Reisebericht

Lofoten - Amphibisches Gebirge in der Urform der Schöpfung

Wandern heißt auf den Lofoten, weglos in großartiger Landschaft auf anstrengende Entdeckung zu gehen.

Die Inselberge weit über dem Polarkreis sind vom Festland gesehen eine imposante Wand aus zerklüfteten Gipfeln, die steil aus dem Meer aufragen: die berühmte Lofotenmauer. Zum Westen hin sind die Berge mächtige Wellenbrecher gegen die Gewalten des Nordmeeres. Im Winter die stürmischsten Inseln Europas, im Sommer grandiose Schönheiten. Dieses Bergsteiger- und Wanderparadies kann man noch entdecken.

Gottverlassen, wild, steil, kühn

Walter ist ein erfahrener Trekker. Doch trotz des reibeisenrauhen Granits hat er den Tritt verloren und liegt Kopf unten in einem kleinen Kamin. Der scharfe Fels hat ihm die Haut vom Unterarm gezogen, das Blut läuft in die aufgekrempelten Hemdsärmel. Wir stürzen zu ihm, damit er nicht tiefer rutscht. Satte 400 Meter unter uns glänzt golden das Lofotenmeer in der Mittagssonne, haltlos stürzt eine Wand zur See. Wieder einmal wird uns klar, daß mit dem „Nordischen Märchenland der Lofoten" nicht zu spaßen ist. Wir sind abseits der Zivilisation - wie immer in den vergangenen Tagen. Walter ist hart im Nehmen. Trotz des schlimm aussehenden Armes läßt er sich von der Kletterei auf den Glamtindan nicht abhalten. Sven Arne, Chef vom Lofoten Turlag, dem „Alpenverein" der Inseln, ist mit dabei. Er ist ein hervorragender Kenner der Berge. Sein Freund mit dem unaussprechlichen Vornamen hat seine Bergschuhe am Rucksack angehängt und geht barfuß durch das scharfe Granitgeröll.


Wild wie der Wind, weit wie das Meer

Wir staunen über die Milde des Klimas. Der „Ofen Golfstrom" ist schuld. Auf diesem Breitengrad findet sich sonst viel Eis rund um den Globus: die Gletscherkappe Grönlands, Alaska, Sibirien. Unter einer Polarregion stellt man sich eigentlich Permafrost, Gletscher, Inlandeis und bitterkalten Wind vor. Die Lofoten jedoch sind ein Cocktail aus Irland und Schottland, aufgefüllt mit Eismeer, dekoriert mit Dolomiten und Ägäis, und durchgeschüttelt vom manchmal unberechenbarem Wetter aber auch mediterranen Temperaturen. Wir treiben uns auf den fünf Hauptinseln herum und blicken von unseren Gipfeln auf weitere fünf Eilande, die, zusammen mit Tausenden von Schären, den wilden Archipel bilden: eine 150 Kilometer lange ununterbrochene Gipfelkette von kaum beschreibbarer Schönheit. Ein Paradies aus Zinnen, Kämmen, Gletschern, Türmen und Wänden. Der höchste Berg, der Higravstinden, gipfelt in aus alpenländischer Sicht moderaten 1163 Metern. Ein fast unberührtes Bergparadies auf den fünf Hauptinseln gilt es zu entdecken. Doch: Viele der empfohlenen und kartierten „Wege" sind keine. Hier ist der Trekker noch autark, niemand hat „für ihn gedacht" und Farbkleckse angelegt oder Steige gebaut. Weit nördlich des Polarkreises genießen wir Berge, saftige Wiesen, staunen über die überwältigend bunte Flora und aalen uns in der Mitternachtssonne. Ein riesiger alpiner Naturpark.


Inselwetter - viel besser als sein Ruf

Der Luchsfuß - so die wörtliche Übersetzung Lofoten - ist ein Juwel arktischer Berge in mildester und wildester Form. Frei wie der Wind besteigen wir die schönsten Berge. Hier kann es auch heftig zugehen. Unser Plan ist: Das Wetter bestimmt unsere Aktivitäten - und hinter jeden Wolke scheint die Sonne. Doch gnadenlos steht die Sonne fast 24 Stunden täglich am Himmel, treibt uns zu immer neuen Touren an und belebt die Photosynthese, die eine satte Vielfalt farbenprächtiger Pflanzen hervorzaubert. Unser Zeitgefühl schwindet. Ungläubig messen wir satte 28 Grad plus im Schatten. Fast immer ist T-Shirt-Wetter. Wir schwitzen auf 68 Grad nördlicher Breite. Am seidigblauen Himmel schweben Wölkchen, und laue Luft fächelt von den Wollgrasbüscheln. Unsere kälteerprobte Polarkleidung bleibt im Rucksack. Trotz bescheidener Höhen - nur wenige Gipfel liegen über der Tausendmetermarke - ist die Szenerie alpin und auch die Höhendifferenzen lassen sich mit Alpenmaßstäben kalkulieren. Meist starten wir direkt am Meer. Berge und See liegen eng beieinander. Eine Welt aus Fjorden, Fjell und Fischen. Silberglanz liegt auf dem Wasser. Gelegentlich erreicht uns ein verwehter Mövenschrei. Das Donnern der Wasserfälle schluckt fast jeden Laut.

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