Reisebericht Weltreisender

Where is your sunset today?

Mitten in Kambodscha, auf einer Straße, bei einem Freiluft Kiosk. Ein paar klapprige Stühle und ein freundlicher Verkäufer laden mich ein, Platz zu nehmen. Ein Tourist an diesem Ort finden die anwesenden Einheimischen interessant und amüsant. Wie selbstverständlich lasse ich mich in die unbequemen Sitze fallen, lausche den Gesprächen, beobachte das Treiben.

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Mein Blick gleitet über das Warenangebot dieser improvisierten Verkaufsstelle: Exotische Früchte, Gebäckwaren, Zigaretten, Softdrinks und eine Batterie Jonny Walker. Armut und Alkohol - kein bekanntes Duo! Das Volk der Khmer, alles Trinkspechte?

Allerdings scheint das Nervengift nicht in den Highlands destilliert worden zu sein. Davon zeugen deutliche Gebrauchsspuren an der Flasche. Der Inhalt stammt wohl irgendwo aus dem Dschungel. Die Etiketten sind aber noch in Ordnung und durchaus geeignet, dem Trinker schottische Qualität vorzugaukeln. Nach dem dritten Schluck ist’s eh egal, woher das Zeug stammt, denke ich...

Plötzlich hält eine Motorrad - Rikscha. Dem Kioskchef ist sofort klar, was der Kunde wünscht. Der Griff zur Flasche, Jonny Walker. Noch bevor mir merkwürdige Gedanken durch den Kopf schießen, öffnet sich statt des Mundes des Fahrers der Tankstutzen der Rikscha. Binnen Sekunden ist der Inhalt der Flasche im Motorrad verschwunden. Scheint ja wirklich hochprozentig zu sein, dieser Sprit. Ich setze eine erklärungsbedürftige Mine auf.

Nein, was da zwischen Keksen und Limo lagert ist kein Schnaps, sondern Benzin. Und wer in Kambodscha tanken will, der erledigt dies an ambulanten Verkaufsstellen, die man in diesem Land ?Eerall am Wegesrand sieht. Gewarnt werden sollte der unerfahrene Tourist auch vor Literflaschen Cola oder Fanta. Was da in appetitlichen Farben in den Behältern schimmert sind keineswegs überzuckerte Softdrinks, sondern Kraftstoffmischungen verschiedenen Oktangehalts - nicht gerade kindersicher präsentiert.

Ich nutze die Gunst der Stunde und bitte den Rikschafahrer, mich durch die Gegend zu kutschieren. Ziel? Hab ich keins! Irgend ein Dorf, irgend etwas interessantes. Nur keine „Sehenswürdigkeiten" - Taxifahrer in aller Welt müßten doch eigentlich mittlerweile wissen, dass ich kein alltäglicher Fahrgast bin und meistens unorthodoxe Ziele ansteuere.

Der Chauffeur zieht mich im offenen Wagen durch den Dschungel. In der Ferne ragen die Türme von Angkor Wat aus den Baumwipfeln. Dieses Wahrzeichen des einst so mächtigen Volkes der Khmer. Kaum zu glauben, dass hier die größte Stadt der Welt existierte Kommandozentrale des größten Reiches in Südost Asien.

Davon ist nichts mehr übrig. Kambodscha, eines der ärmsten Länder der Welt. Die erbärmlichsten Hütten am Wegesrand. Bemitleidenswerte Kinder davor. Kaum irgendwo auf diesem Planeten sieht der Besucher größere Hoffnungslosigkeit.

Manchmal rast ein Touristenbus Richtung Ruinen, vorbei an diesen Menschen und dieser Armut, welche der air conditionierte Globetrotter begafft wie in einem Zoo.

Auch ich komme mir leider so vor, kann es aber nun mal nicht ändern. Ab und zu ein paar Dollar verteilen ?Ewas nutzt das schon? Die solchermaßen Begünstigten wünschen mir dann meist: „Viel Glück!" Welche Ironie. Hätten diese doch nun wirklich mehr Recht auf „Glück."

Wir halten an einem Kloster. Eine gelb orange Pagode schimmert durch die tropische Vegetation. In der Umgebung die üblichen Hütten. Ich steige aus und bitte einen jungen Mönch, mir den Ort zu zeigen. Wie auf Bestellung und als hätte er darauf gewartet führt mich Sukeo (sein Name) durch die Stätte.

So ein buddhistisches Kloster ist nicht nur ein Ort der Meditation. Es dient auch als Auffangstelle für die Ärmsten der Armen. In den Hütten liegen sie dicht an dicht, einzig getrennt durch alte Stofffetzen, die von der Decke herunterhängen.. In den Ecken einige Habseligkeiten. Die Menschen machen keinen unglücklichen Eindruck. Sie blicken mich interessiert und freundlich an. Besucher sind hier offenbar selten. Jemand offeriert Bananen. Ich traue mich kaum, eine anzunehmen.

Auf dem Sandboden draußen auf dem Hof sehe ich zu meiner größten Überraschung einige zerfetze Geldscheine. Ein paar Tausend Riel liegen zerrissen auf dem Boden. Umgerechnet zwar nur ein Euro, verwundert mich aber trotzdem. Vielleicht hat ein Hund die Noten verstümmelt? Ich frage Sukeo, ob sie immer so achtlos mit Geld umgingen. Bedeutet ihnen Geld nichts? Die Antwort lautet: „We have no money, we have time! - Time is more important!" Gegen diese Logik hatte ich nun wirklich nichts einzuwenden. Immerhin ist das etwas, von dem ein Europäer praktisch gar nichts hat. Zeit. Zeit oder Geld. Was ist eigentlich wichtiger?

Die Dämmerung naht. Als ich Abschied nehmen will, fragt Sukeo: „Where is your sunset today?" Mich schockt die Selbstverständlichkeit und die Liebenswürdigkeit, mit der diese Frage gestellt wurde. Während ich noch darüber nachdenke, was ich sage, bekomme ich die besten Ratschläge, von wo aus man den Sonnenuntergang optimal beobachten könne. In einer Welt ohne Tagesschau und Internet, ohne Strom und Stress, hat ein Sonnenuntergang einen beachtlichen Wert. Und er wäre sicherlich schön gewesen an diesem Tag. Doch ich musste das Angebot ablehnen. Ich hatte keine Zeit.

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