Und seine, des Vaters, grenzenlose, imperiale Liebe kulminiert in "God`s Own Country" -

"Betrachtet man daraufhin

die Bildwerke der Christenheit, so geben sie buchstäblich die Illustration

zu einer Tatengeschichte, die mit einer ununterbrochenen Kette blutigster

Greuel den aus andern Überlegungen gewonnenen Satz Nietzsches

bestätigt, das Christentum sei die „Metaphysik des Henkers". Da es selbst

heute noch harmlose Leute gibt, denen die paulinische Liebesphrase im

Ohre liegt, sei im Vorbeigehen auf eine kleine Handvoll Taten verwiesen,

die zur Bestätigung des Gesagten hinreichen.

Seit rund vier Jahrhunderten finden die nicht eine Woche rastenden

Hinmetzelungen von Nichtchristen durch Christen und von Christen durch

Christen so überwiegend im Dienste Mammons statt, daß man bereits die

spezifisch christliche Natur alles aktiven Mammonismus durchschaut haben

muß, um jene Greuel auf Konto des Christentums zu buchen. Inzwischen

weiß jeder, daß, wo immer der weiße Pirat und Freibeuter seinen Fuß auf

Urbilder und Phantome fremde Erde setzte, ihm nicht nur der Missionar zur Seite stand, sondern

auch jener zuvor nur ein Mal auf Erden dagewesene Hochmut, der im Vergleich

mit dem Träger des Christenglaubens jeden Andersgläubigen als Ungläubigen

auf die Stufe des Schlachtviehs herabdruckt Wir haben die Vertilgung

der Peruaner und der nordamerikanischen Indianerstämme erwähnt;

aber es ist einerlei, welchen christlichen „Eroberer" man herausgreift, es

wiederholt sich immer und überall das gleiche entsetzliche Schauspiel

Als der hochchristliche Vasco da Gama 1502 zum zweitenmal in die

indischen Gewässer steuert, diesmal mit einer bis an die Zähne bewaffneten

Armada „zwecks Anknüpfung von Handelsbeziehungen", besteht seine erste

Leistung darin, daß er ein Schiff mit Mekkapilgern, 240 unbewaffnete Reisende

mit Frauen und Kindern, mittelst Artillerie (die dort ja noch unbekannt

I) anschießt, alles Plünderbare plündern läßt und darauf das Schiff

„mit Mann und Maus" in den Grund bohrt Seine zweite Leistung besteht

darin, daß er vom Fürsten der Stadt Calicut die Austreibung aller Araber,

genauer von fünftausend Familien arabischer Kaufleute fordert, die den

Handel eines ganzen Reiches bedeuten, nachdem er beim Anlanden in weiser

Voraussicht gleich deren achthundert gefangengenommen. Als sein Ansinnen,

wie sich versteht, abgeschlagen wird, läßt er den Gefangenen Nasen,

Ohren und Hände abhauen, packt die Gliedmaßen auf ein Schiff, die Verstümmelten

(mit überdies zerkeultem Gebiß) auf ein zweites; jenes treibt,

wie es ist, ans Land, dieses brennend, weil es mit Ol übergossen und angezündet

wurde. Währenddessen wird die Stadt Calicut durch Kanonade in

Trümmer gelegt Seine dritte Leistung besteht darin — doch wozu die Phantasie

des Lesers mit weiteren Scheußlichkeiten plagen, wenn die angeführten,

wie wir hoffen, vollauf genügen! Wer übrigens noch nicht recht wissen

sollte, was „kolonisieren" heißt, der unterrichte sich ein wenig über die

Greuel des Sklavenhandels, die alles Ausdenkbare übersteigen. Solches, wie

gesagt, geschah im Dienste jener grauenerregenden Geldgier, deren reichste

Entfaltung den Vorzug der Christenheit bildet; allein ebendasselbe geschah

zuvor ad majorem dei gloriam dieser selbigen Christenheit — Auf welche

Weise „bekehrte" doch Karl der sog. Große die heidnischen Sachsen? Gewiß,

indem er lange und überaus blutige Kriege gegen sie führte; am wirksamsten

aber dadurch, daß er 4500 ihrer gefangenen Adligen bei Verden an der

Aller enthaupten ließ. — Indes, es wäre müßig fortzufahren; denn man käme

mit bloßer Aufzählung der schrecklichsten Untaten, die im Namen des Christentums

vollbracht wurden, nicht zu Ende, wollte man selbst ein Buch vom

Umfang dieses Buches damit anfüllen. Wichtiger ist, daß die christliche

Religion von Anbeginn im Zeichen des Mordblutes steht

„Das Blut der Märtyrer", so lautet ein geflügeltes Wort, „ist der Same

der Kirche." Im neuartigen Begriff des „Blutzeugen" kristallisiert das

Christentum. Und, daß es niemals an Blutzeugen fehle, ob längst auch der

orbis terrarum „bekehrt" ist, längst die prachtvollen Tempel und Götterbilder

der Heiden dank dem frommen Eifer fanatischer Mönche auf Nimmerwiedersehn

in Schutt gelegt (Beispiele: Zeustempel zu Apamea, Serapistempel

von Alexandria), längst weit umher die heiligen Eichen gefällt sind, hat man

das Interdikt, den Bannfluch, die Inquisition. Es gehört zum Wesen des

Christentums, Sekten zu erzeugen und für Häresien zu sorgen; denn nicht

einen Tag dürfen die Blutopfer ruhen. Nicht nur nach außen sät es Mord,

es sät Mord auch im eigenen Hause. Bis zum 18. Jahrhundert und imgrunde

ins auf den heutigen Tag, wo z. B. in Rußland der Christ als bewußter Atheist

den Christen als bewußten Theisten umbringt, ist die äußere Geschichte des

Christentums eine lückenlose Reihe von Ketzerverfolgungen und Religionskriegen.

Manichäer, Donatisten, Arianer, Bogumilen, Templer, Waldenser,

Albigenser, Stedinger, Hussiten, dazu die rund ein halbes Jahrtausend lang

rauchenden Scheiterhaufen der Hexen: ein einziger niemals abreißender

Strom von Mordblut Das freilich wurde uns nur überliefert; aber die

noch gegenwärtigen Bildwerke reden dieselbe Sprache.

Käme von einem glücklicheren Stern mit vollkommeneren Menschen ein

Weiser zu uns, genau mit dem Satze vertraut, daß aus den Bildern die wirkenden

Mächte sprächen, und ließe er nun viele und hochbedeutende Werke

christlicher Kunst an Sich vorüberziehen, so befiele ihn wohl ein Grauen vor

der Geschichte der Menschheit Denn er sähe in abertausend farbigen wie

auch plastischen Darstellungen die Gestalt eines Mannes, der gegeißelt, gefoltert

und auf sonstige Weise gepeinigt würde; er sähe ihn millionenfältig

an ein Kreuz genagelt, bald sterbend, bald schon gestorben, blutend aus Händen

und Füßen und der durchstochenen Seite; und er erführe, daß dieses

Sinnbild schrecklichster Qualen und des entkräftenden Jammers seit rund

zweitausend Jahren für die Herrenvölker der Erde im Nimbus übermenschlicher

Vorbildlichkeit und göttlicher Vollendung stehe. Er sähe die lange

Reihe der Heiligen, teils Frauen, teils Männer, wie sie auf glühendem Rost

gebraten, von Pfeilen durchlöchert, mit Zangen bei lebendigem Leibe zerstückt

werden. Er sähe endlich das Phantombild eines fürchterlichen Strafgerichtes,

wo ekelhafte Mißgestalten damit beschäftigt sind, nackte Menschenleiber in kochendem Öl oder Wasser zu sieden, andre zu würgen, andre in flammende Öfen zu schüren; er sähe mit einem Worte die Hölle. Und

er fände dann wohl für die oben aufgezählten Phantome, von denen heute

die Menschheit verbraucht wird, den rechten Namen, indem er zu verstehen

gäbe, mit ihnen sei weit über das hinaus, was jene Bildwerke gepredigt hätten,

die Hölle auf Erden verwirklicht Und ihm schiene vielleicht in der

Menschheit der Gegenwart jenes furchtbare Wort, das ebenfalls zu den Phantomen

des Christentums gehört, unwiderruflich erfüllt: Nulla est redemptio

ex infernis. "

Aus Ludwig Klages: Der Geist als Widersacher der Seele