++Die boshafte Hilfe an Griechenland++

Hilfe kann ein Segen sein, wenn der Helfende darauf eingeht, was der Hilfesuchende braucht. Eigentlich ganz einfach, weil der Hilfesuchende zumeist sagt, was er benötigt. Für gewöhnlich weiß er recht gut, woran es ihm fehlt. Hilfe kann aber auch boshaft sein, wenn aus der überheblichen Sicht des Helfenden, dem Hilfesuchenden die Hilfe angeboten wird, die der Helfende für richtig hält. Das ist begründet in der grundsätzlichen Sicht auf Hilfe. Während der Hilfesuchende seine Not lindern möchte, sieht der Helfende die Hilfe meist strategischer. Der Hilfesuchende braucht ganz pragmatisch Hilfe um aktuell etwas zu ändern, der Helfende sieht sich zumeist berufen, langfristig die Situation zu ändern um zukünftig nicht mehr in die missliche Situation zu kommen, um Hilfe gebeten zu werden. So ist es auch Griechenland geschehen. Die Hilfe die Europa Griechenland bot, war von ideologischer Bevormundung getragen und zeigte sich in ihren Folgen, als boshaft für das griechische Volk.

Europa hatte einen Plan. Griechenland sollte geholfen werden und zwar entsprechend den, in Europa zur Religion erklärten Regeln der Finanzmärkte, also exakt nach den Gesetzmäßigkeiten des Finanzsystems, das die Griechen zu Hilfesuchende machte. Es konnte nicht gut gehen, die Heiler zu befragen, die zuvor krank machten. Dies ist eine Lehre, die auch Europa aus dem griechischen Desaster ziehen sollte, da es seine Probleme auch, den gleichen zwielichtigen Heilern anvertraut. Versprochen wurde die klassische Win-Win Situation, die wohl populärste Täuschung der kapitalistischer Finanzgesetzmäßigkeit. Europa, als auch die Griechen selbst, sollten von der Sanierung Griechenlands profitieren. Doch die Griechen profitierten nicht und auch die andere europäischen Staaten mussten erkennen, das sie nicht die Gewinner sein werden. In einer kapitalistischen Finanzordnung kann niemand gewinnen, wenn ein anderer nicht verliert und viele Verlierer sind die Sicherheit des Gewinners. Das Ideal einer Win-Win Situationen, beruht auf der Begrenzung der Sicht, auf den Gewinner. Der Verlierer ist nicht deshalb nicht zu sehen, weil es ihn nicht gibt, sondern weil er per Definition einer anderen Ursache zugeordnet wird. Der Verlierer ist immer der wirtschaftliche Schwächere. An der Griechenlandhilfe, waren nicht zwei, sondern drei Akteure beteiligt. Der wirtschaftlich Stärkste waren die Großbanken und Investmentfonds. Sie spielten das politische Europa und Griechenland gegeneinander aus und strichen riesige Gewinne ein, die das griechische Volk unter größten Entbehrungen bezahlen und die europäischen Steuerzahler besichern sollten.

Die Griechen sind selbst schuld, liest man für gewöhnlich in den Zeitungen, die auch sonst gerne hetzerische agieren. Doch wie kam es eigentlich zu diesem Finanzchaos in Griechenland. Sowohl von der Wirtschaftsleistung als auch strukturell war Griechenland kein ebenbürtiger Partner im Europa der wirtschaftlichen Mittelmächte, als es dem Euroraum beitrat. Es erfüllte nicht die Voraussetzungen. Es wird heute bei der Suche nach den Schuldigen gerne vergessen zu erwähnen, das Griechenland sich nicht den Beitritt zum Euro erzwang. Die politische Führung Europas holte die Griechen in den Euroraum. Wissend um die wirtschaftliche Lage Griechenlands und vermessen genug an die eigene wirtschaftliche Omnipotenz zu glauben, wurde das Risiko eingegangen, weil man die maximale Ausweitung der gemeinsamen Währung anstrebte und die geographische rechte untere Ecke unbedingt, sich zugehörig wissen wollte. Damit schuf man sehenden Auges, innerhalb eines finanziell stark gesicherten Raumes, ein wirtschaftliches Gefälle, an dessen unterem Ende, man Griechenland sich selbst überließ. Ein solches Gefälle unter maximaler Absicherung ist die ideale Spielwiese für Finanzspekulationen und so zog Griechenland weltweit die Finanzinvestoren an. Nur hier ließ sich maximaler Gewinn mit höchst möglicher Absicherung erzielen. Griechenland war verpflichtet die europäischen Standards zu halten, verfügte aber nicht über eine ausreichend leistungsfähige Wirtschaft dafür. Hilfeersuchen an Europa wurden mit halbherzigen Programmen beantwortet, die allesamt nicht geeignet waren, die Situation zu verbessern. Es blieb nur der Schritt, über Kredite das zu gewährleisten, was Europa und auch die eigene Bevölkerung forderte und die lieferten Großbanken und Investmentfonds. Sie gaben diese Kredite auch, als sie bereits wussten, das sie nicht zurück gezahlt werden können und verdienten sich goldene Nasen an den Zinsen. Sie brauchten keine Angst vor Verlusten zu haben, denn letztlich ist der gesamte Währungsraum des Euro gezwungen Verluste auszugleichen. Wie recht sie mit dieser Annahme hatten, sehen wir heute.

Als die griechische Situation so dramatisch wurde, das die europäischen Partner um die Kreditwürdigkeit des gesamten Euros fürchten mussten, galt es als erste Politikerpflicht, den Gedanken nicht publik werden zu lassen, dass man der Großfinanz nicht nur schutzlos ausgeliefert ist, sondern auch nicht mehr Herr im eigenen Hause ist. Strafe muss sein um das Gerechtigkeitsempfinden des Volkes nicht zu stören und wenn der Täter zu groß und zu mächtig ist, um ihn seiner Strafe zuzuführen, muss um des sozialen Friedens willen, eben ein Täter gefunden werden, den man bestrafen kann. Dieser Täter in zweiter Reihe wurde Griechenland und die boshafte Hilfe, aus der Position des, wir helfen trotzdem, obwohl ihr alles falsch gemacht habt, nahm ihren Lauf. Es ist die Moral des Kapitalismus, in der Rechte auf Geld begründet werden, die Griechenland in die Position des Bittstellers abschob. Wer kein Geld hat, kann sich auf viele sonst so selbstverständliche Rechte nicht mehr berufen, er hat das Recht verwirkt sich zu beschweren. Griechenland beugte sich dieser Moral und ertrug fünf Jahre die Boshaftigkeit der Hilfe.

Was sonst, außer Boshaftigkeit hätten die Griechen erkennen können, als sie zuschauen mussten, wie sie ihre Jugend verloren, als 60% der jungen Griechen in perspektivlose Arbeitslosigkeit entglitten. Wie würden Sie reagieren wenn Ihre Löhne und Renten um 30-40 % gekürzt würden? Würden Sie zum Schutz von Großbanken und Investoren, also dem Bestandsschutz von Reichtum akzeptieren, wenn die Kindersterblichkeit, wie die Selbstmordrate um 45 % nach oben schnellen? Würden Sie in Deutschland akzeptieren, das bis zu 50 % der Menschen sinnlos an Krankheiten leiden und sterben, weil sie keine Krankenversicherungen mehr haben, um die Gewinne ausländischer Großbanken zu retten? Wir haben das von den Griechen verlangt und sie haben es fünf Jahre ertragen.

Von Politikern ist das Leid des griechischen Volkes gerne verschwiegen worden. Niemand wollte seine politische Karriere mit diesen Grausamkeiten beflecken. Dafür durften wir hören, das es nur eine vorübergehende Phase der Einschränkungen sei, die nun einmal ertragen werden müsste, damit es dann alles besser wird und dieser gute Weg sei ja deutlich zu erkennen. Das ist an Zynismus kaum zu überbieten. Nicht nur das die soziale Grausamkeit gegenüber einem gesamten Volk herunter gespielt wird, sondern auch weil sie möglich ist, in diesem reichen, ach so humanitären und vorzeigedemokratischen Europa. Zumindest sollte es in Griechenland, so hörte man noch vor einer Woche, wieder bergauf gehen, die Hilfe habe auch tatsächlich geholfen. Nicht einmal diese Aussage lässt sich bestätigen, auch hier ist das Gegenteil der Fall. Als die Griechenlandhilfe begann, befand sich Athen der Definition nach, in einer Staatsschuldenkrise, da es mit mehr als 120 % des Bruttoinlandsproduktes verschuldet war. Heute, fünf Jahre europäische Hilfe und Grausamkeiten später, sind die Staatsschulden Griechenlands nicht gesunken. Im Gegenteil stiegen sie um über 40 % an, von zu Beginn 120 Milliarden Euro, auf nunmehr 170 Milliarden.

Wie konnte das geschehen? Griechenland bestimmte doch nicht mehr über seine Ausgaben, die wurden vom Internationalen Währungsfonds diktiert. Wie konnte das übersehen werden? Griechenland musste doch seine Einnahmen und Ausgaben regelmäßig von der Troika prüfen lassen und stand unter der permanenten Kontrolle der Europäischen Zentralbank. Wie konnte das griechische Volk Not leiden bei 120 Milliarden Euro Schulden, wenn es 200 Milliarden Euro Hilfszahlungen erhalten hat? Es müsste somit schon lange schuldenfrei sein. Es lässt sich wirklich nicht mit Dummheit erklären, sondern lässt nur Absicht als Begründung zu. Es gab zu keinem Zeitpunkt, den caritativen Geist der Absicht dem griechischen Volk zu helfen. Ausschließlich dem Euro und damit den Großbanken und Investmentfonds sollte geholfen werden und wenn das auch dem griechischen Volk helfen würde, dann allenfalls als positiver Nebeneffekt. So gingen konsequenter Weise, von 200 Milliarden Hilfszahlungen 160 Milliarden ohne auch nur den Umweg über Griechenland zu nehmen, direkt an die Großbanken und Investmentfonds. Griechenland wurde es aber in die Bilanzen geschrieben, als hätten sie es ausgegeben. So schafft man das unmögliche und fasst auch noch einem nackten Mann in die Tasche. Der Effekt war, die Belastungen für Griechenland wurden nicht kleiner, sondern größer und mit ihnen der europäische Sparzwang. Die verbleibenden 40 Milliarden wurden sinnvoll investiert, zumindest aus Sicht des geldgebenden Helfers. Auch hier ging das Geld nicht an die griechische Bevölkerung, deren Sozialsysteme sich in Auflösung befanden, sondern es wurden Wirtschafts- und Infrastrukturprojekte vorfinanzierte, die ausnahmslos durch nicht griechische Wirtschaftsunternehmen betrieben werden. Ein verstecktes Konjunkturprogramm für die Wirtschaften der Geldgeberländer und wieder in den Bilanzen Griechenlands verewigt, als hätten sie es bezahlt. Nach geltender Meinung der Politik, ist ein Schuldenschnitt undenkbar und die Griechen werden das alles abzahlen müssen, die nächsten 80 oder 90 Jahre.

Natürlich gibt es auch in Griechenland Menschen, die sich gerne über Gebühr vom Staat bezuschussen lassen. Aber das was zu viele Beamte, zu teure Putzfrauen oder was sonst noch alles durch die Presse geistert, dem griechischen Staat an Belastung bringen, sind die sprichwörtlichen Peanuts, in Bezug auf die Maschinerie die ihn systematisch ausraubt. Gerne werden auch die griechischen Reeder in der Vordergrund gerückt, als Beweis für die Inkompetenz des griechischen Staates, weil sie keine Steuern zahlen. Im Rest Europas machen das die Großkonzerne genauso und man lässt sie in ihrer Steuerflucht gewähren, weil sie die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen. So machen es auch die Griechen, doch ihnen möchte man es gerne verbieten, in der Hoffnung, die dann flüchtenden Reeder selbst aufnehmen zu können. Besonders Lebensfremd ist der Versuch, eine steigende griechische Steuerunwilligkeit zu bemängeln. Die ist zwar vorhanden aber vollkommen verständlich. Was würden Sie machen, wenn Sie von der Hand in den Mund leben müssten? Brot kaufen oder Steuern zahlen?

Griechenland beschreitet nun einen neuen Weg und will sich von der boshaften Hilfe Europas befreien. Europa wird alles in seiner Macht stehende tun, einen Erfolg auf diesem Weg zu verhindern. Denn sollte Griechenland Erfolg auf diesem Weg haben, wird Europa erklären müssen, warum es diesen Weg nicht will und das wird weder den Großbanken noch den Investmentfonds gefallen. Es ist ihr befinden, das Europa seit seinem Bestehen am wichtigsten war.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren