Der Intellekt führt in eine Sackgasse

Gerade, als mir diese Erkenntnis endgültig und ein für alle Mal aufging (vorübergehend war ich diesbezüglich bereits öfter erleuchtet), traf ich auf diese Seite.

"Es kam jedoch der Tag, an dem Sri Aurobindo von der intellektuellen Gymnastik gründlich genug hatte. Zweifellos wurde ihm plötzlich klar, daß man bis ans Ende der Zeiten fortfahren könne, Berge an Wissen in sich aufzutürmen, zu lesen und zu lesen, weitere Sprachen zu lernen, selbst alle Sprachen der Welt, wenn man will, und aus allen Büchern, die es gibt, ohne dabei auch nur einen Millimeter voranzukommen. Denn das Mental sucht in keiner Weise nach Erkenntnis, auch wenn es noch so den Anschein haben mag - es sucht nur danach, zu mahlen wie eine Mühle. Sein Bedürfnis nach Wissen ist primär ein Bedürfnis, etwas zum Mahlen zu haben. Sollte die Mechanik einmal aussetzen, zum Beispiel weil ein bestimmtes Wissen gefunden wurde, würde es bald einen Aufstand verursachen und sich wahllos etwas suchen, das es weitermahlen kann. Denn das ist schließlich seine Aufgabe. Jener Teil von uns, der wirklich nach Wissen und Erkenntnis sucht, ist nicht der Verstand, das Mental, sondern etwas, das dahinter liegt und sich seiner bedient: Der entscheidende Abschnitt meiner intellektuellen Entwicklung,vertraute Sri Aurobindo später einem Schüler an, kam, als mir klar wurde, daß alles, was der Intellekt aussagte, richtig sein konnte oder falsch sein konnte, daß das, was der Intellekt rechtfertigte, wahr war und daß das Gegenteil genauso wahr war. Ich ließ auf der Verstandesebene niemals eine Wahrheit gelten, ohne sie nicht gleichzeitig auch ihrem Gegenteil offenzuhalten ... Die erste Folge dieser Erkenntnis war, daß der Intellekt in diesem Licht sein Prestige verlor! 4

Sri Aurobindo war an einem Wendepunkt angelangt; Tempel interessierten ihn nicht, und Bücher hatten ihren Gehalt verloren. Ein Freund gab ihm den Ratschlag, es mit Yoga zu versuchen, doch Sri Aurobindo weigerte sich: Ein Yoga, der von mir verlangt, die Welt aufzugeben, ist nichts für mich.5 Und er fügte erklärend hinzu: Eine weltabgeschiedene Erlösung, welche die Welt ihrem Schicksal überließ, erschien mir als geradezu widerwärtig.6 Nach dieser Versicherung wurde Sri Aurobindo eines Tages Augenzeuge eines ungewöhnlichen, wenn auch in Indien häufig auftretenden Vorfalls; oft ist ja ein banales Ereignis der beste Auslöser für eine innere Erkenntnis. Sein jüngerer Bruder Barin war an einem starken Fieber erkrankt (Barins Geburt fiel in die Zeit von Sri Aurobindos Lehrjahren in England; er war es auch, der später in der Organisation indischer Widerstandskämpfer in Bengalen als Sri Aurobindos Geheimbote fungieren sollte). Einer jener halbnackten, wandernden Mönche, die man in Indien naga-sannyasin nennt, kam des Weges, die Haut mit Asche bestrichen. Er begab sich zweifellos, wie es Brauch war, von Tür zu Tür und bettelte um Nahrung. Dabei gewahrte er Barin, der über und über in Decken gewickelt war und vom Fieber geschüttelt wurde. Wortlos erbat er sich ein Glas Wasser, schlug ein Zeichen, intonierte ein mantra und gab dem Kranken zu trinken. Fünf Minuten darauf war Barin geheilt, und von dem Mönch blieb außer der heilsamen Wirkung keine Spur zurück. Natürlich hatte Sri Aurobindo schon von den seltsamen Kräften dieser Asketen gehört, doch jetzt sah er etwas Derartiges zum ersten Mal mit eigenen Augen. Und ihm dämmerte schlagartig, daß Yoga anderen Zwecken dienen konnte als jenen der Weltflucht. Und an anderen Zwecken war ihm kein Mangel. Es bedurfte einer Kraft zur Befreiung Indiens: Der Agnostiker war in mir, der Atheist war in mir, der Skeptiker war in mir, und ich war mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt einen Gott gab ... Ich hatte lediglich das Gefühl, daß es irgendwo in diesem Yoga eine mächtige Wahrheit geben mußte ... Als ich mich schließlich dem Yoga zuwendete und beschloß, ihn zu üben, um herauszufinden, ob es mit dieser Idee seine Richtigkeit habe, so geschah das in folgendem Geist und mit folgendem Gebet zu Ihm: "Gibt es Euch, so kennt Ihr mein Herz. Ihr wisset, daß es mich nicht nachmukti [Befreiung] verlangt. Ich bitte um keines der Dinge, nach denen es andere verlangt. Ich bitte um nichts als die Stärke, diese Nation zu erheben, ich bitte allein darum, daß es mir gestattet sei, für dieses Volk, das ich liebe, zu leben und zu arbeiten ..." 7

Und so machte sich Sri Aurobindo auf den Weg.

http://www.evolutionsforschung.org/SA.htm