Der beunruhigte Adler kreist um den Drachen

John V. Walsh

  Der chinesische Premierminister Wen Jibao versetzte Presse und Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika mit Stellungnahmen bei seinem jährlichen Treffen mit der Presse in Aufregung. Die New York Times mosert auf Seite eins, dass China die hinterhältige Taktik des „die Regeln Einsetzens” im internationalen Handel zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Paul Krugman, ein immer schrillerer ökonomischer Chauvinist, bellt in einer Kolumne unter dem Titel „China aufs Korn genommen,“ dass „etwas unternommen werden muss.“ China bedroht die Erholung der Welt von der Krise, heult er, wobei er die Tatsache ignoriert, dass besagte Krise in Wall Street gerade hier in den guten alten Vereinigten Staaten von Amerika eingefädelt wurde und dass China gerade rechtzeitig ein Konjunkturpaket produziert hat, das wohl mehr als alles andere beigetragen hat, uns vom Abgrund der Depression zurückzureißen. Indem er 25% Strafzoll auf chinesische Güter fordert, scheint uns Feldmarschall Krugman in einen Wirtschaftskrieg führen zu wollen mit all den furchtbaren Folgen, die dieser mit sich bringen könnte.

General Krugman erwähnte auch nicht, dass etwa 60% von Chinas Exporten in Unternehmen produziert werden, die in amerikanischem Besitz stehen, ein Phänomen, auf das Paul Craig Roberts wiederholt aufmerksam gemacht hat. Innerhalb von Stunden verfassten 130 Kongressabgeordnete beider Fraktionen der herrschenden Partei, verlässliche Soldaten in dem Wirtschaftskrieg, den Krugman vor Augen hat, mit uncharakteristischer Eile einen Brief, in dem eben diese Art verheerender Zölle gefordert wird. Um von all dieser Aufregung loszukommen und einen Überblick über die Positionen Chinas und des amerikanischen Imperiums in der Welt zu bekommen, sollten wir uns ein paar Zahlen ansehen. Die jährliche Summe aller Bruttoinlandsprodukte der Erde liegt derzeit bei rund US$ 60 Billionen. Das der Vereinigten Staaten von Amerika beträgt ca. US$ 14 Billionen, ein atemberaubendes Viertel des Ganzen, von dem mindestens US$ 1 Billion für „nationale Sicherheit“ ausgegeben wird, hauptsächlich für die Kriegswerkzeuge des Pentagon.

Die zweit- und drittgrößten Bruttoinlandsprodukte auf dem Planeten sind die von Japan und China, jedes etwas weniger als US$ 5 Billionen und zusammen nur rund zwei Drittel des BIP der Vereinigten Staaten von Amerika. Das amerikanische Imperium beruht also auf einer fabelhaft reichen Wirtschaft, einem Zeugnis der unerreichten Macht des Kapitalismus. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten von Amerika ist weit voraus und wird es noch lange bleiben, falls es nicht zu einer größeren unvorhergesehenen Katastrophe kommt. Noch aufschlussreicher ist der pro Kopf-Vergleich der BIPs. Da Chinas Bevölkerung etwa viermal so groß ist wie die der Vereinigten Staaten von Amerika, macht das pro Kopf-BIP etwa 10% von dem der Vereinigten Staaten von Amerika aus. Kein Wunder, dass Wen Jibao betonte, dass es 100 Jahre dauern werde, bis China den Entwicklungsstand der reichen westlichen Länder erreicht. China ist nicht mehr so erbärmlich arm wie vor seiner Revolution, aber es ist nicht reich, und wenn die Vereinigten Staaten von Amerika auf so ein Land losgehen, das einen weit niedrigeren Lebensstandard hat, hat das den Beigeschmack von sehr hässlichen Terrormethoden und Brutalität.

Bei der Abwägung der Positionierung von China und den Vereinigten Staaten von Amerika kommt man auch nicht um die tausenden Jahre Kultur herum. Im Fall Europas und der Vereinigten Staaten von Amerika war diese Kultur imperialistisch und kolonialistisch. Als Kolumbus seine Reisen antrat, wurde eine ganz neue Epoche im europäischen Expansionismus eröffnet. Die Vereinigten Staaten von Amerika beteiligten sich an dieser Ausplünderung von über dem Meer gelegenen Ländern endgültig ab dem Ende des spanisch-amerikanischen Krieges mit der Einverleibung von Kuba, Hawaii, und besonders brutal und beachtenswert, den Philippinen.

Ganz im Gegensatz dazu hat China eine Geschichte der Verteidigung, die sich über viele tausend Jahre nach der Konsolidierung des Reichs der Mitte erstreckt. China musste immer mit Invasoren von außen, üblicherweise aus dem Norden oder Westen fertig werden, eine Tatsache, die seine Mentalität prägte. Die letzten Invasoren kamen jedenfalls über das Meer aus dem Osten, aus Europa und Amerika. Fast ein Jahrhundert, bevor Kolumbus Segel setzte, entsandte der Ming-Kaiser den Seefahrer Zheng He an der Spitze einer Flotte von 200 Schiffen, die die mickrigen Schiffe in den Schatten stellten, die die europäischen Forscher später verwendeten. Im Lauf von 28 Jahren erreichte Zheng 30 Länder, einschließlich Indien, die ostafrikanische Küste, das Rote Meer und vielleicht noch viel weiter entfernte Gebiete. Aber die Chinesen kolonialisierten nicht, von Eroberungen gar nicht zu reden. Die Chinesen waren immer eifrige Händler, aber keine Eroberer. Die Seidenstraße und nicht Kreuzzüge waren die Markierungen, die sie in Eurasien hinterließen.

Während General Krugman und seine nicht weniger tollwütigen Truppen im Kongress heulen, dass China die Vereinigten Staaten von Amerika bedroht, ist genau das Gegenteil der Fall. Daran kann kaum ein Zweifel bestehen. Erklärte Politik der Vereinigten Staaten von Amerika ist die militärische und politische Beherrschung der Erde. In der Tat können diese beiden Ziele nicht getrennt werden, nachdem Reichtum der Schlüssel zu militärischer Macht ist. In Übereinstimmung mit seiner Geschichte einer defensiven Haltung zeigt China bis jetzt keinerlei Tendenz, militärische Dominanz anzustreben. Chinas Politik ist es, keine Militärbasen im Ausland zu unterhalten, und es hat auch keine. Und natürlich vertragen sich militärische Ausgaben nicht mit Investitionen, die den Lebensstandard heben - dieses Mandat hat die chinesische Regierung akzeptiert, um das Mandat des Himmels zu behalten.

Politik der Vereinigten Staaten von Amerika ist es, China „einzudämmen”. Was heißt das genau? Im Wirtschaftsbereich bedeutet das Zölle oder schlimmeres. Im militärischen Bereich, immer der starken Seite des U.S.-Imperiums, bedeutet „Eindämmen“ die Errichtung einer Großen Mauer von Allianzen und Militärbasen rund um China. In diesem Zusammenhang bekommen die Kriege der Vereinigten Staaten von Amerika in Zentralasien eine Bedeutung jenseits der einfachen Ziele, Zugang zu Energiereserven zu bekommen und so viele arabische und muslimische Länder wie möglich zu zerstören, sie in Klientenstaaten umzuwandeln, um Israels Forderungen zu befriedigen. Einige in der chinesischen Armee haben wachsende Unruhe über diese Entwicklung ausgedrückt. Aber über die wachsenden Militärbasen und Allianzen der Vereinigten Staaten von Amerika in Zentralasien hinaus bedürfte eine militärische Konfrontation, sollte es zu einer kommen, eines Verbündeten der Vereinigten Staaten von Amerika mit einer riesigen Reserve von Menschen. Daher entwickeln die Vereinigten Staaten von Amerika mit der Hilfe Israels eine sich immer weiter vertiefende Allianz mit dem bevölkerungsreichen und von Armut geplagten Indien mit einer Bevölkerung von 1,1 Milliarden, wie Vijay Prashad in seinem ausgezeichneten Buch Namaste Sharon beschreibt. China versucht, dieser Allianz durch die Taktik der Entwicklung festerer Beziehungen mit Indien entgegenzuwirken. Hier folgt China der libertären Theorie, dass Armeen die Grenzen nicht überschreiten, wenn das der Handel tut. Indien militärisch gegen China auszuspielen würde jedenfalls menschliches Leid und Schlächtereien in einem Ausmaß ärger als im Zweiten Weltkrieg hervorufen.

Um wirtschaftlich die Nummer eins zu bleiben, haben die Vereinigten Staaten von Amerika keine andere Möglichkeit, als Chinas Entwicklung anzuhalten oder auf ein Kriechtempo herabzubremsen, mit welchen Mitteln auch immer. Ein Weg wäre, seine Energieversorgung abzuwürgen. Ein anderer wäre, es zu lähmenden Militärausgaben zu zwingen. Oder beides. Es stimmt, dass die chinesische Wirtschaft weniger als ein Drittel von der der Vereinigten Staaten von Amerika ausmacht, die chinesische Wachstumsrate ist jedoch viel größer. Nehmen wir wieder die Zahlen. Wenn China im Jahr 8% und die Vereinigten Staaten von Amerika 3,5% wachsen können, dann wird China in 25 Jahren die Vereinigten Staaten von Amerika wirtschaftlich überholen. Unmöglich? Vielleicht, aber China hat einen riesigen Binnenmarkt mit einer gewaltigen Nachfrage, die das Potential hat, lange Zeit für hohe Wachstumsraten zu sorgen. 25 Jahre ist historisch betrachtet ein Augenzwinkern, und sicher wissen die Planer und strategischen Denker der Vereinigten Staaten von Amerika, dass die Zeit kurz ist, um China auf seinem Weg aufzuhalten.

Aber eine derartige Anstrengung, falls sie Erfolg hat, wird dazu führen, dass das pro Kopf-BIP Chinas auf einem sehr niedrigen Stand bleibt. Damit also das Imperium der Vereinigten Staaten von Amerika Nummer eins bleibt, muss es sicher stellen, dass das Fünftel der Menschheit, das das Reich der Mitte bewohnt, in Armut gehalten wird, abgeschnitten von den höheren Lebensstandards, deren sich der Westen erfreut. Wie immer man das auch betrachtet, diese Politik ist ein ungeheures Verbrechen gegen die Menschlichkeit, egal ob sie militärisch oder „nur“ mit ökonomischen Maßnahmen betrieben wird.

Erschienen am 17. März 2010 auf > http://www.antiwar.com > http://original.antiwar.com/john-v-walsh/2010/03/16/the-panicky-eagle-circles-the-dragon/