Michel Houellebecq: Europa steht vor dem Selbstmord

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ist in Berlin mit dem Frank-Schirrmacher-Preis ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede diagnostiziert er westliche Müdigkeit und prognostiziert Europas Untergang.

Früher war es in Frankreich üblich – und das ist es, wie ich annehme, in nahezu allen Ländern –, dass man über einen kürzlich Verstorbenen nichts Schlechtes sagt. Ich erinnere mich noch, dass dieser Damm 2005 brach, als Guillaume Dustan starb. Der Hass, der ihm vonseiten der militanten Mitglieder von «Act Up» (ein Verband von Aids-Aktivisten, die Red.) entgegengeschlagen war, legte sich nicht mit seinem Tod, und gewisse Leute zögerten nicht, den Toten bereits am Tag nach seinem Ableben in den Zeitungen zu attackieren. Dasselbe Phänomen hat sich dieses Jahr mit Maurice Dantec wiederholt. Und mit mir, das kann ich jetzt schon sagen, wird es noch schlimmer kommen.

Es gibt viele französische Journalisten, die sich über meinen Tod ganz ernsthaft freuen werden. Ich meinerseits gebe die Hoffnung nicht auf, solange ich lebe, zum Bankrott gewisser Zeitungen beizutragen. Das wird sehr schwierig, denn in Frankreich werden die Zeitungen vom Staat unterhalten – in meinen Augen übrigens eine der am wenigsten gerechtfertigten, ja eigentlich skandalösesten öffentlichen Ausgaben dieses Landes.

Ein streitbarer Zeitgenosse
Michel Houellebecq ist ein französischer Schriftsteller. Im Januar 2015 erschien sein bisher letzter Roman «Soumission» am Tag der Anschläge auf «Charlie Hebdo». Er zeichnet darin die langsame Machtübernahme eines moderaten Islam nach (hier finden Sie unsere Rezension).
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die gekürzte Dankesrede zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises 2016 am 26. September in Berlin.
Unmöglich erscheint es mir dennoch nicht, da die Zeitungen in den letzten Jahren doch viele Leser verloren haben. Alle linken Medien, d. h. fast alle französischen Medien, befinden sich in einer schwierigen Lage. Es fehlen ihnen Leser. Allgemeiner gesprochen, ist die Linke in Frankreich allem Anschein nach am Sterben, ein Prozess, der sich seit dem Amtsantritt von François Hollande beschleunigt hat. Aus diesem Grund vor allem ist die Linke immer aggressiver und bösartiger geworden. Es handelt sich um den klassischen Fall des in die Enge getriebenen Tiers, das Todesangst verspürt und gefährlich wird.

Ich halte es für nützlich, an dieser Stelle zu präzisieren, was meine Existenz und der Erfolg meiner Bücher in Gefahr bringen, und zwar so sehr, dass man mir glaubwürdig den Tod wünscht. Sehr häufig verwendet man dafür den Ausdruck «politisch korrekt», aber stattdessen würde ich gern ein etwas anderes Konzept einführen, das ich den «neuen Progressivismus» nennen möchte.



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