Weihnachtsansprache 2013 von Bundespräsident Joachim Gauck am 25. Dezember 2013

Weihnachtsansprache 2013 von Bundespräsident Dr. h. c. Joachim Gauck am 25. Dezember 2013 im
Schloss Bellevue:


Meine Damen und Herren,

aus dem Schloss Bellevue in Berlin wünsche ich Ihnen allen ein frohes und gesegnetes
Weihnachtsfest.

Millionenfach sagen in diesen Tagen Menschen einander gute Wünsche. Wir möchten, besonders in
diesen weihnachtlichen Stunden des Friedens und des Glanzes, dass es allen gut geht, dass möglichst
alle begleitet, dass alle beschützt und behütet sein mögen.

Unsere Verwandten, Eltern und erwachsenen Kinder, unsere Freunde und alle, die uns wichtig sind:
Viele sehen wir im Laufe des Jahres nur mehr selten. Aber alle, so sagen wir es ihnen, persönlich
oder am Telefon, elektronisch oder auf Papier: Allen soll es in diesen Tagen gut gehen.

Es gibt ein tiefes Wissen im Menschen: Gelungenes Leben ist Leben in Verbundenheit mit anderen
Menschen. Wir wollen uns angenommen und eingebettet fühlen in Familien oder Wahlfamilien. Hass und
Krieg zerstören das Miteinander. Weihnachten aber stärkt die Hoffnung und die Sehnsucht danach, in
Frieden und Einklang mit unseren Mitmenschen leben zu können – auch bei Menschen anderer Religionen
und auch bei Menschen, die ohne Glauben leben. Wenn dies gelingt, auch im Kleinen, dann sind wir
dankbar. Wir wissen ja, wie selten und kostbar die wirklich guten Tage in manchem Leben sind.

Wir wissen: Ein friedliches, glanzvolles Weihnachten ist vielen Menschen nicht beschert. Das war
so, seit es Weihnachten gibt. Die da einst nach Bethlehem zogen – sie waren ja arm, statt Haus und
Bett mussten sie mit Stall und Futtertrog vorlieb nehmen. Wahrlich keine Idylle! Und nach der
Geburt des besonderen Kindes waren sie alsbald auf der Flucht – nur so war das Leben des Kindes zu
retten.

Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen: Krieg und Hunger, Verfolgung und Not.
Unsere eigenen Vorfahren haben das alles gekannt. Im 19. Jahrhundert sind sie zu Millionen in die
Neue Welt ausgewandert und nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Flüchtlinge und Vertriebene sich eine
neue Heimat suchen.

Auch heute sind Menschen an vielen Orten der Welt auf der Flucht. Wir denken an das schreckliche
Schicksal der Familien aus Syrien, wir denken an die Verzweifelten, die den gefährlichen Weg nach
Europa über das Wasser wagen. Wir denken auch an die Menschen, die kommen, weil sie bei uns die
Freiheit, das Recht und die Sicherheit finden, die ihnen in ihren Ländern verwehrt werden.

Seit Menschengedenken sind alle Flüchtlinge erfüllt von der Sehnsucht nach dem besseren Leben. Die
Flüchtlinge, die zu uns kommen, kommen nicht mit der Erwartung, hier in ein gemachtes Bett zu
fallen. Sie wollen Verfolgung und Armut entfliehen und sie wollen Sinn in einem erfüllten Leben
finden.

Machen wir unser Herz nicht eng mit der Feststellung, dass wir nicht jeden, der kommt, in unserem
Land aufnehmen können. Ich weiß ja, dass dieser Satz sehr, sehr richtig ist. Aber zu einer Wahrheit
wird er doch erst, wenn wir zuvor unser Herz gefragt haben, was es uns sagt, wenn wir die Bilder
der Verletzten und Verjagten gesehen haben. Tun wir wirklich schon alles, was wir tun könnten?

Ich bin im letzten Jahr an vielen Orten auf das größte Geschenk gestoßen, dass unser Land sich
selbst gemacht hat – die Ehrenamtlichen. Sie helfen in beeindruckender Weise bei Naturkatastrophen
wie der großen Flut in diesem Sommer. Sie lindern Armut und verhindern Ausgrenzung. Sie kümmern
sich um kulturelle Werte, fördern den Breiten- und Behindertensport, verteidigen Menschen- und
Bürgerrechte, helfen Menschen, besser zu leben oder begleitet zu sterben. Sie sind das große
Geschenk für Deutschland. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie unser Land so lebenswert machen.

An Weihnachten, so geht die Geschichte, verkündeten Engel einst "Friede auf Erden!" Die Engel sind
nach dieser Botschaft heimgekehrt. Hier auf Erden sind nun wir Menschen selber damit betraut, diese
Verheißung immer wieder in die Tat umzusetzen. Das muss unsere Sache sein: Friede auf Erden – damit
die Welt uns allen eine Heimat sein kann. In diesem Sinne lassen Sie uns miteinander Weihnachten
feiern!