Indogermanischer und semitischer Geist

aus Ludwig Klages "Der Geist alsWidersacher der Seele":

"[......]Wenn bei "Primitiven" der Geist zur Bedeutungslosigkeit verurteilt war

und in den Kulturvölkern ganz überwiegend auf die sensorischen Lebensvorgänge

eingeschränkt blieb, so dürfen wir nach Vorstehendem für gewiß

erachten: mit dem Einbruch des Geistes beschleunigt sich nach Maßgabe seiner

Auswirkungsfähigkeit das Lebenstempo erheblich; aber erst dadurch,

daß die motorischen Lebensvorgänge ihm botmäßig werden, tritt die fort

und fort zunehmende Beschleunigung ein, die — vergleichbar dem immer

schnelleren Rollen einer Kugel auf schiefer Ebene — dem völligen Zerfall

der Lebenszelle zutreibt und dergestalt mit dem Untergange der Menschheit

enden muß (das „Wunder" der Umkehr allemal vorbehalten); sei es

über das Zwischenspiel des nachgeschichtlichen Menschen, d. i. des menschlichen

Automaten, sei es schon vorher infolge von Katastrophen, die den

„weltgeschichtlichen" Abschnitt der Menschheit beschließen mit der Selbstvernichtung

der Menschheit Nimmt man alles zusammen, was in unserm

Werk überhaupt und vor allem im Laufe dieses Abschnittes zur Verständlichmachung

des Sieges der herakleischen oder motorischen Geistigkeit über die

prometheische oder sensorische Geistigkeit vorgebracht wurde, so erleidet

es keinen Zweifel, daß er in der Vitalität der beiden Völkergruppen begründet

liegt, für die sich allein schon sprachwissenschaftlich ein Übergewicht

des vitalen Wirkens über das vitale Schauen belegen läßt: der Indogermanen

und der Semiten. Wie außerordentlich grade diese beiden sich sonst

unterscheiden mögen, darin ähneln sie einander, daß sie — im Gegensatz

z.B. zur kontemplativen Geistigkeit des zentralen und östlichen Asien —

den nach außen gekehrten Willen zur Macht vertreten.

Was die Indogermanen betrifft, so genügt nun ein Blick auf die vier

epischen Völker, nämlich Inder, Perser, Griechen, Germanen, um die Vitalität

des Wirkens in zwei Äußerungsformen sich gabeln zu sehen: die

heldische und die dichterische, eingerechnet die bildnerische. Beide sind

möglich und waren möglich ohne Willen zur Macht, und die Teilnahme

beider an der Geschichte der Indogermanen ist es, die deren blutige Walstatt

mit funkelnden Taten heroischer Selbstopferung übersät und viele ihrer

Bildnerwerke mit dem Glanz unvergänglicher Poesie übergössen hat —

Unter dem Zugriff des Geistes dann aber entartet das Heldische zum (politischen)

Tätertum, das Bildnerische zum Rationalismus und zur Technik.

Beides geschah im größten Ausmaß im Bereich der angelsächsischen Stämme

und gipfelt im heutigen Amerikanismus.

Auch unter den Semiten gab es ein Volk von teilweise verwandter Seelenverfassung:

die Araber, die gewiß nicht durchaus, doch aber in wichtigen

Stücken zumal zum Germanentum einen polaren Gegensatz bildeten. Wie

man die Wikingeressenz dem Branden des sturmzerwühlten Nordmeers vergleichen

könnte, so die Essenz der islamischen Araber dem Wüstensturm.

Wer weiß, ob nicht über das Bindeglied Spanien jene wundersame Synthese

von Morgen- und Abendland Wirklichkeit geworden wäre, die dem

großen Staufenkaiser Friedrich II. vorschwebte, hätte nicht längst zuvor sich

vollzogen, was Nietzsche mit dem Namen des siegreichen „Sklavenaufstandes

der Moral" belegte und was genauer die Infiltration aller unterdrückten

Schichten des römischen Imperium mit dem Geiste des jahwischen Judentums

war, dank nämlich der genialen Erfindung, durch die der Jude Saulus-

Paulus besagten „Geist" recht eigentlich weltfähig machte in der Gestalt des

bis auf den heutigen Tag so genannten Christentums.

Niemand wird die einzige Großartigkeit der Geschichte Roms bestreiten;

allein, um wieviel Rom weniger heldisch und weniger dichterisch war als

Hellas, um soviel war es von Anfang an mehr behaftet mit dem Willen zur

Macht Wohl versuchte es — am Ende bereits einer überaus blutigen „Geschichte"

— die untersten Quellen seiner Größe nochmals zum Fließen zu

bringen und seine Lebensessenz zu gestalten mit der noch unergründeten

Prägeform des Cäsarismus. Indes, schon die furchtbaren Zuckungen und

Umwälzungen, die den Versuch auf Schritt und Tritt begleiteten, lassen vermuten,

daß er zu spät unternommen wurde, ob auch die gewaltigste Ausbreitung

des Reiches und die höchste Wunderblüte römischer Baukunst mit

ihm einherging und ein halbes Jahrtausend erforderlich war, den mächtigen

Bau in Trümmer zu legen! Genug, dem nicht mehr einzuverseelenden Machtwillen

Roms wurde inzwischen heimlich der Machtwille Judas aufgepfropft,

und dieser bestimmte hinfort das Wachstumsgebilde: der Papalismus ist

judaisierter Cäsarismus.

Wir haben hier über das Wesen des Jahwismus umso weniger etwas

nachzutragen, als sich mit ihm nur der Herakleismus selbst verbesondert hat

zum Herrschaftsanspruch einer nicht mehr lokalisierten Minderheit, die ihre

Ziele ganz vorzugsweise mit Hilfe persönlicher und politischer List verwirklicht.

Für deren Herkunft aber aus dem Machtwillen jenes gestauten Tätertums,

das auch zuvor schon dem ungehemmten von Eroberern, Usurpatoren,

Staatsmännern, Gewaltmenschen, Despoten usw. als Priestertum gegenübertrat,

mögen hier einige Sätze desjenigen Mannes Zeugnis ablegen,

der diese Willensgestaltung am genauesten und erfolgreichsten untersucht

hat „Die Juden", sagt Nietzsche in „Zur Genealogie der Moral" inbezug

auf den von ihm angesetzten Kampf zwischen Rom und Juda, „die Juden

nämlich waren jenes priesterliche Volk des Ressentiment par excellence, dem

eine volkstümlich moralische Genialität sondergleichen innewohnte"; und, so

fährt er fort: „Wer von ihnen einstweilen gesiegt hat, Rom oder Judäa?

Aber es ist ja garkein Zweifel: man erwäge doch, vor wem man sich heute

in Rom selber als vor dem Inbegriff aller höchsten Werte beugt.., vor drei

Juden, wie man weiß, und einer Jüdin (vor Jesus von Nazareth, dem

Fischer Petrus, dem Teppichwirker Paulus und der Mutter des anfangs genannten

Jesus, genannt Maria)!" Zur selben Auffassung bei jedoch entgegengesetzter

Wertung bekennt sich ein andrer Weiser: „Nicht Byzanz, nicht

Antiochia, weder Alexandria noch die afrikanische Hippo, sondern Rom tritt

an Jerusalems Stelle" (Bachofen). — Noch sei bemerkt, daß es die Geistigkeit

der Hochfinanz ist, worin die gemeinte Priesterlichkeit einstweilen ihre

Vollendung gefunden. —[.........]"