Das Märchen vom tapferen Schneiderlein und Hartz 4

Da horch! Welch allgemein Gemunkel!
In Massanzügen, sauber, angegossen
Beredt wie sie, und gleichviel dunkel
Des Teufels Parteigenossen,

Erschienen zur erlauchten Runde,
Und wirklich weidet sich der Blick,
Zur Messe rufen sie zur seligsten Stunde,
Kein Geistlicher spräch besser euch das Glück.

Bei hockt ein Mann im Schneidersitz,
Im Maischberger-Sprech – Verehrung!
Kaum kam er aus dem Schwitz
Eines Kastens „Rechtsfolgenbelehrung“.

Doch weh, wie ist er aufgemacht,
Gott vergib ihm seine Lässigkeit!
Die Kleidung geweitet, der Schal mitgebracht
Ins Studio! Und auch sonst Aufsässigkeit.

Welche Pose! Denn kerzengerade, sittentreu
Halten sich stramm auf ihren Plätzen
Die bessren Gäste; macht wer die Pferde scheu,
Nennt sie Rodeo-Reiter im Wilden Westen.

Von Freiheit, Würde, Grundgesetz
Spricht der Ehrenretter, Ethik.
Gänzlich unerhört bleibt’s in diesem Versetz-
stück, Stück mit viel Kosmetik.

Er rede „Gesetz“, er blicke es nicht,
Und falsch ist, was immer er sage,
Er wedelt ein Papier, die ganze Geschicht‘:
Wink der Hand statt Hand auf die Klage.

Und gerät in Zorn der gute Mann,
Wer könnt‘ es ihm immer verdenken,
Das Schneiderlein ficht, so gut es kann –
Die Fliegen können wir ihm schenken!

„Ganz falsch und ungezogen,
Da hockt der Schneider-Bengel!
Das zieht was nach, da zieh ich vor
Die Strafe mit dem Schwengel!“

-Kommt’s aus dem Volk. Vom übrig Kirchenchor:
„Der Mann beschwert sich leider!
Säß‘ er nur wie wir so vor,
Schon wär‘ er aus dem Schneider.“

Zahn um Zahn! Und Leistung gibt’s um Leistung nur
Das haben wir längst in Gold gegossen;
Zwar freigiebig ist die weiteste Natur,
Doch freigiebiger gegenüber machtvollen Bossen.

Zahn um Zahn! Und so liefern das Theorem
Was Leistung sei, wir auch gleich nach;
Ihr steht für uns auf, wir sitzen bequem,
Sonst droht uns sehr viel Ungemach.“

Und wer jetzt kleinlaut noch sich erdreistet
Zu behaupten: „Menschen müssen essen
Und Hungertode gibt’s, versteckt, vergessen,
Der hat sich Mensch zu sein geleistet.“