Reiseberichte

Köln-Schanghai per Motorrad (V): Mongolei, Ulaanbaatar

Nach nunmehr 14.000 Kilometern gehts in die Mongolei.
Die Grenzabfertigung auf russischer Seite war wie erwartet zeitaufwendig und nervtötend. Insgesamt siebenmal wurden unsere Pässe kontrolliert, abgestempelt, wieder kontrolliert und nochmals abgestempelt. Die ewige Leier russischer Bürokratie - ätzend!!! 

Nachdem jedoch die letzte Vertreterin des russischen Zolls (sie haben alle rotgefärbte Fönfrisuren und heißen seltsamerweise immer Svetlana) einen misstrauischen Blick auf unsere Pässe geworfen hatte, ging der Schlagbaum nach oben und wir konnten Gas geben. Land des Dschingis Khan, wir kommen!!!

Dank eines plötzlichen Stromausfalles im mongolischen Zollgebäude, war es den mongolischen Beamten bei der Bearbeitung unserer Zollunterlagen weder möglich Kopien von unseren Fahrzeugunterlagen zu machen, noch die gesammelten Fahrzeugdaten in den Rechner einzugeben, sodass wir nun als stinknormale Touristen im Land unterwegs sind und unsere Motorräder nirgendwo vermerkt sind. Für den Fall, das man das Land ohne Motorrad verlassen muss, ist dies ein riesiger Vorteil. In Russland beispielsweise muss man, auch wenn man seine Karre platt gefahren hat, diese wieder aus dem Land ausführen. Eine Verschrottung des Motorrades kostet laut ADAC etwa die Hälfte des Fahrzeugwertes vor dem Unfall. Sollte das Fahrzeug noch halbwegs intakt sein, kommt allenfalls noch eine "Schenkung an die Russische Föderation" in Frage. Ich kenne mich aus, da all dies bei meiner Panne in Astrakhan ein Thema war. Aber was soll’s. Zurück in die Mongolei...

Auf den einzigen Karten der Mongolei, die in Deutschland zu bekommen waren, ist eine rot eingezeichnete Verbindungsstrasse die - so scheint es - einzige Verbindung, um einigermaßen zügig von West nach Ost zu gelangen. Obwohl die weiter nördlich verlaufende, weiß eingezeichnete Route, landschaftlich reizvoller zu sein scheint, haben wir uns für die besagte Südroute entschieden, da die einsetzende Regenzeit im Norden den Untergrund zum großen Teil in moorastigen Schlamm verwandelt haben, der Tagesetappen von teilweise höchstens 50km ermöglicht. Im Süden, so ist es dem Reiseführer zu entnehmen, stellen Regengüsse in dieser Jahreszeit hingegen die Ausnahme dar.
Bereits nach 15 Kilometern hinter der Grenze verlief die eingezeichnete Piste jedoch im Nichts und um wieder auf den richtigen Kurs zu kommen, mussten wir nach GPS weiterfahren. Spätestens jetzt wurde uns mal wieder klar, was uns auf den verbleibenden 1900 Kilometern bis zur Hauptstadt Ulaanbataar erwarten würde. Kilometerlange Tiefsandpassagen, Schlaglochpisten, grober Schotter jedoch nicht ein einziger Meter asphaltierte Strasse. Das Schlimmste jedoch sind die materialtötenden Wellblechpisten, die dem Motorrad entsetzlich zusetzen. Fährt man zu langsam über sie hinweg, hat man das Gefühl das Bike würde einem unterm Arsch in Stücke gerissen. Um einigermaßen unbeschadet diese Tortur zu überstehen, muss man die richtige Geschwindigkeit finden, die etwa bei 70-80 km/h liegt. Das Motorrad verliert dabei jedoch einen großen Teil der Bodenhaftung und lässt sich so gut wie nicht mehr steuern. Schon vor wenigen Tagen hatten wir zwei Finnen getroffen, die mit der KTM Adventure unterwegs waren und denen beiden der Rahmen auf dieser Strecke gebrochen war. Leider mussten auch wir den extremen Anforderungen Tribut zollen und an beiden Teneres sind auf der linken Seite die Gewinde, in denen die Gepäckbrücke verschraubt ist, aus dem Rahmen gebrochen (eine klare Schwachstelle des Motorrades, da hier nur zwei Muttern mit einem popligen Schweißpunkt befestigt sind.)Bedingt durch das bedrohlich abgesackte Heck hatte sich an meinem Motorrad zu allem Übel auch noch der Kabelbaum durchgescheuert. Wer um meine Kenntnisse in Sachen Fahrzeugelektronik Bescheid weiß, kann sich ausmalen, wie lang es gedauert, bis ich den Fehler gefunden und behoben hatte.

So ging es sechs Tage. Morgens mit dem Sonnenaufgang aufstehen und bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Kaffe kochen und darauf warten, das die ersten Sonnenstrahlen wieder Leben ins fröstelnde Gebein zaubern. Danach Zeltabbau, sämtliche Dinge an dem mittlerweile fest dafür vorgesehenen Platz verstauen und mit kalten Fingern losfahren. Solange, bis die Sonne untergeht, dann wieder alles aufbauen und um die Motorräder kümmern. Wer denkt, dass wir uns hierbei erholen, der irrt. Ständig gibt es irgendwelche kleineren Defekte zu beheben, Reifen zu flicken oder Füllstände zu kontrollieren. Diese Tour raubt uns unsere letzte Kraft, aber irgendwie gibt sie sie uns in dreifacher Menge wieder zurück. So kommt es vor, dass man, obwohl alles weh tut und man von Sorgen um das Motorrad geplagt ist, plötzlich wahrend der Fahrt anfängt zu singen oder zu schreien, weil man doch unglaublich stolz auf das ist, was man gerade tut. Die Zeit seit unserer Abfahrt kommt uns mittlerweile vor wie eine Ewigkeit, so intensiv erleben wir jeden einzelnen Tag.

Leider gibt es jedoch auch Momente, wo man der Verzweiflung sehr nahe ist und sich lieber auf die Couch mit einer kalten Pulle Bier wünscht. Die letzten 500 Kilometer vor Ulaanbataar hatten es da wirklich in sich. Bei einer der zahlreichen Flussdurchfahrten hat Alain seinen Tankrucksack liegen lassen, in dem die gesamte Videoausrüstung mit Helmkamera, sämtlichen Videoaufnahmen, MP3-Player und einige sehr wichtige Unterlagen waren. Leider fiel ihm der Verlust erst etliche Kilometer später auf. Entscheidung: Zurückfahren! Nach einem halben Tag Rückfahrt zu der Stelle musste Alain, der den Tränen nahe war, jedoch feststellen, dass die Sachen unwiederbringlich verloren waren. FUCK, dabei hatten wir wirklich sensationell gute Aufnahmen gemacht, über die sich jetzt irgendein Mongole bei vergorener Stutenmilch und paniertem Knorpel freuen darf...

Es kam jedoch noch besser! Wenige Kilometer vor dem Ziel kann Alain in einem unaufmerksamen Moment nicht rechtzeitig bremsen, als ich einem Schlagloch ausweiche, fährt voll auf mein Motorrad auf und stürzt. Ich kann noch mit Mühe und Not zum Stehen kommen und an meiner Karre ist "nur" die Kofferhalterung verbogen. Bei Alain ist der Sturz jedoch nicht so glimpflich verlaufen. Zwar hat er sich Gott sei Dank bei seinem mittlerweile 26. Sturz nicht verletzt, dafür hat es die gesamte Verkleidung erwischt, die Koffer sind aus der Halterung gebrochen und der Lenker ist verbogen. Die letzten Kilometer haben wir mit Ach und Krach geschafft und wir werden nun hier in Ulaanbataar versuchen die gebeutelten Kisten wieder in Schuss zu bringen. Wie es dann weitergeht, wissen wir noch nicht. Wir haben etliche Pläne und wir werden heute abend bei verflucht viel Bier versuchen auszuloten, welcher der beste ist. Von Ulaanbaatar nach Shanghai

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