Nur wenn Grenzen überwunden werden

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Nur wenn Grenzen überwunden werden
Erik Händeler

Ein umfassend anderer Blick

Kondratieffs Gedankenwelt................................. 7

Kapitel 1*

Wann wird Gesundheit zum Wachstumsmotor

der Wirtschaft?..................................................... 9

Kapitel 2

Kondratieffs Globalsicht.................................... 21

Kapitel 3

Geschichte in langen Wellen................................ 46

Kapitel 4

Wirtschaft ist eine kulturelle Leistung.................. 61

Kapitel 5

Die Zukunft findet im gedachten Raum statt........ 77

Kapitel 6

Der Zukunfts-Schlüssel...................................... 85

Kapitel 7

Investieren in Menschen.................................... 100

Kapitel 8

Der entscheidendste Standortfaktor...................... 108

Kapitel 9

Gelassenheit in Vielfalt........................................ 116

Kondratieffs Gedankenwelt

Da sitzt jemand 1938 in einem sibirischen Gulag und wartet auf seine Hinrichtung. Abgesehen davon, dass das für jeden Menschen eine Katastrophe ist, wird der russische Ökonom Nikolai Kondratieff auch als Wissenschaftler daran verzweifelt sein, dass sein Werk verloren scheint: Mit seiner Theorie der langen Konjunkturwellen hat er umfassend erklärt, wie die virtuell-monetäre und die realmaterielle Seite der Wirtschaft zusammenhängen.

Seine Gedankenwelt kurz erklärt: Weil ein Produktionsfaktor - zum Beispiel Transport - im Verhältnis zu den anderen Produktionsmitteln zu knapp und daher zu teuer wird, stagniert die Wirtschaft. Denn wenn es an Produktivitätsfortschritten fehlt, machen Unternehmer kaum noch Gewinne und haben damit keinen Grund, zu investieren und Menschen zu beschäftigen. Wenn aber dann eine grundlegende Erfindung - zum Beispiel die Eisenbahn - die Knappheit überwindet, fließt das freie Geld in diesen Sektor, weil sich dort gut Geld verdienen lässt. Die freigesetzten, eingesparten Ressourcen werden in allen anderen Branchen ausgegeben, die Wirtschaft boomt. Bis es eben wieder eine neue Knappheit im Produktionsprozess gibt.

Anders als alle anderen Wirtschaftstheorien ist die von Kondratieff umfassender als jene, die Wirtschaft nur unter monetären Aspekten diskutieren. Preise, Zinsen, Löhne, Geldmenge, Inflation - das alles ist nicht die Ursache der ökonomischen Entwicklung, sondern nur deren Folge. Kondratieff sieht den Motor der Wirtschaft in den Verbesserungen des realen Lebens, die den Menschen Zeit und Kraft sparen, um damit etwas anderes anzufangen - so entstehen rentable Arbeitsplätze und mehr Wohlstand.

Aus Kondratieffs Perspektive kurz vor seiner Hinrichtung waren die Aussichten in jeder Hinsicht trostlos, auch für sein Werk: Der Osten versank im Stalinismus, der Westen neigte sich den ökonomischen Lehren von Keynes zu, der versprach, mit monetären Größen wie Geldmenge und Staatsausgaben Nachfrage so steuern zu können, dass lange Zyklen und deren finale Krisen endgültig abgeschafft seien - was auch erst einmal funktionierte, nämlich solange Auto und Erdöl nach dem Zweiten Weltkrieg die Wirtschaft trugen.

Wer ganzheitliche Erklärungen für die wirtschaftliche Situation sucht und Strategien für die Zukunft, dem bietet Kondratieffs Theorie einen faszinierend anderen Blick auf die Wirtschaft. Ob in der Schule, an der Börse oder im kranken Gesundheitswesen: Vor dem Hintergrund der Kondratiefftheorie werden die aktuellen Phänomene verständlich und verlieren an Schrecken. Übertragen auf heutige Produktionsverhältnisse zeigt sie, in welche Richtung die ökonomische Entwicklung weitergeht: Der beste Weg in die Zukunft ist, in Menschen zu investieren.

Kontraproduktiv ist inzwischen, wenn jemand nur den Menschen und den Kollegen im Betrieb nützlich ist, die ihm selbst auch wieder nützlich sein könnten. Denn Informationsarbeiter sind so hoch spezialisiert, dass sie oft Leuten helfen, die ihnen wiederum keinen Nutzen zu bieten haben; andererseits helfen ihnen andere weiter, die sie mit ihrem Wissen nicht unterstützen können. Die Wirtschaft braucht daher eine freigiebige Kultur der Informationsweitergabe. Denn wir können die Folgen unseres Tuns nicht überblicken. Als Kleinkind war Winston Churchill in den Gartenteich gefallen und wäre wohl ertrunken, hätte ihn nicht der Gärtner herausgezogen und so das Leben gerettet. Churchills Vater versprach daraufhin dem Gärtner, seinem Sohn Schule und - wenn er gut genug wäre - auch das Studium zu finanzieren. Dieser studierte schließlich Medizin und erfand das Penicillin - es war Alexander Fleming - und rettete damit Millionen von Menschenleben, Churchill hielt England im Zweiten Weltkrieg zusammen. So wirkte die gute Tat der Väter über Generationen weiter. „Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden das Gleiche?"34

Wenn bewusste Christen früher gegen den Strom im Arbeitsleben ehrlich waren, sich für den Gesamtnutzen einsetzten und jeden Menschen unabhängig von seinem hierarchischen Status sowohl respektierten als auch kritisierten, hatten sie es schwer. In Strukturen von Befehl und

34 Matthäus 5, 46 f.

Gehorsam und einem Paradigma, in dem der Fortschritt von Technik abhing, ging ihr Verhalten unter. Das ist jetzt anders, wenn sie versöhnen, Wahrhaftigkeit erstreiten, anderen authentisch begegnen. Das neue sozioökonomische Paradigma bewegt sich auf Verhaltensmuster zu, die der christlichen Ethik entsprechen. Doch keine Ethik steht im leeren Raum. Die Begründung dafür liegt in der Glaubensvorstellung, mit welcher Haltung Gott den Menschen begegnet - und damit im Verhalten, wie es von Jesus im Evangelium überliefert wird: Bei der Samariterin am Brunnen mit ihren vergangenen fünf Lebenspartnern fängt er nicht an, sie über Todsünden zu belehren, sondern bietet ihr „lebendiges Wasser", um ihre Bedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit zu stillen. Ständig häkelt er sich mit denen, die sich um ihren eigenen Heiligkeitsstatus drehen und sich über andere erheben - auch an solchen Erscheinungsweisen hat die Kirche immer gelitten. Je mehr aber Wirtschaft und Gesellschaft - aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus - in die Kooperationsfähigkeit der Menschen investieren, umso mehr werden diese nicht Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten auch im Glauben betonen - übrigens mit Rückwirkungen, wie innerkirchlich und zwischenkirchlich miteinander umgegangen wird.

Denn es ist unvorstellbar, dass die Informationsarbeiter der Zukunft in ihrem Bereich ständig selber entscheiden und damit Verantwortung übernehmen müssen, aber in der/den Kirche(n) nur Vorgekautes übernehmen. Das wird die Kirche nicht schwächen, sondern im Gegenteil stärken,weilreflektierteHaltungenstabilersind.Je mehr in der Wirtschaft die autokratische Führung durch eine moderierende und sinnorientierte Führung abgelöst wird, umso besser als bisher wird dies auch in der Kirche gelingen. Je mehr die Menschen im Berufsleben lernen, Spannungen auszuhalten und bei Gegensätzen die jeweils anderen nicht zu verteufeln, umso weniger werden Glaubensgegensätze in Einzelfragen zu emotionalen oder gar organisatorischen Brüchen führen. Und je weniger rein individualistisches Verhalten ohne Rücksicht auf universalethische Aspekte gesellschaftlich akzeptiert ist, umso weniger stark wird der Rückhalt für individualistisch überschießende, theologische Entwürfe sein, die sich nicht integrieren lassen. Mit der Rückkehr religiöser Fragen in der gesellschaftlichen Entwicklung kehren nicht automatisch auch die Religionskriege zurück - eine Gelassenheit in Vielfalt macht sich breit.

Die ganzen Auseinandersetzungen um politische und wirtschaftliche Reformen laufen damit auf eine neue Qualität des Sozialverhaltens hinaus, die trägt, wenn der Wohlstand davon abhängt, über den eigenen Nutzen hinaus Informationsarbeit zusammenzuführen - und zwar global. Die Weltbevölkerung entwickelt sich zu einer gegenseitig abhängigen Gemeinschaft, deren Lebensqualität nur durch mehr Kooperation gesteigert werden kann. Die Knappheiten an Energie, Rohstoffen, Trinkwasser, sauberer Luft, Gesundheit und elementarer Bildung lassen sich nur überwinden, wenn immaterielle Ressourcen entdeckt und produktiver genutzt werden. Das ist die Geschichte der Zukunft.

Gestörte Informationsbeziehungen heilen lassen

Für die komplexe Wirtschaft der Informationsgesellschaft ist es wichtig, dass sich gestörte Beziehungen heilen lassen. Sie kann es sich nicht leisten, dass jemand sagt: Mit dem arbeite ich nicht mehr zusammen. Oder wenn ungeklärter Streit noch das Verhältnis belastet. Deswegen wird sich am Ende der langen ökonomischen Restrukturierung eine Kultur herausbilden, in der man das eigene Verhalten redlich prüft, Schuld zugibt und andere um Vergebung bittet; eine Kultur, in der Schuld vergeben werden kann. „Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht, und tut es ihm Leid, so vergib ihm. Und sündigt er siebenmal am Tag gegen dich und kommt er siebenmal zurück und sagt: Es tut mir Leid, so vergib ihm."30 Als Vorbild kann hier die „Wahrheitskommission" unter der Leitung von Bischof Desmond Tutu in Südafrika dienen, der es nicht um Strafe ging, sondern um einen unverfälschten Blick auf die Tatsachen und um Versöhnung.

Statt der hierarchischen Führungskultur des Industriezeitalters braucht die Informationsgesellschaft eine dienende Führungskultur. 1 Wer andere herumkommandiert und benutzt, selbst aber nicht als gutes Beispiel vorangeht und den anderen auf partnerschaftlicher Augenhöhe begegnet, legt die ganze Gruppe lahm. Wer die meiste Macht und Kompetenz besitzt, soll sich am meisten anstrengen. „Die Könige der Heidenvölker spielen den Herrn über sie, und die Gewalthaber lassen sich ‚Gnädige Herren‘ nennen. Ihr seid nicht so; sondern der Größte unter euch werde wie der Kleinste und der Gebietendewie der Dienende."32 Und nach diesem Zitat wusch Jesus die wohl ziemlich dreckigen Füße seiner Jünger. Das Wort Gehorsam ist belastet, seit es in Kadavergehorsam umgewertet wurde. In der 1500 Jahre alten christlichen Regel des Benediktinerordens jedoch wird Gehorsam verstanden als genau hinhorchen, oft auch übersetzt mit „Bereitschaft zum Dialog", also Kooperationsfähigkeit.

Die ist wichtig, weil die wenigsten Fehler dort entstehen, wo mehrere Blickwinkel in einem Team verhindern, dass sich jemand in einen Irrweg verrennt. Das funktioniert nur, wenn keiner automatisch kraft seines Status von vorneherein immer Recht hat. Denn dann würden die anderen nicht mehr mitdenken und ihre Ideen und Sichtweisen nicht mehr motiviert vortragen. Das Christentum geht davon aus, dass jeder Mensch fehlerhaft ist, dass sich jeder Mensch irren kann. Jesus ist da eindeutig: „Nur einer ist gut, Gott."33 Das gilt auch in religiösen Fragen: Wenn zwei Christen in fünf verschiedenen Punkten unterschiedlicher Meinung sind und der eine davon ein intensiveres geistliches Leben führt, hat jener nicht immer automatisch Recht: Es kann sein, dass er in vier Punkten in der Wahrheit Gottes ist, aber in einem Punkte irrt (im Gegensatz zu Sekten und Psychogruppen, wo irgendeiner für sich in Anspruch nimmt, er sei „tiefer in den Glauben eingedrungen als andere" und könne deswegen andere dominieren). Deswegen ist das Christentum eine Dialogkultur

Eine Einladung...

Bitte helfen Sie mit, dass sich der nächste Bundestagswahlkampf nicht wieder nur darum dreht, ob die Steuern erhöht oder gesenkt werden sollen, sondern um kooperative Verhaltensweisen und um eine Politik der Gesunderhaltung.

Wie bei jedem guten Reiseführer bin ich auf die Tipps derer angewiesen, die sich vor Ort besser auskennen oder über Veränderungen berichten können.

Ich bitte daher, mich unter Haendeler@aol.com anzumailen, wenn es aktuellere und bessere Informationen zu den im Buch angesprochenen Themen gibt.

Ich stehe auch gerne zur Verfügung, um in Vorträgen, Referaten und Diskussionen über die Kondratieff-Theorie und ihre Konsequenzen zu sprechen. Sie können mich über die genannte E-Mail-Adresse erreichen oder über den Brendow Verlag, der Ihre Anfragen an mich weiterleiten wird.

Erik Händeler

Brendow Verlag Gutenbergstr. 1 47443 Moers

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