Reisebericht

Jeder hat so einen Fluss - Eine literarische Reise auf Oder und Rhein

Drei Dutzend Literaten aus Polen, den Niederlanden, der Ukraine und Deutschland machten eine ungewöhnliche Schifffahrt: Zunächst ging es die Oder entlang, jenen Fluss, der bis zum Eintritt Polens in die EU Europas Grenze nach Osten war. In der zweiten Etappe reisten die Schriftsteller auf dem Grenzfluss Rhein.
Tim Lienhard beschreibt die insgesamt dreiwöchige Reise chronologisch. Mit dabei waren unter anderen Margriet de Moor, Yuri Andrukhovych und Sevgi Özdamar.


Ein Filmskript einer Dokumentation auf 3sat, gesendet am 29.1.2006

0:14
Oscar van den Boogaard
"Ich wollte nach Polen, das war natürlich wichtig.
Ich war noch nicht in Polen und Polen ist für mich Witold Gombrowicz und Roman Polanski. Ich wollte ihr Land mal sehen."

0:32
"Wir sehen jetzt diese Natur vorbeikommen, diese Leere in der Landschaft. Ich denke, daß Polen ganz viel Raum hat, um in die Natur zu gehen.
Ich hab einige Pornofilme gesehen und ich denke, daß Sie in Polen gedreht worden sind.
Das denk ich jetzt, weil ich diese Landschaft sehe und ich sehe überall diese kleinen Szenen, von Leuten, die dann auf Ihre Räder springen und dann irgendwo mitten im Land ein kleines Handtuch, so liegen, und dann die Liebe machen. Und wenn ich so in die Landschaft kucke, denke ich immer "dort kann man, und dort, und dort, und dort, und dort". So kuck ich immer in die Welt. Wo kann man zusammensein, wo gibt es Raum für Zusammensein."

1:22
Ein paar hundert Quadratmeter Raum findet der niederländische Schriftsteller Oscar van den Boogaard, der so neugierig ist auf Polen, auf einem Ausflugsdampfer.
Dieser fährt eineinhalb Wochen von Breslau bis Stettin die Oder hinunter.
Das ist im Mai 2004. Kurz nach der Osterweiterung Europas.
Drei Duzend Literaten aus mehreren Ländern machen eine ungewöhnliche Schiffahrt.
Auf der Oder, dem Fluß, der bis zum Eintritt Polens in die EU Europas Grenze nach Osten war.
Mit dabei: Urszula Koziol. Sie wurde 1931 in der Ukraine geboren und lebt seit 60 Jahren in Breslau.

2:02
Urszula Koziol
2:04
"Für mich kann der Fluß niemals nur Grenze sein. Der Fluß hat immer zwei Ufer. Zwei Ufer, die sich irgendwie miteinander verbinden. Das was sich verbindet, kann nicht teilen - es kann also keine Grenze sein. Das nähert uns an an die andere Seite. Ich freue mich sehr, daß genau das jetzt geschieht, von nun an, wo wir in der Europäischen Union sind."

2:25
Der 1.Mai 2004 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte Europas, die Stimmung ist glanzvoller, als ein Jahr später, als über eine europäische Verfassung abgestimmt werden soll.
Grenzen und Heimat sind bestimmende Themen dieser Reise. Sehr persönlich sind die Bezüge der Mitreisenden zu dieser Landschaft. Michael Zeller zum Beispiel ist Schriftsteller aus Wuppertal, er wurde 1944 in Breslau geboren.

2:52
Michael Zeller
"Das war schon ein sehr starker Eindruck, auf der einen Seite dieses ganz fremde, sehr interessante, spannende Land Polen, auf der anderen Seite so ein höchst intimes Ereignis wie die Bilder von der eigenen Geburt - diesen Ort, ein magischer Ort.
Ich glaube der Geburtsort hat wirklich was Magisches. Der einzige Ort im Leben, den man sich nicht wählt, wo man in die Welt kommt."

3:20
In Michael Zellers Geburtsstadt beginnt die Reise. Breslau ist die viertgrößte Stadt Polens und liegt im Südwesten des neuen Mitgliedstaates der Europäischen Union. Ein geschichtsträchtiger Ort: Vor dem zweiten Weltkrieg war Breslau eine deutsche Stadt, aus der die Polen vertrieben wurden, nach 1945 mußten die Deutschen gehen, die Stadt wurde polnisch. Anschaulicher läßt sich nicht vermitteln, wie sich Grenzen verschieben. Daß die "Grenzen im Fluß" sind, ist der doppeldeutige Untertitel dieser Literaturveranstaltung, dieser "literarischen Bootsfahrt", initiiert und organisiert vom Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder.
"Literatur und Grenzüberschreitung" ist das Thema der Auftaktveranstaltung in der Universität Breslau. Schauplatz ist die attraktive Aula Leopoldina. Ein alter Hörsaal aus dem Barock, wichtiges Kulturdenkmal in Schlesien. Dichter aus drei Nationen, aus Polen, Deutschland und den Niederlanden diskutieren über ihre Erfahrungen an den Grenzflüssen Oder und Rhein. Vom Rhein, aus Holland kommt Hans Maarten van den Brink.

4:30
Hans Maarten van den Brink
"Identität, das ist für mich etwas Fließendes. Daher finde ich den Fluß eine sehr schöne Metapher, für mich als Holländer ist die Oder auch Polen, ist der Rhein auch da wo meine Großmutter wohnte, am Rhein in der Nähe von Koblenz, ist Polen auch das Land, wo meine Mutter immer hinwollte. Schon 1932, weil mein Großvater einer dieser Polen war, der angezogen wurde vom Rhein, also mit neun oder zehn Jahren nach Deutschland emigrierte und der Rhein, das bedeutet Industrie, Leben und Polen, das war Emigrationsland."


5:14
Wie sehr sich nationale Identitäten in einem übernationalen Europa vermischen, ist eine alltägliche Erfahrung bei den Veranstaltungen und Besichtigungen dieser literarischen Reise.
Im Ossolineum, einer Zweigstelle der polnischen Nationalbibliothek besichtigen einige Teilnehmer kostbare Handschriften.
Im Safe verwahrt, ein nationales Kulturgut: das Original-Manuskript von PAN TADEUSZ, einer Dichtung des polnischen Goethe Adam Mickiewiczs.
Staunende Blicke zeitgenössischer Literaten auf die Handschrift eines vor einhundertfünfzig Jahren verstorbenen Kollegen.

6:02
Neben Besichtigungen finden täglich mehrere Lesungen statt, an ganz unterschiedlichen Orten. In der Niederländischen Fakultät der Breslauer Uni treffen Hans Maarten van den Brink und Oscar van den Boogaard auf die Starautorin Margriet de Moor. Drei Niederländer lesen, die Dame zuerst und das sicher nicht nur, weil sie eine Dame ist. Margriet de Moor hat von allen dreien die meisten Bücher verkauft.

6:29
Margriet de Moor, liest
6:30
„Gasparo, das ist die Hauptperson, der Sänger, der noch ein Jüngling ist.
Als Gasparo eintrat, dachte er einen Augenblick lang, die Tote sehe ihn an und begrüße ihn mit einer Art Entsetzen: Man hatte auf jedes Augenlied ein goldenes Amulett der Jungfrau gelegt.“

6:52
Margriet de Moor
"Wir fahren jetzt von Ost nach West. Seh ich auf der Karte. Und so seh ich das im Text in der Zeichnung hier und hier ist die Wirklichkeit . Dann stelle ich mir diese kleinen Dörfer vor. Ich kann Sie nicht sehen, aber ich sehe auf der Karte, daß sie da sind. Daß sie da sein müssen. Irgendwie glaube ich, daß das ungefähr das ist, was wir Schriftsteller auch immer erfahren . Täglich an unserem Schreibtisch machen wir unsere Texte, machen wir unsere Hypothesen, unsere Fantasien, aber die sind doch verbunden mit der Wirklichkeit und mir gefällt die Situation, daß ich das jetzt buchstäblich sehen kann."


7:40
Nachmittags geht es von Breslau, fünf Stunden lang die Oder hinauf bis zum Kloster Leubus. Eine Panne in einer Schleuse, durch die seit Jahren kein Ausflugsdampfer mehr fuhr, verursacht eine kleine Verspätung, sodaß das Konzert bereits begonnen hat, als die Literaten ins barocke Kloster dazustoßen.
Das Kloster Leubus gehört zum Nationalerbe Polens. Wegen seiner stattlichen Größe wird es auch "schlesisches Escorial" genannt.
Wie dringend Geld benötigt wird für die Restaurierung dieser monumentalen, sakralen Anlage, wird auf einer Besichtigung deutlich.
Von dort geht es weiter auf der Oder, dem Fluß, der für Olga Tokarczuk Heimat ist.
1962 wurde sie an der Oder geboren. In ihren Büchern ist das Leben am Fluß, das Leben im Grenzland immer wieder Thema.


8:32
Olga Tokarczuk
8:43
"Meine Eltern sind viel gereist. Ich bin also viel herumgekommen und wenn man mich fragt „wo kommst du her“, dann überlege ich erstmal und dann antworte ich „von der Oder“. Die Oder ist für mich eine Art Zuhause. Sie umfasst große Bezirke Polens, aber Sie ist für mich auch ein Symbol für die Welt und eine Assoziation für das Vielfache. Hier fühle ich mich einigermaßen verwurzelt. Jeder hat so einen Fluß."

9:28
"Ich denke, der Fluß, seine Mündung ist ein guter Ort, daß man hier nach den Wurzeln fragt.
Wir, die wir verstreut sind seit unserer Kindheit in verschiedenen Gegenden, finden im Fluß so eine Art Verwurzelung."

9:47
In der Stadtbibliothek von Zielona Gora wird Olga Tokarczuk lesen. Weil sie sehr bekannt ist in Polen, herrscht Aufregung und Vorfreude.
Der Saal ist gut gefüllt, ihre Lesung eine der bestbesuchten der ganzen Reise. Tatsächlich kommen vor allem Einheimische in die Bibliothek. Die sonst so geschlossene Gesellschaft der Literaten auf Reisen öffnet sich.


10:19
Olga Tokarczuk, liest
10:22
„Ich weiß nicht, wann der Augenblick kommt, in dem man einen Fluss als den eigenen erkennt. Vielleicht vollzieht sich das nach demselben Prinzip, nach dem Vögel die erste bewegliche Gestalt in ihrem Sichtfeld als Mutter erkennen, wie es die Verhaltensforscher so rührend beschrieben haben, aber solche Anhänglichkeit kann sich auch im Erwachsenenalter entwickeln, wenn der Anblick eines Flusses aus dem Fenster oder beim Spaziergang unverzichtbar wird, heilend und therapeutisch wirkt."

11:00
An der Oder liegen nicht nur polnische Städte. Zielona Gora ist ungefähr drei Schifffahrtsstunden vom deutschen Eisenhüttenstadt entfernt.
Dort wird am 5.Tag der Oderreise Station gemacht.
Neben einer Lesung in der Europäischen Begegnungsstätte Ratzdorf wird auch das "Dokumentationszentrum der Alltagskultur der DDR" besucht.
Hier ersteht für manchen Besucher die DDR wieder auf. Erinnerung der Mitreisenden aus Ostdeutschland, sehr persönliche Entdeckungen aus dem Warenkorb der DDR.

11:33
Richard Pietraß
"Tomatenmark! Hab ich auch immer in Serie gekauft. Das sind alles bekannte Sorten! Was ist denn noch hier alles, jaja drei vier davon sind mir sehr bekannt!"

11:51 Richard Pietraß wurde 1946 in Sachsen geboren, er war zu DDR-Zeiten Verlagslektor, bis er den Verlag verlassen mußte. Seither, seit Ende der 70er Jahre
ist er freischaffender Lyriker.

12:03
Richard Pietraß
"Es gibt sogar ein Gedicht, wo diese Büchse eine Rolle spielt, ein zweizeiliges Gedicht, das geht so:
Büchsfleisch auf dem Knie, Kanten in der Hand, Tisch das Bett, Ohr die Wand."

12:19
Michael Lentz, liest
"Was ist denn eigentlich los hier? Was ist denn eigentlich los hiermit? Was ist denn eigentlich hiermit los? Was ist denn das hier für ein Saustall? So geht es aber wirklich nicht, so macht das keinen Spaß hier! Was liegen denn da für Leichen rum? Das stinkt ja zum Himmel, was liegen die da denn rum wenn ich mal fragen darf? Das ist ja eine hausgemachte Sauerei, das ist ja eine Verwitterung, das ist ja offenbar auch eine Zumutung. Was liegen denn da für verwilderte Leichen rum? Was liegen die denn da rum wenn ich mal fragen darf?"

12:51
Als Performer unter den mitreisenden Autoren gilt Michael Lentz. Der Rheinländer aus Düren, Jahrgang 1964 ist Musiker und Erforscher von Lautpoesie. 2001 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis und kurz zuvor hatte er über Lautpoesie promoviert.
Im Einstein-Gymnasium in Angermünde verblüfft er die Schüler mit seinen Wortspielen.

13:13
Michael Lentz, liest
"....."

13:37
Michael Lentz
"Ich versuche immer, etwas zu mischen. Also sehr artikulatorische Dinge, die sehr in den phonetische Bereich gehen - wo auch ein Verständnis im normalen hermeneutischen Sinne, von Nachvollzug von Etwas, von Einfühlung überhaupt nicht Vorraussetzung ist. Mit diesen Sachen hab ich eigentlich immer gute Erfahrungen gemacht. Auch in Korea zum Beispiel an Schulen, überhaupt an Schulen. Die Leute haben da einfach - merk ich - Spaß dran."

13:58
Blumen gibt´s und viel Applaus, dann geht´s weiter, wie üblich. Während der neuntägigen Oderreise werden insgesamt 22 Lesungen gegeben. An manchen Tagen bis zu sechs gleichzeitig, ein anspruchsvolles Programm.
An Bord des ehemaligen Butterschiffes, das ausnahmsweise auf der für den Schiffsverkehr nicht immer zugelassenen Oder fahren darf, erholen sich die Autoren. Es sei denn, auch dort ist großes Bordprogramm angesagt.
Ein Fluß, zwei Ufer und oft meilenweit, stundenlang nicht eine Brücke.

14:33
Olga Tokarczuk
14:39
"Mir schwebt die Brücke als ein Ort vor, wo man, wenn man Sie überwindet, in ein fremdes Geheimnisvolles kommt. Ich habe als Kind oft an einer der Brücken gestanden und die Gegend auf der anderen Seite kam mir völlig fremd vor und unerreichbar. Ich hatte das Gefühl, daß die Leute da drüben in einer glücklicheren Lage sind als ich und daß sie es viel besser haben, daß das für mich nicht erreichbar sei ."

15:07
Erst vor Frankfurt an der Oder tauchen wieder Brücken auf. Verbindene und trennende, ganz offensichtlich der Zoll mit seinen Grenzbeamten. In der Grenzstadt, der gegenüber das polnische Slubice liegt, wird Europa besonders lebendig. Zweisprachigkeit hüben wie drüben, eine Grenzbrücke über die viele Schnäppchenjäger jagen und ein Mitreisender, der aus der Sicht eines Ukrainers diese Grenze bewertet.
Yuri Andrukhovych, 1960 in der Ukraine geboren, ist wohl der bedeutendste Vertreter seiner Generation unter den ukrainischen Autoren.
Sein Thema: Europa!


15:46
Yuri Andrukhovych
"Also diese Brücke zwischen Frankfurt Oder und Slubice, also diese beiden Orte, das finde ich eine sehr spannende Erfahrung für die europäische Kooperation.
Ich denke, daß diese Einflüße nicht so einseitig sind und sein können. Ich denke nicht nur Westeuropa wird Osteuropa ändern, ich denke daß das auch umgekehrt geht, also die osteuropäischen Einflüße in westlicher Richtung und - ja das ist schon sehr, sehr interessant, wie das alles zusammengeht."

16:34
Über die Brücke von Frankfurt an der Oder nach Slubice gehen die Schriftsteller, um ihrem ukrainischen Kollegen bei seiner Lesung zu lauschen. Im Collegium Polonicum, einem Ableger der zweisprachigen, europäisch orientierten Universität Viadrina.

16:52
Yuri Andrukhovych, liest
"Dieses verdammte Messer, dachte mein Vater und fingerte in seinen Taschen herum. "Na bitte!" er bot ihnen eine offene Schachtel PRIMA an. "Weißte was, ich nehm zwei!" sagte der eine und nahm gleich sechs oder sieben. "Nimm was Du brauchst!" antwortete mein Vater, als ihm dämmerte, daß er das Messer zuhause gelassen hatte. Sie lachten und teilten die Zigaretten unter sich auf. "Dein Glück, daß Du welche dabei hattest!" sagte der zweite und sie kicherten wieder und die Schlampe brach in ein idiotisches Lachen aus."

17:38
Manchmal geht es über Land, in Bussen. Nicht alle Ziele liegen direkt am Fluß.
Es ist ein Veranstaltungsmarathon, ein sehr ehrgeiziges Projekt. Durchaus typisch für ein neuerwachtes Interesse an einer Lesekultur.

17:54
Michael Lentz
"Warum es diese Lesekultur in Deutschland gibt, da könnte man eine schöne Kulturtheorie anschließen. Eine von mir wäre ja auch zum Beispiel: Das ist eine Wiedergutmachungs – Nachkriegsgeschichte . Das heißt Deutschland begreift sich weiterhin anschlußfähig, jenseits des dritten Reiches als ein Kulturstaat - der deutsche Sonderweg usw.. Und es gibt ja zum Beispiel nirgendwo so viele Lesungen und Veranstaltungen russischer Literatur, wie in Deutschland. Auch die polnische Literatur ist sehr stark übersetzt, wenn auch nicht so allgemein verbreitet und bekannt."

18:26
In Neuhardenberg, einem ehemaligen Schloß der von Hardenbergs, heute Stiftung und Veranstaltungszentrum des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, treffen Schulklassen auf die Autoren. Im Mittelpunkt diesmal Henryk Bereska. Er ist 1926 in Polen geboren, war bereits zu DDR-Zeiten Übersetzer und Herausgeber polnischer Literatur in Deutschland. Im Schloß Neuhardenberg stellt er sich als Lyriker vor.

18:53
Henryk Bereska, liest
"Als Knabe köpfte ich mit rostiger Rute Bruchstück vom Drahtzaun zwischen der schwarzen und der weißen Halde, Sauerampfer, Melde und Diestel am Wegrand. Ich war König Sobieski, der die Türken schlug vor Wien, nicht ahnend, daß ich eines Tages mit Türken wohnen würde, Tür an Tür, als sie sich anschickten, Rache für Wien, Berlin friedlich zu erobern."

19:28
Die klassizistische Pracht dieses hervorragend renovierten Schlosses Neuhardenberg beeindruckt alle Reisenden. Deutsche Geschichte unter einem Brennglas, Aufstieg und Fall der Hardenbergs - ein Bauwerk des berühmten Karl Friedrich Schinkel - von hier aus läßt sich träumen. Eine Idylle, die zum Naturidyll der Oder paßt.
20:02
Der Amazonas des Ostens wird die Oder gerne genannt, weil sie so unberührt und wildwüchsig wirkt, kaum Spuren der Zivilisation.
Doch dieser Eindruck trügt ein bißchen, die Natur ist nicht heil und gesund in diesem Teil Europas, wie eigentlich kaum irgendwo.
Nur unsere alten Zeugen wissen von besseren Zeiten zu berichten. Urszula Koziol, die älteste Mitreisende macht sich auf die Suche des verlorenen Naturidylls, in einer Poesie der Erinnerung:

20:33
Urszula Koziol
20:35
"Ich denke, daß die Zivilisation der letzten Hälfte des Jahrhunderts alle Flüße sehr verschmutzt hat und jede Landschaft. Ich erinnere mich noch, denn ich lebe schließlich schon ziemlich lange, an den Duft des Wassers.
Er ist schwer zu beschreiben. Er ist ähnlich dem Duft eines frischen Grases, der dort lebenden Fische und verschiedenen kleineren Lebewesen - wie der Duft der Kröten und des Windes im Schilf."

21:03
Ab und zu erinnern Grenzbeamte und Zollkontrollen daran, daß alle Reisenden Grenzgänger sind. Ausweiskontrollen sind deutliche Hinweise auf ein erweitertes, aber noch lange nicht offenes Europa.
Die reisenden Literaten erleben sich als Grenzgänger im politischen wie auch im literarischen, im sprachlichen Sinn.


21:26
Henryk Bereska
"Grenzgänger ist sowohl Sprache eben, daß man aus der eigenen Sprache die Fracht holt auf die andere Seite, als auch rein praktisch, indem man die Grenzen überschreitet, die ja als Grenzen aber ernst zu nehmen waren, während Sie jetzt aufhören als Grenzen bedrohlich zu sein."

21:48
Seit dem 1.Mai 2004 gibt es insgesamt fünfundzwanzig Staaten in der Europäischen Union. Eine Staatengemeinschaft, die sich verbünden will, wie sich auch die Literaten und Mitreisenden der literarischen Reise verbunden fühlen sollen.
Das Gemeinschaftsgefühl wird betont, tagelang leben mehrere Duzend Autoren, deren Freunde und interessierte Mitreisende zusammen, rund um die Uhr. Ein geselliges, sehr intensives Erlebnis, gerade für Schriftsteller, die eher die Gruppe meiden und gerne Einzelgänger sind, Individualisten.

22:32
Grenzen werden bewußt und gerne leichtfüßig überschritten. In Settin springen fast alle von Bord noch bevor das Schiff richtig anlegen kann.
Letzte Station der Fahrt über die Oder, erstes Etappenziel der zweiteilgen Reise, der wenig später eine Tour auf dem Grenzfluß Rhein folgen wird.
Vorerst wird Stettin besichtigt. Tanja Dückers, eine junge deutsche Autorin hat einen großen Roman geschrieben, der in Polen spielt. Nun macht sie sich Gedanken, ob sich ihre Erfahrungen auf der Oder unmittelbar in Literatur niederschlagen werden.

23:08
Tanja Dückers
"Ich war schon sehr oft in Polen, gerade an der Ostseeküste, weil ich für meinen letzten Roman hier sehr viel recherchiert habe, aber in Stettin bin ich tatsächlich zum ersten Mal.
Zum Teil denke ich, daß es schon noch eine tiefere Beschäftigung - nochmal eine weitere Beschäftigung mit Polen gewesen ist, daß ich überlege wo ich denn vielleicht als nächstes hinfahren könnte. Ich hatte dann auch überlegt, ob ich mal eine Radtour an der Oder mache. Zwei Teilnehmer hatten mir erzählt , daß Sie genau das machen. Das finde ich zum Beispiel eine tolle Idee. Dann macht man natürlich auch nur selten so eine Reise auf dem Schiff. Das hat schon was Meditatives - das ist schon toll. Nicht nur ein Stündchen, sondern mal 7 Stunden zu fahren. Ich werde abwarten, wie die Nachbereitung aussieht. Jetzt ist man noch dabei, aber wer weiß was ich dann vielleicht in einem Monat über die Reise denken werde. Vielleicht hab ich dann wirklich – sei es ein Schreibimpuls oder auch einfach nur eine bestimmte Impression, die irgendwie mal wo einfließt, also das kann ich so nicht sagen, daß ich jetzt den Oderroman schreib, aber das ist oft so, daß wenn man noch mittendrin ist, noch nicht ganz genau sagen kann, was das letztendlich in einem verändert. Da bin ich jetzt einfach mal gespannt."

24:23
Im Nationalmuseum in Stettin: Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit. Immer wieder ist es eine Herausforderung, sich den Verbrechen deutscher Geschichte zu stellen. Hinzu kommen die alltäglichen kleinen Verlegenheiten:


24:37
Michael Lentz,
"Überraschend fand ich und gleichzeitig natürlich auch beschämend, wie unglaublich gut vorbereitet und sprachlich gewand, also in der deutschen Sprache, die polnischen Kollegen sind. Das ist für mich etwas, was so ein bißchen beschämend ist. Außer "dziekuje" und "dzien dobry" und verschiedene kleine Floskeln, "do widzenia" und so weiter "Tak", oder wie das alles heißt - sprech ich, wie die meisten Deutschsprachigen - wenn Sie nicht Übersetzer sind - kein Wort polnisch. Das ist ein bißchen beschämend, aber die polnischen Kollegen, die haben einem dann auch diese Scham schnell genommen. Das interessierte die nicht, die wollten da halt zur Sache, zur Materie kommen."

25:13
Die unbekannten Nachbarn lernen sich kennen. Täglich gemeinsame Mittag- und Abendessen, schlichtes Frühstück oder großzügiges Abendbüffet, die Verständigung
geht durch den Magen. Um glanzvolle Essen kümmern sich immer wieder Gastgeber vor Ort, wie hier im Schloß der Pommerschen Herzöge.

25:30
An der Universität von Stettin liest Tanja Dückers. Der Semiarraum ist übervoll, polnische Studenten wollen wissen wie eine junge Deutsche Polen beschreibt.

25:41
Tanja Dückers, liest
"Ich habe mir einen etwas seltsamen Vergleich erlaubt zwischen Warschau und Las Vegas:
"Ich dachte an Bilder vom flimmernden Las Vegas in der Wüste Nevadas und mir schien, daß Warschau das viel imposantere Las Vegas war. Nichts war erfunden, nichts neu zusammengestellt worden, alles war da, am, gleichen Ort, jedes Tor, jede Treppe, alles war echt und doch unecht, dort wo kein Stein mehr auf dem anderen gestanden hatte. Die Polen hatten mit Warschauer Tempo das Rad der Zeit, mit unglaublicher Kraft zurückgedreht, der Trotz, jedes Haus, jeden Giebel exakt zu rekonstruieren, der Trotz, die Kraft, die Zerstörung durch die Deutschen aus dem Nichts der frühen 50er Jahre heraus diese schillernde Doublette entgegenzuhalten, imponierte mir sehr."

26:34
In der schillernden Doublette dieser durch den Krieg beschädigten Stadt Stettin heißt es Abschied nehmen, nach neun Tagen Reise. Es folgen vierzehn Tage Pause. Dann sehen sich alle wieder am Rein.
26:50
Südlich von Bonn, in Rolandseck beginnt die fünftägige Rheinreise.
Zum Auftakt ein Gedicht von Guillaume Apollinaire, einem berühmten Franzosen mit polnischen Vorfahren, vorgetragen vom Lyriker Gregor Laschen.

27:07
Gregor Laschen, liest Guillaume Apollinaire
"Am grünen Ufer träumte ich in Rolandseck, mit jungen Mädchen schien´s als ob auf Nonnenwerth die Nonne Rolands ihre Jugendzeit verliere, die sieben Berge schliefen wie die müden Tiere, sie hüteten die Prinzenkinder im Versteck und träumend harrte ich der rechtgefügten Fähre. Vom Berg herab kam Volk, um über´m Fluß zu sein, drei Damen mit Hannoverischem Zungenschlag, zerpflückten ohne Anlaß Rosen in den Rhein, der einen Ader Deines edlen Körpers gleichen mag. es flohen am Fluß entlang auf Straße voller Schatten die Autos furchtgepeitscht wie würdelose Reiter, indessen auf dem Band des Rheinstroms immer weiter, Dampfschiffe in der Ferne sich verloren hatten."


28:00
Deutlicher kann der Kontrast nicht sein. Im Osten die Oder, kaum befahren von Schiffen, größtenteils sogar gesperrt für den Verkehr, im Westen brummt es am Rhein wie auf einer Rennstrecke.
Deutschlands größter Fluß ist eine Verkehrsader, die immer schon vielbefahren war.
Symbolische Kontraste.

28:22
Yuri Andrukhovych
"Die Hauptsache für mich ist doch dieser Unterschied. Ich meine zwischen Gebieten an der Oder und hier am Rhein, also theoretisch wußte ich das und das ist natürlich für mich eines der Hauptthemen, die ich habe. Die Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa. Ich dachte aber, daß ich das irgendwie übertreibe und jetzt habe ich das in der Wirklichkeit gesehen. So kann ich das jetzt bezeichnen als mindestens zwei verschiedene Europas in einem Kontinent."

29:13
Landgang in Köln. Eine Metropole von vielen am Rhein. Eine Stadt, in der es zwar ein Literaturhaus gibt, in der auf dieser Reise aber in einem großen Hotel gelesen wird. Auch da wieder, das ist ehrgeiziges Programm dieser literarischen Reise, ein Lesemarathon im ganzen Haus, vom Keller bis in die Präsidentensuite.


29:37
Yuri Andrukhovych, liest
"Wir kamen zum Fluß und tauchten die Hände ins Wasser, wir lieben im Juli den Körper des Wassers, der zwischen den Fingern davon läuft. Hundert Mühlen gab es dort, hundert Mühlräder, grüne stehende Weiher mit Fischen, die man mit den Händen fing, Reiche aus Schilf, Gebilde aus Wasserlilien, all das war einst der Fluß..."

30:10
An den ausgefallensten Orten wird Literatur vorgetragen. In der Warenannahme des Hotels stellt sich Gregor Laschen vor. 1941 in Vorpommern geboren, lebt er seit über dreißig Jahren in Utrecht.
Er also schlägt den großen Bogen von Polen über Deutschland in die Niederlande.

30:34
Gregor Laschen, liest
"Das erste kleine Gedicht heißt ZUSPRUCH AUS DEM TURM!
Welches Wissen erinnert sich noch an mich?
Welche Wunder sind schon verloren?
Welche nicht?
Welche Tränen sind trocken, frieren, sind Wünsche und wissen ja nicht warum ich?"

30:57
Leszek Szaruga, liest
"Poesie!
Denn wenn Du schon in jener Spache sprichts, in der man nicht schweigen darf,
dann sprichst Du schweigend in dieser Sprache zuviel."
31:15
Richard Pietraß, liest
"Poesie!
Denn wenn Du schon in jener Spache sprichts, in der man nicht schweigen darf,
dann sprichst Du schweigend in dieser Sprache zuviel."

31:29
Nach stundenlangen Lesungen auf fast allen Etagen des großen Hotels, gibt es tags drauf einen Empfang beim niederländischen Konsul in Düsseldorf. Für den polnischen Dichter und Literaturkritiker Leszek Szaruga aus Krakau eine Gelegenheit, neue Eindrücke in Literatur zu verwandeln.

31:48
Leszek Szaruga
"Einige Idee sind schon entstanden, aber ob ich das schaffe , ist eine ganz andere Sache als Pläne zu machen - und vielleicht nach zwei Jahren. Nicht spontan gleich. Weil das so in Literatur ist. Man kann nie so unter Diktat was schreiben. Aber bestimmt welche Reflexen werde ich in Kopf haben und die kommen in welche Roman , in welche Gedichten vielleicht."


32:18
Gerade die Teilnehmer aus Osteuropa, selbst die aus Ostdeutschland empfinden das Treiben am Rhein, das scheinbar seelige Leben an den Uferprommenaden von Düsseldorf als dolce vita, eine Mischung aus goldenem Westen, Schlaraffenland und Lügengebilde. Der Westen leuchtet, wenn auch nicht immer überzeugend.


32:45
Olga Tokarczuk

32:52
"Wir haben den Eindruck, daß es hier im Westen eine andauernde, ewige Siesta gibt. Ich habe mich oft gefragt als ich noch in Kreuzberg in Berlin wohnte, ob die Menschen hier überhaupt arbeiten müssen, ob Sie nicht tatsächlich ununterbrochen Ferien haben, ewige Sommerferien hier im Westen."

33:13
Die Sonne scheint im Juni in Düsseldorf. Es ist ein Sonntag, an dem die Reisenden in der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt eintreffen. Ein trügerisch verführerischer Eindruck also.

33:24
Thomas Rosenlöcher
"Ich bin ja sozusagen aufgewachsen damit das der Kommunismus eingerichtet werden sollte. Und als ichs erste Mal hier in der Gegend war, dachte ich in gewisser Weise ist er hier ja schon.
Es geht den Leuten einfach saugut, die Wirklichkeit ist aber gleichzeitig merkwürdig fern. Für mich ist lange Zeit dieses Westdeutschland, das geht jetzt etwas zurück, einfach ne Einrichtung gewesen, um das wirkliche Leben fortzuhalten von einem, das man möglichst wenig erleidet, daß man immer irgendwo sitzt, zurückgelehnt und aus großen Gläsern Bier trinkt und Wein und so. Und n´bisschen ist es so. Unsere Ankunft war heute wieder in eine große Landschaft von Müßiggängern, denen es unheimlich gut ging. Heine hätte gestaunt, die berühmten - das die Zuckererbsen die auf Erden wachsen, wachsen schon ein bißchen hier, man kann das nicht leugnen - zumindest für ein Teil der Leute."

34:16
Im Heinrich Heine Museum wird der weltberühmte Dichter aus Düsseldorf geehrt.
Respekt allerdings haben nicht alle vor der Lyrik des Verehrten und seinen Anmerkungen zu gutem Essen in der besten dieser Welt.


34:29
Karin Füllner
"Ach und was für schönes blühendes Essen gibt es auf dieser Welt. Der Philosoph Pangloss hat recht, es ist die beste Welt, aber man muß Geld in dieser besten Welt haben, Geld in der Tasche und nicht Manuskripte im Pult. Zum Glück hatte Heine Manuskripte im Pult, sonst könnten wir uns gar nicht mit seinen Texten beschäftigen."


34:58
Michael Lentz
"Heine kann unerträglich sein, unerträglich, vor allem wenn so eine Altersheimatmosphäre herrscht, wie die Frau Kuckart richtig bemerkte!"

35:10
Judith Kuckart
"Finden Sie nicht!?"

35:11
Michael Lentz
"Kaffeeklatsch bei Heines!"

35:14
Rezitatorin
"Ja, günstig war die Stunde ihm. Der Gott war hoch begeistert. Er hat den spröden, rebellischen Stoff, ganz künstlerisch gemeistert! "


35:32
Thomas Rosenlöcher
"Meine Leute, die Romantiker, waren alle hier und ich denke, daß man davon vielleicht immernoch etwas spürt, von diesem Gefühl in der Mitte einer Welt hier zu sein, wo immer schon die Kulturen langgezogen sind von Rom hinunter.
Das war meine erste Zugfahrt so 89 herum. Als ich das erste Mal aus Dresden hierher kam. Gleitende Schiffe, gleitender Zug, ohne Schwellen - man muss wissen, im Osten hat´s immer so gekracht alle paar Meter und dieses merkwürdig gleitende Lebensgefühl hat sich da bei mir dargestellt. Die Schiffe, die Menschen mit der gewissen Heiterkeit, aber auch eine fast zu sehr gleitende Art des Lebens. Bis dahin das eben dann der berühmte Felsen, den ich nun da erwartet hatte, die Loreley kam.Und was stand an dem Felsen dran: Loreley. Das war für mich eine tiefe Erschütterung, dass mans auch noch dranschreiben muss."

36:29
Zig Kilometer stromabwärts der Lorely, zwischen Düsseldorf und Duisburg, auf dem fahrenden Schiff gibt es Diskussionsrunden zum Thema "Literatur und Literaturbetrieb in Grenzräumen" und jede Menge Lesungen.
Vielbeachtet und am besten besucht ist die Lesung einer Bestsellerautorin aus den Niederlanden: Connie Palmen, 50jährige Autorin zwischen Fiktion und Autobiografie, Klatsch und Literatur. Nervös, Kettenraucherin und ziemlich erfolgreich.

36:55
Connie Palmen, liest
"Ich schaute nach draußen und da stand er, dieser geballte dunkle Typ, die Hände tief in den Taschen seiner schwarzen Jeans, ein bißchen krumm, um den rauhen Wind und die Menschen abzuwehren und sah mir unter dem Schirm einer Baseballkappe davor direkt ins Gesicht. Was man im Bruchteil einer Sekunde nicht alles sieht und denkt. Mein Gesicht glüht vor Verlegenheit und Spannung, es läuft rot an und ich weiß es, was das ganze noch verschlimmert."

37:33
Der Rhein zwischen Köln und dem niederländischen Nijmegen, das heißt vor allem Industie und Städtebau.

37:40
Connie Palmen
"Oh ich finde jede Stadt, die einen Fluß hat , ist eine schöne Stadt.
Einfach Wasser und daß es Ufern gibt und daß es - der Geruch schwimmen kann man nicht mehr drin. Kann sich nur angucken. Eigentlich sind die Ufer das Beste. Also das, was ein Fluß kreiert, nämlich Ufer, die mag ich noch am meisten."

38:08
Zwischen Düsseldorf und Duisburg sieht der Rhein ganz besonders industrialisiert aus.
Duisburg ist Station für eine Lesung in der städtischen Zentralbibliothek. Zu Gast unter anderem eine bekannte Schriftstellerin:
Lange hat sie in Düsseldorf gelebt, stammt aber eigentlich aus der Türkei und lebt inzwischen in Berlin: Emine Sevgi Özdamar

38:33
Emine Sevgi Özdamar
"Früher waren für mich all diese Orte zu denen ich gegangen bin nur Autobahnschilder, im Autobahn wenn Du vorbeifährst hab ich Schilder gesehen, aber nicht hingegangen - da musste ich - dann hab ich alles kennengelernt durch diese Lesungen. Kommst an, na sagst Du „Mensch wer soll denn zu deinen Lesung kommen, hier is nur Wald und abends sind sensible Menschen da. Und das ist phantastisch, sehr schön und dann freust Du Dich, dass Du dieses Land so kennengelernt hast mit diesen sensiblen Menschen“.

39:15
Sensible Menschen kommen auch in die Duiburger Zentralbibliothek. Wieder mal ein dankbares Publikum für Emine Sevgi Özdamar.

39:22
Emine Sevgi Özdamar
"Ich konnte kein Wort Deutsch und lernte die Sätze so wie man ohne Englisch zu sprechen "I can get no satisfaction" singt. Wie ein Hähnchen, das Gackgackgack macht.Gackgackgack konnte eine Antwort sein, auf einen Satz, den man nicht hören wollte. Jemand fragte zum Beispiel Warum machst Du soviel Krach, wenn Du läufst ? und ich antwortet mit einer deutschen Schlagzeile: WENN AUS HAUSRAT UNRAT WIRD!"

39:57
Von den Tücken der Übersetzung, den Schwierigkeiten und Freuden sprachlicher Verständigung, können alle Gäste des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Nordrhein-Westfalen in Straelen berichten.
Ein kleiner Umweg in diese Institution bringt nicht nur den niederländischen Schriftsteller Oscar van den Boogaard auf einleuchtende Gedanken.

40:16
Oscar van den Boogaard
"Übersetzung ist eigentlich das Wichtigste was es gibt. Wenn man in die Welt schaut, ist alles Übersetzung, alles ist Interpretation und wenn man das vergißt, dann ist das nicht wahr. Alles ist Übersetzung! Wir können jetzt über Übersetzung reden, über dieses ganz präzise Phänomen in der Welt, daß man die Welt immer interpretieren soll - und das ist eigentlich sehr wichtig. Für mich als Romanschreiber - ich bin auch ein Übersetzer von etwas Ungreifbarem - und übersetze dann in etwas Ungreifbares, aber ganz präzise, mit Sprache."

40:57
Am vorletzten Tag der Rheinreise wird noch einmal eine Grenze überschritten. Diese ist unsichtbar. Unmerklich fast wechselt die Schiffsgesellschaft von Deutschland in die Niederlande.
Im Kulturzentrum LUX in Nijmegen gibt es eine Abschlußveranstaltung mit der Sorbin Róza Domascyna .

41:16
Róza Domascyna
"Ich schritt aus dem Freßtempel, ging in den Fetzentempel, schlenderte aus dem Fetzentempel in den Geldtempel zum Aufwärmen da lungerte er am zweiten liebelangen Tag! mit einem halben Liter Bier schwankte, liebäugelte, nahm einen Hieb lieb, ich tänzelte aus dem Geldtempel in den Fetzentempel, dann in den Fresstempel."

41:54
Im Rathaus von Nijmegen sind alle Beteiligten einhellig der Meinung, daß die Oder-Rhein-Reise eine alte europäische Tugend wieder belebte, nämlich die des Respektes und des Vertrauens in die Kunst.
In einer Zeit, in der alles rasant ist, wirkt es wie ein Anachronismus, in beschaulichem Tempo wochenlang über zwei Flüsse zu fahren und Zeit und Raum für Literatur zu haben, für eine europäische Literatur.


42:24
Michael Lentz, liest
"Oder! Soll ich das lieber nicht tun oder soll ich lieber ich meine soll ich oder soll es nicht sein oder ist es das schon gewesen oder wars das schon oder was?"

ABSPANN

E N D E

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