"Empor ins Reich der Edelmenschen"

Als Kind habe ich seine Bücher heiß geliebt. Bis spät in die Nacht hinein verschlang ich alle damals 74 Bände und las mit der Taschenlampe weiter, nachdem meine Mutter mich mehrmals zu schlafen gemahnt hatte. In Schulaufsätzen kopierte ich seinen Stil und verwandte manch antiquierte Redewendung und teils veralteten Wortschatz, auf dessen Kenntnis ich mehr Wert legte als auf jene von Englisch-Vokabeln.

Ich wollte sein wie Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, "edel, hülfreich und gut", tapfer und stark - abenteuerlustig und reisefreudig war ich bereits.

Hadschi Halef Omar verkörperte meine erste Begegnung mit dem Islam, und den ersten Türken in meiner Schulklasse nannte ich immer "Hadschi", weil er so klein war und ich mir den "echten" Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah inn seiner Kimdheit in etwa so vorgestellt hätte.

Karl May war ein hervorragender Erzähler spannender Geschichten und "Reiseberichte", ein gewaltiger und begabter Märchenerzähler orientalischen Stils und ein Erzieher der Jugend. Als ich mit einsetzender Pubertät begann, seine Erzählungen "wenig geistreich", "unrealistisch" und "naiv" zu finden und mich in einem gewaltigen Sprung Hermann Hesse zuwandte, zunächst "Siddharta", dann "Narziss und Goldmund" verschlingend, war ich bereits vom erwachenden Geist verdorben.

In reiferen Jahren entdeckte ich Karl May (und auch Enid Blyton) wieder, weil ich meine Kinder von Computerspielen zum Lesen bringen wollte. Keine Chance! Nie hatten sie die Abenteuer von Old Shatterhand, den Herren von Greifenklau und den Kampf der Jesiden im wilden Kurdistan erlebt. Nicht mit den Freunden Richard, George, Julius, Anne und dem Hund Timmy kriminelle Machenschaften aufgedeckt.

Lieber mit einem italiensichen Klempner namens Mario virtuelle Hindernisse überwunden.

Karl May war Sachse und tragischer Held. Sein letzter Vortrag, wenige Tage vor seinem Tode, "Empor ins Reich der Edelmenschen", in dem er sein Welt- und Menschenbild erläuterte, erntete stürmischen Beifall im Wien des Jahres 1912. "Da grinse, wer kann!"