Der Leichnam Menschheit

Wohin man auch geht- zumindest im Inland: Man trifft heute keine Menschen mehr mit "Tiefgang" und echtem, unaufgesetztem Charisma, das in einer Persönlichkeit wurzelt, die in tief gefühltem Mysterium des Lebens gründet. 

Die "geheimnisvoll" rätselhafte Frau und der charismatische Mann lebendiger und nicht verliehener und erworbener Autorität des "Seins", nicht des"Habens" - das gibt es anscheinend nicht mehr. Der letzte Mann solcher Art, dem ich persönlich begegnet bin, war ein damals etwa 60-jähriger evangelischer Pfarrer und Religionslehrer, der vor 33 Jahren mit donnernder und zugleich lyrischer Stimme im Klassenzimmer "Predigten" schmetterte, die einen vor Faszination erstarren ließen.

Wenn ich unser Zeitalter mit einem Wort beschreiben müsste, fiele mir dazu ausschließlich das Adjektiv "flach" ein.

"Flach", weil beinahe alle Lebensbereiche gezwungen sind, sich am ökonomischen Nutzen zu orientieren.

"Flach", weil man überall nur auf eine Rolle spielende Personen, eher auf dressierte Zombies als auf vollständige Menschen trifft.

"Flach", weil es ausschließlich noch "Interessen" gibt und der lebendige, göttliche Eros erstarb, ja nicht einmal mehr bekannt ist. Er wich flacher Geilheit und schneller Befriedigung dieser "Interessen". Leidende Sehnsucht-was für ein Kitsch! Schnelles Essen, schneller Sex, entfremdete, dem Leben gewaltsam entrissene Arbeit. Der unbewusst "integrative" Versuch, während einfacher Arbeiten zu singen, zu pfeifen oder sich mit seinem Gegenüber zu unterhalten, wird heutzutage fast immer unterbunden, weil "nicht nützlich".

Genauso wenig wie Menschen ausschließlich um der Zeugung von Nachwuchs willen geschlechtlich miteinander verkehren, sollte "Arbeit" überwiegend als "Job" zum Lebensunterhalt betrachtet werden. Genauso wenig, wie man auch Nahrung nicht ausschließlich um der Ernährung willen in Form von fein abgestimmten "nützlichen" Pülverchen und Pillen zu sich nimmt, sondern kulinarisch, sinnlich zubereitet und in Gesellschaft "zelebriert".

 Arbeit, die keinerlei eigenen sinnlichen Erfahrungsgehalt mehr aufweist und sich häufig ausschließlich am Rhythmus toter Maschinen orientiert, ist Diebstahl wertvoller Lebenszeit und meschliche Entwürdigung zugleich. Will jemand diesem Raub ein Ende setzen, indem er seine eigene Lebenszeit freiwillig "abkürzt", wird ihm in China vereinzelt bereits diese letzte Freiheit genommen, da Suizid vertraglich verboten ist und bei Zuwiderhandlung die Familie mit hohen Schadensersatzforderungen konfrontiert.

Der ungebremste Kapitalismus ist das menschen- und lebensverachtendste, entwürdigendste und widerwärtigste rein geistige, patriarchale und seelentötende Prinzip, von dem die Menschheit jemals heimgesucht wurde.

Irgendwann muss es indes zum Ausgleich kommen und das unterdrückte Leben schlägt zurück - dieser Ausgleich wird furchtbar werden.