Zwischen den Saudis und den USA hängt der Haussegen schief

  1. Zwischen den Saudis und den USA hängt der Haussegen schief. Nicht offiziell, da umarmt man sich wie immer, aber hinter den Kulissen brodelt es. Die Saudis waren zuerst verunsichert, dann verärgert und jetzt sehr beunruhigt und aufgeregt. Die Atomverhandlungen mit dem Todfeind Iran zeigen Riad klar, dass die USA versuchen, sich im Nahen Osten neu zu positionieren. Bisher hingen sie am Tropf des saudischen Öls. Mit dem heimischen Fracking haben sie sich aber nunmehr eine Autonomie in der Energieversorgung geschaffen. Und das macht sie klar unabhängiger von Riad. Die Tatsache, dass die Verhandlungen mit dem

Iran nach der vom Westen gestellten „Deadline“ nicht abgebrochen, sondern um weitreichende 7 Monate verlängert wurden, spricht Bände. Die USA wollen das zarte Pflänzchen der guten Beziehungen zum Iran nicht schon wieder aufgeben. Umso mehr, als sie indirekt mit den Iranern in der Bekämpfung der IS-Terroristen zusammenspannen...

  1. Die Saudis hingegen befürchten klar, dass bei einer möglichen Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran Teheran von der schieren Grösse und Dynamik her im Nahen Osten eine Führungsposition übernehmen könnte. Wirtschaftlich und politisch, gepaart mit echter militärischer Stärke. Und dies ist auch klar der Grund, warum die Saudis an der letztwöchigen OPEC-Sitzung als gewichtigstes Mitglied durchsetzten, dass die derzeitige globale Ölschwemme anhält oder gar noch an Dynamik gewinnt. Sie wollen damit die von den USA neu gewonnene Stärke in der Fracking-Ölgewinnung gleich wieder brechen. Das lässt sich nur über die (noch niedrigeren) Ölpreise auf den Weltmärkten erzielen...
  2. Die saudischen Ölquellen sprudeln aus dem Wüstensand. Die Förderkosten liegen nach Branchenangaben im Schnitt zwischen 10 und 20 Dollar pro Fass. Anders in den USA, wo Fracking ein komplizierter, kos- tenintensiver Prozess ist. Der sich über das billig(st)e Geld der Notenbanken bisher leicht finanzieren liess. Vorausgesetzt, dass geförderte Produkt kann Ertrag bringend verkauft werden. Bei geschätzten Einstands- preisen von 70–80 Dollar pro Fass für Fracking-Öl ist aber bei den drastisch gesunkenen Ölpreisen für viele Unternehmen bereits die Gewinnschwelle unterschritten. Für die USA ein doppeltes Dilemma. Die Industrie lechzt nach billiger Energie und will die defizitäre Staatskasse durchgreifend entlasten. Das wiederum lässt sich nur mit hohen Ölpreisen erzielen, die sogar einen Export ermöglichen. Die von den Saudis orchestrierte globale Ölpreisbaisse hingegen führt dazu, dass die USA billiges Öl erneut importie- ren werden, da Fracking-Öl zu teuer ist. Politiker und Wirtschaftsexperten fragen sich, wie hier Washington den Gordischen Knoten durchschlagen kann oder will. Fracking hat 400’000 neue Arbeitsplätze in den USA geschaffen und damit die Wirtschaft und Konjunktur wesentlich beeinflusst! In unserem beiliegen- den Monats-Anlageteil gehen wir noch vertieft auf die wirtschaftlichen Fragen zur globalen Ölsituation ein...
  3. Die Verhandlungen mit dem Iran – „kein Bau von Atombomben“ – sind harzig. Es geht um den umstrit- tenen nuklearen Forschungsreaktor, der schon in Kürze zur Produktion von waffenfähigem Plutonium bereit sein soll. Ein Blick auf das derzeitige globale nukleare Waffenarsenal zeigt: Eine Handvoll Bomben in iranischer Hand nützen wenig, wenn man von tausenden Atombomben umzingelt ist. Die USA besitzen 7’300, Frankreich plus Grossbritannien 525 und Israel 80–400 Atom-Gefechtsköpfe. Alle werden noch übertroffen von den über 8’000 Gefechtsköpfen, die Russland in seinen Arsenalen hütet. Und dies, obwohl russische Raketen und Atomsprengköpfe über Jahre hinweg „vernichtet“ wurden. Im Umgang mit dem Iran gilt aber auch das kleine Einmaleins der Nuklearstrategie. Es gilt – vielleicht mit Ausnahme der USA und Russland – für alle: „Wer als Erster schiesst, stirbt als Zweiter.“ Zwanzig Minuten nach einem Nuklearangriff Irans auf Israel würde (auch) der Iran nicht mehr existieren, wäre „von der Landkarte wegradiert“. Teheran weigert sich ganz einfach, dem massiven Druck der USA nachzugeben. Washington will klar ein „unbotmässiges“ Land kleinkriegen. Eines, das sich weigert, nach der US-Pfeife zu tanzen. Und das schon einmal die „Frechheit“ besass, den CIA-gesponserten Schah aus dem Land zu jagen...
  4. Für viele politische Beobachter stellt sich die Frage: Ist Obama noch stark genug, gegen den Widerstand der Republikaner und Israels eine zügige Aufhebung aller Sanktionen durchzusetzen? Israel hat in Wien erneut massiv Druck auf die US-Delegation ausgeübt und deren Position verhärtet. Unmittelbar vor Ablauf der Verhandlungsfrist drohte die israelische Regierung erpresserisch, für den Fall eines „schlechten Abkommens“ einen Militärschlag gegen den Iran an. Entsprechend zufrieden zeigte sich Israels Minis- terpräsident Netanjahu am Fernsehen, „dass eine Einigung nicht zustande kam“...
  5. Objektiv betrachtet wird hier mit zwei Ellen gemessen. Der Nuklearstreit mit Iran ist ein unehrlicher Streit. Weil Washington an Iran Massstäbe anlegt, die man an US-Freunde wie Israel oder Indien (aber auch Pakistan in abgedämpfter Form) nie angelegt hat. Israel hat, ähnlich wie Indien, einfach den Atomwaffen- sperrvertrag nicht unterzeichnet und sich zunächst heimlich zwischen 80 und 400 Atomsprengköpfe zuge- legt. Trotzdem klagt ausgerechnet Israel, einer der Hauptverletzer der „Nichtverbreitungspolitik“, Iran am lautesten an. Der Westen, unter der Führung der USA, sollte in den nächsten verbleibenden sieben Ver- handlungsmonaten Kompromisse anstreben. Solche, die wohl den Bau einer iranischen Bombe de facto unmöglich machen und trotzdem – unter dem Mantel der friedlichen Nutzung der Kernenergie – die natio- nale Würde des Landes respektiert. Je schneller und umfassender der Westen seine einschneidenden Sanktionen gegen das iranische Volk aufgibt, desto leichter wird es, die verbliebenen Probleme zu lösen. Es ist ja auch kein Geheimnis, dass die Saudis – mit pakistanischer und nordkoreanischer Hilfe – in aller Heimlichkeit daran sind, sich nukleare Kenntnisse zu verschaffen, um dem verhassten Nachbar Iran auch auf dieser Ebene Paroli bieten zu können. Und um auch nicht die Führerschaft im Nahen Osten zu verlieren...