Reisebericht

Die alte Seidenstraße und Usbekistan...

...das sind 1001 Düfte, Farben, Märchen. Mit dem Zug durch das Land der feinen Tücher, der türkischen Kuppeln und Gewürzmärkte. Orient pur!

Ein fliegender Teppich auf Schienen

Mit einem heftigen Ruck setzt sich unser Zug in Bewegung, verlässt Almaty, die ehemalige Hauptstadt Kasachstans, in Richtung Westen auf den Spuren der legendären Seidenstraße: Einem Netzwerk von uralten Handelsrouten zwischen Xian und Konstantinopel, Bagdad und Rom, auf denen vor Tausenden Jahren die großen Völker des Westens und des Ostens erstmals miteinander Kontakt aufnahmen, um Waren auszutauschen.

In wenigen Stunden werden wir an der Grenze zum heutigen Usbekistan sein, wo die einst mächtigen Handelszentren Buchara, Chiwa und Samarkand in Reichtum, Schönheit und Größe miteinander wetteiferten. Seide, Tee, Papier, Porzellan, Siegellack und Gewürze aus dem Osten wurden hier noch vor 600 Jahren gegen Gold und Silber, Wolle, Elfenbein, Walnüsse und Glas getauscht. So, wie den Europäern das wohlgehütete Geheimnis der Seidenraupen und ihrer wunderbar glänzenden, leichten Fäden lange Zeit ein Rätsel blieb, so staunte man in Asien über grünes, rotes und gelbes Glas und zahlte hohe Preise dafür.


Erst die Verlegung des Handels auf den schnelleren und sichereren Seeweg bedeutete das Ende der großen Karawanen, die sich über die Schnee-Pässe des Alatau-Gebirges wagen mussten, wie auch durch die gefährliche Wüste Kysylkum, wo sengende Hitze und tödliche Räuber auf die Reisenden vor der Oase Chiwa warteten. Einen kräftigen Dämpfer brachten natürlich auch um 1220 die Mongolenhorden Dschingis Khans, der sich einmal bei einer "Predigt" von der Kanzel in Buchara selbst als die "Geißel Gottes" bezeichnete.

Heute bekommt die Route der Seidenstraße in Zentralasien wieder Bedeutung. Nicht nur wegen der Touristen, sondern auch wegen der großen Erdöl- und Erdgas-Konzerne. Denn viele der ehemaligen Sowjetrepubliken der Region sind reich an diesen Bodenschätzen, und man denkt trotz aller politischer Probleme unter anderem über eine 8000 Kilometer lange Pipeline nach, die bis nach China und Japan reichen soll. Als eigentlicher Grund für die selbstlose US-"Befreiung" Afghanistans von den Taliban wird von vielen Kritikern der Bau dieser neuen "Pipeline-Seidenstraßen" gesehen.


Während der Zug vor der Kulisse des Alatau-Gebirges an Schafherden vorbeirollt, verkosten die Passagiere in den beiden Restaurantwagen heimische Wodka-Sorten. Pfefferwodka, Nusswodka und ein Schluck vom allerbesten. Dazu Brot, Essiggurken und Heringe mit Zwiebeln.

Für die usbekische Passkontrolle bekommen wir eine Gebrauchsanweisung vom Reiseleiter: "Treten Sie aus Ihrem Abteil heraus, sehen Sie dem Kontrolleur in die Augen, und ermöglichen Sie den Soldaten, unter Ihrem Bett nach geschmuggelten Menschen nachzusehen . . ." - Niemand sucht nach blinden Passagieren. Dafür sind die Beamten sehr freundlich, wollen nur einen Blick in die hübsch eingerichteten Zwei- und Vierbett-Abteile werfen und ein paar Worte wechseln, um ihre Englisch-Kenntnisse unter Beweis zu stellen.

Düfte und Geräusche auf dem Basar von Samarkand wechseln mit dem Wind. Jeder, der irgendetwas zu verkaufen hat, kommt hier her: Einer hat zwei Säcke voll Weintrauben, ein anderer eine Schubkarre mit Melonen. Ein Junge balanciert ein Tablett mit frischem Sesam-Fladenbrot auf dem Kopf. Curry liegt in der Luft, dann der Duft von gerösteten Marillenkernen und Erdnüssen. Geschäftstüchtige Teehändler versuchen die Lautsprecher der Kassetten-Verkäufer zu übertönen, die sich wiederum mit den Schaschlik-Bratern am Straßenrand ein musikalisches Duell liefern. Berge von glitzerndem Kandiszucker werden angeboten und gleich daneben Kurtob-Kugeln: ein handgerollter, getrockneter Frischkäse, der mit Chili vermischt wird und in der usbekischen Suppe landet. Leibgericht der Usbeken ist "Pluv", ein Reistopf mit Hammel, Fisch oder Huhn, Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten, gesüßt mit Rosinen, Birnen, Äpfeln oder Granatapfel-Kernen.


Zentralasien ist auch das Land türkiser Kuppeln. Das Minarett Tscharr Minar und der Ark des Emirs in Buchara, die "Kachelturbane" in der palastartigen Altstadt von Chiva, der imposante Registan-Platz in Samarkand: Alle leuchteten sie schon in Türkisblau zur Zeit von Sultan Timur Leng und Nasreddin Hodja, dem "Till Eulenspiegel" des Orients. Neben den legendären Märchen aus 1001 Nacht gelangten auch die humorvollen Anekdoten des auf einem Esel reitenden Gelehrten bis nach Europa. In Buchara ist dem listigen Hodja sogar ein Denkmal errichtet.

Die Reise entlang der Seidenstraße mit dem Sonderzug ist eine einzigartige, bequeme und sichere Möglichkeit, Zentralasien zu besuchen, wenn man Kleinigkeiten (wie eine bloß tröpfelnde Dusche im Zug) als Teil des orientalischen Abenteuers betrachten kann. Ein Tipp für ungestörten Schlaf an Bord: Ohropax mitnehmen! Schienennetz und Lärmdämmung des "fliegenden Teppichs" sind nicht ganz so gut wie bei uns.

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