+++Islam: Nicht in Mekka und Medina entstanden+++

Der Islam war eine Revolution von oben und hatte den Zweck, die neue Herrscherdynastie der Abbasiden zu legitimieren. Der Islam ist eine Verschränkung von Theologie, Recht und Wirtschaft, und war von Anfang an politisch - geschaffen, um die neue Herrschaft von oben zu legitimieren.

Irgendwie glauben auch Nichtmuslime an den Islam. Zwar nicht im Sinne von Bekenntnis, aber im Sinne von Für-real-Halten der von der islamischen Tradition erzählten Ereignisse und Begebenheiten. Man glaubt zwar nicht, dass der Koran Gottes Wort ist, aber dass der Verfasser dann doch Mohammed sein muss, wer denn sonst. Man glaubt, dass Mohammed in Mekka geboren wurde, nach Medina auswanderte und dort herrschte, schließlich Mekka eroberte, und dass von dort aus Muslime in kurzer Zeit ein riesiges Reich eroberten. So sagt die arabische Geschichtsschreibung und so sagt die westliche Islamwissenschaft, und so glaubt man es.

Es geht aber auch anders. Schon im 19. Jahrhundert befand der damals in seinen Kreisen hochberühmte Orientalist Ignaz Goldziher sämtliche von Mohammed überlieferte Hadithe, d.h. dessen gesammelte Aussprüche und sonstigen Lebenszeugnisse, von denen es Tausende gibt, als unzuverlässig, also letztlich als gefälscht. Nicht nur einige sogenannte „schwache“ Hadithe, denen aber eine Vielzahl „gesunder“ gegenüberstünden, sondern ausnahmslos alle. Dies bedeutete nichts weniger, als dass die zweitwichtigste Quelle der Scharia – nach dem Koran – ausgetrocknet wäre.

Die Islamwissenschaft schob einen der Größten ihrer Zunft beiseite und arbeitete weiter mit den Hadithen, weil sie sonst nichts hatte, denn es gibt keine außerislamischen Nachrichten über Mohammed. Nach der Traditionsgeschichte hat er zwei Weltreiche besiegt: Byzanz und Persien. Von diesen herausragenden Taten und Siegen müssten doch auch oströmische und persische Quellen zu berichten wissen, aber da ist nichts. Goldziher wurde in den letzten Jahren glücklicherweise wiederentdeckt und ist nun wichtiger Gewährsmann einer historisch-kritischen Sichtung des Islams.

Revision der islamischen Geschichtsschreibung

Die Revision der islamischen Geschichtsschreibung ist ein spannendes Thema. Sie ist eigentlich nicht erlaubt. Der Islam gebärdet sich als geschichtlich und bietet dafür eine Ansammlung von Taten und Daten auf, die empirische Objektivität vorspiegeln, ist aber immer doch nur das, was eine bestimmte Gruppe, die Muslime, als Geschichte anzuerkennen bereit ist. (Oder auch nicht, z.B. den Holocaust oder den Völkermord an den Armeniern.) Islamische Geschichtsschreibung ist grundsätzlich nicht zur Nachprüfbarkeit freigegeben. Sie ist somit nicht objektiv, sondern parteilich. Diese Parteilichkeit geht weit über jeden Bias, den auch moderne historische Forschung aufweisen kann, hinaus. Islamische Geschichte ist gleichbedeutend mit muslimischer Identität. Jeder Versuch einer Veränderung der Geschichtsschreibung, etwa durch Einbeziehung archäologischer Befunde oder außerislamischen Schrifttums, läuft Gefahr, als Affront gegen diese Gruppenidentität verstanden zu werden. Die Tradition ist das Herzstück dieser Identität.

Geschichte im Sinne moderner Historie lässt kollektive Idiosynkrasien nicht gelten und geht nach Quellenlage vor, grundsätzlich ohne spezifische Leidenschaft oder Parteinahme. Dieses Postulat wird nicht immer eingelöst, aber das Prinzip der Kritik sorgt dafür, dass Verzerrungen tendenziell richtiggestellt werden können. In der Geschichtsforschung sind alle Religionen als Untersuchungsobjekte gleich. In der islamischen Tradition stehen sie dagegen in einem hierarchischen Verhältnis. Sie lässt auch die Beteiligung von Gruppenfremden grundsätzlich nicht zu. Es ist bis heute weithin Konsens in muslimischen Kreisen, dass nichtmuslimische Wissenschaftler kein Recht dazu haben, sich mit dem Islam zu befassen.

Drei unübersetzte Bücher

Vor diesem Hintergrund war es eine Sensation, dass in den Siebzigerjahren drei ganz unerhörte Bücher erschienen: „Hagarism“ von Patricia Crone und Michael Cook und „Quranic Studies“ sowie „The Sectarian Milieu“, beide von John Wansbrough. Alle drei wurden nicht ins Deutsche übersetzt, zwei davon stehen nur noch in wissenschaftlichen Bibliotheken oder sind zu horrenden Preisen antiquarisch zu bekommen. Fairerweise muss vor der Lektüre gewarnt werden, sie ist Schwerarbeit.

Ihre beiden Hauptthesen, die lauten, dass es keine Verbindung zwischen Mohammed und dem Koran gibt, und dass der Islam nicht in Mekka und Medina, sondern im Fruchtbaren Halbmond entstand, sind inzwischen auch in deutschen Publikationen zu finden, etwa in den Schriften der sogenannten Saarbrücker Schule um Karl-Heinz Ohlig, Volker Popp et al., bei Andreas Goetze und zuletzt in Kurt Bangerts fast 1.000-seitigem Buch „Muhammad. Eine historisch-kritische Studie zur Entstehung des Islams und seines Propheten“. Eine wichtige Frage dabei ist, wie der Untertitel andeutet, ob es den arabischen Propheten Mohammed überhaupt gegeben hat. Der sonst zumeist unwidersprochene Befund des französischen Orientalisten Ernest Renan, Mohammeds Leben habe sich im Gegensatz zu Jesu Leben „im vollen Lichte der Geschichte“ abgespielt, ist zweifelhaft.

Der letzte bedeutende Islamwissenschaftler, der den historischen Mohammed herausarbeiten wollte, Tilman Nagel, ist an diesem Anspruch grandios gescheitert. Bangert befasst sich ausführlich mit dieser Biographie und kommt zu dem Schluss, dass sie „ein undurchdringliches Konglomerat an historisch Möglichem und legendarisch Unwahrscheinlichem (bleibt).“ (S. 299)

Der Koran und die Tradition sind die geistigen Waffen des Islams, die er nicht aus der Hand geben will. Der ideale Multikulturalismus, der von der Gleichberechtigung aller Traditionen ausgeht, gilt im Islam nicht. Dieser will im Gegenteil alle anderen Traditionen mit seinen Waffen schlagen. Es ist darum wichtig, diese Waffen zu entschärfen. Je mehr konkrete Ansprüche im politischen und gesellschaftlichen Leben auch westlicher Länder der Islam stellt, desto mehr lädt er zur Überprüfung seiner Anspruchsgrundlagen ein. Wenn die Islamwissenschaft dabei nicht mitmacht, weil sie es vorzieht, sich in die Tradition des Islams einzureihen und auf die Anwendung von Methoden der eigenen kritischen Tradition zu verzichten, dann müssen andere diese Aufgabe übernehmen.

Kurt Bangert kann ebenso wie Andreas Goetze, und die Saarbrücker als Vertreter einer „Citizen Science“ gelten, einer Wissenschaftsbewegung von Bürgern, die Forschung unabhängig von den etablierten Einrichtungen betreiben. (Der Begriff „science“ muss hier ein wenig gedehnt werden, weil er im Englischen nur die Naturwissenschaften umfasst, aber das ist machbar. Der berühmteste Bürgerwissenschaftler war übrigens Charles Darwin). Bangert ist kein Islamwissenschaftler, aber wer meint, Wissen über den Islam dürften nur „Experten“ vermitteln, sollte bedenken, dass das „Expertenwissen“ der Islamwissenschaftler oft im Wesentlichen das der Muslime ist, das vom Glauben bestimmt wird.

Übereinstimmende Kritikdetails

Bangert setzt andere Akzente als die Saarbrücker und Andreas Goetze. Es gibt jedoch wichtige Gemeinsamkeiten, die, ungeachtet der Details, in krassem Gegensatz zur herrschenden Lehre stehen. Diese Gemeinsamkeiten sind:

  • Muhammad ist ursprünglich Jesus.
  • Muhammad und der Koran haben nichts miteinander zu tun.
  • Die Hadithe und die Sira (Lebensgeschichte Mohammeds) sind unhistorisch.
  • Der Islam ist nicht in Mekka und Medina entstanden.
  • Die arabischen Eroberungen haben nicht stattgefunden.

Das islamische Glaubensbekenntnis lautet: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Gesandter.“ Muhammad wird hier als Eigenname verstanden. Man kann muhammad aber auch anders lesen, nämlich mit einer Endung, die gemäß den Regeln der arabischen Schrift nicht sichtbar ist, also muhammad(un). Dann lautet der Satz: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und zu preisen ist sein Gesandter.“ Die Person Muhammad ist nun verschwunden, es bleibt ein nicht näher benannter Gesandter, der aber ursprünglich auch nicht näher bestimmt werden musste, weil es nur einen Gesandten Gottes gab – Jesus.

Bangert geht wie die Saarbrücker und Goetze davon aus, dass das Wort muhammad kein Eigenname ist, sondern ein Ehrentitel, der auf Jesus angewandt wurde. (S. 560f und Ohlig) Er geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er mutmaßt, dass die Bezeichnung muhammad eine arabische Entsprechung von aramäisch/hebräisch masîh und somit Messias oder Christus bedeuten könnte. (S. 563) Beides heißt ursprünglich „der Gesalbte, der Erwählte“ und bezeichnet einen König. Er führt dazu die augenfällige Parallelität zweier Stellen aus dem Koran an:

  • Al-Masih (der Messias, BK), der Sohn der Maria, (ist) nur ein Gesandter. Andere Gesandte sind schon vor ihm dahingegangen. (Sure 5:75)
  • Muhammad (ist) nur ein Gesandter. Andere Gesandte sind schon vor ihm dahingegangen. (Sure 3:144)
  • Aus dem fast identischen Wortlaut folgert Bangert eine Ineinssetzung von Messias und Muhammad. (S. 564)

Diese These ist zweifellos interessant. Interessant ist auch, wie ich hier hinzufügen möchte, dass in der islamischen Eschatologie, der Lehre von den letzten Dingen, der erwartete Messias Jesus ist, ganz genauso wie im Christentum. Hier eine Schilderung der Endzeit aus der Feder eines Islamgelehrten:

Wie bereits erwähnt, glaubt der Islam, dass die Welt, in der wir leben, nicht ewig ist. Sie hat einen Anfang und ein Ende, nach dem Allah andere Welten erschaffen wird, denn Er ist immer der Erschaffer, al-Khaliq. Aber die gegenwärtige Welt wurde mit einem festgelegten Beginn erschaffen und wird ein festgelegtes Ende haben, das mit endzeitlichen Ereignissen verbunden ist. Gemäß traditioneller Quellen schließen diese Ereignisse als erstes das Erscheinen einer Gestalt ein, deren Name Mohammed al-Mahdi ist. Dieses Erscheinen wird vorhergesehen auf der Grundlage des Hadithes des Propheten, der sagte, wenn Unterdrückung und Ungerechtigkeit die Erde umfassen werden, „wird ein Mitglied meines Stammes erscheinen, dessen Name derselbe ist wie meiner.“

Darum glauben über Jahrhunderte hinweg Muslime, sowohl Sunniten als auch Schiiten, dass eines Tages eine Gestalt erscheinen wird, die der Mahdi, der Geleitete, sein wird, der Ungerechtigkeit beseitigen, die Herrschaft des Islams wiederherstellen und Frieden und Gerechtigkeit zurück auf die Erde bringen wird. Seine Herrschaft wird jedoch ziemlich kurz sein und gefolgt werden von der Wiederkehr Christi.

Islam und Christentum teilen dieselbe Vision vom zweiten Kommen Christi, weil Christen ebenfalls an diese Rückkehr glauben. Überdies erwarten Muslime, genau wie die Christen, dass Christi Wiederkehr sich in Jerusalem ereignen wird, und dass in dieser Stadt die letzten endzeitlichen Ereignisse stattfinden werden. Der Islam betrachtet jedoch im Gegensatz zum Christentum die Funktion von Mahdi und Christus als miteinander verbunden und ihr Kommen als Teil derselben wichtigen endzeitlichen Ereignisse. Während der Mahdi für einige Jahre auf Erden herrschen wird, wird das Kommen Christi mit dem Ende der Menschheit und der Zeit, wie wir sie gewöhnlich erfahren, zusammenfallen. Die geschichtliche Zeit gelangt an ihr Ende und wird gefolgt von dem Tag der Auferstehung, dem Jüngsten Gericht aller menschlichen Wesen, dem Wägen der guten und der bösen Taten, der Bestimmung der Bewohner des Himmels, des Fegefeuers und der Hölle und dem Ende der Geschichte des Kosmos’.“ (Seyyed Hossein Nasr, Young Muslim’s Guide to the Modern World, Kindle-Version, Pos. 850-864, Übersetzung BK)

Diese theologische Darlegung weist Mohammed keine Sonderstellung zu. Lediglich sein Name tritt noch einmal in Verbindung mit dem Mahdi auf, was nur eine ganz schwache Reminiszenz ist. Weder seine Taten noch seine Natur werden gewürdigt, obwohl er doch der „ideale Mensch“ gewesen sein soll. (Ursprünglich war Jesus der „ideale Mensch“. Die islamische Theologie glich die Eigenschaften Mohammeds im Laufe der Zeit jedoch immer mehr den Eigenschaften Jesu an und führte ihn damit ironischerweise wieder auf seinen Anfang zurück.)

Der Glaube ans Jüngste Gericht ist grundlegend für den Islam. Die gesamte Lehre hängt von der Existenz des Jenseits ab. Seyyed Hossein Nasr sagt unumwunden, dass der Islam ohne Eschatologie zerbröseln würde. (Pos. 785) Umso irritierender ist es, dass er sich hier vom Christentum nur so wenig unterscheidet. Die Herrschaft des Mahdi, die eine Besonderheit sein soll, ist vorübergehend und ändert nichts an der Schwere der Bedeutung der Wiederkehr Jesu. Der Mahdi gehört noch zur historischen Zeit, das Zeitenende beginnt erst mit Jesus. Wenn Jesus erscheint, geschieht die leibliche Auferstehung der Toten, eine Erwartung, die Islam und Christentum ebenfalls gemeinsam haben.

Jesus im Islam mehr als ein Prophet

Jesus ist im Islam, anders als behauptet, weit mehr als nur ein Prophet. Er ist die Erfüllung der Geschichte. Seine Wiederkehr ist Ziel und letzter Grund des Islams als Theologie. Von Mohammed keine Spur, er ist tot, und seiner Auferstehung wird keine besondere Bedeutung beigemessen. Jesus, der ursprüngliche muhammad(un), ist der Herr des Jüngsten Gerichts. Er und kein Anderer wird auch aus islamischer Sicht am Ende aller Zeiten herrschen.

Bangert schreibt: „… Jesus als Messias, als letzter Prophet und als das ‚Siegel der Propheten’ metamorphosierte unmerklich zum arabischen Muhammad.“ (S. 635) Seiner Auffassung nach begann diese „Transformation“ (S. 721) unter der Herrschaft des Umaiyaden Abd al-Malik (685-705). Noch die Inschriften im Felsendom, den Abd al-Malik erbauen ließ, enthielten christologische Feststellungen (S. 535ff). Die Umaiyaden waren, nach Münzfunden (S. 879ff) zu urteilen, Christen. Die heutige Umaiyadenmoschee in Damaskus war damals die Johanneskirche. Sie bewahrt bis heute (dies trifft trotz des Krieges hoffentlich noch zu) das Haupt Johannes des Täufers in einem Schrein, und diese Reliquie ist für Muslime ein Objekt der Verehrung.

Die Umaiyaden waren allerdings Anhänger eines spezifisch semitischen Christentums, die sich der Hellenisierung widersetzten und die Gottessohnschaft Jesu ablehnten, genauso wie heute der Islam. Damit standen sie in religiösem Gegensatz zu Byzanz, aber es handelte sich um einen innerchristlichen Konflikt und noch nicht um das Aufkommen einer neuen Religion. Das Wort islam, wie es erstmals in der Geschichte in der Felsendom-Inschrift benutzt wurde, bedeutete zu dieser Zeit noch „Übereinstimmung, Harmonie“, und zwar mit dem wahren Glauben (dîn). (Luxenberg) Die Bedeutung „Unterwerfung“ entwickelte sich erst nach 750 unter der Herrschaft der Abbasiden.

Die islamische Tradition erzählt, dass der Koran in der Zeit von 644-656 unter der Regentschaft des Kalifen Uthmân zusammengestellt wurde. Außerhalb der Tradition ist ein Kalif Uthmân zwar unbekannt, die Islamwissenschaft geht aber unverdrossen von denselben Daten aus und betreibt damit, ob gewollt oder ungewollt, islamische Theologie statt Religionswissenschaft:

Es sind demnach zwei theologische und … keine historischen Prämissen, die die Qur’ânforschung bis heute bestimmen: „Der Qur’ân, den wir haben, ist der Text, den Uthmân zusammengestellt hat“. Und: „Der Uthmân-Text gibt die authentische Offenbarung wieder, die Muhammad erhalten hat“. (Goetze, S. 240)

Bangert nimmt an, dass der Koran in der 2. Hälfte des 7. Jhs. kanonisiert wurde (S. 491). Indizien für diesen frühen Zeitpunkt sind für ihn die im Jahr 1972 in Sana’a gefundenen Koranfragmente, die nach einer ersten Untersuchung in die Zeit vor 649 reichen. Wortlaut und Anordnung der Suren in diesen Fragmenten weichen von der späteren Textgestalt des Korans ab, müssen also später redigiert worden sein, aber Bangert vermutet anscheinend, dass dies nicht sehr viel später geschah. Die Abweichungen sind natürlich ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Koran in geschichtlicher Zeit entwickelt wurde und Stadien der Bearbeitung durchlief. Er kam also nicht fix und fertig auf die Welt und auch nicht nur in verschiedenen Lesarten, wie die Tradition konzediert, sondern in unterschiedlicher schriftlicher Form.

Koran kein Einzelwerk

Inzwischen wurden zwei weitere Sana’a-Fragmente untersucht und ihre Entstehungszeit auf die Jahre 543-643 und 433-599 datiert. Dieses Ergebnis hat zu Vermutungen Anlass gegeben, das Labor habe gepfuscht. (Gabriel Said Reynolds) Die Daten lassen sich nicht mit der Regierung Uthmans und kaum mit Mohammeds Offenbarungszeit von 610-632 vereinbaren.

Im Jahre 2015 tauchte ein weiteres Koranfragment auf, und zwar aus den Tiefen einer Bibliothek der Universität Birmingham. Dieser sog. Birmingham-Qur’ân, der Stücke der Suren 18, 19 und 20 umfasst, ist sogar nah am endgültigen Text und wurde mit der Radiokarbonmethode auf den Entstehungszeitraum 568-645 datiert. Dieses Ergebnis löste nun großen Jubel bei Muslimen und Islamwissenschaftlern aus, aber ich frage mich: Warum eigentlich? Denn, wie Reynolds lakonisch feststellt:

„In other words, the dates of the Birmingham manuscript are not simply early. They’re too early. Instead of rejoicing, the news about this manuscript should lead to head-scratching.”

Auch diese Datierung lässt sich nämlich mit einer Redaktion eines Kalifen Uthmân, der erst 644 seine Regentschaft antrat, kaum vereinbaren. Sie stimmt ebenfalls nur schlecht mit Mohammeds Offenbarungszeit überein, denn der größere Teil der Datumsspanne liegt vor dem Jahr 610. Schon gar nicht damit in Einklang bringen lässt sich die offizielle Lehrmeinung, dass Mohammeds Offenbarungen zunächst nicht ordentlich aufgeschrieben, sondern mündlich weitergegeben wurden. Sowohl die Texte von Sana’a als auch der Fund von Birmingham stützen nicht die Theorie von der langen Periode der Mündlichkeit des Korans. Sie sind vielmehr Indizien dafür, dass Texte, die später in den Koran eingeführt oder für ihn redigiert wurden, schon viel früher verschriftet existierten. Der Koran ist zu großen Teilen ein Sammelwerk von Texten aus verschiedenen Traditionen, allen voran aus biblischer. Viele Teile des Korans können als viel älter gelten als der Islam. Somit dürfte auch klar sein, dass der Koran nicht das Werk eines einzigen Verfassers ist.

Vernunft und Rationalität sind in dieser durchmedialisierten Welt chancenloser denn je....

Nicht außer Acht gelassen werden darf, dass all diese alten Fragmente in unpunktierter und unvokalisierter Form vorlagen. Erst durch die Einfügung diakritischer und Vokalzeichen gewann der Text seinen beabsichtigten Sinn. Manchmal blieb er aber auch unverständlich oder wurde falsch ausgelegt, weil die Redakteure den ursprünglichen Bedeutungsgehalt nicht mehr kannten. So machten sie denn aus weißen Weintrauben Paradiesjungfrauen (ich habe dies in einem anderen Beitrag angesprochen). Der heute gültige Korantext muss als Interpretation alter Überlieferungen betrachtet werden, die übernommen, umgedeutet und vielfach nicht mehr verstanden wurden.

Meiner Auffassung nach kann man vom Koran erst nach dieser Redaktionsarbeit, die eine Punktierung und Vokalisierung einschließt, sprechen. Sie fiel unter der Regierungszeit der Abbasiden, also nach 750. Zwar hatte schon Abd al-Malik die Arabisierung gefördert, und wahrscheinlich entstanden bereits hier Voraussetzungen für die Abwendung vom Christentum, aber erst unter den Abbasiden erschien die neue Religion Islam mit ihrem neuen Buch nach dem Vorbild der anderen Buchreligionen. Vor den Abbasiden gab es weder die Geschichte von Mohammed noch den Koran. Erst sie ließen den Islam entwickeln und eine gemeinsame Erinnerung schaffen. Dazu gehörte auch die Behauptung ihrer Abstammung von eben diesem neuen Propheten und das Dogma von der „Unnachahmlichkeit des Korans“ (i’dschaz al-qur’ân) das im 10. Jh. entstand.

Die Offenbarung des heiligen Koran, das Leben Mohammeds, die Scharia – sie alle sind neu entwickelte Herrschaftsmittel der neuen Führungselite, ausgearbeitet von beauftragten Gelehrten. Alle sechs Autoren der Hadith-Sammlungen und der Korankommentator Tabari waren Iraner. Auch die arabische Grammatik wurde von einem Perser, dem Gelehrten Sibawaih, strukturiert und klassifiziert. Sie alle wirkten vom 8. bis 10. Jh. in Bagdad (persisch „Gottesgabe“), dem neuen Zentrum des arabischen Reiches. Der Islam war eine Revolution von oben und hatte den Zweck, die neue Herrscherdynastie zu legitimieren. Der Islam ist eine Verschränkung von Theologie, Recht und Wirtschaft, und seine Funktion war von Beginn an, ein Staatswesen zu lenken. Der Islam war von Anfang an politisch.

Es gab keine Muslime, die, von der arabischen Halbinsel kommend, von Eroberung zu Eroberung eilten. Die Araber waren schon da, als ihnen zwei Weltreiche in den Schoß fielen, die implodierten. Sie waren Profiteure der Schwäche zweier Weltreiche. Da war kein Kampf und keine Eroberung.

Das Wissen davon, dass der Islam in der blühenden städtischen Kultur des fruchtbaren Landes Irak entstand, ist geradezu vollständig verschwunden. Man glaubt an seine Entstehung in einer Stammesgesellschaft in der Wüste, und seine radikalen Verfechter glauben darum, Stammesdenken wiederbeleben und kultivierte Länder wieder in Wüsten verwandeln zu müssen. Eine Schwierigkeit bei der Wahrnehmung des Islams als einer städtischen Kultur, entstanden im wasserreichen Zweistromland, ist der Sitz seiner beiden Hauptheiligtümer in der ariden Region Hidschâz im heutigen Saudi-Arabien. Man kommt deswegen nicht umhin, den Islam auf den ersten Blick für eine Beduinenreligion zu halten, gestiftet von einem analphabetischen, halbnomadischen Kaufmann.

Mekka und Medina erlangten jedoch erst lange nach dem überlieferten Leben Mohammeds Bedeutung. Das Haus, in dem er in Mekka geboren sein soll, wurde erst von Chaizuran (gest. 795), der Mutter Harun ar-Raschids, „gefunden“. Dies ist offensichtlich eine Analogie zur Geschichte der „Auffindung“ von Jesu Grab und Kreuzigungsstätte im 4. Jh. durch Helena, der Mutter Kaiser Konstantins. Die neue Religion des Römischen Reiches benötigte Erinnerungsorte und Pilgerstätten, und dies wiederholte sich mit dem neuen Glauben Islam und seinem von Jesus zu Mohammed transformierten Gesandten.

Bei archäologischen Ausgrabungen im Hidschâz wurden Überreste hellenistischer, nabatäischer, römischer und frühbyzantinischer Ansiedlungen gefunden, jedoch keine Spuren einer arabischen Kultur zu Mohammeds Zeiten. Besonders bemerkenswert ist, dass keine heidnischen Heiligtümer vorhanden waren und zudem weder in Medina noch in benachbarten Orten Zeichen einer jüdischen Besiedlung. (Nevo/Koren, S. 13. Dieses Buch ist eine Pionierarbeit bei der Abgleichung der islamischen Tradition mit archäologischen Funden.) Auch jüdische Quellen erwähnen keine jüdischen Niederlassungen im Zentrum der Arabischen Halbinsel.

Dies hat für die Gegenwart große Bedeutung. Wir wenden uns der Vergangenheit immer aus einer bestimmten Gegenwart zu. So befasst sich die westliche Gesellschaft erst intensiv mit dem Islam, seit er politisches Gehör beansprucht und das Alltagsleben mitbestimmt. Früher konnte man Mohammed einen guten Mann sein lassen. Zur Gegenwart des Islams gehört seine Judenfeindschaft, die im muslimischen Milieu quasi durch Osmose erworben wird, legitimiert durch Mohammeds Vorgehen gegen die jüdischen Stämme in Medina. Wenn es in Medina keine Juden gegeben hat, sind die Geschichten von Mohammed und den Juden nicht historisch, also nicht in dem behaupteten empirischen Sinne „wahr“. „Wahr“ sind die Geschichten nur in einem theologischen Zusammenhang, indem sie die Verderbtheit der Juden beispielhaft illustrieren. Es handelt sich um eine normative Aussage: Juden müssen für ihre Widerspenstigkeit, den rechten Glauben anzunehmen, bestraft werden. Solche „Wahrheiten“ sind heute obsolet.

Anspruchsgrundlagen auf dem Prüfstand - Teil 1

Islam: Nicht in Mekka und Medina entstanden

Irgendwie glauben auch Nichtmuslime an den Islam. Zwar nicht im Sinne von Bekenntnis,...

Das neue arabische Reich benötigte eine Offenbarung, einen Propheten und die klare Abgrenzung von den Juden und Christen. Zur Identitätssicherung wählte man einen explizit arabischen Hintergrund und verlegte den Ursprung der neuen Religion in den Hidschâz. Für diese Region an der Peripherie sprachen auch andere Gründe: Das Gebiet war so leer, dass von dort kein Widerspruch zu erwarten war, wie Nevo/Koren anmerken (S. 346), und es waren aus demselben Grunde keine Ansprüche zu befürchten. Hätte man den Ursprung des Islams in ein Kernland des arabischen Reiches gelegt, so hätte dieses sofort Privilegien beansprucht. Man sieht dies heute am Gebaren der Saudis als „Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina“, die daraus sogar den Anspruch ableiten, ihre Auslegung des Islams für alle Muslime verbindlich machen zu dürfen. Zur Zeit der Entstehung des Islams war für das noch ärmliche Mekka nichts zu holen.

Bangert nennt diese Verlegung des Ursprungs des Islams vom Fruchtbaren Halbmond in die Wüste „Translokation“. (S. 732ff) Der erste Islamforscher, der diesen Schritt nachvollzog, war der eingangs erwähnte John Wansbrough in seinem sehr schwer lesbaren Buch „Quranic Studies“. Er trennte als erster die Verbindung von Mohammed, dem Koran und der Arabischen Halbinsel und entzog damit dem Islam seine historische Basis, woraus die Islamwissenschaft aber keine Konsequenzen zog.

Rückprojektion

Es fand jedoch nicht nur eine Verlegung der Schauplätze statt, sondern auch eine Projektion in die Vergangenheit. Nach Münzfunden zu urteilen, erlangte Mekka erst in der 2. Hälfte des 9. Jhs. seine geplante Bedeutung als neues Pilgerzentrum (Popp, Ugarit). Die numismatischen Entdeckungen widersprechen der Tradition. Bisher stammen die frühesten Münzfunde, die in Mekka geprägt wurden, aus dem Jahr 817, die früheste Goldprägung aus dem Jahr 863. Dieses Ergebnis fügt sich ein in das Problem der nachrichtenlosen zweihundert Jahre: Aus den ersten zwei Jahrhunderten nach Mohammed gibt es keine außerislamischen Zeugnisse, die die Existenz einer neuen Religion mit dem Namen Islam belegen.

Die Theorie der Rückprojektion ist die plausibelste Erklärung dafür. Man wählte als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte vom Ursprung des Islams das Jahr 622. Es wurde in der Tradition das Jahr der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina und damit der Beginn seines Aufstiegs als weltlicher und religiöser Führer.

In der Geschichte, wie sie der Westen schreibt, war das Jahr 622 das Jahr des Sieges des byzantinischen Kaisers Heraklius über das persische Reich der Sassaniden. Heraklius musste handeln, weil die Perser im Jahre 614 Jerusalem erobert, die Bevölkerung verschleppt, Kirchen zerstört und die Kreuzesreliquie nach Persien entführt hatten. Es war ein verheerendes Ereignis. Am 5. April 622 zog Heraklius an der Spitze seiner Armee aus Konstantinopel in den „Heiligen Krieg“. Noch im selben Jahr schlug er die feindliche Armee in Armenien vernichtend. Dies war für Persien der Anfang vom Ende. Das Sassanidenreich kollabierte innerhalb weniger Jahre. Nutznießer dieser Entwicklung wurden die Araber, die auf byzantinischem und iranischem Staatsgebiet ansässig waren.

Es gibt ein paar interessante Parallelen zwischen Historie und islamischer Tradition.

622: Sieg des Heraklius – Beginn der islamischen Zeitrechnung.

627: Sieg der Byzantiner über die Perser bei Ninive. – In der Tradition ereignete sich die „Grabenschlacht“.

628: Friedenvertrag zwischen Byzanz und Persien. – In der Tradition „Vertrag von Hudaibiya“, der Friedensvertrag Mohammeds mit dem Stamm der Quraisch von Mekka.

630: Wiedererrichtung der Grabeskirche in Jerusalem und Wiederaufstellung des Heiligen Kreuzes. – In der Tradition Mohammeds Sieg über Mekka und Reinigung der Kaaba von Götzenbildern.

Nach seinem Sieg konzentrierte sich Heraklius auf ein neues Reich im Westen. An Syrien hatte er kein Interesse mehr und stellte die Sicherung der Grenzen ein. Dies war nur die Fortsetzung der Politik, die Byzanz schon länger betrieb. Der Kampf um Jerusalem war nur ein Intermezzo gewesen, dem sich Heraklius als religiöser Führer der Christenheit nicht hatte verweigern können. Nach archäologischen Ausgrabungen zu urteilen, hatte Byzanz schon vor dem Jahr 500 begonnen, sich aus Syrien zurückzuziehen.

Über die unkontrollierte, offene Grenze kam in der Zeit um 490 der arabische Stamm der Ghassaniden ins Land. Ihre Herkunft ist unbekannt. Die Ghassaniden waren syrische Christen und wurden 502/3 Bündnispartner von Byzanz. In dieser Eigenschaft als foederati kämpften sie an der Seite Heraklius’ gegen die Perser. (Foederati heißt syro-aramäisch qarisha, arabisiert quraisch. In der islamischen Tradition sind die Quraisch der Stamm, dem Mohammed angehörte.)

Die Araber bezogen Subsidien, Hilfsgelder, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Faktisch waren sie schon zu dieser Zeit die eigentlichen Herren des Landes. Die Zahlungen wurden im Jahre 632, als Byzanz seinen Südosten definitiv aufgab, eingestellt. (In der Islamischen Tradition starb Mohammed im Jahre 632)

Ein weiterer arabischer Stamm in Mesopotamien, aber auf der persischen Seite, waren die Lachmiden. Ihr Zentrum war die Stadt Hira. (In der islamischen Tradition zog sich Mohammed oft in eine Höhle in einem Berg mit dem Namen Hira zurück.) Auch dieser Stamm wurde christianisiert, was der Perserkönig Chosrau II. nicht hinnehmen konnte. Er ließ den zum Christentum übergetretenen Lachmidenkönig im Jahre 602 hinrichten. Der Sieg des Heraklius bedeutete für die Christen in Iran die Befreiung.

Die Araber blieben einfach übrig

Nach der Implosion des Sassanidenreiches und der Räumung der ehemals byzantinischen Gebiete übernahmen nun kampflos die Araber die Macht. Es handelte sich um einen klassischen Elitenwechsel. Die Araber blieben bis zum Tode des Heraklius im Jahre 641 dessen foederati, danach begann ihre Selbstherrschaft unter dem Umaiyaden Muawiya, was durch numismatische Befunde belegt werden kann. (Popp, Ugarit) Ihre Zeitrechnung, die „Ära der Araber“ ließen sie im Jahre 622 beginnen, dem Jahr, in dem der Sieg des Heraklius den Grund für ihre Erfolgsgeschichte gelegt hatte.

Es gab keine Muslime, die, von der arabischen Halbinsel kommend, von Eroberung zu Eroberung eilten. Die Araber waren schon da, als ihnen das Reich in den Schoß fiel. Sie waren Profiteure der Schwäche zweier Weltreiche. Die Dschihadisten legitimieren sich heute mit dem historischen Kampf und Sieg des Islams gegen den Rest der Welt. Dazu besteht kein Anlass.

„Es standen sich zur Zeit Muawiyas nicht arabisch-islamische Eroberer und byzantinisch-christliche Kaiser gegenüber, wie es die spätere, historisierende Literatur der Abbasidenzeit uns glauben machen will, sondern ausweislich der Dokumente in Form von Inschriften der arabischen Herrscher die Christen des ehemals byzantinischen Orients als natürliche Verbündete der nestorianischen Christen Irans auf der einen Seite und des Kaisers in Konstantinopel als Herrn der griechisch-römischen Christenheit auf der anderen Seite. Es handelte sich demnach um einen Religionskrieg zwischen den orientalischen Anhängern eines semitischen Verständnisses vom Christentum und den Vertretern der hellenistischen und römischen Sonderentwicklung. Das zentrale Problem waren immer noch Fragen der Christologie. Daher wendet sich die Inschrift vom Jahr 72 der arabischen Ära (694) im Felsendom in Jerusalem an die Christenheit insgesamt: Yâ ahla al-kitâb/ Oh ihr Leute der SCHRIFT! Mit der Schrift ist selbstverständlich die Bibel gemeint und nicht die Botschaft des Propheten der Araber, dessen Lebensbeschreibung im Stil eines arabischen „Heiland“ eineinhalb Jahrhunderte später nachgereicht wurde. (Popp, Die frühe Islamgeschichte, S. 55)

Der arabische Staat bestand schon vor dem Islam. Der Islam war nicht der Grund und die motivierende Kraft der Entstehung eines arabischen Großreiches, sondern die Folge. Er war Teil der Konsolidierung und Machtsicherung. Die Abbasiden machten Schluss mit der Parusie-Erwartung, die das Volk ständig in Aufruhr versetzt hatte. Der neue Wallfahrtsort Mekka und das Grab des Propheten Mohammed in Medina wurden zum Symbol der Absage an die Parusie-Erwartung. Stattdessen verordneten die Abbasiden die Hinwendung zum Chiliasmus des Tausendjährigen Reiches. Der ordnungsbedürftige Staat benötigte zwei Theologien: die politische und die mythische. Beide Voraussetzungen erfüllte der Islam.

Die scheinmuslimische Dynastie der Umaiyaden diente den Abbasiden als Prügelknabe. Sie sollte die Schuld daran tragen, dass Mohammed und seine Offenbarung nicht schon viel früher bekannt waren: Diese gottlose Sippe hatte sie unterdrückt – die Abbasiden holten sie ans Licht. Die Ähnlichkeit mit den Josianischen Reformen im Judentum ist deutlich: Laut dem Bericht in 2Kg. 22, 2-13 „fand“ der Hohepriester Hilkia im Tempel von Jerusalem bei Renovierungsarbeiten ein in Vergessenheit geratenes Buch, das König Josia zur Grundlage eines von ihm neu geschlossenen Bundes zwischen Volk und Gott dienen sollte. Bei diesem „gefundenen“ Buch soll es sich um eine Vorform des Deuteronomiums, des 5. Buch Moses, gehandelt haben. Das Ereignis fand statt im Jahre 622 v. Chr., eine merkwürdige Koinzidenz mit dem Beginn der islamischen Zeitrechnung im Jahre 622 n. Chr.

Die Abbasiden machten Politik auf lange Sicht. Die koranischen Regelungssuren, auch „medinensisch“ genannt, entstanden jetzt. Sie setzten den christlichen Teil des Korans, der mit dem sogenannten „mekkanischen“ so gut wie identisch ist, weitgehend außer Kraft. Diesen Vorgang nennt man Abrogation. Insgesamt sollen 225 Verse durch neuere Offenbarungen abrogiert worden sein. (Goetze, S. 238) Die Regelungssuren sind postmillenarisch. Sie rechnen mit dem Überdauern der Menschheit auf unbestimmte Zeit. Dafür mussten Vorkehrungen getroffen werden, die realistisch und einhaltbar waren.

So kann die Aufforderung „Tötet eure Feinde“ (Sure 2:19) auch als Negation der Botschaft Jesu in der Bergpredigt „Liebet eure Feinde“ gelesen werden, oder, wenn man hier nicht „tötet“, sondern „schlaget“ übersetzt, als Negation des Jesus-Wortes: „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, so halte ihm auch die linke hin“. Jesu Predigt erging in der Gewissheit, das Reich Gottes stehe unmittelbar bevor. Nach der vielfach enttäuschten Messias-Erwartung war die Aufforderung „Tötet (schlaget) eure Feinde“ Ausdruck der Rückkehr zur pragmatischen Realpolitik ohne Endzeitnaherwartung. Mit der Bergpredigt ließ sich schlecht regieren.

Die Herrschaft der Abbasiden endete im Jahre 1258 im sogenannten „Mongolensturm“. Der Koran ist somit die Verfassung und ideologische Grundlage der Herrschaft einer vergangenen Dynastie. Die darin festgeschriebene Ungleichheit der Menschen, abgestuft nach Religionszugehörigkeit und Geschlecht, ist mentalitätsgeschichtlich grundsätzlich überwunden und gilt heute als faschistisch.

Noch nicht einmal die Islamisten berufen sich auf das Kalifat von Bagdad. Ihr Sehnsuchtsort ist Medina. Dort war das goldene Zeitalter der Altvorderen, der salâfiyûn. Doch Mohammeds Schlichterrolle in Medina, womit er dort faktisch zum politischen Führer aufstieg, spiegelte lediglich die Situation der Araber im byzantinischen Orient: die Länder gehörten ihnen nicht, aber sie hatten das Sagen. Sie eroberten wie Mohammed und seine Helfer, die mit der Zeit die angestammten Medinenser ins Abseits manövrierten, die Macht von innen.

Gastautorin Barbara Köster hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert.

Quelle:

http://www.rolandtichy.de/gastbeitrag/islam-nicht-...

http://www.rolandtichy.de/gastbeitrag/islam-kein-kampf-und-keine-eroberung/

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SEYYED HOSSEIN NASR: Young Muslim’s Guide to the Modern World, Kindle-Version

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