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Ein Hoch der Muße

Muße nannte man im Altriechischen  "σχολή"  (scholä) vgl. "Schule"  und hielt sie aufgrund der charakterformenden und kreativen Auswirkungen für sehr wertvoll. Sklavenarbeit bezeichnete man hingegen als "άσχολΐα" (a-scholia), also gewissermaßen als Anti-Schule. Ähnlich im Lateinischen: "otium"=Muße und deren Negierung "neg-otium", also Arbeit. Diese war demnach kein positiv besetzter Begriff, sondern lediglich die Verneinung eines anzustrebenden Zustandes.

Sicher ist: Ohne die Muße hätte es weder griechische Philosophie noch Mathematik gegeben (was eigentlich nicht zu trennen war), denn um sich ohne Not etwa mit der Quadratur des Kreises zu beschäftigen, bedurfte es einer Menge freier Zeit, die nicht dem Erwerb des Lebensunterhaltes gewidmet werden musste. Ohne die Muße einiger griechischer Denker und ihrer Schüler wären unsere westliche Kultur und die damit verbundenen Werte nicht entstanden.

So betrachtet ist die Muße die höchste und kreativste Form menschlicher Aktivität. Und die menschlichste zudem.

Mit Aufkommen des europäischen Mönchtums aber wurde die Muße als "Trägheit" zu einer der sieben Hauptlaster, und die spätere protestantische Arbeitsethik, insbesondere des Calvinismus, betrachtete Arbeit als einen von Gott vorgeschriebenen Selbstzweck des Lebens, verurteilte daher den "Müßiggang" als aller Laster Anfang und schuf damit maßgeblich die geistigen Grundlagen des Frühkapitalismus. In Rahmen der "doppelten Prädestinationslehre" (wonach die Auserwählten und die auf ewig Verdammten bereits vor ihrer Geburt und Schöpfung des Universums feststanden und weder gute Taten noch Werke das ändern konnten) war dann wirtschaftlicher Erfolg als mögliches Zeichen der Auserwähltheit auch problemlos und moralisch widerspruchsfrei mit der häufig bis zum Tode führenden Ausbeutung von Kindern zu vereinbaren.

Was benötigte ein Sklave der Antike zum Funktionieren? Im Wesentlichen Nahrung und ein Dach über dem Kopf.

Wofür gibt ein heutiger Arbeiter und kleiner Angestellter am meisten aus? Für Miete, Nebenkosten und Nahrung. Vor allem, wenn er Kinder hat. 

Und das soll trotz enormer Produktivitätssteigerung auch so bleiben. Deshalb das Geldsystem, der Wachstumszwang und die Massenimmigration.

Muße ist den Herrschenden gefährlich.

Würden wir all das Geld, das wir für Dritte auszugeben und Banken zu retten etc, gezwungen werden, in die Bildung und Erziehung (scholä) unseres Nachwuchses investieren, wären wir weltweit auch bei stetigem Bevölkerungsrückgang dauerhaft konkurrenzfähig, könnten uns auf unsere Stärken konzentrieren und hätten gleichzeitig einen blühenden Kulturbetrieb und einen Deutschen Film, der dieses Prädikat wieder verdient.

Das soll aber nicht sein. Deshalb ist man gerade dabei, Deutschland zu einem Arbeitslager, einem Billiglohnland unterbelichteter "Drohnen" umzuwandeln. Hartz4 war lediglich der erste von mehreren Schritten. Einer der letzten ist die derzeitige Invasion.

Friedrich Nietzsche zur Arbeit:

"Ihr alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, - ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiß ist Flucht und Wille, sich selber zu vergessen. (...) Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch - und selbst zur Faulheit nicht!"

"Man lobt den Fleißigen, ob er gleich die Sehkraft seiner Augen oder die Ursprünglichkeit und Frische seines Geistes mit diesem Fleiße schädigt..."

"Arbeit und Langeweile. - Sich Arbeit suchen um des Lohnes willen - darin sind sich in den Ländern der Zivilisation jetzt fast alle Menschen gleich; ihnen allen ist Arbeit ein Mittel, und nicht selber das Ziel; weshalb sie in der Wahl der Arbeit wenig fein sind, vorausgesetzt dass sie einen reichlichen Gewinn abwirft. Nun gibt es seltnere Menschen, welche lieber zugrunde gehen wollen, als ohne Lust an der Arbeit arbeiten: jene Wählerischen, schwer zu Befriedigenden, denen mit einem reichlichen Gewinn nicht gedient wird, wenn die Arbeit nicht selber der Gewinn aller Gewinne ist. Zu dieser seltenen Gattung von Menschen gehören die Künstler und Kontemplativen aller Art, aber auch schon jene Müßiggänger, die ihr Leben auf der Jagd, auf Reisen oder in Liebeshändeln und Abenteuern zubringen. Alle diese wollen Arbeit und Not, sofern sie mit Lust verbunden ist, und die schwerste, härteste Arbeit, wenn es sein muss. Sonst aber sind sie von einer entschlossenen Trägheit, sei es selbst, dass Verarmung, Unehre, Gefahr der Gesundheit und des Lebens an diese Trägheit geknüpft sein sollte. Sie fürchten die Langeweile nicht so sehr als die Arbeit ohne Lust."

"Hauptmangel der tätigen Menschen. - Den Tätigen fehlt gewöhnlich die höhere Tätigkeit: ich meine die individuelle. Sie sind als Beamte, Kaufleute, Gelehrte, das heißt als Gattungswesen tätig, aber nicht als ganz bestimmte einzelne und einzige Menschen; in dieser Hinsicht sind sie faul. - Es ist das Unglück der Tätigen, dass ihre Tätigkeit fast immer ein wenig unvernünftig ist. Man darf zum Beispiel bei dem geldsammelnden Bankier nach dem Zweck seiner rastlosen Tätigkeit nicht fragen: sie ist unvernünftig. Die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäß der Dummheit der Mechanik. - Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sklaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter."