Die Mutter aller Bumerang-Effekte

 Eric S. Margolis

Präsident Barack Obama wird von den Republikanern der Vereinigten Staaten von Amerika scharf kritisiert, weil er zugegeben hat, dass „wir noch keine Strategie haben“ für den Umgang mit dem Anwachsen der militanten Gruppe ISIS oder Islamischer Staat, als die sie jetzt bekannt ist.

Geht man davon aus, dass die Vereinigten Staaten von Amerika einen unglaublichen Sauhaufen mit ihrer Mittelostpolitik angerichtet haben, hat der Präsident recht, wenn er eine Pause macht und nachdenkt, etwas, was seine ungeniert drauflosplappernden republikanischen Kritiker nur selten machen. Diese fordern, dass die Vereinigten Staaten von Amerika sowohl den Irak als auch Syrien angreifen, ohne „was dann, ihr tapferen Washingtoner Krieger?“ zu fragen. Das sind die Republikaner, die George W. Bushs katastrophalen Einmarsch und die Zerstörung des Irak glühend unterstützt haben.

Das Problem ist, dass zu viele Köche in Washington seine Mittelostpolitik verderben. In seinem großartigen neuen Buch „The Sleepwalkers“ (Die Schlafwandler) beschreibt der in Cambridge lehrende Professor Christopher Clark, wie der Erste Weltkrieg zum Teil entzündet wurde durch kleine Gruppen von antideutschen Regierungsleuten in Frankreich, Russland, Serbien und Britannien, welche oft die gemäßigte Politik ihrer eigenen Regierungen unterminierten.

Der selbe Vorgang fand statt unter Präsident George W. Bush, als Intrigen von neokonservativen Regierungsleuten im Pentagon, im Außenministerium, in der CIA und in den Medien die Vereinigten Staaten von Amerika in einen verhängnisvollen Krieg trieben, dessen negative Auswirkungen noch immer zu spüren sind.

Heute sind andere pro-Krieg-Cliquen im offiziellen Washington wieder am Ball, wobei jede versucht, die Politik zu dominieren. Nehmen Sie noch einen Packen von proisraelischen Milliardären dazu, welche sowohl die demokratische als auch die republikanische Partei gekauft haben, offensichtlich einschließlich Hillary Clintons, der Spitzenkandidatin für die Nominierung zur demokratischen Präsidentschaftskandidatin.

Präsident Obama hat es immer extrem schwer gehabt, seinen Willen bei all diesen unterschiedlichen Fraktionen durchzusetzen, besonders jetzt, wo er eine lahme Ente ist. Er hat wiederholt klar gemacht, dass er neue Kriege vermeiden will, allerdings während er veranlasst hat, dass die Drohnenangriffe zunehmen.

Beide Parteien und die Notwendigkeit, Amerikas wackeliges Mittelostimperium – ich bezeichne das als das American Raj (etwa: amerikanisches Herrschaftsgebiet) abzustützen – drängen Obama in Richtung militärische Aktion.

Wir sehen also, wie eine kleine Anzahl von Soldaten zurück in den Irak beordert wird – genügend Männer, um das Land in einen neuen Konflikt hineinzureiten, aber nicht genügend, um einen größeren Unterschied zu machen. Kurz gesagt, das schlimmste von beiden Welten.

Jetzt steht Obama unter Druck, Syrien anzugreifen, eine Idee, die so verrückt ist, dass sie den Atem raubt. Obama ist weitgehend verantwortlich für die derzeitige Katastrophe in Syrien – nahezu 200.000 Getötete und drei Millionen Vertriebene. Das einst führende Syrien, das wirkliche Herz der arabischen Welt, ist verwüstet. Präsident Vladimir Putin wird Obama dieses Mal wohl nicht retten.

Die Vereinigten Staaten von Amerika finanzierten und bewaffneten den Aufstand gegen das Assad-Regime, welches 43 Jahre lang Syrien brutal beherrscht hatte. Frankreich, Britannien, Saudiarabien und andere arabische Länder unterstützten die Kampagne zum Sturz Assads, um damit den Iran zu schädigen, Syriens wichtigsten Verbündeten. Das Ergebnis: ein blutiger Zermürbungskrieg, der langsam von Damaskus gewonnen wird.

Schlimmer noch, die Intervention des Westens in Syrien hat zu dem geführt, was im Geheimdienstgewerbe als „Bumerang-Effekt“ bekannt ist – in diesem Fall die Mutter aller Bumerangeffekte.

Die von den Mächten des Westens und aus rätselhaften Gründen von der Türkei unterstützten syrischen Jihadisten liefen Amok. Eine bis dato unbekannte Bande von Schießern, bekannt als der Islamische Staat im Irak und der Levante, wurde in Jordanien von der CIA ausgebildet und bewaffnet und dann gegen Syrien losgelassen.

Aus ISIL wurde ISIS, dann der mittlerweile bekannte Islamische Staat (IS), der im nördlichen und zentralen Bereich des Irak herumgetobt hat. Was IS so effektiv macht, ist dass der größere Anteil seiner Anführer und Soldaten Verteranen von Präsident Saddam Husseins Armee sind, in erster Linie der republikanischen Garde. Auf Seiten von IS steht der letzte überlebende Saddam-Insider Izzat Ibrahim al-Douri.

Als die Vereinigten Staaten von Amerika zuerst in den Irak einmarschierten, da sagte Saddam voraus, dass sie die “Mutter aller Schlachten” vor sich hätten. Die Westler lachten. Elf Jahre danach ist ihnen das Lachen vergangen. Im Irak wird weiterhin gekämpft und das Land ist nicht mehr sicher für ausländische Erdölgesellschaften. Saddams Rache.

Der Islamische Staat ist das perfekte Beispiel für Nietzsches überstrapazierte Maxime “was uns nicht umbringt macht uns härter.” Er ist aus den Ruinen von Irak und Syrien gewachsen, um das amerikanische Raj herauszufordern.

„Leichte“ Bombardierung durch die Vereinigten Staaten von Amerika im Irak wird den IS nicht aufhalten. Die Chefs des Pentagon sagen jetzt, dass Luftstreitkräfte und Sonderkommandos der Vereinigten Staaten von Amerika nach Syrien hinein gehen müssen. Das ist die Standard-Vorgangsweise Obamas: sich zentimeterweise vorwärts bewegen und Testballons starten, um die öffentliche Meinung herauszufinden. Aber es ist klar, dass die amerikanische Öffentlichkeit keine neuen Kriege will, egal was die kriegshetzerischen Medien und der gekaufte Kongress sagen.

erschienen am 30. August 2014 auf > www.ericmargolis.com