PecuniaOlet

Bruder Hitler

So lautet der Titel eines Essays Thomas Manns aus dem Jahre 1938.

"Bruder" deshalb, weil Mann in Hitler einen Geistesverwandten sah, den Typ des (bei Hitler allerdings gescheiterten) Künstlers, der seinen "Zweck" nicht in einem alltäglichen Dasein mit bürgerlichem Beruf und Lebenslauf wahrnahm, sondern sich in dumpfer Ahnung und dem Gefühl der "Erwähltheit" zu etwas Höherem berufen fühlte. "Bruder" erinnert aber auch an die Übersetzung des aus dem Griechischen stammenden Wortes  "adelphos". Vereinfacht gesagt, erklärte Mann das Phänomen Hitler als Kompensation eines gescheiterten Künstlertums, das auf ein ebenfalls gescheitertes, gedemütigtes und von "Minderwertigkeitskomplexen" geplagtes Volk traf.

Man darf aber nie vergessen, dass Thomas Mann seinem Künstlertum nachgehen konnte, weil er sowohl durch Heirat als auch durch das väterliche Erbe finanziell abgesichert war. Thomas Mann stellte die geistigen Strömungen, die seiner Analyse nach zum 1.Weltkrieg führten, in seinem Buch "Der Zauberberg" im Wesentlichen mittels der in der Abgeschiedenheit des Davoser Sanatoriums stattfindenden Gespräche zwischen dem Humanisten und Freimaurer Settembrini, dem "jüdischen" Jesuiten und "Totalitaristen" Naphta und dem jungen Hans Castorp dar. Das Sanatorium darf dabei wohl als eine Art von "Miniatur-Europa" betrachtet werden, die in den Gesprächen vermittelten Ideologien als konfliktauslösende, konkurrierende Weltanschauungen.

Als wohlhabender Künstler sah er das wohl primär aus diesem Blickwinkel. Er unterschätzte aber möglicherweise den nackten Willen zur Beute. All diese geistigen Strömungen entstammen meiner Meinung nach im Grunde ganz primitiven und prosaischen, groben Nöten und Ängsten auf der einen und Machtwillen auf der anderen Seite. Ich glaube, der Mensch hat ein Bedürfnis, sowohl seine Gier als auch seine Ängste in ätherisch gewebte, geistige Hüllen zu kleiden, damit sie nicht so nackt und schamlos daherkommen.

Es geht im Grunde stets um Geld und Macht, um in unterschiedliche Ideologien gekleideten Willen zur Beute. Aber damit lässt sich kein Bildungsroman schreiben. Eher die Drehbücher zu amerikanischen TV-Serien.