Was passierte mit Hanna?

Auf einmal raste Hanna unfreiwillig schnell und vor Angst erstarrt mit einem ihr unbekannten PKW eine stark abschüssige Straße hinab, die sie an eine der gefährlichen Serpentinen in den steilen Hängen Monacos erinnerte, wo auch Grace Kelly zu Tode kam. Der Wagen beschleunigte, ohne dass sie auch nur das Geringste dagegen tun konnte. Verzweifelt versuchte sie zu bremsen, doch das Pedal ließ sich ohne jegliche Wirkung bis zum Anschlag durchdrücken. Knorrige Kiefern und Büsche huschten unwirklich verzerrt an ihr vorbei, während sie auf eine Haarnadelkurve zuraste, von der sie wusste, dass sie sie mit ihren zwischenzeitlich gefühlten 200 Stundenkilometern unmöglich meistern konnte. Verzweifelt riss sie das Lenkrad herum und spürte am ganzen Körper nur noch die Fliehkraft, die sie aus der Bahn schleuderte, und der sie sich mit aller Gewalt und unter Einsatz ihres ganzen Körpers entgegen zu stemmen suchte. Zu spät: Sie fühlte, wie sie den Kontakt mit dem Sitz verlor und nach einem kurzen Moment der Schwerelosigkeit in die gähnende Tiefe stürzte.

Schreiend wachte sie auf und spürte unendliche Erleichterung, als ihr bewusst wurde, dass sie nur geträumt hatte. Sie wollte sich auf die Seite drehen, doch etwas hielt sie davon ab. "Schnell das Licht an, dachte sie", doch sie war nicht in der Lage, ihren rechten Arm zu heben. Als sie versuchte, ihre Linke und schließlich die Beine zu bewegen, wurde ihr schlagartig bewusst, dass sie ans Bett gefesselt war. Ihre Handgelenke schmerzten bereits empfindlich und fühlten sich taub an. Erneut von Panik ergriffen, versuchte sie sich loszureißen und schrie laut und verzweifelt um Hilfe. "Was ist denn, wo bin ich überhaupt?",  rief sie mit zitternder Stimme und bemühte sich zu erinnern, was sie gemacht hatte, bevor sie zu Bett gegangen war.

Es roch nach Moder. Wie  alte, nasse Wäsche, die seit Tagen in der Waschmaschine lag.. War sie überhaupt zu Hause? Mit angestrengtem Blick versuchte sie die Dunkelheit zu durchdringen und bemerkte schließlich auf der linken Seite ein trübes, kaum wahrnehmbares Licht, das durch einige wenige Schlitze eines Rollladens zu dringen schien. Was hatte sie zuletzt gemacht? In ihrem Schlafzimmer waren links keine Rollladen. Und weshalb konnte sie sich auch bei aller Anstrengung an nichts als an ihren Traum erinnern? Erneut ergriffen Panik und Verzweiflung von ihr Besitz.

Auf einmal spürte sie, wie etwas Warmes auf ihre Stirn tropfte und die rechte Schläfe hinunterrann. Ungefähr fünf Sekunden später traf sie ein zweiter Tropfen. Dann wurden die Intervalle kürzer und kürzer, bis die Flüssigkeit ihre Lippen benetzte und sie vor Schreck den Mund öffnete. Es schmeckte metallen. Nach Eisen. Nach Blut? Kalte Schauer durchfuhren sie. Sie verkrampfte und krümmte sich, hoffend, erneut aus einem Alptraum zu erwachen. Es war bittere Realität.

Halt! War da etwas? Ein Geräusch wie rasselnder Atem? Ein Knarren? Sie drehte ihren Kopf und bildete sich ein, dass die Schlitze des Rolladens für einen Augenblick verdeckt gewesen waren. Allmählich hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Als sie nach oben sah, ergriff ein bisher nie gekanntes Grauen, etwas Furcht und Schrecken Einflößendes von ihr Besitz, das ihre Haare sträubte, das Blut in den Adern gefrieren ließ und ihr Herz mit kaltem Griff umklammert hielt.: