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Religion und Frieden - ein Widerspruch ?

Kein Weltfriede ohne Religionsfriede – diese immer wieder "floskulierte" These könnte man auch auf die einfache Behauptung „Kein Friede ohne Toleranz“ zurückführen. Denn bei gegenseitiger Duldung der Religionen wären demnach ja kriegerische Auseinandersetzungen, die sich auf unterschiedliche religiöse Weltanschauungen beziehen, ausgeschlossen.

Hierbei stellt sich natürlich die hinsichtlich politischer Korrektheit höchst bedenkliche Frage, ob Toleranz einen Wert an sich darstellt, hinter den jegliche individuelle und das Selbstbestimmungsrecht sowohl der Völker als auch des Einzelnen betreffende Entfaltung und Identität zurücktreten müssen, oder ob es Werte gibt, die Vorrang haben. Verkürzt könnte man auch fragen: Ist die Toleranz für den Menschen da oder der Mensch für die Toleranz (und ggf. den Frieden)?

Was ist Religion, sind heutige kriegerische Auseinandersetzungen primär religiös motiviert oder dient Religion häufig nur als Vorwand, um Völker von der Notwendigkeit von Kriegen zu überzeugen, die tatsächlich und ausschließlich geostrategischen und machtpolitischen Zielen dienen und lediglich im religiös verbrämten Deckmäntelchen daherkommen? Gibt es ausgeprägt offensive Religionen?

Religion ist so alt wie der „Homo Sapiens“ selbst. Erste Nachweise religiöser Rituale datieren ca. 120 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung und schon die Neandertaler praktizierten Bestattungsriten, die auf religiöses Denken und Fühlen schließen lassen.

Religion (von lat. „re-legere“=“bedenken“, „sorgfältig erwägen“, „achtgeben“; oder evtl. auch lat. „rem lingere“= „ eine Sache binden“, mit Skrupel betrachten und davor zurückschrecken => bannen) ist eine anthropologische Konstante und entspringt dem metaphysischen Bedürfnis des Menschen. Wirklich gelebte und lebendige Religion ist immer auch Auseinandersetzung,  im Allgemeinen und idealerweise mit sich selbst und seinem Verhältnis zur Welt und zum Tranzendentalen - im Besonderen aber mitunter leider auch die bis zum Krieg eskalierende „Auseinandersetzung“ (griech. „polemos“= „Auseinandersetzung“, „Krieg“) mit Andersdenkenden, bzw. Andersgläubigen.

Religion muss sich nicht zwangsläufig auf einen Gott (Monotheismus) oder viele Götter (Polytheismus) beziehen. Der Buddhismus „akzeptiert“ zwar die Existenz von Göttern, diese sind jedoch nicht „kriegsentscheidend“ oder der Dinge letzter Grund, sondern genauso Werden und Vergehen unterworfen wie der Mensch selbst – lediglich auf einer höheren Daseinsebene.

Die erste und ursprünglichste Ursache für das metaphysische Bedürfnis des Menschen war wohl das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit und Begrenztheit – das Gewahr-Werden des eigenen, unvermeidlichen, stets gegenwärtigen und lauernden Todes. Hinzu kamen jene Daseinsfaktoren, die dazu führen: Alter, Krankheit, Armut, Mangel und die damit verbundenen physischen und psychischen Leiden. Der Mensch wurde sich darüber im Klaren, dass er früher oder später „scheitert“ und suchte nach Erlösung. Suchen bedeutet aber immer auch „wissen wollen“, „Wach-Sein“ und sich seiner Lage zwischen Mikro- und Makrokosmos, zwischen „Geworfen-Sein“ (Ek-sistenz= „Hinausragen“) in Raum und Zeit und sozialer Geborgenheit und Verantwortung in Familie, Volk und dem "Nächsten" gegenüber bewusst zu werden.

Da es sich, wie oben erläutert, bei Religion um eine anthropologische Konstante handelt, gibt es im Grunde keine irreligiösen Menschen. Auch Atheisten, Agnostiker und Materialisten verteidigen nicht selten ihren „Glauben“ mit derselben Inbrunst und Leidenschaft wie etwa gläubige Muslime, und wären durchaus bereit, dafür auch in den Krieg zu ziehen (siehe zum Beispiel Kommunismus als „Ersatzreligion“).

Denn auch der Glaube an die „Allmacht“ der Materie, aus der sich alle Gesetzmäßigkeiten und auch das Bewusstsein ableiten ließen, der alles Leben entspringt, ist letztlich ein Glaube – und nichts anderes. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der Materialismus in letzter Konsequenz in "Werte" mündet, die ausschließlich dem eigenen Machterhalt und der Erringung materieller Güter dienen und den Menschen als "humane Ressource" entwerten, entmündigen und letzten Endes versklaven.

Wenn man sich an die grauenhaften Gemetzel der „roten Khmer“ erinnert, die in Kambodscha eine blutige Spur des Schreckens hinterließen und deren Gewalttaten alleine in internen Todeslagern ca. 2,2 Millionen Menschen zum Opfer fielen, an den Stalinismus mit seinen, nach Angaben des Biographen Dimitri Wolkogonow, ca. 22 Millionen ausschließlich den stalinistischen Säuberungen geschuldeten Toten, an die Opfer des Nationalsozialismus oder an die zwischen 40 und 72 Millionen Ermordeten des Maoismus – dann stellt man sich unweigerlich die Frage, ob diesen „Religionen“, die Volkstum und Volksglaube ausrotten wollten, weil sie keine anderen „Götter“ neben sich duldeten, adäquat mit „Toleranz“ begegnet hätte werden können.

Da es sich hier um keine klassischen Religionen im eigentlichen Sinne handelte, sondern um Ideologien, Personenkulte und Ersatzreligionen ohne Bezug zu einem metaphysischen Gott, ohne Transzendenz, ohne Brauchtum und Tradition, kann man getrost den Gedanken verwerfen, dass Kriege in erster Linie den unterschiedlichen Glauben traditioneller und  gewachsener Weltreligionen geschuldet sind, die den angeblichen „Clash Of Civilizations“ begründen.

Wer Christ ist und seinen Glauben lebendig lebt, darf keine Gewalt ausüben. Es gibt im Neuen Testament absolut keinen Hinweis auf Gewalt. Ganz im Gegenteil („Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“, „Wenn Dir einer auf die linke Wange schlägt, so halte auch die rechte hin“, „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“…).

Wer Buddhist ist, ist im weitesten Sinne auch eine Art von Atheist, da er nicht an einen Gott als „prima causa“ glaubt,  jedoch für gewöhnlich andere Religionen akzeptiert, wenn auch nicht unbedingt die damit verbundenen Rituale. Andere Glaubensgemeinschaften werden in der Regel nicht einmal als Widerspruch zur eigenen Lehre betrachtet, sondern eher als eine Art „Vorform“ und integrativer Bestandteil dieser. Mitgefühl und Gewaltverzicht gehören zu den höchsten Tugenden des Buddhismus.

Der Hinduismus, aus dem der Buddhismus hervorging, ist im Grunde genommen keine einheitliche Religion, sondern ein Sammelbegriff einer großen Diversifikation sich überlagernder und gegenseitig beeinflussender religiöser Strömungen mit gemeinsamer Tradition und uralten Wurzeln. Es existieren Schriften und Überlieferungen, in denen sowohl Gewaltverzicht gefordert als auch die Notwendigkeit von Kriegen unter bestimmten Voraussetzungen begründet wird.

Bei aller Tendenz zur Gewaltlosigkeit bei den Buddhisten und zum „friedlichen Om“ bei den Hindus kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen beider Religionsgruppen. Sobald die Politik – also das „Weltliche“ - ins Spiel kam (wie z.Bsp. bei Fragen der Verfassung, die bis 2006 in Nepal eindeutig hinduistisch orientiert war - Ähnliches in Sri Lanka, wo es sich umgekehrt verhielt), war es meist nicht mehr weit her mit der Friedfertigkeit. Kriegerische Aktivitäten waren unter anderem auch der Grund, weshalb der Buddhismus aus seinem Ursprungsland Indien weitgehend verdrängt wurde. Hier ging es jedoch nicht darum, „welcher Gott nun der wahre ist“ (Udo Lindenberg), sondern um Tradition, Volks- und Brauchtum und natürlich um politische Macht – Fäden eines geknüpften Teppichs, auf dem das Bewusstsein eines Volk fußt.

Den „Buchreligionen“ Christentum, Judentum und Islam, auch als „abrahamitische“ Religionen bezeichnet, liegen gemeinsame Stammväter und Propheten zu Grunde. Das Alte Testament als gemeinsame Basis ist aus heutiger Sicht nicht unbedingt ein Buch gelebter Toleranz und Milde und steht in weiten Teilen in gefühlter inhaltlicher Spannung zu den Evangelien des Neuen Testamentes. Ich verzichte hier bewusst auf häufig gebrauchte Zitate, die diese Tatsache in Zusammenhang mit Homosexualität, der Stellung der Frau und der Anwendung von Gewalt belegen sollen. Ebenso verzichte ich auf ähnlich geartete Zitate im Koran, der meiner Meinung nach in sich ebenfalls inhaltliche Spannungen aufweist, die sich teilweise zu widersprechen scheinen und nach abendländischem Denken nicht außerhalb des geschichtlichen Kontextes zu beurteilen sind.

Ich verzichte deshalb, weil ich nicht der Meinung bin, dass diese Stellen ursächlich für religiösen Fanatismus sind, so wenig ich der Meinung bin, dass die Aussage „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ Grund für aggressives Verhalten von Christen sein könnte, mag es manchen auch als Rechtfertigung dienen.

Der Islam („Unterwerfung“,“völlige Hingabe“) bildet zudem keine kompakte Einheit, auch wenn er mehrheitlich sunnitisch geprägt ist, sondern ist in mehrere Glaubensrichtungen aufgegliedert, die zwar alle den Koran als Grundlage haben, ihn jedoch teils völlig unterschiedlich „auslegen“. So sehen zum Beispiel die Aleviten (Türkei) oder Alawiten (arabisch-syrisch) den Koran nicht als wörtliche Offenbarung und richten sich auch nicht nach den „Fünf Säulen des Koran“ (wovon eine wesentliche der Dschihad, eine andere die Shariah darstellt), sondern setzen diesen eine Mystik entgegen, in deren Mittelpunkt der Mensch an sich rückt. Sie bauen im Übrigen auch keine Moscheen.

Das einzige, was ich damit zum Ausdruck bringen will, ist nicht eine Bevorzugung der einen oder anderen Richtung, sondern lediglich die Tatsache, dass der Koran als Grundlage einer Religion nicht „sui generis“ aggressiv-expansive Glaubensgemeinschaften hervorbringen muss.

Terroranschläge werden von Menschen verübt, nicht von Religionen. Je mehr sich das weltlich-machtpolitische Element mit der Religion verbindet, desto höher die Gefahr gewalttätiger Auseinandersetzung. Das gilt für alle Religionen ohne Ausnahme. Ausschließlich friedlich sind nur die jeweils „mystischen“ Ausprägungen der Religionen. Hier besteht Einigkeit in der Einheit mit Gott oder dem Absoluten und Unbedingten. Ob im islamischen Sufismus, der „Unio Mystica“ der Christen, dem „Erwachen“ des Buddhisten oder der „Einswerdung“ mit dem Brahman der Hindus.

Ein Gespräch zwischen Siddharta Gautama und Meister Eckhart oder einem islamischen Sufi hätte wohl trotz unterschiedlichen kulturell-religiösen Hintergründen niemals im Streit geendet.

Insofern eint sich alle Religion in der Mystik und findet dort ihren Frieden.

Mein Fazit: Nicht die Religionen gefährden den Weltfrieden, sondern Machtstreben, Gier und ideologische Verblendung, die sich häufig der Religion bedient und sie als Mittel zum Zweck missbraucht.

De facto existiert nur eine gefährliche Religion. Es ist jene, die Menschen und Völker ihrer Individualität, ihrer Seelen und ihrer Wurzeln um den Vorwand des Friedens willen beraubt. Es ist jene, die die Geborgenheit der Familie zerstört und den Unterschied der Geschlechter aufhebt. Es ist jene, die um ihrer Macht willen die Gier des Einzelnen entfacht und ihn versklavt. Es ist jene, die alle Menschen unter einem Gott und unter einer Einheitsreligion knechtet, die Frieden bringen soll - aber fortwährenden Krieg gegen die Freiheit des Einzelnen und die Selbstbestimmung der Völker fordert. Diese Religion kennt nur einen Gott, einen Wert und hat wohl die bisher meisten Opfer gefordert: Mammon !

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