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Der Krieg als Vater aller Dinge?

"Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien."

Dieses wohl (neben "panta rhei" = "alles fließt") bekannteste Zitat des vorsokratischen "Naturphilosophen" Heraklit (ca.520-460 v.Chr.) bezeichnet den Krieg als primäres Prinzip des Daseins und mutet manchen auf den ersten Eindruck befremdlich an. Das griechische Wort für Krieg "polemos" bedeutet neben Krieg auch die "Auseinandersetzung" im Allgemeinen.

Das Leben als Kampf zu sehen, ist eine Betrachtungsweise,die sich durchaus aufdrängen kann.

"Wäre alles Leben ein gleichförmiger Daseinsstrom, so würden wir die Worte Volk, Staat, Politik, Krieg, Verfassung nicht kennen. Aber das ewige und gewaltige Verschiedensein des Lebens, das durch die Gestaltungskraft der Kulturen bis aufs Äußerste gesteigert wird, ist eine Tatsache, die mit all ihren Folgen geschichtlich schlechthin gegeben ist. Pflanzenleben gibt es nur in Bezug auf tierisches; die beiden Urstände bedingen sich gegenseitig; ebenso ist ein Volk nur wirklich in Bezug auf andere Völker, und diese Wirklichkeit besteht in natürlichen und unaufhebbaren Gegensätzen, in Angriff und Abwehr, Feindschaft und Krieg. Der Krieg ist der Schöpfer aller großen Dinge. Alles Bedeutende im Strom des Lebens ist durch Sieg und Niederlage entstanden." Oswald Spengler (Untergang des Abendlandes, Seite 1107)

Die Weltgeschichte ist allerdings eine Geschichte des Krieges und der Gewalt. Fast allen entscheidenden politischen und sozialen Veränderungen gingen Kriege, Revolten und Revolutionen voraus. Aus Einsicht und Weisheit haben sich noch nie Herrschaftsstrukturen geändert, sind nie Völker und Kulturen entstanden und untergegangen. Der Auftritt Napoleons in der Geschichte hat Europa bis zum heutigen Tage mehr verändert als ein ganzes Heer vom Schlage eines Shakespeares oder Goethes es je vermocht hätte.

Technischer Fortschritt und Innovation sind häufig dem Streben der Staaten nach militärischer Überlegenheit geschuldet. Zwischen Archimedes und Oppenheimer verdankten unzählige Forscher und Ingenieure die Realisierung ihrer Erfindungen ausschließlich der finanziellen Förderung durch die jeweils Herrschenden. Nicht nur das Internet, sondern eine ganze Reihe technischer Innovationen und heute alltäglicher Gebrauchsgegenstände und Verfahren entstammen dem Streben der Staaten nach militärischer und somit "kriegerischer" Überlegenheit. Auch die Weltwirtschaft ist letzten Endes kriegerischer Natur mit ebensolcher Rhetorik und wird mit allen, am wenigsten aber mit "fairen", Mitteln geführt.

Auch das Leben selbst könnte man als einen ständigen Krieg gegen Verfall und Verwesung betrachten, dessen Ausgang jedoch von vorneherein sicher ist. Ohne unser "kriegerisches" Immunsystem mit seinen Killerzellen und Makrophagen wären wir der Verwesung bei lebendigem Leibe anheim gegeben. Pilze und Bakterien würden uns "zersetzen" noch bevor wir den ersten klaren Gedanken gefasst hätten. Die Geburt selbst gleicht häufig einem Kampf, der die Kräfte von Säugling und Mutter aufs Äußerste strapaziert. Alles, was wir durch Anstrengung, und damit "kämpfend" erworben haben, bedeutet uns in der Regel mehr als das leistungs- und mühelos "Zu-gefallene". Einen Gewinn beim Roulette setzt man leichter aufs Spiel als hart Erarbeitetes.

Oswald Spengler sagte sinngemäß, man müsse sich dem Leben, und damit dem Krieg, mit allen Konsequenzen stellen. Es sei nun einmal hart, und man habe die Wahl, daran zu wachsen oder zu zerbrechen. Dazwischen gäbe es nichts mit Ausnahme des konsequenten, religiös motivierten Asketen und Lebensverneiners. (Ich bin da anderer Meinung, auch wenn ich sein poetisches, geschichtsphilosophisches Genie sehr schätze.)

Nach alldem könnte man sagen, dass der Krieg als natürlicher Gegensatz zum Frieden nun mal wesentlich zum Leben gehöre und wohl unvermeidlich sei. Manche heutigen Philosophen sind der Meinung, dass Heraklit damit nicht den Krieg als solchen gemeint hätte, sondern dass die Welt sich aus der Auseinandersetzung ("polemos") zwischen Gegensätzen entfalte. Der Kampf ineinander verschränkter und sich gegenseitig bedingender Gegensätze, der Kampf zwischen zwischen Tag und Nacht, hell und dunkel, männlich und weiblich, Gesundheit und Krankheit etc. Er hat es auch so gemeint. Dagegen, dass er es ausschließlich so verstanden haben wollte,sprechen allerdings spöttische Äußerungen gegen Persönlichkeiten (u.a. Homer), die dauerhaften Frieden als erstrebenswertes Ziel betrachteten.

Der Dreißigjährige Krieg hat das damalige Deutschland um Jahrhunderte zurückgeworfen. Die beiden Weltkriege haben Europa als Trümmerfeld hinterlassen, enorm geschwächt, und den Aufstieg der USA zur Supermacht ermöglicht. Heutige mögliche Weltkriege haben das Potential, die ganze Menschheit auszulöschen und die Erde auf sehr lange Zeit unbewohnbar zu machen. "Der Vater aller Dinge"? Auch der Vater von Millionen Toten, der Vater, unendlichen Leides und totaler Zerstörung? Der Vater der USA als Supermacht - und ihr Ernährer und Erhalter. Der Krieg als Werkzeug und Mittel wirtschaftlichen Machterhalts und Ausbeutung. Wäre Heraklit ein Blick in die Zukunft möglich gewesen, hätte er die Möglichkeiten der Technik erkannt, würde er seine Denkfigur dann relativiert haben?

In dem Zitat Heraklits steckt viel Wahres. Aber eben nicht die ganze Wahrheit, sondern lediglich eine komplementäre. Das Leben ist aufeinander angewiesen und könnte in fortwährendem Krieg nicht bestehen. Eine gewisse Art von Auseinandersetzung und Anstrengung ist notwendig und gut. Das Verschiedene ist auf höherer Ebene wieder vereint und bedingt sich gegenseitig. Es gibt Auseinandersetzung und es gibt Bündnisse. Es gibt Konkurrenz und es gibt Symbiosen. Es gibt großartige, selbstlose Opferbereitschaft ebenso wie vernichtenden Hass und Rachegelüste. die sich über Generationen ziehen. Wo können sich diese Gegensätze vereinen? In einem höheren Denken und in einem höheren Bewusstsein. Und das zu erreichen, sind sie wohl notwendig. Insofern ist Auseinandersetzung ("polemos") möglicherweise die Triebfeder zu höherer Ent-wicklung. Das mag idealistisch und abgedroschen klingen. Aber wer es je erlebt hat, welche gewaltigen Erschütterungen und emotionalen Ausbrüche bei echter Reue, Versöhnung und Einsicht möglich sind, der ahnt, dass sich dahinter mehr verbirgt, als es den Anschein hat. Denn letzten Ende muss der Einzelne erlöst werden. Er ist Träger von Volk und Staat. Volk und Staat an sich sind abstrakte Begriffe ohne Schmerz und Bewusstsein. Und Begriffe leiden nicht und sterben einen schmerzlosen Tod. Kriege und Schlachten empfanden selten welche als heroisch, wenn sie selbst dabei waren, die furchtbaren Schreie der Verwundeten hörten, und die Blicke der seelisch auf immer Traumatisierten sich auf ewig in ihr Gedächtnis brannten.