Suchtsystem

Ich hab das schon mal so ähnlich eingestellt, das war am Ende einer langen Diskussion, bis ich es drin hatte, waren schon 4 neue Beiträge erschienen, so daß es wohl keiner mehr gelesen hat.
Es gibt ein bemerkenswertes kleines Buch von Anne Wilson Schaef, „Im Zeitalter der Sucht “(1987), das sich zwar in erster Linie mit Alkoholismus auseinandersetzt, aber immer wieder Parallelen zum gesellschaftlichen System des Westens zieht, dass sie genau denselben Prozessen unterworfen sieht, wie sie in Suchtsystemen auftreten. So schreibt sie: “Das Suchtsystem ist in seiner Orientierung lebensfeindlich und unlebendig. Damit wir dazu gehören verlangt uns dieses System ab, unsere persönliche Identität aufzugeben, unsere Kraft, unser Bewusstsein und unser Wissen. Es verlangt, dass wir die Möglichkeit einer irgendwann eintretenden Vernichtung dieser Welt hinnehmen.” Und weiter: “Wir leben in einem System, indem wir die Lügen unserer führenden Politiker entschuldigen, damit wir eine Erklärung für und den Überblick über sie haben – genau wie das Co-Abhängige in ihren Suchtfamilien tun.”
Die Autorin nennt drei Prozesse, die unbedingt zu vermeiden sind, wenn man sich aus diesem Sucht oder Machtsystem lösen will:
1. dualistisches Denken: es ist auffallend wie sorgfältig Putin und Lawrow es in ihren Reden vermeiden in das klassische Freundfeindschema zu verfallen.
2. Unehrlichkeit: Es gelingt ihnen ganz sachlich die Realität zu beschreiben, ohne feindselige Untertöne. Genau das ist das, was beeindruckt. Und ganz im Gegensatz zu unseren Politikern lügen sie eben gerade nicht.
3. Kontrolle: es gibt keinerlei hektischen Reaktionen des Kremls, wenn Lukaschenko mal wieder mal mit den Amis flirtet, Obama in Indien mit Ehren überhäuft wird oder Kuba sich den USA annähert. Man vergleiche das mal, mit der schon hysterischen Jagd auf Tsipras, oder dem unmittelbaren Rapport bei Obama, wenn Merkel mal selbstständig einen Pups lässt.
Die Autorin behauptet, wenn es gelingt diese drei Verhaltensweisen dauerhaft zu vermeiden, würde das Machtsystem nicht mehr als Bezugspunkt dienen.” Wir passen uns in dieses System nicht mehr ein, aber wir bekämpfen es auch nicht; es hat einfach keine Bedeutung mehr, es ist nicht mehr unser Bezugspunkt. Es ist nebensächlich geworden, weit entfernt, belanglos. Wir sind vollkommen von ihm abgetrennt. Wir haben einen Systemwechsel vollzogen und es hinter uns gelassen.”
Ich kann mir nun nicht vorstellen, dass Putin das jemals gelesen hat, jedenfalls macht er alles richtig und das System würde quasi automatisch zur Bedeutungslosigkeit verkommen und damit die Deutungshoheit verlieren. Die im Artikel beschriebenen Reaktionen könnten die ersten Anzeichen dafür sein.

Antworten

DrVanvoidgeantwortet:

8 Stunden

Über den (mir unbekannten) Begriff “Suchtsystem” bin ich erst gestolpert, aber es geht

http://www.api.or.at/wzfs/beitrag/WZ_12_1989_34_06_Fesselmayer.pdf

Das fast schon befremdend wirkende “positive Verhalten” der russischen Regierung (z.B. Verwendung des Wortes “Partner” statt “Feind”) wird dadurch transparent. Danke für den Beitrag.