähnlich wie viele Frauen, insgesamt nur rund drei Jahre eine volle Stelle (bei der “Woche”). Der Rest war taz (praktisch keine Rentenansprüche), Freiberuflertum (ebenfalls praktisch keine Rentenansprüche), bei GEO sieben Jahre Teilzeit mit 75 %, fünf Jahre mit 50 % und ein Jahr mit 66% (ich hatte meine Arbeitszeit übrigens freiwillig weiter reduziert, um der Redaktion bei ihren Sparbemühungen entgegenzukommen). Da kommt nicht viel zusammen.

Und bei diesen Einkommen blieb auch sonst nichts übrig. Nichts für Ersparnisse, Eigentumswohungen etc., Erbe habe ich auch keines, keine Familie mit minimalem Geld und auch keinen Gatten mit Einkommen oder Vermögen.

Wenigstens zahle ich bisher regelmäßig in eine private Rentenversicherung ein. Das werde ich mir nach einem Arbeitsplatzverlust auch nicht mehr leisten können.

Kurz: Ich marschiere geradewegs in die Altersarmut.

Aber wie überhaupt überleben bis 66?

Die wiederholten Aussagen von Verlagsseite, die Zeiten für Freie seien noch nie so günstig gewesen wie heute, empfinde ich schlicht als Hohn.

Ich bezweifle schon, dass sie für junge, dynamische Männer gilt, die seit Jahren bestens vernetzt sind etc. Denn wir alle wissen, dass ein Markt, der so voll ist mit Freien, die Preise nicht gerade erhöht und auch sonst nirgendwo eine große Neigung zum Geldausgeben besteht.

Vor allem geht es aber auch hier um das Alter.

Es ist schlicht ein Unterschied, ob man sich, sagen wir: als Mann Mitte 30 oder 40 oder als Frau Ende 50 auf den freien Markt begibt, und wir wissen, dass es Jahre dauert, bis man sich das entsprechende Netz aufgebaut hat, das einen auch nur ansatzweise überleben lässt.

Hier meine minimalen Erfahrungen der letzten Jahre: Da ich lange Zeit eine halbe Stelle hatte, und es mir eigentlich erlaubt war, für andere zu schreiben, hatte ich versucht, entsprechende Kontakte zu knüpfen. Mit geringem Erfolg.
Diverse Wichtigmenschen haben überhaupt nicht geantwortet, einer hat mich, ohne abgesagt zu haben, in einem Café sitzen lassen, und eine alte Kollegin bei der Zeit schrieb mir soeben, sie würde sich gerne dafür einsetzen, dass ich “auf die allerdings ziemlich lange Liste der freien Autoren” gesetzt würde, wobei wir von den Honoraren, die die Zeit Freien zahlt, gar nicht sprechen dürfen.

Und was sollte ich den einschlägigen Wichtigmenschen eigentlich erzählen? Ich bin aus der Textredaktion von GEO rausgeflogen, weil ich so eine wahnsinnig tolle Journalistin bin?

So werde auch ich eine der inzwischen schon vielen Kolleginnen und Kollegen werden, die ihren Beruf nur noch unter den denkbar schwierigsten Bedingungen ausüben können, wenn überhaupt.

Ansonsten höre ich immer wieder, ich könnte ja Bücher schreiben. Kann ich. In meinem, Genre, dem literarischen, und als Autorin der sehr angesehenen Anderen Bibliothek bringt das maximal 8000 Euro brutto für 12 oder 13 Monate Arbeit.

Kann sich eigentlich jemand vorstellen, wie es ist, nicht etwa nach dem Abschluss der Journalistenschule, sondern Ende 50 damit anfangen zu müssen, Klinken zu putzen?

Oder wie es ist, nicht mit Ende 20 oder so, sondern mit 57..63...65 von der Hand in den Mund leben zu müssen?

Und wie es überhaupt ist, in meinem Alter plötzlich vor dem Nichts zu stehen? Ohne Vermögen, ohne auch nur die allergeringsten Strukturen, Sicherheiten und Perspektiven, vollkommen auf sich alleine gestellt.

Dass ich in existentielle Not geraten würde, wenn ich meinen Arbeitsplatz verlöre, das war mir immer klar. Aber niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich, bei allem sonstigen Selbstbewusstsein, einmal derartig von Selbstzweifeln und sogar von Scham (!) überfallen werden würde - denn warum trifft es gerade mich?

Da ist dieses nicht wertgeschätzt und ausgestoßen zu werden. Und: Das nahende Ende guter Freundschaften in der Redaktion, die nicht mehr dieselben sein werden unter völlig anderen Voraussetzungen. Und vor allem: das Ende langjähriger äußerst respektvoller kollegialer Beziehungen, und sehr guter Zusammenarbeit mit anderen. Arbeit ist ja nicht nur der Tausch von Dienstleistungen gegen Geld, sondern da ist immer auch etwas Familienartiges, im Guten wie im Problematischen. So viele Menschen, die mir letztlich verloren gehen werden. Nicht, weil etwas Schönes und Neues kommt, sondern durch – ich muss das so sagen: einen Akt der Gewalt.

Schließlich das Bewusstsein, dass alles umsonst war. Nicht nur die jahrzehntelange journalistische Erfahrung, der Hochschulabschluss, die Kenntnis mehrerer Sprachen, die journalistischen und literarischen Preise, die mir in dieser Hinsicht nun nichts mehr nützen. Sondern vor allem auch die enormen persönlichen Risiken, die ich immer wieder eingegangen bin. Dafür ist natürlich keine ewige Dankbarkeit zu erwarten, eine Kündigung aber ganz bestimmt auch nicht.

Frau Jäkel, ich finde, das alles sollten Sie wissen.

Mit freundlichen Grüßen,

Gabriele Riedle

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