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… Wissen bedeutet Einfluss nehmen …
Kampfbegriff des Jahres 2014: Verschwörungstheoretiker
von Rico Albrecht
Nach der überraschenden Wahl des sprachwissenschaftlich trivialen Begriffs „Lügenpresse“ zum „Unwort des Jahres 2014“ (Analyse der Pressemitteilung: http://youtu.be/2idQTGAhA30), wählt die Wissens-manufaktur zum „alternativen Unwort des Jahres 2014“ den Kampfbegriff „Verschwörungstheoretiker“. Diese als Abwertung intendierte Bezeichnung für Menschen, die Modelle über illegitime, geheime Absprachen aufstellen, wird heute in der öffentlichen Kommunikation immer häufiger verwendet und zwar nicht mehr nur für diejenigen, die sich z.B. mit dem Kennedy-Attentat oder den Umständen des 11. September 2001 beschäftigen. Mittlerweile werden breite gesellschaftliche Gruppen durch dieses politische Schlagwort diskriminiert, wenn sie sich kritisch oder misstrauisch gegenüber Medien und Politik äußern. Die gesellschaftlichen Auswirkungen, die aus der Verwendung dieses Begriffs entstehen, werden noch durch die widersprüchliche und irreführende Wortbildung verstärkt.
Aus den rund 400.000 Google-Treffern, die mittlerweile unter diesem Suchbegriff gefunden werden (zum Vergleich des Verbreitungsgrades: Das Unwort des 20. Jahrhunderts „Menschenmaterial“ liefert rund 63.000, das Unwort des Jahres 2013 „Sozialtourismus“ 54.000), soll die beigefügte Auswahl einiger aktueller Beispiele aufzeigen, zu welchen Anlässen dieser Begriff unter anderem derzeit gebraucht wird:
 http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/SVPPolitiker-liebaeugelt-mit-Verschwoerungstheorien/story/26893031 (01.02.2014 „Der forsche Jungpolitiker […] vertritt teilweise ein eigenartiges Weltbild und umgibt sich mit auffälligen Freunden. Manche von ihnen gehören zur umstrittenen Szene der Verschwörungstheoretiker.“)
 http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2014/04/Montagsdemonstration-Potsdamer-Platz-Frieden.html (22.04.2014 „Hipster, Alt-68er und Verschwörungstheoretiker“)
 http://www.fr-online.de/meinung/verschwoerungstheorien-die-allianz-der-verschwoerungstheoretiker,1472602,26963690.html (27.04.2014 „Die Allianz der Verschwörungstheoretiker“)
 http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article128252092/Das-grosse-Fressen-fuer-Verschwoerungstheoretiker.html (21.05.2014 „Das große Fressen für Verschwörungstheoretiker“)
 http://taz.de/Leserkommentare-auf-Sueddeutschede/!145318 (20.08.2014 „Verschwörungstheoretiker, Rassisten und Pöbler“)
 http://www.sueddeutsche.de/digital/pkw-maut-der-bundesregierung-es-war-einmal-ein-datenschutz-maerchen-1.2200854-2 (03.11.2014 „Das Verfassungsgericht klingt wie ein Verschwörungstheoretiker“)
 http://www.tagesspiegel.de/politik/compact-konferenz-egon-bahr-und-die-verschwoerungstheoretiker/11019990.html (23.11.2014 „Egon Bahr und die Verschwörungstheoretiker“)
 http://www.welt.de/finanzen/article135044739/Geheime-Maechte-steuern-die-Welt-Echt-Wahnsinn.html (05.12.2014 Die Opec ist ferngelenkt, der Goldpreis von unheimlichen Eliten
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manipuliert – in Zeiten des Umbruchs haben Verschwörungstheoretiker regen Zulauf. Dafür gibt es
eine einfache Erklärung.)
 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/verschwoerungstheoretiker-formieren-sich-indeutschland-
13306679.html (09.12.2014 „Verschwörungstheoretiker formieren sich in Deutschland“)
 http://www.fr-online.de/politik/neue-buendnisse-in-wut-vereint,1472596,29292848.html
(10.12.2014: „Pegida, Hogesa, NPD, AfD, Verschwörungstheoretiker - und mittendrin die
Friedensbewegung: In Deutschland bilden sich derzeit erstaunliche Bündnisse. Links und rechts tun
sich zusammen.“)
 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/friedenswinter-demo-buendnis-protestiert-gegenjoachim-
gauck-a-1007685.html (11.12.2014 „Unter dem Motto "Friedenswinter" wollen am
Wochenende Tausende auf die Straße gehen, das Bündnis versammelt Putin-Fans, Pazifisten und
Verschwörungstheoretiker. Im Zentrum ihrer Kritik steht Bundespräsident Gauck.“)
 http://taz.de/Friedensdemo-in-Berlin/!151289/ (11.12.2014 „Der Frieden der Wirrköpfe [… ]
darunter auch Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Neurechte verschiedener Couleur“)
 http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-12/friedenswinter-protest-krieg-ukraine-russland
(13.12.2014 „… daneben steht der Wagen der neuen Montagsmahnwachen, unter deren Dach sich
verschiedenste Verschwörungstheoretiker und "Reichsbürger" versammeln“)
 http://www.tagesspiegel.de/berlin/demo-friedenswinter-in-berlin-verschwoerungstheoretiker-linkeund-
neonazis-gegen-gauck/11116944.html (13.12.2014 „Verschwörungstheoretiker, Linke und
Neonazis gegen Gauck“)
In diesen Beispielen kann man deutlich erkennen, dass eine öffentliche Ächtung von Einzelnen oder
Gruppen durch den Begriff „Verschwörungstheoretiker“ stattfindet. Wer die erforderliche Zivilcourage für
Meinungsäußerungen aufbringt, die von der öffentlichen (bzw. medial kommunizierten) Meinung
abweichen, geht ein zunehmendes Risiko ein, dafür als „Verschwörungstheoretiker“ verurteilt und ins
Abseits gedrängt zu werden. Die Folge ist eine wachsende Hemmschwelle für die Äußerung von
Warnungen und Einwänden, die wie eine indirekte Zensur wirkt und somit Machtmissbrauch erleichtert
und demokratische Prinzipien gefährdet. Dies geht im Extremfall sogar soweit, dass selbst das
Verfassungsgericht von einer renommierten Zeitung beschuldigt wird, wie ein Verschwörungstheoretiker
zu klingen, wenn es die Daten der Bürger vor der Regierung (der man doch vertrauen müsse) schützen
will.
Die subtil irreführende und negative Wirkung des Begriffs „Verschwörungstheoretiker“ wird durch
folgende Analyse der Wortbildung deutlich:
1. Der Begriff „Verschwörung“ ist überwiegend negativ besetzt und wird mit geheimen Absprachen
in Verbindung gebracht, die das Ziel haben, anderen zu schaden. Dementsprechend gibt es kaum
Gruppen, die sich selbst so bezeichnen.
2. Ein „Theoretiker“ kann ein Denker bzw. Kopfarbeiter sein oder jemand, der zwar etwas von der
Theorie versteht aber wenig von der Praxis. Der Begriff ist neutral bis negativ besetzt. Ein
Theoretiker wird allerdings grundsätzlich nicht als Gegner der Sache wahrgenommen, mit der er
sich beschäftigt. Die Bezeichnung steht eher für jemanden, der etwas damit zu tun hat oder daran
beteiligt ist, was z.B. durch einen Vergleich mit willkürlich gewählten, vergleichbaren Komposita
hervorgeht: Kriegstheoretiker, Waffentheoretiker, Wirtschaftstheoretiker, Regierungstheoretiker,
Universitätstheoretiker, Nazitheoretiker, Kirchentheoretiker usw.
Neben der eher negativen Besetzung der beiden Einzelbegriffe ergibt sich aus dem zweiten Aspekt eine
sprachliche Verwirrung. Ein „Verschwörungstheoretiker“ kann unbewusst als jemand wahrgenommen
werden, der an geheimen, illegitimen Handlungen beteiligt ist, auch wenn wir vom Verstand her eine
andere Definition haben. Aus folgendem Auszug einiger aktueller Beispiele wird deutlich, dass diese
subtile Wirkung nicht nur tatsächlich existiert, sondern sogar die breite öffentliche Kommunikation
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durchdrungen hat. Bei diesen Beispielen ist jeweils „Verschwörungstheoretiker“ gemeint, man schreibt jedoch „Verschwörer“ oder Entsprechendes:
 http://www.focus.de/finanzen/news/vermutung-wo-sind-goldreserven-verschwoerung-verschwoerer-vermuten-leere-goldtresore-bei-us-zentralbank-fed-9_id_3519983.html (06.01.2014 „Verschwörer vermuten leere Goldtresore in den USA.“
 http://www.profil.at/articles/1432/980/377157/facebook-verschwoerer-heinz-christian-strache (04.08.2014 „Verschwörer Heinz-Christian Strache […] verbreitete eine ganze Reihe von Verschwörungstheorien.“)
 http://www.welt.de/politik/deutschland/article133747210/Plattform-fuer-Verschwoerer-und-Wirrkoepfe.html (28.10.14 „Plattform für Verschwörer und Wirrköpfe“
 http://www.theeuropean.de/markus-linden/9220-verschwoerungstheorie-als-neue-soziale-bewegung (11.11.2014 „Angesichts der Heterogenität der Verschwörungsbewegung könnte man von einem Randphänomen ausgehen.“)
 http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Michael_Mross&oldid=136043427 (21.11.2014 „Michael Mross (* 1958 in Köln) ist ein deutscher Autor, Wirtschaftsjournalist, Moderator, Dokumentarist und Verschwörungsideologe.“)
 http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-11/russland-putin-egon-bahr-compact-magazin-verschwoerung-afd (23.11.2014 „Das verschwörungsfreundliche Compact-Magazin lädt zur "Friedenskonferenz" und erklärt die Weltordnung.“)
 http://www.publikative.org/2012/04/26/xavier-naidoo-als-soundtrack-der-reichsbewegung (23.11.204 „[...] dass er offenbar an bestimmte Theorien glaubt, die in der Verschwörungsszene durchaus beliebt sind.“)
 http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Wochenrueckblick/Potsdam-Wochenrueckblick-fuer-17.-bis-23.-November (23.11.2014 „Die korrespondierende Verschwörungstheorie ist […] Fortgeschrittene Verschwörer sagen nun […]“
 http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Daniel_Vischer&oldid=136514158 (06.12.2014 „Amateurreporter der Verschwörungsbewegung «We Are Change Switzerland» (WAC)“
 http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/xavier-naidoo-pop-saenger-richtet-sich-an-verschwoerer-klientel-a-995909.html (07.10.2014 „Xavier Naidoo: Pop-Sänger richtet sich an Verschwörer-Klientel“)
 http://www.n-tv.de/politik/Verschwoerung-fuer-den-Frieden-article14152956.html (13.12.2014 „Verschwörung für den Frieden“, […] „Verschwörer-Mahnwachen“)
Aus diesen Beispielen geht deutlich hervor, dass sogar viele Journalisten der Leitmedien „Verschwörungstheoretiker“ als „Verschwörer“ wahrnehmen. Damit unterliegen sie der irreführenden Kommunikation, die durch den Gebrauch dieses Unworts bereits entstanden ist. In einigen dieser Beispiele vermuten die Autoren sogar eine Art „Verschwörung der Verschwörungstheoretiker“, womit sie sich – ihrem eigenen Sprachgebrauch entsprechend – eigentlich selbst als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnen müssten. Damit setzen sie der sprachlichen Verwirrung um dieses Schlagwort noch das i-Tüpfelchen auf.
Die Wahl des Begriffs „Verschwörungstheoretiker“ zum Kampfbegriff des Jahres 2014 kann zu einem entscheidenden Denkanstoß für diejenigen werden, die diesen Begriff entweder bewusst als Abwertung einsetzen oder gedankenlos verwenden, während sie sich der Wirkung von Sprache in der öffentlichen Kommunikation nicht bewusst sind. Ein großes Medienecho auf diese ausschlaggebende Wahl könnte eine grundlegende gesellschaftliche, hoffentlich selbstkritische Debatte auslösen, die einen richtungsweisenden Wandel in Richtung einer wertschätzenden Diskussionskultur und mehr Sprachbewusstsein bewirken kann.
Ihr Rico Albrecht, Januar 2015