Reisebericht

Bolivien: Durch die Zentral - Cordilleren

Wir ahnen nicht, was uns da erwartet in den Zentral-Cordilleren! In atemberaubenden Kehren geht es bis zu 2500m bergauf und bergab.
Im engen Tal ganz unten tropische Pflanzenwelt, ein Tunnel von Bambus- gebüsch und rot blühenden Pfefferbäumen und wenig später zieht schräg über uns der Kondor seine Kreise. Wir sind in einer Höhe von etwa 4000m. Hin und wieder müssen wir uns einen Weg graben oder ebnen, nachdem sintflutartige Regenfälle die Piste weggespült haben. In diesen Tagen bewältigen wir gerade eben 100 bis 150 km während eines zehnstündigen Fahrtages...

Potosi, die ehemals reichste Stadt der Welt

Kennen Sie Villa Abecia? Nein?
Um es ehrlich zu sagen: es hätte mich wirklich auch sehr gewundert, wenn Sie schon einmal dort gewesen wären. Dort in jenem winzigen, abgelegenen, bolivianischen Andenstädtchen!
Warum ich frage? Und: Was nun das Besondere an diesem Ort ist, möchten Sie wissen?
Eigentlich ist es der Weg dorthin, nur der Weg dorthin.
Und von dem will ich berichten!
Sie wissen schon: der Weg ist das Ziel, sagt man!
Auf unserer Tour entlang der sog. “Panamericana”, die von Feuerland nach Alaska führt, verlassen wir
Argentinien mit den beiden Expeditions-Fahrzeugen bei der Ortschaft La Quiaca und passieren die Brücke über den eher schmalen und ziemlich schmutzig-schlammigen Grenzfluß nach Villazon in Bolivien. Der Grenzübergang hier ist - wie übrigens bei allen anderen Ländern in Südamerika bisher - völlig problemlos.

Wir passieren den Schlagbaum immer rasch, die Grenzer sind freundlich und der Zoll verzichtet auf Kontrollen, wobei sie allerdings aus Neugier und Interesse hin und wieder recht gern einen Blick in das Innere der Fahrzeuge werfen wollen.
Unser erstes Ziel in Bolivien ist Potosi, die ehemals reichste Stadt der Welt. Zu ihrer Blütezeit vor 300 Jahren war sie größer als Paris oder London. Und außerdem ist diese Ortschaft die mit 4200 m am höchsten gelegene Stadt dieser Größe auf der Welt. Die Entfernung dahin beträgt von unserem jetzigen Standort an
der Grenze aus etwa 500 km. Und zwar ziemlich genau in nördlicher Richtung.
Unser Kartenmaterial ist schlecht; einen brauchbaren Führer mit Routenbeschreibung gibt es nicht. Die Wegzeichen sollen dürftig sein, sagt man uns. Kraftstoff gebe es nicht überall. Und der Zustand der Straßen oder besser Pisten sei ja sowieso als katastrophal bekannt.
Wir denken: Alles in allem also beste Voraussetzungen für eine nicht alltägliche, abenteuerliche und eindrucksvolle Fahrt. Und die sollte es dann ja auch werden!

Zunächst geht es auf einer staubig-steinigen Piste holperig und langsam voran. Unsere
Fahrtgeschwindigkeit pendelt wie auch in den kommenden Wochen zwischen 15 und 30 km/h. Oftmals gibt es Passagen im Schritt-Tempo zu bewältigen, ganz selten steht der Tacho bei 40 oder 45 Stundenkilometer.

Die Tagesetappen liegen bei einer reinen Fahrzeit von 7 bis 8 Stunden zwischen 130 und 180 Kilometern.
Später werden wir froh sein, wenn wir ganze 70 oder 90 km pro Tag schaffen. Aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Völlig unvermittelt wendet sich unsere Piste rund 30 km hinter der Grenze nach Osten, verläßt die Hochebene von etwa 2.500 m Höhe über dem Meeresspiegel und senkt sich in atemberaubenden Kehren abwärts. Stellenweise ist die natürlich einspurige Piste so knapp in den Felsen gehauen, daß man meint, der rechte Reifen fährt schon halb auf der abschüssigen Kante oder der Fahrzeugaufbau schrammt links am Felsen entlang.
Mir fällt die Beschreibung der gefährlichsten Paßstraße der Welt ein, die ein paar hundert Kilometer weiter nördlich verläuft. Sie führt von La Paz in die Yunga-Täler hinab und muß wohl so ähnlich sein wie unsere Piste. Dort steht zu lesen: “...100 Menschen im Jahr sterben auf dieser Straße, weil die Autos abstürzen...”
Ich fahre ziemlich langsam und wirklich sehr vorsichtig!

Wir sehen einige Fahrzeuge zerschmettert in der Tiefe. Und immer wieder Kreuze mit kleinen Altären oder Gedenksteine am Straßenrand....

Richtig spannend wird es bei Gegenverkehr.
Man sieht ein entgegenkommendes Fahrzeug - meist einen Lastwagen oder einen Bus - in aller Regel schon sehr frühzeitig irgendwo unter oder über sich.

Langsam kriechen die Fahrzeuge bergan. Dann verschwinden sie in einer Kehre und tauchen etwas später hinter einem Vorsprung wieder auf. Es geht sehr vorsichtig und gemächlich aufwärts.
Dann wieder scheint sich einer von den Lastern, voll beladen mit Menschen und ihrem Gepäck, am Felsen klebend, ebenso bedächtig und vorsichtig herab zu tasten auf dem schmalen Grat.

Man kann sich relativ gut auf die “Begegnung” vorbereiten. Allerdings bieten einem die Ausweichstellen keineswegs ein luxuriöses Platzangebot. So fährt man eben auch zentimetergenau auf das Podest über dem Abgrund hin oder quetscht sich an den Felsen, sodaß bei
der Passage beinahe oder auch tatsächlich der Außenspiegel verlustig geht.

Aber die Fahrer dort sind absolute Profis, Pisten-Experten, Akrobaten, beinahe Künstler.
Und - fast noch wichtiger - man achtet sich, grüßt immer, winkt vielleicht oder hupt und hilft sich, wo es nötig sein kann. Und man ist nie, wirklich nie! ungeduldig oder zornig aufeinander!

Aber es bleibt dennoch Zeit zum Schauen bei dieser atemberaubenden Fahrt zu Tal. So zum Beispiel auf die tief braunroten Felswände, hinab viele hundert Meter zu dem Bach, der in Millionen von Jahren dieses Tal gegraben hat. Wir erkennen einen Bauernhof, der sich am Felsen festklammert und umgeben ist von einigen
wenigen winzigen terrassenförmigen Feldern.
Wo eben noch dürre Steppenlandschaft herrschte mit in allen Farben blühenden riesigen Kakteen und dazwischen nur einigen verdorrten Sträuchern und Grasbüscheln - oben auf der Hochebene -, findet sich jetzt unten im Tal eine fast urwaldähnliche Pflanzendichte: Wir fahren durch einen Tunnel von Bambusgebüsch und rot blühenden Pfefferbäumen.

Der Bach hat gerade für ein paar Häuser Platz gelassen zwischen dem Wasser und dem brüsk
aufsteigenden Felswänden. Vor einer winzigen Kneipe stehen zwei Laster. Die Fahrer wollen sich wohl etwas erholen; sie grinsen uns an, kauen Kokablätter und verstauen sie in ihrer rechten Backentasche. Wer ein schiefes Gesicht hat in Bolivien kommt nicht gerade vom Dentisten oder hat Zahnschmerzen. Nein, er hat seinen Mund voller Kokablätter.

Wir sind jetzt auch rechtschaffen müde nach dieser mehrstündigen Abfahrt und finden gerade genügend Stellfläche für die beiden Autos neben einer Brücke am Rande eines kleinen Maisfeldes.
Den Aufstieg aus dem Tal - die ersten Kehren des wieder ansteigenden Passes können wir gut am
gegenüberliegenden Berg erkennen - wollen wir am nächsten Morgen mit frischen Kräften, ausgeruht und mit der Morgensonne im Rücken beginnen.
In der Nacht fahren viele Laster mit Donnergetöse an uns vorbei und über den Paß. Sie kennen ihn natürlich gut, finden auch im Dunkeln ihren gefährlichen Weg und haben zu dieser für uns ungewöhnlichen Zeit sicher weniger Gegenverkehr, der sich darüberhinaus durch das Licht der Scheinwerfer lange genug vorher
ankündigt. Und es ist natürlich wesentlich kühler als am Tag, wenn das Thermometer dann auf weit über 30 Grad ansteigt und hier in diesen Schluchten kaum ein Wind weht.

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