Türkei – von der Erfolgsgeschichte zum Desaster


Eric Margolis 

 

Die Türkei, einst eine Säule der Stabilität im Mittleren Osten, sieht zunehmend aus wie ein Lastwagenabsturz in Zeitlupe. Was diese Krise so tragisch macht, ist dass vor nicht allzu langer Zeit die Türkei in eine neue Ära von sozialer Harmonie und wirtschaftlicher Entwicklung eingetreten war.

Heute sind beide in Rauch aufgegangen, wie der blutige Bombenanschlag diese Woche in Ankara zeigte, der 99 Menschen tötete. Amerikas ungeschickte Politik im Mittleren Osten hat die gesamte Region von Syrien bis Südsudan und Libyen in Brand gesteckt. Die Türkei sitzt genau auf dem Gipfel des riesigen Sauhaufens, erfasst von den Flammen nationalistischer und politischer Flächenbrände und jetzt heimgesucht von 2 Millionen syrischen Flüchtlingen.

Wie Saddam Hussein voraussagte, haben George W. Bushs Überfälle auf Afghanistan und den Irak die Tore der Hölle eröffnet. Washingtons Versuche, Syriens Alewitenregime zu stürzen – ein natürlicher Alliierter der Vereinigten Staaten von Amerika – haben große Teile dieses einst herrlichen Landes zerstört und zu der schlimmsten menschlichen Katastrophe geführt seit der ethnischen Säuberung der Palästinenser Ende der 1940er Jahre und 1967.

Washingtons Verhalten eines Elefanten im Porzellanladen im fragilen Mittleren Osten kam gerade, nachdem die türkische Regierung Recep Erdogans über ein Jahrzehnt atemberaubender wirtschaftlicher Entwicklung der Türkei angeführt, die zudringlichen bewaffneten Kräfte in ihre Kasernen zurück verwiesen und freundliche Beziehungen mit den Nachbarn erreicht hatte. Kein türkischer Führer in der modernen Geschichte hat dermaßen viel erreicht. 

Ebenso wichtig - die Regierung Erdogan stand gerade kurz vor dem Abschluss eines endgültigen Übereinkommens mit den stets widerspenstigen Kurden der Türkei – bis zu 20% der 75 Millionen Einwohner – welches viele neue Rechte des „Bergvolks“ anerkannt hätte. 

Das war eine große Errungenschaft. Ich habe über den blutigen Guerillakrieg in Ostanatolien zwischen Polizei und bewaffneten Kräften der Türkei und den zähen kurdischen Guerillas der marxistisch-stalinistischen PKK-Bewegung berichtet. Bis 1990 waren rund 40.000 Menschen in dem Kampf getötet worden, der keine Hoffnung auf Lösung erkennen ließ.

Dank der geduldigen Diplomatie und schwieriger Zugeständnisse schaffte Premierminister Erdogans islamistisch-light Partei, vorläufige Friedensabkommen mit der PKK und deren eingesperrtem Führer Abdullah Öcalan zu erreichen, ungeachtet des heftigen Widerstands von Seiten der türkischen Generäle, gewalttätiger semifaschistischer nationalistischer Gruppen und gleichermaßen gefährlicher linker Revolutionäre.

Der Frieden mit den Kurden ging den Bach hinunter, als die Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg in Syrien verstärkten und damit begannen, offen die Kurden in Syrien und im Irak zu bewaffnen und zu finanzieren. Verschiedene kurdische Gruppen wurden hineingezogen in den syrischen Kampf gegen die Regierung Assad in Damaskus und gegen den Islamischen Staat – welcher von Saudiarabien und der CIA geschaffen worden war, um schiitische Regimes anzugreifen. Die Türkei schlug zurück, und der Krieg mit den Kurden ging wieder los. Ein Jahrzehnt geduldiger Arbeit war beim Teufel. 

Der Premierminister – und jetzige Präsident – der Türkei Recep Erdogan hatte sein Land seit 2003 mehr oder weniger ohne Fehltritt geführt. Dann kamen zwei katastrophale Entscheidungen. Erstens wagte es Erdogan, Israel wegen dessen brutaler Behandlung der Palästinenser und der Ermordung von neun Türken zu kritisieren, die mit einer Hilfsflotte auf dem Weg nach Gaza waren. Amerikas Medien, angeführt vom proisraelischen Wall Street Journal, von der New York Times und Fox News machten Erdogan zu einer idealen Zielscheibe primitiver Kritik. 

Zweitens entwickelte Erdogan aus düsteren Gründen einen Hass für Syriens Führer Bashar Assad, und gestattete, dass die Türkei als Durchgangsland und wichtige Nachschubbasis für alle Arten von anti-Assad Rebellen diente, insbesondere den sogenannten Islamischen Staat. Die meisten Türken waren dagegen, in den syrischen Sumpf hineingezogen zu werden. Das entfesselte auch die kurdischen Geister und stieß den Nachbarn Russland vor den Kopf.

Der Fehltritt der Türkei in den syrischen Krieg hat das widerspenstige Militär wütend gemacht, das schon lange versucht hat, Erdogan zu stürzen und das Land zur Lehre Atatürks zurückzuführen, dem weit rechtsstehenden politischen Glauben der antimuslimischen türkischen Oligarchen, der urbanen und akademischen Elite. Jetzt machen die lange unterdrückten gewalttätigen Linken der Türkei Ärger in den Städten. Es wächst die Angst, die Türkei könnte zurückkehren zu den Zeiten der Bombenattentate, Straßenkämpfe und Morde vor der Regierungzeit Erdogans – das alles vor dem Hintergrund von Hyperinflation, rapide steigender Arbeitslosigkeit und feindseliger Beziehungen mit den Nachbarn.

Man vernimmt das Grollen eines türkischen Konflikts mit Armenien wegen dessen Streit mit dem türkischen Verbündeten Aserbaidschan. Griechenland ist nervös und rückt näher zu Israel. Erdöl- und Erdgasfunde im östlichen Mittelmeer lassen die Spannungen steigen.

Mit den größten und besten Streitkräften in der Region - abgesehen von Israel - könnte die Türkei noch immer in Syrien intervenieren - das vor 1918 noch Teil des Ottomanischen Reichs war. 

Die Vereinigten Staaten von Amerika beschuldigen Erdogan oft, ein ottomanischer Sultan sein zu wollen, dennoch drängen sie ihn, seine Armee in Syrien einzusetzen.

 

 

 

 

 

erschienen am 17. Oktober 2015 auf > www.ericmargolis.com