Kommandoverbände der Abwehr II im Zweiten Weltkrieg

Das "Unternehmen Kirn", ein Unternehmen in der Tradition der ursprünglichen Abw-II-Arbeit, besaß eine stark politische Komponente. Das FAK 202 hatte trotz der gegen dienationalen Aspirationen der Ukrainer gerichteten offiziellen deutschen Politik die Fäden zunationalukrainischen Persönlichkeiten nicht ganz abreißen lassen. Im Sommer 1944 sah esnun die Zeit gekommen, gegenüber den deutschen Entscheidungsträgern den Nachweis zuerbringen, dass eine schlagkräftige, weiteste Volkskreise umfassende und straff geleiteteantisowjetische, nationalukrainische Partisanenbewegung in Gestalt der UPA im nunmehrsowjetischen Hinterland existiere und dass es im deutschen Interesse liege, die UPA zuunterstützen, obwohl sie während der deutschen Besetzung einen Partisanenkrieg gegen die"Hitler-Okkupanten" geführt hatte. Mitte August 1944 kam es im Raum Turka zu erstenKontakten des FAK 202 mit Feldkommandanten der UPA und - zunächst bescheidenen -Waffenlieferungen an die UPA. Die Kontakte wurden in der Folgezeit intensiviert, und am 6.Oktober 1944 überquerte ein sieben Mann starkes Kommando des FAK 200 unter Führungdes FAK-Kommandeurs Hauptmann Kirn die HKL westlich des Uszok-Passes in RichtungOsten, begleitet von einem Verbindungsmann der UPA. Das Kommando operierte über fünf Wochen lang im tiefen sowjetischen Hinterland (Raum Stryi-Kalush) und erbrachte damit u.a.den Nachweis der Schlagkraft der UPA und der Möglichkeit einer deutsch-ukrainischenZusammenarbeit. Bei Stefanowka, 180 km hinter der russischen Front, legte das Kommandodann zusammen mit Dorfbewohnern einen Behelfsplatz an. Dort landete in der Nacht vom7./8. November 1944 eine Ju 52 des Kampfgeschwaders 200 und flog das Kommando wiederzurück nach Krakau.Einer der wichtigsten Folgeeffekte des Unternehmens Kirn war im politischen Bereich dieFreilassung Banderas, Stezkos und anderer Vorkämpfer einer ukrainischen Eigenstaatlichkeit,die im Prominentenflügel des KZ Sachsenhausen inhaftiert waren. Damit wurde einVersprechen, das Hauptmann Kirn schon zu Beginn der Kontakte den Feldkommandanten derUPA gegeben hatte, eingelöst. Für den militärischen Bereich wurde durch diese Freilassungund den bei den Operationen im feindlichen Hinterland gewonnenen persönlichen Kontaktmit UPA-Befehlshabern auch jenseits der HKL die Voraussetzung für eine engere, gezieltedeutsch-ukrainische Zusammenarbeit geschaffen. Das FAK 202, dem ein Verbindungsmannder UPA attachiert wurde, organisierte noch Versorgungsflüge mit Abwurf von Waffen undAusrüstung für die UPA. Der weitere Kriegsverlauf setzte dieser Hilfe für die UPA jedoch einEnde; die UPA setzte aber den Kampf gegen die sowjetische und polnische Verwaltung undArmee in der Hoffnung auf einen bewaffneten Konflikt zwischen den Westalliierten und derSowjetunion noch bis Ende der vierziger Jahre fort.Eine neue Dimension des Kommandoeinsatzes entwickelte der perfekt russisch sprechendeLeutnant Weyde mit dem "Sonderunternehmen Jaguar". Mit sowjetischen Beutepanzernwurden in - bis zum Soldbuch gehender - Volltarnung Einsätze im Rücken der Sowjetarmeegefahren. Der erste Einsatz erfolgte am 22.123. Dezember 1944 westlich Stuhlweißenburg.Eingesetzt wurden drei T 34/85 und 37 Mann, davon 12 Deutsche, 18 Russen und 7 Ungarn.Sie operierten sechs Stunden lang unerkannt hinter den sowjetischen Linien und erreichtenohne eigene personelle Verluste wieder die deutschen Linien, mussten allerdings einen Panzerwegen Kettenbruchs zurücklassen. Als Erfolg waren zu buchen: einmal dem Gegner durchFeuerüberfälle - z. T. mit schallgedämpften Waffen - zugefügte personelle undMaterialverluste, weiter Irreführung des Gegners durch an sowjetische Einheiten gegebenefalsche Informationen und fingierte Befehle und schließlich wertvolleFeindaufklärungsergebnisse für die eigene Truppe, die teilweise schon während des Einsatzesüber Funk durchgegeben wurden. Die Täuschung des Gegners gelang bei diesem und späterenEinsätzen vollkommen. Einmal ließ Leutnant Weyde sogar einen seiner Panzer in einersowjetischen Panzerfeldwerkstatt reparieren. Der Erfolg des ersten und der weiteren Einsätzewar im wesentlichen taktischer Natur und örtlich begrenzt, aber er schaffte den deutschenVerbänden am Einsatzpunkt zumindest vorübergehend Luft.
Kommandoeinsatz und das Völkerrecht

Zum Abschluss soll noch ein Blick auf die völkerrechtliche Problematik derKommandounternehmen geworfen werden. Die Kommandotrupps sind seinerzeit - frei nachHöcherl - nicht mit der Haager Landkriegsordnung unter dem Arm in den Einsatz gegangen.Es war ihnen aber klar, dass die Höchststrafe drohte wenn sie bei einem Tarneinsatz vomGegner gefasst würden. Sie gingen jedoch dieses Risiko freiwillig und bewusst ein, einmalweil ihnen das jeweilige Einsatzziel wichtig genug erschien und sie glaubten, es nur auf dieseWeise erreichen zu können, und dann, weil sie sich immer- die Planung lag ja in ihrer eigenenHand - zumindest gewisse Chancen ausrechneten, wieder heil zurückzukommen.Selbstmordeinsätze gab es bei den Kommandoverbänden der Abw II nicht, und sie wurdenauch nicht verlangt. Es gab auch keine Einsätze, die die Liquidation führenderPersönlichkeiten der Gegenseite vorsahen. Die Freiwilligkeit endete übrigens nicht mit derfreiwilligen Meldung zu Brandenburg. Hauptmann von Hippel sagte seinen Leuten vor jedemEinsatz: "Wenn ich heute nochmals zu Ihnen spreche, tue ich dies in voller Verantwortung alsIhr Kommandeur. Jeder von Ihnen hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, von diesemfreiwilligen Einsatz zurückzutreten; wenn er bei sich Hemmungen verspürt. Es gibt zurÜbernahme eines solchen Auftrags keinen Befehl." Und in einer Weisung des Chefs der AbwII vom 28. Juli 1943 heißt es u. a.: "a) Die Beteiligung des deutschen Abwehrpersonals aneinem Einsatz in Tarnkleidung zusammen mit russischen V-Leuten kann nicht befohlenwerden.b) Freiwillige Teilnahme an Einsätzen in Tarnkleidung ist zulässig [...] Zu der Entscheidungzu a) haben folgende Erwägungen geführt: Kommandierung zu Einsätzen in russischerUniform zusammen mit russischen V-Leuten ist nicht angängig, da einem deutschen Soldatenwegen der möglichen Folge, als Spion behandelt zuwerden, nicht befohlen werden kann, sichaußerhalb des geltenden Kriegsrechts zu stellen, auch wenn dieses von der Sowjetunion nichtanerkannt wird."Treffender als in dieser Weisung lässt sich die Situation der Angehörigen derKommandoverbände im letzten Krieg wohl nicht darstellen. Sie erhielten jede Unterstützungeinschließlich der russischen Uniformen und auch volle Anerkennung für ihre Tarneinsätzevon Abw II aber es war eben ihr eigener Entschluss und ihr eigenes Risiko, sie durchzuführen.Sind auch Leute, so wird man fragen, ohne Nachteile zu erleiden, von einem Einsatzzurückgetreten? Ja; zwei Brandenburger-Unteroffiziere z. B. hatten sich im Sommer 1940 zueinem Fallschirmabsprung über Irland gemeldet, wo sie Verbindung zur IRA aufnehmensollten. Die beiden waren schon intensiv auf ihren Einsatz vorbereitet worden, als sie plötzlichHemmungen bekamen. Der lc der 14. Armee, Major von Uckermann, ließ die beiden wegenFeigheit vor dem Feinde vor ein Kriegsgericht stellen. Hippel schaltete sich jedoch mit demVerweis auf das Prinzip der Freiwilligkeit ein, das Verfahren wurde niedergeschlagen, undder eine der beiden Unteroffiziere begegnet uns 1943 in Nordafrika wieder. Als Oberleutnantund mit dem Deutschen Kreuz in Gold ausgezeichnet.Wie Juristen62 Kommandoeinsätze sehen und sahen. soll hier nicht durch Verweis auf diehöchst unterschiedlichen Kriegsvölkerrechtstheorien, sondern anhand zweier konkreterTatbestände verdeutlicht werden. Einmal an der Behandlung, die den 13 Angehörigen derPanzerbrigade 150 z. b. V. zuteil wurde, die während der Ardennenoffensive im Dezember1944 im feindlichen Hinterland in amerikanischer Tarnuniform gefangen genommen wurden.und zum anderen anhand des Urteils, das ein amerikanisches Militärgericht in Dachau am 9.September 1947 gegen neun erst nach der Kapitulation in Gefangenschaft gerateneAngehörige desselben Verbandes fällte. Die Panzerbrigade 150 z.b.V. war ein ad hoc ausEnglisch sprechenden Angehörigen aller drei Wehrmachtteile und der Waffen-SS gebildeterKommandoverband unter Führung von SS-Obersturmbannführer Skorzeny. Dieser sollte mitder Masse Einsätze in Halbtarnung zur Sicherung der Maasbrücken durchführen. Allerdings

wurden die Brücken nie erreicht, da die Ardennenoffensive stecken blieb. Außerdem hatte erden Auftrag, Späh- und Störtrupps in amerikanischer Uniform ins feindliche Hinterland zuentsenden. Organisatorisch gehörte die Panzerbrigade 150 z.b.V. nicht zur Abw II, juristischwar aber ihr Einsatz genauso zu werten. 13 Angehörige der Späh- und Störtrupps wurden imfeindlichen Hinterland gefangen genommen. Sie kamen als auf frischer Tat ertappte Spione(Artikel 30 der Haager Landkriegsordnung) und wegen Missbrauchs der gegnerischenUniform (Artikel 23f. der Landkriegsordnung) - das Wort "Missbrauchs" ist dabei wichtig -vor amerikanische Standgerichte und wurden von diesen in Übereinstimmutig mit demKriegsvölkergewohnheitsrecht aufgrund amerikanischer Strafbestimmungen zum Todeverurteilt und erschossen. Die neun 1947 in Dachau Angeklagten, unter ihnen auch Skorzenyselbst, wurden dagegen freigesprochen.Dieser Prozess, in dem u. a. der Wing Commander Thomas, eines der Asse der britischenKommandotruppen, aus eigenem Antrieb als Entlastungszeuge für seine "Kollegen von deranderen Feldpostnummer" auftrat, ist für unser Thema hochinteressant. Hier können aber nurdie Gründe, die zum Freispruch führten, kurz zusammengefasst werden. Einmal kam denAngeklagten der Artikel 31 der Landkriegsordnung zugute, der schon seit 1907 eindeutigfestlegt, dass ein Spion der wieder zu seinem Heer zurückkehrt und später als normaler Soldatgefangen genommen wird, nicht wegen der früher begangenen Spionage belangt werdenkann. Das Gericht betrat aber auch Neuland. Es erkannte zugunsten der Angeklagten an, dassseit 1907 und insbesondere im Zweiten Weltkrieg ein Wandel in der Auffassung eingetretensei, was Missbrauch und zulässiger Gebrauch der feindlichen Uniform sei. Einen zulässigenGebrauch der feindlichen Uniform sah das Gericht in der Methode der Halbtarnung. NachAuffassung des Gerichts war der Plan Skorzenys, bei der kampflosen Annäherung an die zusichernden Objekte amerikanische Uniformen zu verwenden diese dann aber abzulegen, wennes zum Kampfkommen sollte, kein Verstoß gegen die Landkriegsordnung. Noch weiterzugunsten der Angeklagten ging das Gericht in seiner Auslegung der Landkriegsordnung imFalle eines mitangeklagten Spähtruppführers. Er hatte in amerikanischer Uniform, als demTrupp die Entdeckung drohte, auf einen amerikanischen Militärpolizisten geschossen, war soentkommen und wieder hinter die deutsche Linie zurückgekehrt. Nach Artikel 24 derLandkriegsordnung sind Kriegslisten und die Anwendung der notwendigen Mittel, um sichNachrichten über den Gegner und das Gelände zu verschaffen, ausdrücklich erlaubt. DasGericht schloss sich der Auffassung der vorwiegend amerikanischen Verteidigung an, dassder Schuss eben ein "notwendiges Mittel" gewesen sei und dass der Angeklagte in einer ArtNotwehr gehandelt habe. Das Gericht sprach auch diesen Angeklagten frei. Zu diesemFreispruch mag auch die Aussage des genannten britischen Offiziers beigetragen haben, derauf die Frage, was er in einer solchen Situation tun würde, lapidar erklärte: "Bump off theother guy."Über diesen Freispruch darf allerdings nicht vergessen werden, dass ein Kommandoeinsatz inVolltarnung, also ein Einsatz, bei dem sowohl bei der Annäherung wie im Kampf feindlicheUniform oder Zivil getragen wird, ein Verstoß gegen das Kriegsvölkervertragsrecht war undwohl auch in Zukunft bleiben wird, obwohl der so genannte Guerillaartikel des 1.Zusatzprotokolls zu den Genfer Abkommen vom 12. August 1949 die Verpflichtung beim 

Kampf Uniform zu tragen, aufweicht.