Reisebericht

Sachsen und- Sachsen-Anhalt - Reiseberichte über Tagesausflüge

Sachsen: Görlitz, Bautzen
Sachsen-Anhalt: Halle an der Saale, Wörlitzer Park, Lutherstadt Wittenberg, BAUHAUS-Stadt Dessau

Görlitz an der Neiße und Bautzen an der Spree

Tagesausflug zu zwei historischen Städten im November 2003. Ein Reisebericht von Anke Schlingemann & Detlef Hälker

An einem schönen Wochenende im November 2003 waren wir mal wieder in Ausflugstimmung. Wir hatten noch die Schwärmereien von Ankes Eltern im Ohr, die von der schönen Stadt Görlitz ganz begeistert waren und schon stand das Ziel unseres Tagesausfluges fest.

Die östlichste Stadt Deutschlands ist knapp 300 km von Berlin entfernt. Entfernungsmässig ist es kaum ein Unterschied, ob man über Cottbus oder Dresden fährt, letzteres hat jedoch die bessere Autobahnanbindung.

Zunächst steuern wir die schon von weitem sichtbare ca. 420 m hohe Landeskrone an, Hausberg und Wahrzeichen der Stadt Görlitz. Auf dem Gipfel stehen Reste einer mittelalterlichen Burg, in der sich heute die 1869 gegründete Landskronbrauerei befindet. Vom Aussichtsturm hat man einen guten Ausblick auf Görlitz und das umliegende Land. Bei guter Sicht, die wir leider nicht haben, soll die Aussicht bis zum Riesen- und Isergebirgskamm reichen.

Geschichte und Allgemeines zur Stadt Görlitz

Durch seine Lage an der alten Handelsstraße "via regia" (Hohe Strasse), einem der ältesten und bedeutendsten europäischen Handelswege und eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen, hatte Görlitz einen entscheidenden Standortfaktor. Um 1220 entstand im Bereich des heutigen Untermarktes die Stadt Görlitz als Handelsplatz von Fernhändlern, die Tuche und das Tuchfärbmittel Waid aus Thüringen nach Osteuropa ausführten und Pelze, Wachs und Honig zurückbrachten. Im Jahre 1250 wurde Görlitz um den heutigen Obermarkt, der zum neuen, großen Handelsplatz der Stadt wurde, erweitert. Am Ende des 13. Jh. umschloss ein Mauerring die Stadt, die heute als historische Altstadt den ältesten Teil der Stadt Görlitz darstellt.

Der historische Altstadtkern zeugt davon, dass die Stadt im Spätmittelalter eine Blütezeit als Handelsstadt hatte und kulturelle Metropole dieser Region war. Kriege um die Vorherrschaft in Europa beendeten die erste Blütezeit. Die Stadt litt und verkümmerte an den Folgen des Dreißigjährigen Krieges und den Kriegen um Schlesien sowie den Napoleonischen Eroberungszügen.

Zu Beginn der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts setzte auch in Görlitz die industrielle Revolution ein, durch die die Stadt erneut aufblühte. Dieser Veränderungsprozess erfasste zunächst die für die Stadt traditionelle Tuchherstellung, führte jedoch auch zur Gründung neuer Wirtschaftszweige, vor allem von Waggonbau- und Maschinenbaubetrieben. Görlitz war im 19. Jahrhundert die reichste Stadt Deutschlands. Die Lage der Stadt vor den Toren des Riesengebirges, die ausgedehnten und gepflegten Parkanlagen sowie eine günstige Steuerpolitik ließen Rentiers und Pensionäre ihren Alterssitz nach Görlitz verlegen.

Görlitz blieb in beiden Weltkriegen zwar unzerstört, doch der stetige Aufstieg wurde unterbrochen. Durch das Potsdamer Abkommen verlor Görlitz 1945 die Oststadt und den östlichen Landkreis und wurde in einen polnische Teil (Zgorzelec) und in einen deutschen Teil getrennt; die Lausitzer Neiße wird als Grenze zwischen Polen und Deutschland bestimmt.

Seit 1990 gehört die östlichste Stadt Deutschlands, die exakt auf dem 15. Meridian (Mitteleuropäische Zeitrechnung) liegt, zum Freistaat Sachsen.

Görlitz galt seinerzeit als eine der schönsten Städte Deutschlands. Es gibt über 1.600 unter Denkmalschutz stehende Gebäude, die leider zu DDR-Zeiten arg vernachlässigt wurden. 1991 wird Görlitz zur Modellstadt der Altstadtsanierung. Inzwischen wurden viele Gebäude wieder aufwändig sarniert. Görlitz bewirbt sich als europäische Kulturhauptstadt 2010!


Görlitz - Brückenstadt an der Neiße

Unseren Stadtrundgang durch die historische Altstadt beginnen wir am Kaisertrutz. Er gehörte als Teil des westlichen Stadttores zur Stadtmauer. Im Dreißigjährigen Krieg trotzten in dem gleichzeitig als Festungsanlage dienenden Bau die Schweden dem Ansturm kaiserlicher Truppen. Daher der der Name des 1490 erbauten Rondells.

Der gleich gegenüberliegende Reichenbacher Turm war bis 1904 noch vor einem Türmer bewohnt. Er gilt als der schönste Görlitzer Wehrturm und wird von einer barocken Haube gekrönt.

Am imposanten Bau des Görlitzer Theater vorbei kommen wir zur Annenschule. Das ehemalige Armen-, Zucht- und Waisenhaus wurde 1900 abgerissen und durch das heutige Gymnasium ersetzt. Mit der Schule verbunden ist die Annenkapelle, mit dessen Bau 1508 durch den Bürgerlichen Hans Frenzel erbaut wurde. Dieser wünschte sich nichts sehnlicher einen Sohn und gelobte der Heiligen Anna: „Wenn nun seine Frau ihm einen Jungen gebar, so baute er ihr eine Kapelle.“ Zu dieser Zeit war es nicht üblich, dass ein Bürgerlicher eine Kirche baute und so hatte er mit zahlreichen Widerständen zu kämpfen.

Gegenüber der Annenschule steht ein Rundturm, der aufgrund seiner Mauerstärke von bis zu 5 Metern Dicker Turm genannt wird.

Von hier aus sieht man bereits das imposante Gebäude des Karstadt-Warenhauses. Das 1912/13 entstandene Kaufhaus ist das einzige im Originalzustand erhaltene Großkaufhaus früherer deutscher Warenhausarchitektur. Es lohnt sich einen Blick hinein zu werfen. Um das Warenhaus mit viel Licht und Helligkeit auszustatten, wurde das Dach aus Glas erbaut. Die Gestaltung des bunten Glasdaches erinnert an die frühe Jugendstilarchitektur. Auch heute gibt es hier keine Rolltreppen. In das obere Stockwerk gelangt man über breite Treppenaufgänge.

Unser nächstes Ziel ist der Untermarkt, hier befinden sich die bedeutendsten Patrizierhäuser der Stadt. Hier kann man einige Görlitzer Hallenhäuser, ein im 15. Jh. entwickelter eigenständiger Haustyp, bewundern. Von der Straße gelangt man durch ein prächtiges Portal, als Durchfahrt geeignet, in die hausbreite und eineinhalb Geschoss hohe Eingangshalle. Sie diente dem Umschlag, der Präsentation und dem Verkauf von Waren, war aber sicher auch Schankraum dieser brauberechtigten Häuser.

Mitten auf dem Platz steht der Neptunbrunnen. Der als Zeile bekannte Häuserblock zeigt im rechten Teil die Waage, den Ort, wo alle Waren gewogen und verzollt wurden. Das zunächst im gotischen Stil errichtete Gebäude wurde später im Renaissance-Stil aufgestockt. Auf den Konsolen des Gebäudes befinden sich Skulpturen bedeutender Görlitzer.

Gegenüber steht das älteste 1526 von Wendel Roskopf erbaute Bürgerhaus deutscher Renaissancebaukunst, der Schönhof. Zur Zeit wird das Gebäude noch restauriert und soll später Sitz des Schlesischen Museums zu Görlitz werden. Dem Schönhof schließen sich die Langen Läuben an. Sie sind im gotischen Stil errichtet, während die Fassaden der Häuser im Barock- bzw. Renaissancestil umgebaut worden sind.

Ebenfalls von Wendel Roskopf wurde die geschwungene und über Görlitz hinaus berühmte Rathaustreppe im Jahre 1537/39 geschaffen. Die Justitia - ohne Augenbinde - als Wahrzeichen der hohen Gerichtsbarkeit der Stadt aufgestellt, kam erst 1591 hinzu. Eine originelle Besonderheit bietet die untere der beiden Uhren am Rathausturm, die mit der Einführung des 12-Stunden-Zifferblattes angebracht wurde: In der Mitte der Uhr befindet sich ein Männerkopf, dessen Kinnlade zu jeder Minute hinunterklappt. Diesem ältesten Teil des Rathauses folgen die Münze, ein Renaissancegebäude von 1556 und das neue Rathaus aus den Jahren 1902/03, auf dem die Wappen der dem Sechsstädtebund angehörenden Städte zu sehen sind.

An der Rückseite der Zeile steht die 1706 errichtete Alte Börse. Sehenswert ist das Barockportal inmitten einer sonst schlichten Fassade. 1784 wurden in diesem Haus eine erste öffentliche Bibliothek sowie ein Museum eingerichtet. Eine Attraktion ist das gegenüberliegende spätgotische Portal des Hauses Untermarkt 22. Er erhielt den Namen Flüsterbogen, weil die auf einer Seite in die Hohlkehle geflüsterten Worte für den Lauscher auf der anderen Seite deutlich vernehmbar sind. Wir haben leider nicht ausprobiert, ob es wirklich funktioniert, da der Andrang einer Gruppe ziemlich groß war.

Etwas weiter steht die ehemalige Ratsapotheke, ein Renaissancebau von 1550 mit einer schönen Sonnenuhr. Das 1722 über spätgotischen Arkaden errichteten Gasthaus Brauner Hirsch war im 18. Jh. geistiger Mittelpunkt der Stadt. Hier erklangen die ersten öffentlichen Konzerte in Görlitz, selbst Johann Wolfgang von Goethe stieg schon in diesem Hause ab. Direkt daneben fällt das Barockportal des Hauses Neißstraße 30 auf.

Der Neisstrasse folgen wir weiter in Richtung Neiße und kommen am Biblischen Haus (Neißstraße 29) vorbei, dessen Sandstein-Fassade mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament geschmückt ist. An der Neisse gibt es ein Schleusenhaus, von der Terrasse aus werfen wir einen Blick auf die polnische Nachbarstadt Zgorzelec, die jedoch einen grauen und tristen Anblick bietet. Vorbereitend auf die EU-Erweiterung wird hier bereits an einer Brücke gearbeitet.

Hinter uns liegt das Waidhaus und die Peterskirche, zu der ein etwas steiler ansteigende Weg hinauf führt. Als Nachfolgebau einer dreischiffigen Pfeilerbasilika entstand im 15. Jahrhundert eine repräsentative fünfschiffige Hallenkirche, die leider geschlossen ist. Neben der Peterskirche steht das Waid- oder Renthaus, der älteste Görlitzer Profanbau. Seinen Namen erhielt das Gebäude, da es als Lagerplatz für Waid - einem blauen Farbstoff zum Färben der Tuche - und Getreide genutzt wurde. Ursprünglich gehörte das Waidhaus zur alten Burg, die sich 1126 hinter der Peterskirche erhob.

Durch die Nikolaistraße gehen wir auf den Nikolaiturm zu. Er steht als letzter Teil einer Stadttoranlage, die 1848 beseitigt wurde.

Als nächstes steuern wir den Obermarkt an, der Jahrhunderte lang dem Getreide- und Salzhandel diente. Er wird auf der Nordseite von zahlreichen Barockbauten gesäumt, die nach Vorbildern in Dresden und Leipzig errichtet wurden. Eines der schönsten Häuser ist die Nummer 29. Es trägt auch den Namen Napoleon-Haus, da Kaiser Napoleon vom Balkon des Hauses im Jahre 1813 eine Heerschau seiner Truppen abgehalten haben soll. In dem früher u. a. als Herberge dienenden Gebäude übernachteten zahlreiche bedeutende Gäste, worauf eine am Haus angebrachte Tafel hinweist. Wenige Meter weiter links erinnert die Verrätergasse an das Vorhaben der Görlitzer Tuchmacher, den Stadtrat zu stürzen. Der Plan wurde entdeckt und viele der Tuchmacher aus der Stadt vertrieben oder hingerichtet.

Genau gegenüber ist die frisch verputzte Fassade der Dreifaltigkeitskirche nicht zu übersehen. Die alte Klosterkirche der Franziskaner (1234 bis 1245) wurde im 14. und 15. Jahrhundert zur jetzigen Raumform erweitert und umgebaut. Das Inventar des Hauptraumes zählt zum wertvollsten Görlitzer Kirchen- und Kunstbesitz.

Von hier ist es nicht mehr weit zu einem der zentralen Plätze im Görlitzer Stadtzentrum - dem Görlitzer Postplatz. Der 1887 als "schönster Brunnen Schlesiens" eingeweihte Kunstbrunnen in der Mitte des Platzes bekam auf Grund der bronzenen Frauenfigur, die eine Muschel über dem Kopf trägt, im Volksmund den Namen MUSCHELMINNA – im Winter ist dieser jedoch eingerüstet. Gut gefällt uns ebenfalls das Gebäude des Postamtes.

Zum Abschluss unseres Görlitz-Besuchs begeben wir uns noch auf die Suche nach dem Meridianstein, der unweit der Stadthalle im Stadtpark liegt. Der Findling markiert den Verlauf des 15. Meridians, der durch Görlitz verläuft, so dass hier exakt mitteleuropäische Zeit gemessen wird. Über eine Brücke neben der Stadthalle kann man in den Ostteil der früher ungeteilten Stadt - nach Zgorzelec – gelangen.

Damit beenden wir unseren Besuch der geschichtsträchtigen Neiße-Stadt. Zurück nach Berlin fahren wir diesmal über Dresden und legen noch einen Zwischenstopp in Bautzen ein.


Bautzen – das sächsische Nürnberg

Schon bei der Anfahrt über die Friedensbrücke haben wir einen sehr schönen Blick auf die Alte Wasserkunst und die Michaeliskirche. Der denkmalgeschützte Altstadtkern der 43.000 Einwohner-Stadt wird von vielen mittelalterlichen Bauwerken und Türmen geprägt, weshalb die Stadt auch als „das sächsische Nürnberg“ bekannt ist.

Die Stadt an der Spree war von einer Befestigungsanlage umgeben. Leider haben wir nur Zeit, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. An der Alten Wasserkunst beginnen wir unseren Rundgang. Der siebengeschossige Steinbau – Wahrzeichen der Stadt - ist Teil der Wehr-Anlage und diente der Wasserversorgung. Als nächstes erreichen wir das Mühltor am Eselsberg und den runden Wehrturm der Mühlbastei. Insgesamt gab es sieben Basteien im inneren Stadtkern, eine weitere ist die Mönchsbastei. Sehr gut gefällt uns ebenfalls das barocke Rathaus und auch den Abstecher zur eindrucksvoll thronenden spätgotische Ortenburg lassen wir nicht aus.

Die Stadt verdient wesentlich mehr Aufmerksamkeit als wir bei unserem ersten Besuch übrig hatten. Ein Grund mehr noch einmal wieder zu kommen.

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