PecuniaOlet

Was ist der Mensch?

Dieser Beitrag richtet sich nicht an jene, die das Wesen des Menschen ausschließlich darin sehen, sich fortzupflanzen, zu arbeiten und das Leben möglichst zu genießen. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die sich mit hoher Willenskraft auf ein Ziel konzentrieren, dies fest im Auge haben, unermüdlich dafür arbeiten und irgendwann die Früchte ihres Erfolges genießen. Materieller Genuss und beruflicher Erfolg sind grundsätzlich betrachtet nichts Schlechtes, und häufig sprechen nur Neid und Missgunst dagegen. Wer das allerdings als die Ultima Ratio und eigentlichen Zweck menschlichen Daseins betrachtet, mag hier aufhören zu lesen.

Es ist auch in der Tat so, dass persönliche Zufriedenheit ab einem gewissen Einkommen nicht mehr mit der Höhe dieses Einkommens korreliert, und dass eine Mehrzahl von Arbeitnehmern ihren Job ausschließlich des Geldes wegen ausübt. Regale einzuräumen oder Autos zu montieren, ist selten ein Lebenszweck, Leben retten hingegen schon. Berufe sind heutzutage in der Regel leistungs- und nicht sinn- oder wertorientiert, und die höchste gesellschaftliche Anerkennung bringen in der Tat auch überwiegend leistungsorientierte Tätigkeiten. Wobei "Leistung" immer relativ zu betrachten ist. Ich habe in meiner beruflichen Vergangenheit zwar viel "geleistet", was den Umsatz anbelangt, bin aber deswegen weder stolz noch zufrieden - im Gegenteil. Man findet häufig gesellschaftliche Anerkennung, weil man nach außen hin aufgrund der Lebensumstände erfolgreich scheint, obwohl man selbst "Erfolg" längst anders definiert und irgendwann auf jede gesellschaftliche Anerkennung pfeift. Man stellt die Gesellschaft dann selbst infrage und sieht sie zunehmend - wie auch das eigene Handeln - kritisch. Die Suche nach einem "edleren" und höheren Sinn gestaltet sich heutzutage jedoch häufig schwierig.

"Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist: in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß." Max Scheler (1874-1928, deutscher Philosoph, Anthropologe und Soziologe)

Eine Unzahl von Scharlatanen, "Predigern" und selbsternannten Gurus verdient aufgrund dieser unbestreitbaren Tatsache eine Menge Geld. Die Religionen können uns spätestens seit der Aufklärung nicht mehr die allumfassende Geborgenheit und den ganzheitlichen Sinn vermitteln, wie dies früher der Fall war. Nach strenger Definition ist heute eigentlich jeder kein Christ mehr,der nicht an die Existenz eines persönlichen, in die Geschicke der Welt eingreifenden Gottes glaubt. Viele sind areligiös, andere "flicken" sich ihre eigene Patchwork - Religion synkretistisch zusammen, und bei den meisten, die sich noch für Christen halten, passen Verhalten und Empfinden absolut nicht mehr zu diesem Anspruch. Auch die Hinwendung zu fernöstlicher Religion ist heute mehr "Lifestyle", bestenfalls angewandte praktische Philosophie und Psychologie, als gelebte und verinnerlichte Spiritualität. Überspitzt und zynisch formuliert, kann sich heute jeder gewissenlose Manager oder Mafioso einen "Zen-Buddhisten" nennen, solange er behauptet, seinem Handeln nicht innerlich verhaftet zu sein und sich nicht mit ihm zu identifizieren, sondern lediglich seine "Pflicht" zu tun. Das ist meiner Meinung nach die schlimmste Art des Selbstbetruges. Wer beruflich ein "Schurke" sein muss, innerlich und privat sich aber als "Gutmensch" fühlt, ist bestenfalls ein Fall für die Psychiatrie. Diese Trennung ist schizophren und hochgefährlich.

Auch humanistische Ideale können nicht das Ende der Weisheit, aber Teil des Weges sein. Der Humanismus ist zu seinem größeren Teil ästhetischen Wesens.Seine ethischer Anspruch appelliert vorwiegend an die Vernunft und wird dem Menschen nicht hinreichend gerecht. Der Idealtypus des Humanismus ist im Grunde der Mensch als vernünftig-ästhetisches "Kunstwerk". Er konnte weder den Frieden bringen noch das Dasein über ästhetisch-vernünftige Sinnhaftigkeit hinausführen. Der Humanismus entspricht dennoch einem erstrebenswerten Erziehungsideal, dem heute aufgrund des einseitigen Leistungsanspruchs der Gesellschaft jedoch nur noch sehr wenige gerecht werden können. Wir haben uns in gewissem Sinne leider wieder in die Barbarei "zurückentwickelt". Da hilft auch kein technischer Fortschritt. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Der Mensch ist ein "Sowohl-Als-Auch". Er wurzelt in der Natur, und ek-sistiert ("hinaus-stehen") mit seinem Geist über sie hinaus.

"Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung, er steht aufrecht. Die Waage des Guten und des Bösen, des Falschen und Wahren hängt an ihm; er kann forschen, er soll wählen." Johann Gottfried Herder, und :

"In einem gewissen Verstande lassen sich alle zentralen Probleme der Philosophie auf die Frage zurückführen, was der Mensch sei und welche metaphysische Stelle und Lage er innerhalb des Sein, der Welt und Gott einnehme."  Max Scheler

Der moderne Mensch ist biologisch gesehen eine Sackgasse der Natur, ein, von Seiten der Natur betrachtetes, "kränkliches" (Zwitter)Wesen, ein Übergang von "nicht mehr" zu "noch nicht". In seinem Innersten sehnt er sich in den Schoß der Natur zurück, kann aber nicht, weil er "Geist" hat, und als geistiges Wesen nicht von der Natur, sondern von einer idealen, der Natur entfremdeten Wirklichkeit geprägt ist. Die Geburtswehen dieses Geistes sind die Wirren und Kämpfe menschlicher Geschichte, die immer noch andauern.

Und wie bei einer Geburt Mutter und Säugling aktiv beteiligt sind, so kann jene des Geistes nicht gegen die Mutter Natur, sondern nur im Einklang mit ihr erfolgen. "Gott" ist keine "Erfindung" des Menschen, sondern seine Aufgabe. Insofern ist der christliche Mythos der Gottesgeburt und des im und durch den Menschen leidenden, sich opfernden Gottes ein Mythos der Geschichte.

Was bedeutet das hinsichtlich unseres Handelns?

Der Sinn des Menschlichen kann nur ein ethischer sein. Unser Handeln muss darauf ausgerichtet sein, Natur und Geist in harmonischen Einklang zu bringen. Auch unsere eigene, innere Natur. Liebe ist das Band, das Geist und Natur verbindet. Weil nur eine bestimmte Art von Liebe (Agape) es vermag, dass der Mensch, sich seiner selbst ent-äußernd, alles Lebendige in seinem Wirken verbindet.

Was heißt das konkret?

Wer aus Liebe handelt, handelt nie falsch. Wer aus Liebe handelt, dem wird verziehen. Der Sinn des Menschen ist weder intellektuell noch dogmatisch zu fassen und zu fixieren. Liebe bedarf auch keines Intellekts.

Von Liebe ist immer leicht zu reden, aber wie soll man in einer Umgebung der Konkurrenz, des Neides, der Missgunst und des Hasses zu Liebe fähig sein? Man muss es wollen!  Und man kann es wollen,wenn man sich bewusst macht, dass jeder und alles nur durch den anderen und durch anderes Bestand hat, Trennung eine hartnäckige Illusion ist, und Hass auch oft dem Hass gegen sich selbst entspringt.

Was hinterlässt wirklich einen bleibenden und gewaltigen, "gänsehauterregenden" Eindruck bei (fast) jedem und nötigt uns höchsten Respekt ab? Wenn ein Mensch sich opfert, um andere zu retten. Und was hinterlässt den schäbigsten Eindruck? Wenn ein Vater aus Angst um sein Leben aus einem brennenden Haus augenblicklich flüchtet, und seine Kinder schlafend zurücklässt oder bei einem Schiffsunglück zuerst ins Rettungsboot steigt.

Das dem so ist, entspringt  dem unbewussten Wissen um ein höheres Sein, das lediglich in den Niederungen des kapitalistischen Alltags verschüttet wurde.