Ich hatte einen Albtraum...

Normalerweise bin ich jemand, der sich selten an einen Traum erinnern kann. Aber in der vergangenen Nacht war das anders. Es war ein sehr mulmiges Aufwachen Es ist ja oft so, dass man den Sinn eines Traumes oder die Bedeutung oft nicht in Worte fassen mag. Die Bilder und Szenen stehen für sich und sind tief in unseren Emotionen verankert. Wir wissen, wenn ein Traum eine schwerwiegende Bedeutung hat, auch wenn wir sie nicht in Worte fassen können. Bilder brauchen keine Worte.

Im Laufe des Tages lag der Traum sehr schwer auf meiner Seele. Wobei ich den Traum als solchen gar nicht so sehr vor Augen hatte. Aber sein Grundgefühl begleitete mich über Stunden. Ich hätte dieses Grundgefühl genauso gut dem grauen Novemberwetter und der allgemeinen Lage nach den Terroranschlägen von Paris und den sich anschließenden Terrordrohungen zuschreiben können, oder auch der Debatte um diese sehr seltsame Flüchtlingskrise. Aber der Traum gab diesem ohnehin schon gegenwärtigen Gefühl eine noch hoffnungslosere Schwere. Es ist auch noch nicht mal der gesamte Traum, an den ich mich erinnere, sondern nur die eine Szene, die sich mir eingebrannt hat. Was vorher geschah, weiß ich nicht. Was danach war, allerdings schon: ich wachte verstört auf.

Die Szene spielte sich in einem öffentlichen Bühnenraum ab. Es war eine Art Bühne, wie man sie in kleineren Gemeinden findet. Gemeinden, die einen Saal haben, um dort Volksfeste zu feiern. Ich war der nicht sichtbare Beobachter und blickte auf das, was auf der Bühne und davor geschah.
Vor der Bühne stand ein kaum bekleideter Mann: etwas hager, wenig bis keine Haare, Ende fünfzig, nackter Oberkörper und vielleicht irgendein Beinkleid, an das ich mich aber nicht genau erinnere. Vielleicht war er auch komplett nackt.

Oben auf der Bühne standen einige Männer, die ich Herrschaften nennen möchte, vielleicht fünf an der Zahl. Sie wirkten ein wenig wie römische Senatoren. Ich glaube sie trugen eine Toga oder ähnliche Kleidungsstücke. Einer von ihnen stand vorn auf der Bühne und argumentierte mit dem Mann, der unten vor ihm stand. Hinter dem Senator wiederum saß ein großer, gelber Löwe. Ich möchte ihn eher Löwenmonster nennen, weil es kein typischer Löwe war. Er war grobschlächtiger und ohne Mähne, aber mit einem großen Kopf. Er oder es saß hinter dem Senator, und dahinter wiederum gruppierten sich die anderen Senatoren in einem Viertelkreis. Das Löwenmonster saß ganz frei auf der Bühne, nicht angebunden oder sonst wie gebändigt. Es konnte alles genau erfassen, was geschah. Man hätte das Löwenmonster trotz seiner Größe fast übersehen können. Ganz ruhig saß es da, während der Senator mit dem hageren, fast nackten Mann redete.

Das Gespräch zwischen Senator und hagerem Mann wollte kein befriedigendes Ergebnis finden. Die beiden wurden sich nicht einig. Ich konnte keine lauten Worte hören, auch keinen heftigen Streit. Es war einfach so, dass der hagere Mann nicht zufrieden war mit dem, was ihm der Senator anbot. Und der Senator wollte dem hageren Mann keine Alternative geben. Es ging eine Weile hin und her. Der hagere, fast nackte Mann stand ganz entspannt da, sagte, was er zu sagen hatte, ohne davon abzurücken, und nahm dann zur Kenntnis, was der Senator ihm zu sagen hatte, der ebenfalls nicht von seinem Standpunkt abrücken wollte.

Als klar war, dass dieses Gespräch erfolglos bleiben sollte, drehte sich der hagere, fast nackte Mann um und ging in normalem, ruhigem und bestimmtem Tempo aus meinem Blickfeld, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit der Haltung: "Dann eben nicht. Mehr kann ich nicht machen." Und der Senator sah dem Mann mit stoischem, emotionslosem Blick nach. So taten es auch die anderen Senatoren auf der Bühne. Es sah nach einem Ende ohne Schluss aus.

In der nächsten Sekunde, und ohne, dass es vorher auch nur die geringste Andeutung gab, sprang dann aber plötzlich das Löwenmonster von der Bühne und bewegte sich zügig in die Richtung, in die der hagere, fast nackte Mann gerade verschwunden war.

Mit einem Schlag war allen klar, was jetzt passieren würde.

Ich selbst konnte es nicht verfolgen, denn es fand außerhalb meines Bildausschnittes statt. Ich wollte es auch nicht verfolgen können, muss ich gestehen. Dafür aber sahen die Herrschaften oben auf der Bühne jedes Detail - und gaben sich empört über das, was sich ihnen da bot. Einer hielt schockiert beide Hände vor den Mund, der andere blickte nur mit erschrockenen Augen in die Richtung des unfassbaren Ereignisses. Sie alle waren scheinbar fassungslos, denn mit dem, was sie da sahen, wollte keiner von ihnen gerechnet haben. Einer hob sogar erzürnt seinen Arm in Richtung des Löwenmonsters, zeigte ihm seine Zähne und legte sein Gesicht in einen grimmigen Blick, der sagen wollte: "So geht das aber nicht! So geht das aber nicht!"

Das, was sie da sahen, durfte nicht passieren. Aber es geschah. Und so standen sie denn die ganze Zeit auf der Bühne, gaben sich fassungslos, entrüstet und zornig - und schauten dem Löwenmonster bei seiner Untat zu. Bis zum Schluss sahen sie zu.

Dann wachte ich auf.
21. November 2015

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