Nikolaus von Kues Der Laie über die Weisheit [Idiota de sapientia] (1450)

Nikolaus von Kues Der Laie über die Weisheit [Idiota de sapientia] (1450) 

Ein einfacher, ungelehrter Mann traf auf dem Römischen Marktplatze mit einem sehr reichen Redner zusammen; den redete er mit Anstand, ein wenig lächelnd, also an:

Ich wundere mich über deinen Stolz, wie du dich in ständig fortgesetztem Lesen abplagst, unzählige Bücher zu verschlingen, und doch noch nicht zur Demut geführt bist; das kommt sicher daher, daß die Wissensbeherrschung die- ser Welt, in der du dich vor anderen auszuzeichnen glaubst, vor Gott eine gewisse Torheit ist; deshalb bläht sie auf. Die wahre Wissenschaft aber macht demütig. Ich möchte wün-chen, daß du ihr dich hingäbst; hier nämlich ist die Schatzgrube der Freude.

REDNER: Wie groß ist deine Vermessenheit, du armseliger und gänzlich unwissender Laie, daß du den Trieb nach wissenschaftlicher Bildung, ohne den doch niemand vorankommen kann, so geringschätzest!

LAIE: Nicht Vermessenheit, sondern Liebe ist es, du großer Redner, was mich nicht schweigen läßt. Denn ich 20 sehe dich ganz dem Streben hingegeben, die Weisheit zu suchen, doch unter viel unnützer Mühe. Falls ich vermöchte, dich von dieser zurückzuziehen, so daß auch du die Verirrung erkenntest und erwögest, glaube ich, daß es dir nur Freude verursachen würde, solch abgenutzten Fang- 25 schlingen entschlüpft zu sein. Dich zieht die Meinung eines Gewährsmannes nach, als seist du ein Pferd, das, von Natur frei, mittels des Halfters an eine Krippe festgebunden ist, aus der es nichts anderes essen kann, als was ihm da be- reitet ist. Es nährt sich nämlich deine Einsicht, der Geltung 30 von Schriftstellern und ihrer Lehrmeinungen verhaftet, nur von der Nahrung anderer, nicht von dir eigens naturgemäßer Speise.

REDNER: Wenn nicht in den Büchern der Weisen, wo ist dann die Nahrung der Weisheit enthalten?

LAIE: Ich sage nicht, daß sie hier nicht sei; doch sage ich, daß sie hier nicht in ihrer Ursprünglichkeit gefunden wer- de. Jene, die sich zuerst zusammenschlossen, über die Weisheit zu schreiben, empfingen die Förderung ihres eigenen Wachstums nicht aus Bücherfutter, das es noch nicht gab. Sie wurden vielmehr durch eine ihrem Wesen ursprünglich gemäße Nahrung zu vollendetem Mannestume geführt und stehen den anderen, die sich aus Büchern zu fördern glauben, in der Weisheit weit voran.

REDNER: Wiewohl auch ohne das Studium der Wis- senschaften manches gewußt werden mag, so doch keineswegs die schwierigen und bedeutenden Wissensgegen- stände, da die Wissenschaften nur auf dem Wege der Hinzufügungen zur Fülle gelangen.

LAIE: Das ist ja wohl, was ich behauptete, wenn ich sagte, daß du von der Meinung eines in Geltung stehenden 20 Gewährsmannes geführt und so betrogen werdest. Irgendeiner schrieb das Wort, dem du glaubst. Ich aber künde dir, daß die Weisheit draußen in den Straßen ruft; und es ergeht der Ruf von ihr, daß sie selbst in den höchsten Höhen wohnt.25 REDNER: Wie ich vernehmen darf; indes du ein Laie bist, glaubst du doch, Einsicht zu haben.

LAIE: Dies ist vielleicht zwischen dir und mir der Unterschied: du glaubst dich wissend, während du es nicht bist; daher bist du übermütig. Ich erkenne wirklich an, daß ich ein Nichtwissender bin; daher bin ich demütiger. In dieser Hinsicht stehe ich wohl belehrter da.

REDNER: Wie könntest du zum Wissen deiner Unwissenheit geführt worden sein, da du ja ein Nichtwissender bist?

LAIE: Nicht aus deinen, sondern aus Gottes Büchern.

REDNER: Welche sind dies?
LAIE: Die er mit eigenem Finger geschrieben. REDNER: Wo kann man die finden?
LAIE: Überall.

REDNER: Also auch auf diesem Marktplatze?
LAIE: Allerdings. Hab’ ich doch gesagt, die Weisheit erschalle in den Straßen.

REDNER: Gern möcht’ ich hören wie.
LAIE: Wenn ich dich hörbegierig erfände, doch frei von bloß neugieriger Untersuchungslust, möchte ich dir Großes eröffnen.


REDNER: Vermagst du nicht, dies in kurzer Zeit so aus- zuführen, daß ich eine Kostprobe von dem empfange, was du im Sinne hast?

LAIE: Das kann ich.

REDNER: Ich schlage vor, uns in diese ganz nahebei ge- legene Barbierstube zurückzuziehen, auf daß, während wir sitzen, du in desto größerer Ruhe reden kannst.

VERFASSER: Jenem war es recht. Und wie sie nun in den Raum eintraten und den Blick dem Markte zuwand- ten, nahm der LAIE folgendermaßen die Rede auf:

Ich will mich bemühen, dir klarzulegen, warum ich dir sagte, die Weisheit erschalle in den Straßen und ihr Rufen künde, daß sie selbst in höchsten Höhen wohnt. Zunächst möchte ich, daß du mir angibst, was du hier auf dem Mark- te geschehen siehst.

REDNER: Ich sehe, wie man hier Geld zählt, in einer an- deren Ecke Waren wägt, in der entgegen gelegenen Öl und anderes abmißt.

LAIE: Das sind Tätigkeiten jener Geistesfähigkeit, kraft deren sich die Menschen vor den Tieren auszeichnen; denn diese vernunftlosen Geschöpfe vermögen nicht zu zählen, zu wägen und zu messen. Und nun, Redner, richte dein Augenmerk auf das, durch welches, in welchem und aus welchem heraus solches geschieht, und sag es mir an!

REDNER: Durch Unterscheidung.

LAIE: Richtig. Wodurch aber geschieht Unterscheidung, es sei denn, man zähle mittels des Einen?

REDNER: Wie meinst du?

LAIE: Ist nicht eines das Eine einmal genommen, zwei das Eine zweimal, drei das Eine dreimal, und so fort?

REDNER: So ist’s.
LAIE: Durch das Eine also wird jede Zahl.
REDNER: So scheint es.
LAIE: Und wie das Eine Begründung der Zahl, so ist die

kleinste Gewichtseinheit Begründung des Wägens und die kleinste Maßeinheit Begründung des Messens. Jenes Ge- wicht wird Unze genannt, jenes Maß Petit. Wird nicht, wie durch das Eine gezählt, so durch die Unze gewogen, durch das Petit gemessen? So ersteht auch aus dem Einen das Zählen, aus der Unze das Wägen, aus dem Petit das Mes- sen. Und gleicherweise liegt in dem Einen das Zählen, in der Unze das Wägen, in dem Petit das Messen beschlossen. Oder verhält es sich nicht so?

REDNER: Allerdings.

LAIE: Durch was aber gelangt man zur Einheit, durch was zur Unze, durch was zum Petit?

REDNER: Das weiß ich nicht; doch weiß ich, daß die Einheit nicht durch eine Zahl erreicht wird, weil es eine Zahl erst zufolge des Einen gibt. So kommt man nicht durch ein Gewicht zur Unze, nicht durch ein Maß zum Petit.

LAIE: Gar treffend gesprochen, Redner; wie nämlich das Einfache seinem Wesen nach früher ist als das Zusam- mengesetzte, so ist das Zusammengesetzte in wesenent- sprechender Gesetzlichkeit dem Einfachen nachfolgend. Daher kann das Zusammengesetzte nicht das Einfache messen; umgekehrt ist’s. Hieraus kannst du entnehmen, daß jenes, durch, aus und in dem alles Zählbare gezählt wird, durch keine Zahl erreicht wird. Und das, durch, aus und in dem alles Wägbare gewogen wird, kann durch kein Gewicht gefaßt werden. Entsprechend ist auch das, durch, aus und in dem alles Meßbare gemessen wird, durch kein Maß erreichbar.

REDNER: Das erschaue ich deutlich.

LAIE: Diesen Ruf der Weisheit in den Straßen übertrage nun zu jener höchsten Höhe, wo die Weisheit ihre Heim- 20 stätte hat, und du wirst viel Erfreulicheres finden als in all deinen noch so prächtigen Schriftbänden.

REDNER: Wofern du nicht auseinanderlegst, was du hiermit sagen willst, verstehe ich es nicht.

LAIE: Wenn du nicht aus innerem Drange heraus darum ersucht haben möchtest, fühle ich mich abgehalten, nach deinem Willen zu tun; denn die Geheimnisse der Weisheit sind nicht allen Beliebigen ohne Unterschied preiszugeben.

REDNER: Gar sehr begehre ich, dich zu hören, und 30 schon das Wenige entflammt mich. Was du nämlich bis- her vorausgehen ließest, kündet an, daß noch Großes zu erwarten sei. Ich bitte dich daher, das Begonnene weiterzuführen.

LAIE: Ich weiß nicht, ob es recht ist, so große Geheimnisse bloßzulegen und solch abgründige Tiefe so leichthin zu zeigen. Dennoch kann ich nicht mehr an mich halten, dir nicht zu Gefallen zu sein. Siehe, Bruder, die höchste Weisheit ist die, daß du wissest, wie in dem vorgebrachten Gleichnis das Unberührbare unberührenderweise berührt wird.

REDNER: Wunderliches sagst du und Ungereimtes. LAIE: Das ist ja der Grund, warum das Verborgen nicht allen mitgeteilt werden sollte, da es ihnen wenn geoffenbart, ungereimt erscheint! – Du findest mit Befremden, ich hätte etwas sich gegenseitig Widersprechendes gesagt. Du sollst die Wahrheit hören und kosten. Ich behaupte, daß, wie ich schon vorhin über die Einheit, die Unze und das Petit gesprochen habe, so von allem hinsichtlich seiner Begründung [omnium principium] zu sagen sei. Die Begründung von allem ist nämlich jenes, durch, in und aus dem alles Begründbare entsteht, und dennoch steht sie mit nchts Entstandenem in Berührung. Die Begründung ist es, durch, in und aus der alles Erkennbare erkannt wird, und an die dennoch keine Erkenntnis hingelangt. Sie ist es gleicherweise, durch, in und aus der alles Sagbare gesagt wird, und dennoch ist sie nicht durch Sagen sagbar.

So ist sie es, durch, in und aus der alles Bestimmbare be- stimmt wird und alles Beendbare beendet, und dennoch bleibt sie unbestimmbar durch Bestimmung, unbeendbar durch Endsetzung. Solcher umschreibender Vorstellungen könntest du noch unzählige ähnliche und höchst treffende anbringen und mit ihnen all deine Rednerbände anfüllen und den vorhandenen noch zahllose hinzufügen, auf daß du einsähest, wie sehr die Weisheit in erhabenster Höhe wohnt. Das Höchste nämlich ist, was erhabener nicht sein kann. Einzig die Unendlichkeit ist diese Höhe.

Daher wird die Weisheit – die alle Menschen, da sie sich von Natur aus nach ihr sehnen, mit so großer Lei- denschaft des Geistes erstreben – nicht anders erfahren als in der Bewußtwerdung, daß sie höher reicht als jedes Wissen und unwißbar ist. Und in allem Sprechen bleibt sie unaussprechbar, in aller Einsicht uneinsehbar, für je- des Maß unmeßbar, für jedes Ende unbeendbar, für jede Bestimmung unbestimmbar, für jede Verhältnissetzung unverhältnismäßig, für jede Vergleichung unvergleichbar, für jede Darstellung undarstellbar, für jede Gestaltung ungestaltbar, für jede Bewegung unbewegbar. In aller Vorstellung bleibt sie unvorstellbar, in aller Empfindung unemp- findbar, in aller Heranziehung unanziehbar, in allem Ge- schmacke unschmeckbar, in allem Hören unhörbar, in aller Sicht unsichtbar, in allem Begreifen unbegreifbar, in aller Bejahung unbejahbar, in aller Verneinung unverneinbar, in allem Zweifel unbezweifelbar, in alle Meinung unmein- bar. Und weil sie für jede Beredtheit unausdrückbar bleibt, kann man sich keine Begrenzung dieser sie ausdrückenden Redeweisen denken, denn unausdenkbar bleibt für jeden Gedanken Dasjenige, durch, in und aus dem alles ist. REDNER: Dies ist wahrlich erhabener, als was ich von dir zu hören erhoffte. Bitte brich nicht ab, mich dem zu- zuleiten, wo ich irgendein wenig von derartigen tiefen Be- trachtungen mit dir in ahnendem Freuen verkosten kann. 45 Ich sehe ja, wie du nicht überdrüssig wirst, immerfort von dieser Weisheit zu reden; der größte Wohlgeschmack muß es, glaube ich, sein, der dies bewirkt. Und er lockte dich nicht so sehr an, erführest du ihn nicht in innerlichem Verkosten.

LAIE: Die Weisheit mundet dem Geiste wohler als al- les sonst. Nicht die rein prüfend Beurteilenden, die nur im 5 Worte und nicht aus innerer Erfahrung reden, sind wahr- haft Weise. Wohl aber reden jene aus innerlicher Erfah- rung über die Weisheit, die durch sie ebensowohl alles wissen wie nichts von allem. Durch die Weisheit nämlich, in und aus ihr ersteht jedes innere Verkosten. Sie selbst 10 aber, die ihre Heimstätte in den höchsten Höhen hat, ist nicht in irgendeinem möglichen Geschmacke verkostbar. Unschmeckhaft wird sie gekostet, die über jedes Schmeck- bare, sei es sinnen-, verstandes- oder vernunftbestimmt, erhaben ist; das aber bedeutet: unschmeckbar und nur von 15 fernher verkosten, wie man einen bestimmten Geruch auch als unschmeckbaren Vorgeschmack bezeichnen kann. Wie nämlich ein Duft, von dem eigentlichen Geruchsgegen- stande ununterbrochen ausgeströmt, von anderem Träger in sich aufgenommen, uns zu suchendem Laufe antreibt, 20 daß wir im Spüren nach dem Dufte des Balsamträgers im eigentlichen dem Balsame selbst entgegeneilen: so lockt uns die ewige und unendliche Weisheit, die ja aus allem widerstrahlt, mittels und aus einer Art Vorgeschmack der Wirkungen an, so daß wir in wundersamer Sehnsucht ihr 25 entgegengedrängt werden. Da sie das wahre Leben unseres vernünftigen Geistes ist, der in sich einen gewissen urver- bundenen Vorgeschmack für sie trägt, vermittels dessen er in so hingegebenem Eifer nach der Quelle seines Lebens forscht – die er ohne Vorgespür nicht suchte, noch, wenn 30 er sie gefunden, als wiedergefunden empfände –, so fühlt er sich zu ihr, der Weisheit, als zu seinem eigenen und ei- gentlichen Leben gedrängt. Und freudevoll ist’s für jeden Geist, zur Quelle seines Lebens, wie unzugänglich sie auch immer sein und bleiben mag, stetig weiter vorzudringen. 35 Denn dem Leben näher kommen heißt zugleich: in stetig gesteigertem Glück leben.

Wenn der Geist nun, sein Leben suchend, so weit geführt ist, daß er es als unendliches Leben erschaut, dann freut er sich um so mehr, je mehr er sein Leben als unvergängliches einsieht. So kommt es daß die Unzugänglichkeit und Unbegreifbarkeit seines unendlichen Lebens das ihm erwünschteste Begreifen ist. Beispielsweise ähnlich wär’s, besäße ein Mensch einen großen, sein ganzes Leben erfüllenden und beglückenden Schatz und gelangte er in der 45 Folge ganz zu dem Wissen, daß dieser Schatz unzählbar, unwägbar und unermeßbar sei: Ein solches Wissen um die Unumfaßbarkeit wäre die froheste, wunschgemäßeste Um-


fassung; es bezöge sich zwar diese Freude nicht auf den Umfassenden (als den Besitzer), sondern auf das über alles geliebte Gut (als solches). Wer immer etwas liebt, weil es liebenswert ist, der freut sich darüber, daß in dem Liebenswerten unendliche und im letzten unausdrückbare Beweg- gründe zur Liebe gefunden werden. Und das von der größten Freude erfüllte Umgreifen des Liebenden besteht dar- in, daß er den unumgreifbaren Liebenswert des Geliebten umgreift. Wenn seine Liebe auf etwas erfaßliches Geliebtes gerichtet wäre, könnte er sich bei weitem nicht so sehr erfreuen wie dann, wenn es ihm feststeht, daß der Liebens- wert des Geliebten gänzlich unermeßlich, unendlich, nicht abgrenzbar und unumfaßlich ist. Dies ist die erfreuendste Begreifbarkeit der Unbegreifbarkeit und eine liebeerfüllte,

belehrte Unwissenheit, da sie wohl in der für sie genügen- den Weise weiß und dennoch nicht weiß, insofern man das genaue, angemessene Wissen zum Maßstabe nimmt. 

Das ganze Buch als PDF:

www.hoye.de/cus/weisheit.pdf