Christian Hildebrandt

ISIS im Irak | Der Westen bestellte das Feld, jetzt kommt die Ernte

„Herr, die Not ist groß, die Geister, die ich rief, werd' ich nicht mehr los.“ Treffender als mit diesem Zitat aus Goethes Zauberlehrling kann die aktuelle Situation im Irak wohl kaum beschrieben werden, ohne den Eindruck erwecken zu wollen, dass die Situation vor den Feldzügen der Gruppe "Islamischer Staat im Irak und der Levante" (ISIS) besonders rosig gewesen wäre. Der Irak erfährt eine neue Welle des Terrors. Das Land im Mittleren Osten ist bereits mehrere Male Schauplatz von Krieg und Zerstörung gewesen. Der Erste Golfkrieg, angetrieben durch die USA um an iranisches Öl zu kommen, endete ohne Sieger mit Waffenstillstand, aber mit hohen menschlichen Verlusten. Von mindestens 367.000 und maximal 875.000 Opfern (so genau zählt das keiner) auf beiden Seiten ist die Rede. Dieser Krieg brachte acht Jahre (1980 - 1988) Verderben.

Der Zweite Golfkrieg, oder auch erster Irakkrieg (echt verwirrend so was) begann mit der Eroberung Kuwaits durch den Irak 1990, also nur zwei Jahre später. Waren wir, also der Westen, im Ersten Golfkrieg noch ganz dicke Freunde mit Saddam (die westlichen Nationen verkauften Waffen noch und nöcher) fanden wir die Annexion Kuwaits gar nicht mehr witzig. Wer Gut und Böse ist bestimmt schließlich immer noch Washington. Ein Jahr später 1991 war der Spuk dann auch wieder vorbei. Resultat: 20.000 – 35.000 Tote auf irakischer Seite, 1200 auf kuwaitischer und die Koalition gegen Saddam (die üblichen Verdächtigen – USA, Saudis, Großbritannien usw.) kam auf 392 Gefallene. Casus Belli hier: Die Eroberung Kuwaits. Jedenfalls laut Wikipedia, als eigentlichen Casus Belli könnte auch die „Brutkasten-Lüge“ herangezogen werden.

Der Zweite Irakkrieg, oder Dritter Golfkrieg, war dann nur noch eine vollkommen völkerrechtswidrige Invasion des Iraks durch die USA und die üblichen Verdächtigen, die sich diesmal „Die Koalition der Willigen“ nannte. Casus Belli hier: Saddam ist der „zweite Hitler“ und hat Massenvernichtungswaffen, die auch bis nach Europa kommen könnten. Alles gelogen wie sich später herausstellen sollte und was der damalige US-Außenminister Colin Powell später als „Schandfleck seiner Karriere“ beschrieb. Und natürlich soll Saddam etwas mit Al-Qaida und 9/11 zu tun gehabt haben, was genau bleibt der Phantasie überlassen. Phantasie haben die Schergen in Washington schließlich genug wenn es um den Casus Belli geht. Lange Rede, kurzer Sinn: Saddam endete am Strick und die Amis waren ab 2003 im Irak um *Räusper* „Demokratie zu bringen“

Die einzigen Massenvernichtungswaffen, die man (jetzt) im Irak finden kann, hat die NATO selbst dort abgefeuert: Uran-Munition. Der Irak wurde zurück in die Steinzeit gebombt mit schrecklichen Folgen für kommende Generationen. Riesige Areale unter anderem um Bagdad sind radioaktiv verstrahlt und damit unbewohnbar. Wer die höchsten Missbildungsraten bei Neugeborenen weltweit sucht, muss nur in den Irak fliegen und dort ein Kinderkrankenhaus aufsuchen. Die Halbwertszeit der durch den Einsatz von Uran-Munition entstandenen radioaktiven Isotope beträgt 4,5 Milliarden Jahre. Der Irak ist verstrahlt.

Jetzt bekommt dieses von Terror und Krieg seit Jahrzehnten gebeutelte Land Besuch einer islamistischen Terrorgruppe – ISIS. Der Spiegel schreibt: „Die Terrorgruppe Isis wächst zu einer gefährlichen Armee heran. Die Dschihadisten haben vom irakischen Militär modernes Kriegsgerät erbeutet, und sie haben genug Geld, um sich auf dem globalen Schwarzmarkt mit den besten Waffen einzudecken. […] ISIS gilt als finanzstärkste Terrorgruppe der Welt.“ Woher hat ISIS das Geld und die Waffen? Natürlich von unseren guten Kumpeln in Saudi Arabien, die immer wieder gerne bei uns einkaufen um ihr eigenes Volk oder andere zu unterdrücken. Saudi Arabien zusammen mit Jordanien, Türkei und Katar waren und sind maßgeblich an der Bewaffnung, Ausbildung und Finanzierung eben solcher Terrorgruppen in Syrien beteiligt. Dort in Syrien sind sie Freunde, Rebellen, Opposition oder Freiheitskämpfer, die sich gegen den bösen Despoten Assad auflehnen. Jetzt im „demokratisierten“ Irak sind es Terroristen.

Die New York Times, die über zuverlässige Quellen in Washington verfügt, publizierte am 24. März 2013 einen Bericht mit dem Titel „Arms airlift to Syria rebels expands, with aid from CIA“. Dort zeichnet die Zeitung die Entwicklung dieser „secret airlifts“ nach und dokumentiert, auf welchen Wegen Katar und Saudi Arabien im Verbund mit der Türkei und Jordanien und unter der Koordination und Aufsicht der CIA gigantische Mengen an Waffen nach Syrien verfrachten, um den Aufstand gegen Assad voran zu bringen. Die Zeitung beruft sich unter anderem auf Aussagen von Jihadisten-Chefs in Syrien, Insider in Washington, Experten der Konfliktforschung sowie auf die Auswertung von Flugdaten und anderem Beweismaterial. Die geheimen Waffenlieferungen wurden in der Regel von den beteiligten Regierungen abgestritten.

Nach vorsichtiger Schätzung seien mit 160 Flügen bereits dreitausendfünfhundert Tonnen Waffen und militärisches Gerät transportiert worden, sagte Hugh Griffiths, Experte für illegalen Waffenhandel vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut, damals der New York Times. Man müsse „angesichts der Intensität und Häufigkeit dieser Flüge von einer gut geplanten und koordinierten geheimen Militäroperation ausgehen.“

Zugegeben, all diese Gruppen, die sich in den Krisengebieten in Middle East tummeln, auseinander zu halten ist recht komplex. Wer sich da aus was gründet, auflöst oder zusammenschließt ist extrem unübersichtlich. So gibt es in Syrien die Nationale Koalition (unterstützt von USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich), die Muslimbrüder und die Freie Syrische Armee (FSA) (supported durch Türkei) und die al-Qaida-nahe al-Nusra-Front. Letztere stand 2013 kurz vor ihrer Auflösung, nachdem ISIS massenhaft Mitglieder abwarb. ISIS betonte nach einem Abwerben von ca. 80 % der al-Nusra Kämpfer öffentlich, dass die al-Nusra Front und sie jetzt vereinigt sind, auch wenn dies der restliche Teil der Nusra-Front um den Anführer Abou Mohammad al Joulani mehrmals dementiert hat. Gegenwärtig sind im Juli 2013 nahezu unüberbrückbare Spannungen zwischen der ISIS und der FSA entstanden, während die Nusra-Front eher dazwischen steht und versucht sich wiederaufzubauen. Weitere syrische Rebellengruppen sagen sich von der Nationalen Koalition los, die im Westen als wichtigste oppositionelle Organisation gilt.

Ganz nebenbei wurde übrigens durch die UN ein Waffenembargo gegen die al-Nusra-Front verhängt. Richtig so! Sollen die erst mal mit den Knarren hinkommen, die wir ihnen schon gegeben haben. Ein solches Embargo bringt übrigens herzlich wenig, wenn wir weiter an die Saudis Waffen verhökern, diese dann über Umwege in den Händen islamistischer Terroristen in Syrien landen und von da in den Irak gelangen. Auch in Syrien sollte es längst zum Eingreifen durch NATO-Truppen gekommen sein, wenn es nur nach der NATO ginge. So wurde Obamas rote Linie überschritten, die er extra für Assad gezogen hat – Giftgas gegen die eigenen Leute. Da wäre er wieder gewesen, der Casus Belli für die NATO. Dumm nur, dass Russland und China da nicht mitspielten um ein Desaster wie in Libyen zu verhindern. Obamas überschrittene Linie kristallisiert sich zudem mehr und mehr als False Flag Operation heraus. Es ist wahrscheinlich, dass die Rebellen den damaligen Anschlag ausübten um eine Intervention der NATO herbeizuführen.

Apropos False Flag Operation gegen Syrien: In der Türkei trafen sich zum Gespräch Außenminister Ahmet Davutoğlu, sein Staatssekretär Feridun Sinirlioğlu, der General Yaşar Güler und Geheimdienstchef Hakan Fidan. Davutoğlu beginnt das Gespräch: "Der Premierminister hat gesagt, dass wir in der gegenwärtigen Situation diesen Angriff (gemeint ist die Bedrohung des Grabs von Süleyman Shah, dem Großvater des Gründers des Osmanischen Reiches ) als Chance für uns sehen sollten."

Der Geheimdienstchef, ein enger Vertrauter Erdoğans, schlägt sofort vor: "Ich schicke vier Männer auf die andere Seite und lasse sie acht Stück (also Granaten oder Raketen) auf ein leeres Feld (in der Türkei) schießen. Das ist kein Problem. Ein Vorwand lässt sich konstruieren..." Der General ist konsterniert: "Das ist ein direkter Kriegsgrund", sagt er. "Ich meine, was wir da tun würden, ist ein direkter Kriegsgrund!" Geplant wurde ein inszenierter Angriff auf die Türkei um diesen dann dem Assad-Regime in die Schuhe zu schieben.

Auch der Iran spielt eine Rolle. Die maßgeblich schiitische, islamische Republik Iran ist im sunnitischen Saudi Arabien verhasst, für Sunniten sind Schiiten abtrünnige Ungläubige, die man bekämpfen und töten müsse. Die Unterstützerrolle, die der Iran für das Assad-Regime spielt, macht ihn bei den Saudis auch nicht gerade beliebt. Der Irak und der Iran haben etwas gemeinsam, nämlich eine schiitische Regierung. Angebote von Seiten Irans, man könne gemeinsam mit den USA gegen ISIS ankämpfen sind von Präsident Rouhani gemacht worden, doch die Amerikaner sind nicht darauf eingegangen.

Der Experte für den Nahen Osten, Journalist und Autor Arnold Hottinger schreibt über die Beziehung Irak – Iran - USA:

„Iran genießt in Bagdad mehr Vertrauen

Das Vertrauen zwischen Maliki und der Regierung Irans ist zweifellos größer als das zwischen Maliki und den Amerikanern. Dies schon deshalb weil die Amerikaner es nie unterlassen, Maliki öffentlich dafür zu tadeln, dass er eine einseitige Politik zugunsten der irakischen Schiiten betreibe und die Aufsässigkeit der Sunniten weitgehend selbst provoziert habe. Ganz abgesehen davon, dass er den Verbleib von amerikanischen Truppen und Ausbildern nach 2011 unterband, indem er und "sein " Parlament es ablehnten, den amerikanischen Soldaten Straffreiheit gegenüber den irakischen Gerichten zuzusichern.

Kritik der amerikanischen Offiziere

Die amerikanischen Offiziere, die heute noch als Sicherheitsoffiziere im Rahmen der amerikanischen Botschaft mit der irakischen Armee zusammenarbeiten, sprechen sich äußerst negativ über deren Fähigkeiten, Moral und Kampfbereitschaft aus. Dies obwohl sie wissen, dass die USA vor ihrem Abzug nicht weniger als 25 Milliarden Dollars dazu verwendet hat, um diese Truppen auszubilden. Seit Maliki regiere, erklären sie, sei es mit der irakischen Armee bergab gegangen. Dies aus politischen Gründen; beständige Führungswechsel seien eine der Folgen der Politisierung der Armee.

Die amerikanischen Gewährsleute sagen, die Politisierung der irakischen Armee, Korruption, schlechte Führung, kaputte Waffen und Material, mangelndes Vertrauen zwischen Armee und Regierung hätten alle zur Demoralisierung der irakischen Truppen beigetragen. In Mosul hätten vier der 14 irakischen Brigaden kampflos das Feld geräumt und ihre, von Amerika gelieferten, Waffen dem Feind überlassen. Sogar in Bagdad kämen manche der Wachsoldaten zur Arbeit mit zivilen Kleidern unter der Uniform, so dass sie diese gegebenen Falles nur ausziehen müssten, um als Zivile zu fliehen.

Allerdings habe es sich bei den vier Brigaden um gemischte Einheiten gehandelt mit sunnitischen, schiitischen und kurdischen Soldaten. Jene, die nur aus Schiiten bestünden, stünden näher bei Bagdad und könnten sich möglicherweise als loyaler und entschlossener erweisen.“

Hat sich eigentlich schon mal jemand gefragt, ob der Irak, egal wie verstrahlt das Land ist, nicht über eigenes Militär und Polizei verfügt um diese Terroristen zu verjagen? Schlecht ausgerüstet und demoralisiert, aber Polizei und Militär existieren. Man muss hier nur wissen, wo die Prioritäten liegen: 100.000 Polizisten schützen die irakischen Ölanlagena, genau da fließt die Aufbauhilfe hin. 25 Milliarden Dollar haben die USA aufgebracht um die irakischen Truppen auszubilden und diese Truppen werden nicht mit 8000 ISIS-Kämpfern fertig?! Unsere Medien versuchen uns gerade zu verkaufen, dass der Einmarsch der Islamisten plötzlich aus dem Nichts kam, binnen weniger Tage, ein Blitzkrieg quasi und „Assad hat es möglich gemacht“. In Zeiten wo wir ein Handy auf 50 Zentimeter genau orten können, die NSA alles und jeden überwacht, kam der Einmarsch von 8.000 ISIS-Kämpfern ganz überraschend? Der NSA-Agent, dem das entgangen ist, sollte zur Strafe ein Jahr lang nur Angela Merkel abhören dürfen.

Die 32 bis 37 Prozent der Sunniten im Irak fühlen sich durch die schiitische Regierung diskriminiert, weshalb für einige wenige der Überfall der sunnitischen Islamisten ganz gelegen kommt. Was die USA immer noch nicht ganz verstanden haben ist, dass die Unterstützung von Terrorgruppen in Land A, das Bekämpfen der gleichen in Land B und das Hinterlassen verstrahlter Erde unweigerlich zu mehr Hass, Abneigung und Extremismus führt und somit zum Blowback. Also besser schon mal vorsorglich Kriegsschiffe in den Persischen Golf, da ist man dann auch wieder praktischer Weise in Nähe des Irans. Vielleicht ist das aber auch alles genau so geplant: Israelische Strategieexperten sahen den Irak als die größte strategische Herausforderung seitens der arabischen Staaten an. Aus diesem Grunde stand der Irak im Zentrum der Balkanisierung des Nahen und Mittleren Ostens und der arabischen Welt. Auf der Grundlage der Konzepte des Yinon-Plans haben israelische Strategen die Aufteilung des Irak in einen kurdischen Staat und zwei arabische – einen schiitischen und einen sunnitischen – Staaten gefordert. Den ersten Schritt zur Umsetzung dieser Pläne bildete der Krieg zwischen dem Irak und dem Iran, der schon im Yinon-Plan [dieses 1982 veröffentlichte Strategiepapier wurde nach seinem Verfasser Oded Yinon, einem hochrangigen Mitarbeiter des israelischen Außenministeriums, benannt] erörtert worden war.

Zur Frage der Kurden im Irak nochmal Arnold Hottinger:
„Was die Kurden angeht, scheinen sie ihre Entscheidung bereits getroffen zu haben, indem sie Kirkuk besetzten, oder, wie sie es formulierten, vor der Bedrohung durch ISIS "in Schutz nahmen". Gleichzeitig erklärten sie sich auch bereit, Maliki gegen ISIS zu helfen. Sie nützen also das Vakuum aus, das durch den weitgehenden Zusammenbruch der irakischen Armee entstanden ist, um ihre alten Anliegen gegenüber Bagdad durchzusetzen.

Gleichzeitig zeigen sie sich auch bereit, mit Bagdad zusammenzuarbeiten. Sie wissen wohl, dass Bagdad in seiner heutigen Lage auf ihr Hilfsangebot nicht verzichten kann und sich daher gezwungen sieht, die einseitigen Schritte seiner kurdischen Freunde und potentiellen Helfer hinzunehmen.“

Ein weiterer Experte für die Region, Jürgen Todenhöfer, schätzt die Lage im Irak so ein, dass es sich bei den kämpfenden, islamischen Truppen nicht ausschließlich um ISIS-Mitglieder handeln könne. Seiner Auffassung nach spiele ISIS als Juniorpartner des Aufstandes zwar eine militärische Rolle, aber mit ihren etwa tausend Mann vor Mossul hätten sie in der Fast-Zwei-Millionen-Stadt keine Chance. Der „Nationale, Panarabische und Islamische Widerstand“ (FNPI) hingegen ist in Mossul mit über 20 000 Mann präsent und wird von der Bevölkerung getragen. Das ist eine säkulare Koalition mehrerer Gruppen, die schon mit großem Erfolg gegen die US-Armee gekämpft haben. Dieser irakische Widerstand, bei dem Todenhöfer 2007 im umkämpften Ramadi eine Woche verbrachte, ist von den USA jahrelang systematisch totgeschwiegen worden, obwohl er ihr Hauptfeind war. Er hat sie letztlich aus dem Irak vertrieben.

Christian Hildebrandt