Rede des Bundesministers des Innern, Dr. Thomas de Maizière, beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Deutschen Islam Konferenz am 27. September 2016 in Berlin

Rede des Bundesministers des Innern, Dr. Thomas de Maizière, beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen
der Deutschen Islam Konferenz am 27. September 2016 in Berlin:


„Ein Jahrzehnt Deutsche Islam Konferenz – längst selbstverständlich?
Kompass für die Zukunft“


Lieber Kollege Wolfgang Schäuble,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
liebe Freunde und aktive ehemalige Mitglieder der Deutschen Islam Konferenz,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre freundliche Begrüßung, vor allem Dank an unsere Musiker!

Ave pax – sei gegrüßt, Frieden!

Muslimische, jüdische, buddhistische und christliche Klänge verschmelzen hier zum Schluss zu einem
Friedensgruß der Religionen – wirklich eindrucksvoll! Wenn es doch außerhalb der Musik auch so
einfach wäre.

Wenn ich aufgreife, was eben gesungen wurde, dann heißt das: Auch wenn wir nicht eines Glaubens
sind, so haben wir doch gemeinsam, dass wir eines Geistes sind oder sein sollten, weil wir eben
Menschen sind.

In diesem Geist wollen wir heute ein Jahrzehnt Gemeinsamkeit in der Deutschen Islam Konferenz
bedenken, befragen, diskutieren und ja, auch feiern.

Zehn Jahre Deutsche Islam Konferenz – das sind zehn Jahre, in denen

Vertrauen aufgebaut,


Verlässlichkeit geschaffen,


Wissen erweitert,


Neugier geweckt, und


auch das eine oder andere unnötige Tabu gebrochen wurde.

Das ist ein Wert an sich!

Schaut man auf Deutschland zehn Jahre zurück, stellt man fest, dass die Religionen – mehr noch die
Menschen unterschiedlichen Glaubens – eher nebeneinander und nicht miteinander lebten, sich aber
durchaus kritisch beäugten und viel Unkenntnis vorherrschte.

Vor zehn Jahren gab es – zumindest auf Bundesebene – keinen gesellschafts- und religionspolitischen
Dialog zwischen Staat und Muslimen. Heute sind beide Partner stärker miteinander verbunden.

Dass das möglich wurde, daran haben viele von Ihnen, die heute hier sind, einen wesentlichen
Anteil. Sie haben die Deutsche Islam Konferenz aktiv unterstützt – das oft ehrenamtlich, mit viel
Herzblut, mit viel Kritik und mit Visionen eines gelingenden Miteinanders. Dafür danke ich allen,
die dabei gewesen sind – von Anfang bis heute, mit ganzem Herzen.

Wenn wir heute zehn Jahre DIK begehen, tun wir das in einer Zeit, in der die Diskussion um den
Islam in Deutschland aufgeladener ist als vor zehn Jahren. Jeder spürt das – die Muslime am
allermeisten.

Viele Menschen treiben drängende Fragen um; nicht jede davon hat einen Bezug zum Islam. Aber sie
werden oft direkt oder indirekt im Bezug zum Islam gestellt.

Wie kann verhindert werden, dass in Zukunft erneut so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen wie
im letzten Jahr und Deutschland sich zugleich seiner humanitären Verantwortung stellt?


Wie kann die Integration so vieler neuer Mitmenschen gelingen, die eine Bleibeperspektive haben?


Welche Gesellschaft wollen wir künftig sein? Und welche gerade nicht?


Wie gelingt es uns, rechtsextreme Gewalt und Hetze zurück zu drängen?


Wie bekämpfen wir die Bedrohung durch den Terrorismus?


Aber auch: Wie wollen wir in Zukunft das Verhältnis zwischen Staat und Religion gestalten?

Das kooperative Verhältnis zwischen Staat und Religion, zu dem wir in Deutschland in einem langen
historischen Prozess gefunden haben, bewährt sich – auch im europäischen und internationalen
Vergleich.

Weltanschaulich neutral – ja, das sind wir. Aber nicht laizistisch oder religionslos. Handeln aus
einem gelebten Glauben heraus darf und soll wirken können, auch öffentlich – zum Guten der
Gesellschaft. Hierfür schafft der demokratische Staat den Rahmen. Und hier verteidigt er ihn, wenn
Menschen ihn im Namen ihres Glaubens missbrauchen. Das hat Geltung für alle Religionen – auch für
Muslime. Ihre Religionsfreiheit gehört zu Deutschland.

In diesem Geist hat mein Kollege Wolfgang Schäuble heute auf den Tag genau vor zehn Jahren die
Deutsche Islam Konferenz ins Leben gerufen – eine Entscheidung mit großer Weitsicht. Die
Entscheidung war gut, und sie war richtig. Und ich nutze gerne die Gelegenheit, um mich bei Ihnen
öffentlich und herzlich für diese Initiative zu bedanken.

Denn in Deutschland erlagen viele einem Denkfehler und dachten, die Bedeutung des Religiösen im
Leben von Menschen nehme ab, weil es in Deutschland weniger Christen gibt und das
Staats-Kirchen-Verhältnis keine grundlegenden Probleme kannte.

Genau das Gegenteil ist aber der Fall: Wir erkennen, dass Religionen in Zustimmung und Ablehnung
eine große Bedeutung für das Zusammenwirken und Zusammenleben unseres Gemeinwesens und erst recht
weltweit haben und dass Religionen und Religionsgemeinschaften in einer großen Verantwortung
stehen.

Die Deutsche Islam Konferenz hat das wahrgenommen. Sie war und ist Impulsgeber für Fragen der
praktischen Religionsausübung – in Anerkenntnis des Vorrangs demokratischen Rechts und der
Religionsausübung anderer.

Die Teilnehmer haben viel diskutiert, oft kontrovers und manches Mal auch hitzig gestritten und
Türen geknallt – das gehört dazu.

Schließlich wurden greifbare Erfolge erzielt, die von Bestand sind:

Islamischer Religionsunterricht an staatlichen Schulen,


Lehrstühle für islamische Theologie an deutschen Universitäten – auch als Voraussetzung für die
Imam-Ausbildung – vor zehn Jahren undenkbar.


Anleitung zu Bestattungen in Deutschland muslimischen Glaubens, auch zum Moscheen-Bau.


Jüngst: der Aufbau einer zentralen Anlaufstelle für muslimische Wohlfahrtspflege.


Zum Thema Seelsorge stehen Empfehlungen bevor. Das ist wichtig, etwa wenn es um gut gemachte
Seelsorge in Gefängnissen, in Krankenhäusern, bei der Bundeswehr und bei der Polizei geht.

Doch die Welt verändert sich und mit ihr die Herausforderungen. Sie ist komplexer als noch vor
einem Jahrzehnt – oder vorsichtiger formuliert: Sie wird vielleicht als komplexer wahrgenommen.

Die Mörder des internationalen Terrorismus missbrauchen den Islam für ihre Taten.


Die Aggressivität, auch gegen muslimische Religionsausübung in Deutschland, nimmt zu. Deswegen ist
es umso empörender, dass einen Tag vor „Zehn Jahre Deutsche Islam Konferenz“ und wenige Tage vor
dem Feiern der Deutschen Einheit, gestern Abend in Dresden ein Sprengstoffanschlag gegenüber einer
DITIB-Moschee am Kulturzentrum stattgefunden hat.

Gott sei Dank ohne viele Verletzte – aber auch das wollen wir nicht – dass so etwas in Deutschland
geschieht. Gegen wen sich das auch immer richtet.


Vor zehn Jahren gab es in Deutschland unter den Muslimen eine klare Mehrheit türkeistämmiger
Menschen. Flucht und Zuwanderung machen den Islam in Deutschland nun vielfältiger.

Das hat auch Auswirkungen auf die Deutsche Islam Konferenz. Da kann auch die Verbandslandschaft
nicht die gleiche bleiben. Die Frage, wie sich der Islam in Deutschland künftig organisiert, ist
unausweichlich.

Die Pioniere der Deutschen Islam Konferenz erinnern sich sicher noch daran, dass das Format
seinerzeit weder selbstverständlich noch allseits akzeptiert war. Das ist heute nicht anders.

Es gab und gibt sehr viel Kritik, weil Organisation und Vertretungsanspruch islamischer Vereine und
Verbände in Zweifel stehen.

Vertreten sie überhaupt die Muslime in Deutschland?


Wie groß ist die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit?


Würden muslimische Einzelpersonen, auch im Lenkungsausschuss, die repräsentative Wirkung der
Islamkonferenz erhöhen oder mehr Konflikte auslösen als mildern?

Wir müssen die Kritik an diesem Mangel an tatsächlicher Vertretung sehr ernst nehmen, denn sie
berührt die Reichweite, die Wirkung unserer Zusammenarbeit.

Trotz alledem: Die Verbände sind das Gesicht und die Stimme des organisierten Islam in Deutschland.
Deshalb sehe ich die Verbände als wichtigen Partner in der Deutschen Islam Konferenz und zugleich
in der besonderen Verantwortung und der Pflicht, festere und transparentere mitgliedschaftliche
Strukturen bei den Moscheegemeinden zu schaffen.

Das ist keine Forderung nach dem einen Ansprechpartner. Natürlich weiß ich um die Heterogenität des
Islam. Auch darum, dass der Islam in Deutschland nicht nur nach Konfessionen oder Glaubensrichtung
organisiert ist, sondern oftmals nach regionaler oder ethnischer Herkunft. Aber ohne klare,
repräsentative und transparente Mitgliedsstrukturen wird die Forderung nach einer Anerkennung als
Körperschaft des öffentlichen Rechts nicht erfolgreich sein.

Wenn Verbände, die sich als Religionsgemeinschaft verstehen wollen, den Eindruck erwecken, dass sie
politisiert agieren und so Polarisierung verstärkt wird, dann ist das ein Problem, weit über den
Verband hinaus. Gleichzeitig Religionsgemeinschaft, politische Lobbyisten und Vertretung
ausländischer politischer Interessen zu sein, dass sind Rollen, die sich nicht vertragen.

Politische Einflussnahme aus dem Ausland auf Deutschland unter Berufung auf die Religion können wir
nicht akzeptieren, insbesondere, wenn sie gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung wirken.
Konflikte im Ausland über eine bestimmte Auslegung des Koran dürfen nicht in Deutschland
ausgetragen werden – jedenfalls nicht gewaltsam.

Verstehen Sie mich richtig: Ich halte nichts von einer pauschalen Verbändekritik. Islamische
Verbände spielen eine wichtige Rolle für unser Gemeinwesen. Gerade weil sie wichtig und
unverzichtbar sind, denn ihr Handeln wird allen Muslimen in Deutschland zugerechnet.

Nach zehn Jahren verlässlicher und vertrauensvoller Kooperation geht es mir darum, deutlich zu
machen, wie die Zusammenarbeit künftig verbessert werden kann. Dazu gehören die Verbesserung der
mitgliedschaftlichen Strukturen und eine stärkere Verortung in Deutschland.

Das alles geht nicht ohne eine sehr viel engere innermuslimische Zusammenarbeit, zu der ein
innerreligiöser Dialog, durchaus auch ein streitiger, gehört. Ein streitiger, pluraler Dialog wird
eine Akzeptanz des Islam in Deutschland befördern und nicht mindern. Dazu gehört, dass die Verbände
ihrerseits selbst kritische Debatten über ihr eigenes Selbstverständnis führen – und gerne auch
öffentlich. Und dazu gehört auch ein engerer Austausch zwischen den Verbänden und den sich
etablierenden Zentren für islamische Theologie.

Dass innermuslimischer Dialog gut funktioniert, hat die Deutsche Islam Konferenz bei der
islamischen Wohlfahrtspflege gezeigt: Kürzlich haben sich für den Sozialbereich sieben der zehn
Verbände der Islam Konferenz in einem Kompetenzzentrum Islamische Wohlfahrt zusammengetan – ein
schöner Erfolg. Und vielleicht die Keimzelle für etwas ganz Großes.

Stets war das Thema „Sicherheit und Deutsche Islam Konferenz“ ein sensibles Thema. In dieser
Legislaturperiode führen wir dazu wieder einen Dialog, neben der Deutschen Islam Konferenz unter
dem Motto „gemeinsam sicher leben“. Nur, das sollten wir gemeinsam öffentlich machen.

Denn Sicherheitsfragen machen nicht Halt an Religion und Glaube.

Sind es eher Biografie und soziale Problemlagen, die junge Menschen zu terroristischen Attentätern
machen?


Oder entfaltet hier eine extremistisch religiöse Auslegung des Islam ihre Macht? Und warum gelingt
das? Und wie kann man das verhindern?


Und was bedeutet das für die Prävention von Radikalisierung?


Und woher kommt diese Gewalt gegen Asylbewerber, gegen muslimische Einrichtungen und muslimische
Menschen?

Ich höre oft Aussagen wie „Das hat doch mit dem Islam nichts zu tun“ und „Terroristen – das sind
für mich gar keine Muslime“. Wenn Muslime das für sich persönlich so sagen, dann freut mich das als
Ausdruck eines gewaltfreien Verständnisses der eigenen Religion.

Und ich verstehe auch, wenn viele Muslime sagen „Warum muss ich mich eigentlich immer entschuldigen
für meinen Glauben, wenn andere diesen Glauben missbrauchen und andere Menschen umbringen? Was habe
ich damit zu tun? Warum muss ich mich immer entschuldigen?“

Ich verstehe das. Aber von den Vertretern islamischer Verbände erwarte ich in unseren Diskussionen
mehr.

Es gibt die friedenstiftende Kraft der Religionen, so wie sie heute musikalisch so schön zum
Ausdruck kam. Aber es gibt genauso religiös gerechtfertigte Gewalt und Hass gegen Religionen.

Ich wünsche mir eine stärkere Debatte um die Eindämmung von Extremismus und Gewalt –
innerislamisch, wie im staatlichen Dialog.

Die Idee, die Konferenz im engeren Sinne in dieser Legislatur nicht mit Sicherheitsthemen zu
belasten und daneben das Dialogforum „gemeinsam sicher leben“ zu schaffen, war richtig.

Aber seit dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo hat sich die Wahrnehmung des Islam geändert. Ich
halte es deshalb für ratsam, die Sicherheitsdebatte künftig wieder intensiver und auch öffentlich
zu führen. Diesen Dialog nicht zu führen, auch nicht öffentlich zu führen, schürt mehr Distanz und
Misstrauen als es dafür sorgt, die überwältigende Mehrheit friedlicher Muslime nicht unter
Generalverdacht zu stellen.

Ich wünsche mir, dass aus der Mitte der Gläubigen heraus das Gewaltpotenzial von Religion
aufgearbeitet und nicht verdrängt und weggedrückt wird. Das liegt auch im vitalen Eigeninteresse
muslimischer Verbände. Religion berührt das Leben vieler Menschen in Deutschland. Sind Religionen
positiv in die Gesellschaft eingebunden, können sie sie stärken und einen wesentlichen Beitrag zum
Zusammenhalt der Gesellschaft leisten.

Deswegen bleibt der Dialog der Religionen und mit den Religionen ganz allgemein und die Deutsche
Islam Konferenz im Besonderen so wichtig. Wie sie sich in Zukunft findet und verändert, das müssen
und sollten wir in den kommenden Monaten diskutieren.

Zehn Jahre Deutsche Islam Konferenz waren richtungsweisend und ein Kompass in die Zukunft.

Wie könnte ein Festakt in zehn Jahren lauten?

Ich weiß nicht, ob es dann die Deutsche Islam Konferenz noch gibt. Aber vielleicht könnte die
Überschrift so lauten: „Vom staatlich initiierten Dialog zu einer gelungenen, demokratischen
eigenständigen Vertretung des Islam?“

Ich bin zuversichtlich, dass das gelingen kann: In einem Leben in Miteinander, Freiheit, Toleranz –
geprägt von einem gemeinsamen Geist des Friedens und der Verständigung.