Rede von Bundespräsident Dr. h. c. Joachim Gauck beim 116. Deutschen Wandertag

Rede von Bundespräsident Dr. h. c. Joachim Gauck beim 116. Deutschen Wandertag am 26. Juni 2016 in
Sebnitz:


In einem schon etwas älteren, aber durchaus noch lesenswerten Buch kann man lesen:

„Das Leben der Vögel hat seine Jahreszeiten. Eines Tages, ehe noch der Herbst die Blätter färbt,
erfasst sie die Unruhe, aufzubrechen.

Im Dasein des Menschen geht es ähnlich zu. Eines Tages bricht er auf. Irgendwohin. Zu einer
Völkerwanderung, zu einer Pilgerfahrt, in den Krieg. Anlässe finden sich immer. Die Ursachen, die
in einem höheren Sinn stets Vorwände bleiben, sind graduell sehr verschieden, und doch dürften sie
mehr Gemeinsames besitzen, als wir ahnen.“

Diese poetischen Sätze über den Menschen als ein Wesen des Aufbruchs stehen nicht etwa, wie man
annehmen könnte, in einer philosophischen Abhandlung über Fragen des menschlichen Daseins. Nein,
sie stehen in einem Reiseführer.

Ein Reiseführer, in diesem Fall über den Norden Spaniens, also jene Landschaft, durch die wohl die
bekannteste und bedeutendste Pilgerroute der Welt führt, der Weg nach Santiago de Compostela zum
Grab des Apostels Jakobus und zum Cap Finisterre – zum Ende der Welt, wie man im Mittelalter
glaubte, als diese Wallfahrt begann.

Das Pilgern, die lange Wanderung, ist vom Mittelalter bis heute ein starkes Sinnbild geworden für
das Leben selbst:

Das menschliche Leben, so erfuhren und erfahren viele auf dem Weg, es ist ein Unterwegs-Sein,
geprägt von immer neuen Aufbrüchen,

von anstrengenden Wegstrecken und von erholsamen Stationen,


von Entbehrung und Erschöpfung, aber auch von gedeckten Tischen und gastfreundlichen Herbergen,


von Gemeinsamkeit mit Weggefährten, aber auch von Abschnitten, die man ganz allein gehen muss,


von Umwegen und Abwegen, von Auf- und Abstiegen,


von befestigten, gut markierten Wegstrecken und von unwegsamem Gelände, durch das man sich tastend
und suchend bewegen muss,


vom Schmerz eines Abschieds und einer Trennung, aber auch vom Glück des Ankommens und von der
Dankbarkeit, willkommen zu sein.

Man muss nicht gleich bis ans Ende der Welt gehen: Jede Wanderung, zu der wir uns aufmachen, wie
kurz oder lang sie auch immer sein mag, wie gut vorbereitet, auf welchen gesicherten oder
ungesicherten Wegen auch immer sie unternommen wird, hat etwas, und sei es noch so wenig, von dem
Unvorhersehbaren, vom Abenteuerlichen einer Expedition. Jede Wanderung kann Überraschendes
bescheren oder Bekanntes und schon oft Gesehenes in neuem Licht erscheinen lassen.

Jede Wanderung kann uns neue menschliche Begegnungen eröffnen. Nicht zuletzt auch können wir – wie
auf einer Pilgerfahrt – jemanden wieder ein Stück besser oder sogar neu kennenlernen, mit dem wir
eigentlich schon lange unterwegs sind und der uns immer wieder rätselhaft erscheint – uns selbst.
Dem begegnen wir eben auch, wenn wir uns bewegen.

Wandern ist deswegen, nicht nur weil es beweglich und fit hält, eine der besten Lebensübungen, um
sich neugierig und offen, der Natur und den Mitmenschen zugewandt durch die Welt zu bewegen.

Darum freue ich mich darüber, dass gerade Deutschland in jeder Hinsicht ein Wanderland ist und dass
Wandern hierzulande zu den selbstverständlichsten Beschäftigungen gehört, die Menschen in ihrer
freien Zeit unternehmen. Es ist die unkomplizierteste, dabei intensivste und im Übrigen auch
schonendste Art, sich die Welt zu eigen zu machen und immer neu über die Wunder zu staunen, die sie
dem aufmerksamen Auge zu bieten hat.

In Deutschland mag das Wandern nicht erfunden worden sein – aber hier wird es seit den Zeiten der
Romantik mit besonders großer Hingabe betrieben. Unsere Literatur kennt dementsprechend viele
Gedichten und Erzählungen über das Wandern, unzählige Wanderlieder gibt es, bis hin zum wohl
berühmtesten Liederzyklus der Weltmusik, der „Winterreise“ von Schubert.

Unser Land hat von den Küsten und den flachen Ebenen im Norden bis zu den Alpen im Süden die
denkbar unterschiedlichsten Landschaften. In der Mitte aber ist es von seinen Mittelgebirgen
geprägt – und die Mittelgebirge sind die Wanderlandschaft par excellance. Wenn wir uns bei dem
Begriff „schöne Landschaft“ unwillkürlich eine Mittelgebirgslandschaft vorstellen, dann denken wir
meist schon das Bewandern dieser Landschaft ebenso unwillkürlich mit.

Wandern in Deutschland ist also auch ein irgendwie besonderer Ausdruck von Heimatverbundenheit, von
Heimaterlebnis und Heimatliebe. Und wenn eine ganze Reihe der schönsten deutschen Gegenden im 19.
Jahrhundert, in der ersten Blütezeit des Wanderns, kurzerhand zu „Schweizen“ erklärt wurden und bis
heute so heißen, dann drückt das eine bewundernde Freude darüber aus, dass es auch in Deutschland
selbst, in der nächsten Heimat, so schön ist wie im Inbegriff des naturschönen Landes, eben der
Schweiz. Tatsächlich gibt es neben der Holsteinischen und der Fränkischen Schweiz auch die
Mecklenburgische und die Rostocker Schweiz meiner Kindheit. Und sicher haben Sie, meine Damen und
Herren, noch weitere Schweizen beizutragen.

Hier, das wird jeder bestätigen, der sie schon einmal gesehen hat, hier in der Sächsischen Schweiz
ist es besonders schön: spektakulär das Elbsandsteingebirge, abwechslungsreich die Felsen und
Tafelberge, Ebenen, Schluchten und Täler. Und die Wanderwege führen über die Grenze zu den Nachbarn
nach Tschechien. České Švýcarsko sagt man auf Tschechisch zu diesem paradiesischen Fleckchen Erde.
Dass wir hier ungestraft und wann immer wir wollen Grenzübertretungen unternehmen können, gehört zu
den historischen Glücksfällen, für die wir immer noch dankbar sind. Jedenfalls die Älteren erinnern
sich noch ganz gut und oft mit Schmerzen an die vielen Grenzen, die Europa geteilt haben.

Das Wandern ist die natürliche und naheliegende Antwort auf den einladenden Ruf der schönen
Landschaft. Es ist die selbstverständlichste Art, auch Landschaften, die man zum ersten Mal
kennenlernt, als Heimat zu erfahren. Es würde unsere angestrengten Debatten darüber, was eigentlich
deutsche Identität ist, sehr entspannen, wenn wir uns daran erinnerten, wie einfache und schöne
Haltungen wie die Freude am Wandern wesentlich dazugehören. Das ist ohne Ideologie zu haben und
stellt für niemanden eine Bedrohung dar. Und wir können andererseits genauso entspannt und inklusiv
feststellen: Auch Wandermuffel gehören zu Deutschland – als geduldete Minderheit.

„Wanderlust“ – das ist ein besonders schönes altes deutsches Wort, das in keiner anderen Sprache
ein Äquivalent hat. Und ich finde es interessant, dass diese Wanderlust immer wieder neue
Generationen ergreift. Wandern ist ja nie wirklich aus der Mode gekommen – und aktuell ist Wandern
so weit verbreitet wie selten zuvor. Vielleicht wird das Wandern ja in Zukunft noch bedeutender,
weil es ein heilsames Gegenprogramm ist für alle die Menschen, die die Natur, ja unser gesamtes
Umfeld nur noch aus ihrem Laptop und Smartphone kennen. Vielleicht wird das Wandern noch zu einem
therapeutischen Programm. Wenn eine große deutsche Sonntagszeitung Recht hat, dann wandern 37
Millionen Menschen in Deutschland im Durchschnitt sechsmal im Jahr.

Und weil wir Deutschen das, was wir gerne tun, am allerliebsten im Verein tun, darum gibt es
nirgendwo sonst so viele im Verein organisierte Wanderer wie bei uns. Dort, in den Vereinen und
auch im Deutschen Wanderverband, wird eine Menge an ehrenamtlicher Arbeit geleistet, von der alle
Wanderer, auch diejenigen, die sich nur selten aufmachen, profitieren. Ich freue mich, dies heute
einmal ganz offiziell als Bundespräsident und Schirmherr des Verbandes würdigen zu können.