PecuniaOlet

Staatsreligion und Gewalt

"Vor 1959 bestand die tibetische Bevölkerung mit Ausnahme von 5 Prozent aus Sklaven oder Leibeigenen. Sie lebten in einem feudalen System, wo sie als käufliches Privateigentum behandelt wurden, unfrei und ohne Land. Ihre Strafen waren Verstümmelungen und Amputationen (siehe Ausgaben von 1989 und 2001). Leibeigene konnten gefoltert und getötet werden (siehe Ausgabe: 1989). Wirtschaft und Kultur stagnierten Jahrhunderte lang, die Lebenserwartung betrug 35,5 Jahre, die Analphabetenrate lag bei über 90 Prozent, 12 Prozent der Einwohner von Lhasa waren Bettler – und für all das war der Dalai Lama verantwortlich (siehe 2001)."

http://info-buddhismus.de/Menschenrechte_in_Tibet_...

Diese Aussage wird nachfolgend zwar etwas abgemildert und relativiert: 

"Franz Michael und Beatrice Miller vertreten die Ansicht, dass die weniger belasteten Begriffe »einfacher Bürger« oder »Untertan« genauer sind als »Leibeigene«, auch aufgrund zahlreicher Hinweise darauf, dass eine große Zahl von Tibetern in der Lage war, ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Grundherren abzumildern, indem sie einen Teil ihrer Schulden beglichen und sich dadurch frei bewegen konnten." - Im Wesentlichen war aber auch Tibet kein friedliches Land - es herrschte Unterdrückung und Ausbeutung wie in allen "Staaten".

Mir ist kein sogenannter "Gottesstaat" noch eine Gesellschaft ohne Religionsfreiheit bekannt, in der nicht absolute Unterdrückung und Gewalt durch eine dominierende  Klasse herrscht. Selbst im aus unserer Sicht häufig verklärten Tibet war das der Fall. Es gab in der Vergangenheit Dalai Lamas, die in ihrer Grausamkeit christlichen oder islamischen Herrschern in nichts nachstanden.

Religion scheint wirklich überwiegend ein "Sedativum" für die unteren Schichten gewesen zu sein, und ein Machtinstrument für die Herrschenden. Deshalb habe ich häufig Zweifel an den sogenannten "Erlösungsreligionen". In der Antike bezog sich das Wort für "Erlösung" ausschließlich auf den Freikauf von Sklaven und deren anschließende Entlassung in die Freiheit. Nur ein geknechtetes Volk verlangt nach Erlösung. Der einzig religiöse Sinn, den man der Geschichte (die in erster Linie aus in Idealismen gekleideten Verteilungskämpfen besteht) abgewinnen könnte, wäre der im Spannungsfeld zweier Klassen (Herrschende und Beherrschte) ausgefochtene Kampf einer Emanzipation des Geistes von der Natur. Aber weshalb? Das Leben als Last zu empfinden, ist eine "Erfindung", die erst nach der Neolithischen Revolution einsetzte. Der Gegensatz dazu ist die "Hochzeit von Himmel und Hölle":

„Die antiken Dichter beseelten alle Dinge der sinnlichen Wahrnehmung mit Göttern oder Geistern, verliehen ihnen Namen und statteten sie aus mit Eigenschaften von Wäldern, Flüssen, Bergen, Seen, Städten, Völkern und was immer ihre erweiterten & zahlreichen Sinne gewahren konnten.
Und im besonderen studierten sie den Geist jeder Stadt & jedes Landes, denen sie einen Platz unter ihren jeweiligen geistigen Gottheiten zuwiesen;
Bis ein System entstand, aus dem einige ihren Vorteil zogen und die Masse versklavten, indem sie versuchten, die geistigen Gottheiten zu erkennen oder aus ihren Dingen herauszuziehen:so begann die Priesterschaft;
Die den Werken der Dichter ihre Formen der Anbetung entlehnte.
Und schließlich verkündeten sie, daß die Götter dies so angeordnet hätten.
So vergaßen die Menschen, daß Alle Götter in der menschlichen Brust wohnen.“

– William Blake: The Marriage of Heaven and Hell, Plate 11ll, Plate 11