Was ist denn "Antideutsch"?

Das Deutsche an sich ist so vielfältig,dass man nicht so einfach von "typisch deutsch" sprechen kann, ohne möglicherweise einem Vorurteil zu verfallen.

Auch mir gehen manche Deutsche und angeblich typisch deutsche Tugenden bisweilen gehörig auf den Sack: "Nachbarn", die sich über ungeschnittene, zu hohe Hecken aufregen und Dir das Ordnungsamt auf den Hals hetzen, obwohl sie 500 Meter weit entfernt wohnen. Kann dann das Ordnungsamt leider nichts machen, vergiften sie eben bei Abwesenheit Deine Haustiere. Oder Leute, die Dich ausschließlich über Deine Arbeit oder "Nicht-Arbeit" definieren. Wenn Du Ihnen dann sagst, dass Du eine "Auszeit" nimmst, dabei aber niemandem auf der Tasche liegst, verstehen sie das weder, noch glauben sie es, weil vor Deiner Garage weder Porsche Cayenne noch Mercedes Cabriolet stehen. In ländlichen Gegenden langweilen sich manche eben sehr. Der Song "Lass`die Leute reden" von den Ärzten passt schon auf manche deutsche "Tugendwächter".

Aber ist das "typisch deutsch", mal abgesehen davon, dass sich zwischenzeitlich nicht wenige "alteingesessene" Immigranten ähnlich verhalten?

Das ehemalige Land der unterschiedlichsten "Dichter und Denker"  so gegensätzlicher Persönlichkeiten wie Nietzsche und Schopenhauer, Hegel und Marx, Heine und Goethe, Schiller und Novalis, Kant und Klages.......wurde nicht zuletzt aufgrund der viel geschmähten "Buntheit" der "Kleinstaaterei" und der unterschiedlichsten Stämme nahe verwandter Dialekte (die erst Luther zu einem gemeinsamen "Hochdeutsch" formte) zu einem solchen. Nur aus der Spannung dieser sich ergänzenden und aus einem Geiste stammenden Gegensätze heraus entzündet sich der Funke einer "Denk-Kultur".

„Ein deutscher Dichter: das war etwas dazumal in der Welt. Das Wort vom Volke der Dichter und Denker stand in seiner vollen Geltung. […] Ein Deutscher sein, das hieß beinahe ein Dichter sein. Aber noch mehr: ein Dichter sein, das hieß beinahe auch schon, ein Deutscher sein.“ Thomas Mann in seiner Essaysammlung "Adel des Geistes" über Adelbert von Chamisso (1781-1838), deutscher Naturforscher und Dichter französischer Herkunft,dem- obgleich französischer Muttersprachler - bedeutende Werke in deutscher Sprache gelangen.

Wo gibt es "mehr Europa", gibt es mehr Gemeinsames, gibt es mehr "Zusammenwachsen" als dort, wo europäische Literaten und Philosophen in der jeweils anderen Sprache ihr Denken und Fühlen zum Ausdruck bringen?

Ein Europa, das sich ausschließlich an den Interessen der ("supranationalen") Wirtschaft orientiert, die sich erdreistet, ihre rein am Nutzen gemessene Definition von "Buntheit" jedem mittels der Medien aufzuerlegen, muss zwangsläufig "antideutsch" und damit auch im Grunde "antieuropäisch" argumentieren. Kulturelle Interessen und ein dementsprechendes Einheitsgefühl sind diesen Interessen zuwider, ebenso zuwider wie Volksentscheide und gelebte, direkte Demokratie, die dem freien Fluss des Schuldgeldes im Wege stehen.

"Antideutsch" kann daher in meinen Augen nichts anderes bedeuten, als jenen Geist zu bekämpfen, der Europa in geistigen Wehen zur Geburt des Humanismus führte und letzen Endes in die Ausformulierung von,Menschenrechten mündete.

 "Antideutsch" ist in einer hinterhältigen Weise auch "Anti-Französisch", "Anti-Italienisch", "Anti-Russisch"........Kurz: "Anti-Europäisch"!