Der Märchenonkel

Das Märchen vom Olivenland, vom Arbeitsland und vom Geldland

Es war einmal, da gab es viele kleine Länder, die eng zusammen lagen, und in
denen die Menschen unterschiedlich fleißig waren oder wegen der Natur ihrer
Länder sein mussten.

In einem kleinen Land am Rand war das Klima angenehm
und die Menschen aßen Oliven, melkten Schafe und transportierten ihre
Güter auf Eselswagen durch das Land. Sie brauchten sich nicht viele Sorgen zu
machen und lebten einfach und zufrieden und abends tranken sie Wein und
hakten sich unter zum Tanz. Wir nennen dieses Land Olivenland, und in der
Nachbarschaft gab es noch mehrere ähnliche Länder.

Jenseits der sieben Berge, in einem anderen dieser vielen Länder, war das Klima
rauh und die Winter kalt. Die Menschen mussten im Sommer hart arbeiten, um
den langen Winter zu überstehen, und sie entwickelten im Laufe der Zeit viele
technische Dinge, um sich das Leben in diesem unwirtlichen Land zu erleichtern.
Um abends zu tanzen, waren sie nach getaner Arbeit zu müde. Wir nennen dieses
Land Arbeitsland, und es gab noch ein paar andere nebenan, die aber nicht ganz so
hoch entwickelt waren, wie das Arbeitsland.

Weit davon entfernt, jenseits des großen Wassers, gab es ein großes Land, in dem Dagobert
und seine Kumpanen wohnten. Sie waren sehr smart und hatten in ihren Geldspeichern
riesige Mengen von Geld angesammelt und brauchten nicht zu arbeiten. Stattdessen
verbrachten sie ihre Zeit mit Plänen, wie sie auch den Lohn der arbeitenden
Menschen in den vielen kleinen Ländern bekommen könnten - außer dem wenigen
Geld, das sie ihnen lassen müssten, damit die Menschen dort weiter arbeiten konnten.
Wir nennen dieses große Land das Geldland. Es war das einzige seiner Art.

Die smartesten der Smarten im Geldland hatten schließlich eine Idee, für die sie zwar
viele Jahre brauchen würden, aber die mit Sicherheit das gewünschte Ergebnis
bringen würde: Dass die Olivenländer und die Arbeitsländer weiterhin hart arbeiten,
aber alles Geld, was sie nicht zum nackten Überleben brauchten, an Dagobert und
seine Kumpanen im Geldland schicken würden.

Die Idee war einfach, aber genial.

Zuerst brauchte das Geldland eine Möglichkeit, den Leuten in den Oliven- und Arbeitsländern
Dinge zu erzählen und sie zu beeinflussen. Denn freiwillig würden die Olivenländer ja kaum
ihren Lohn ins Geldland schicken.

Dagobert und seine Kumpanen kauften daher alle Zeitungen, Radio- und Fernsehsender
in allen Oliven- und Arbeitsländern. Alle, denn das war mit den riesigen Geldbergen
in ihren Geldspeichern kein Problem. Nun konnten sie den Leuten in diesen Ländern
jeden Tag und jede Nacht Dinge erzählen, mit denen die Menschen langsam und unmerklich
beeinflusst wurden, auf das sie es später einmal sogar als vorteilhaft sähen, wenn sie von
ihrem Arbeitslohn etwas ins Geldland schicken würden.

Aber auch nach jahrelanger Gehirnwäsche würden die Menschen in den Oliven- und
Arbeitsländern nicht überzeugt sein, dass es gut wäre, wenn sie ihren Arbeitslohn zu
Dagobert und seinen Kumpanen schickten. So einfach ging es nicht, sondern dafür
musste ein Grund her.

Und daher war der Plan etwas ausgefeilter:

Die Menschen in den Olivenländern bekamen nun jeden Abend im Fernseher gezeigt, wieviel
leichterdas Leben in den Arbeitsländern und im Geldland ist, oder so wurde es ihnen jedenfalls
vorgegaukelt. Und sie bekamen in den Medien gesagt, dass sie auch Auto fahren könnten statt
Eselskarren, wenn sie doch nur genug Geld hätten. Das leuchtete ein, und als
Dagobert dann eines Tages im Fernsehen sagte, dass er ihnen von seinem Geld so viel
schicken wollte, dass sie auch Autos fahren könnten und viele Annehmlichkeiten hätten, da gab
es keinen Widerspruch in den Olivenländern. Dass sie irgendwann das Geld an Dagobert
zurückzahlen mussten und auch jedes Jahr Zinsen an ihn zahlen, wussten manche zwar,
aber bei dem Wohlstand, der nun in Reichweite war, wollte niemand der Spielverderber sein.

Und so schickte Dagobert ihnen einen großen Berg Geld. In seinem Geldspeicher machte das
nicht viel aus. Aber er wusste, dass die Olivenländer ab jetzt jedes Jahr Zinsen an
ihn schicken mussten, von dem Geld, dass die Menschen in der Olivenländern hart erarbeiteten.

So lange, bis sie das geborgte Geld an Dagobert zurückgezahlt hätten. Theoretisch jedenfalls,
denn Dagobert war smart und wusste, dass die Olivenländer das Geld nie zurückzahlen konnten,
und ihm deshalb FÜR IMMER jedes Jahr für die Zinsen das Geld schicken würden,
das sie erarbeitet hatten. Diese ewige Geldquelle war für ihn viel besser als das Geld,
dass er den Olivenländern gegeben hatte. Das war innerlich bereits abgeschrieben.

Die Olivenländer würden ihm für immer Geld schicken. Alles, außer dem kleinen bisschen,
was sie zum Überleben und zum Weiterarbeiten brauchten. Aber es gab ein Problem. Die
Menschen in den Olivenländern erarbeiteten nicht sehr viel Geld, weil sie noch nie dazu
gezwungen waren wie die Menschen in den kalten Arbeitsländern.

Und deshalb kennen wir jetzt auch erst einen Teil des Planes.

Dagobert wusste natürlich, dass die Arbeitsländer ihm viel mehr Geld schicken könnten,
wenn er sie mit seinem Geld versklavt hätte - aber die brauchten sein Geld leider gar nicht. Weil
sie so viel arbeiteten, hatten sie einen höheren Wohlstand und waren zufrieden und
würden niemals was ändern. Und das ganze erarbeitete Geld konnten sie für sich behalten
und bauten Straßen und Schwimmbäder und Schulen und ihr Lebensstandard wurde immer
höher.

Da Dagobert und seine Kumpanen so unglaublich smart waren, hatten sie natürlich auch
einen Plan entwickelt, wie die Menschen in den Arbeitsländern ihr Geld nicht mehr behalten
würden, sondern es auch ins Geldland schicken würden, und zwar auch für immer. Und auch
alles, außer dem bisschen Geld, was sie zum Überleben brauchten, damit sie weiter arbeiten
konnten.

Und dieser Teil des Planes war wahrhaft an Smartheit nicht zu überbieten.


Die Olivenländer und die Arbeitsländer waren bisher immer unabhängig und machten ihr
Ding. Aber nun begann das Geldland über seine Zeitungen, Radio und Fernsehen den
Leuten im Oliven- und Arbeitsland langsam eine fixe Idee ins Hirn zu pflanzen: Sie sollten
sich zusammenschließen, wie eine Familie oder eine Union, weil das ja so angenehm ist,
wenn man in einer Familie ist, wo alle füreinander sorgen.

Es dauerte Jahre, bis dieser Teil des Planes des Geldlandes verwirklicht war. Dagobert und
seine Kumpanen schafften es über die Manipulationen in den Medien tatsächlich, dass die
Leute in den Olivenländern und den Arbeitsländern glaubten, wenn sie alle eine Familie
wären, sei das viel schöner, und machten begeistert das, was Dagobert sich für sie ausgedacht
hatte. Sie vereinigten sich alle zu einer Familie oder einer Union.

Nun knallten die Sektkorken im Geldland, denn der schwierigste Teil des Planes war
verwirklicht - der Teil, in dem die Menschen gehirngewaschen werden mussten. Der Rest
des Planes würde nun mit mathematischer Zuverlässigkeit ablaufen. Und so geschah es.

Das ärmste der Olivenländer konnte keine Zinsen mehr an Dagobert schicken, es reichte
einfach nicht, was die Menschen erarbeiteten. Sie hatten sich zu viel Geld von Dagobert
geliehen und die Zinsen waren zu hoch.

Eigentlich war vereinbart, dass Dagobert in einem solchen Fall die Ländereien und
und Fabriken und andere wertvolle Dinge im Olivenland zufallen würden, als Entschädigung.
Dies war aber (noch nicht) im Sinne Dagoberts. Stattdessen musste er nun doch noch
einmal die Menschen durch Zeitung, Radio und Fernsehen beeinflussen. Und sie wurden
nun glauben gemacht, dass sie ja eine Familie seien und sich gegenseitig helfen müssten.

Sprich: Das reichste Arbeitsland sollte etwas von seinem Geld an die Olivenländer schicken,
die sonst pleite wären. Als das zum ersten Mal geschah, wusste Dagobert, dass er nun
endgültig sein Ziel erreicht hatte.

Das Arbeitsland schickte eine ansehnliche Ladung Geld ins Olivenland, das von diesem
sogleich weiter ins Geldland geschickt wurde, um die Zinsen an Dagobert zu zahlen.

Die Menschen im Arbeitsland begannen zwar zu Grummeln, dass sie nicht hart arbeiten würden,
um ihr Geld dann ins Olivenland zu schicken, aber sie mussten sich fügen, da man sich in
einer Familie oder Union natürlich hilft. Inzwischen war alles elektronisch, und dass das
Geld aus dem Arbeitsland nur eine Sekunde im Olivenland war und dann sofort in
Dagoberts Geldspeicher landete, wussten die Menschen im Arbeitsland nicht, jedenfalls die
meisten. Und so glaubten sie, ihr Geld würde von den Menschen im Olivenland verbraucht,
und sie begannen, einen Groll gegen die Olivenlandmenschen zu entwickeln.

Einige wenige Menschen verstanden aber, wie der Hase lief, denn ab dann gab es viele
weitere Zahlungen vom Arbeitsland in das Olivenland, was ja logisch ist, da kein Geld
dort verblieb und immer wieder neues Geld nötig war - für immer. Und diese wenigen
Menschen sagten, wir wollen nicht immer so weiter machen. Lasst uns pleite gehen
und von vorn anfangen und nie wieder Geld von Dagobert nehmen.

Das war eine gefährliche Situation für Dagobert. Denn damit wäre er der Verlierer: sein
Geld weg und keine Zinseinnahmen mehr - ein Horror. Dagobert ließ die Manipulationsmaschine
auf Hochtouren schalten und ließ den Menschen ins Hirn waschen, dass sie noch mehr
Geld von ihm nehmen sollten, um die Probleme zu beseitigen, die dadurch entstanden
waren, dass sie Geld von ihm genommen hatten. Die Menschen erkannten den Widerspruch
nicht und nahmen noch mehr Geld von Dagobert.

Das ist der aktuelle Stand dieses Planes, so wie er bis heute verwirklicht wurde. Durch unsere
engen Verbindungen ins Geldland wissen wir aber, wie der Rest des Plans aussieht:

Und das kann man kurz machen. Die Olivenländer können Dagobert keine Zinsen mehr zahlen.
Daher bekommen die Olivenländer immer mehr Geld von den Arbeitsländern, was wie immer
postwendend in das Geldland geschickt wird.

Damit bekommt das Geldland auch einen Teil des Geldes, was in den Arbeitsländern
erarbeitet wird. Aber Geld kann man nie genug haben, und jetzt läuft alles wie von selbst.
Das Geld wird nun sogar in den Arbeitsländern knapp und sorgt für Unmut bei den Menschen.

Wieder naht Dagobert als der Retter und schickt einen großen Haufen Geld, diesmal nun sogar
an das reichste Arbeitsland, das inzwischen arm ist, weil es alles an die Olivenländer geschickt hat.

Und ab jetzt fließt das Geld in drei nie versiegenden Flüssen ins Geldland:

1. Was die Menschen im Olivenland erarbeiten, fließt als Zinsen direkt ins Geldland.
2. Da das nicht reicht, hilft das Arbeitsland dem Olivenland mit Geld aus, das direkt ins
Geldland fließt.
3. Da das Arbeitsland nun auch Geld von Dagobert bekommen hat, fließt auch von hier
das erarbeitete Geld als Zins ins Geldland.

Und da ist das Märchen zu Ende. Die Geldflüsse werden ewig weiter fließen, solange
Dagobert und seine Kumpanen geschickt genug sind, den Menschen in den vielen kleinen
Ländern genau so viel zu lassen, damit sie überleben, sich vermehren und weiter arbeiten können.

Und wenn sie nicht geschickt genug sind? Dann bekommen sie statt Geld Eigentum an Ländereien,
Fabriken und Immobilien in den Arbeitsländern und den Olivenländern, immer mehr mit jeder nicht
erfolgten Zahlung, bis ihnen schließlich ALLES gehört.

(Ähnlichkeiten mit realen Ländern gibt es nicht und sind auch nicht beabsichtigt.)